Saure Front - DER SPIEGEL
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EWG / WEIN Saure Front

• aus DER SPIEGEL 11/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutschlands Winzer fanden in der EWG-Flasche wieder einmal ungenießbares Zeug. »Weinmischmasch mit dem Weinsiegel von Brüssel«, grollte Werner Tyrell, 50, Präsident des Deutschen Weinbauverbands.

Die Mischung von Rebensaft aus verschiedenen Ländern, so hatte die Brüsseler EWG-Kommission in einen Verordnungsentwurf geschrieben, solle künftig erlaubt sein. Laut Tyrell wäre das »ein unzulässiger Eingriff in die gebietsgebundene« naturbedingte Produktion«.

Besonders unerfreulich für den Winzer-Chef war, daß er den Brüsselern jahrelang das Gegenteil gepredigt hatte; nicht die Herkunft des Weins, sondern, so Tyrell damals, »der Geschmackswert entscheidet«. Grund des Widerspruchs: Zuerst bekämpfte Tyrell die geplanten EWG-Normen für Qualitätswein, jetzt attackiert er die Regelung für Konsumwein.

Qualitätsweine, die den Namen einer bestimmten Wachstumslage und einen Jahrgang im Etikett führen wollen, müssen nach den Vorstellungen der EWG-Kommission

> wirklich aus dem angegebenen Gebiet und Jahrgang stammen, sowie

> einen bestimmten Mindestgehalt von Alkohol aufweisen.

Beides erschreckte die deutschen Winzer. Ihre Trauben bekommen häufig zu wenig Sonne und entwickeln deshalb nicht genug natürlichen Zucker, von dem wiederum der Alkoholgehalt des Weins abhängt. Deshalb verbessern die Küfer ihre Kreszenzen oft durch Zusatz von Zuckerwasser und durch Mischung mit anderen deutschen Weinen. Beispielsweise sind im Durchschnitt rund 80 Prozent des Mosels fremder Hilfe bedürftig.

Das deutsche Weingesetz erlaubt den nationalen Mischmasch und noch mehr Ein dünn geratener Mosel etwa, der zu einem Drittel mit kräftigem Pfälzer aufgefrischt worden ist, darf sich auf dem Etikett als Moselwein mit Lage und Jahrgang ausgeben. Dabei spielt nicht einmal eine Rolle, ob der Verschnittwein dem aufgedruckten Jahrgang angehört.

Nach den in Brüssel erdachten Qualitätsnormen würden die meisten der rund 30 000 westdeutschen Lagebezeichnungen verschwinden müssen. Selbst allgemeine Herkunftsangaben, wie etwa »Mosel«, wären verboten, sofern mehr als 15 Prozent anderer Wein beigemischt sind. Ein Großteil deutschen Rebensaftes würde zum Konsumwein entadelt, der nur unter neutralen Phantasienamen und deshalb billiger abgesetzt werden könnte.

Das müsse nicht unbedingt ein Unglück sein, gab Geschäftsführer Dr. Nikolaus Steinberg vom Mainzer Stabilisierungsfonds für Wein zu bedenken. Gerade solche Tropfen haben gegenwärtig steigenden Markterfolg; sie bringen sogar eine neuartige Industrie hervor.

So zapft der Konzern Allgäuer Alpen -- milch AG mit wachsendem Gewinn seine jahrgangslosen Verschnittweine der Marke Goldener Oktober, andere Firmen bieten Herrgottströpfchen, Hitzköpfchen oder Weiberschreck an. Der Spirituosen-Konzern Eckes (Chantré) hält von der Zukunft dieses Marktes so viel, daß er mit einer Herbstkrone aufwarten will.

Bei solchen Erzeugnissen sind die Fabrikanten vorerst noch auf die Mischung deutscher Gewächse angewiesen, denn das Gesetz verbietet bei Weißwein den Verschnitt mit Auslandswein. Der Brüsseler Verordnungs-Entwurf über Konsumwein würde jedoch das Verbot aufheben.

Dann stünde den Herstellern eine reiche Auswahl natursüßer Gewächse aus Frankreich und Italien zur Verfügung, mit denen sie deutschen Sauersaft veredeln könnten. Denn von 1969 an gibt es keine Zölle und Mengenbeschränkungen mehr im EWG-Weinhandel.

Der rheinland-pfälzische Weinbauminister Oskar Stübinger: »Der deutsche Weinbau wird sich ... einem nie gekannten Angebot von Weinen ... gegenüber sehen, deren Einstandspreise zwei- bis dreimal niedriger sind als die Erzeugerkosten seiner eigenen Weine.«

Sogleich wechselten die Winzer die Front, die sie für den Qualitätsstreit bezogen hatten. Nun verwahrten sie sich gegen die europäische Pantscherei, durch die, so Verbandschef Tyrell, »die Eigenart eines jeden Weines zerstört« werde.

Dabei könnten die deutschen Rebenbauern vom Europa-Verschnitt durchaus profitieren. Italienische Weine, denen es an Säure und damit an Haltbarkeit mangelt, werden derzeit oft mit Zitronensäure versetzt. Statt dessen würden die Italiener künftig gern deutschen Wein nehmen.

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