Save the Summit - DER SPIEGEL
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MACMILLAN Save the Summit

• aus DER SPIEGEL 15/1960
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles Schwindel«, schimpfte Clinton P. Anderson, der Vorsitzende des amerikanischen Kongreßausschusses für Atomenergie. Die USA würden »die Katze im Sack kaufen«, wenn sie die jüngsten sowjetischen Vorschläge auf der Genfer Atom-Konferenz akzeptierten. Höhnte der hitzköpfige Demokrat: Ob es nicht besser sei, diese langweiligen Gespräche überhaupt abzubrechen?

Was den Atom-Senator aus Neu -Mexiko - jenem Bundesstaat, in dem die USA seit Jahren viele ihrer Kernwaffen entwickelt und getestet haben - zum Ärger des Weißen Hauses in der vorletzten Woche derart in Rage brachte, war ein überraschender Vorstoß des sowjetischen Chefdelegierten Zarapkin auf der Konferenz der drei Atommächte, den die »Neue Zürcher Zeitung« sogleich als »Versuchsballon der Sowjetpropaganda« verdammte. Die Londoner »Times« sprach dagegen erleichtert von »nuklearen Konzessionen«; denn der Sowjetmensch hatte mit einer verblüffenden Kehrtwendung zwei Vorschläge Eisenhowers vom 11. Februar 1960 übernommen, die bis dahin in Moskau als »Heuchelei« gebrandmarkt worden waren.

Witzelte Chruschtschow auf seiner »Tour de France« über das angelsächsische Dilemma: »Die Aussichten (für ein Atomtest-Verbot) sind sehr gut, sofern die USA und Großbritannien jetzt ihre eigenen Vorschläge annehmen; denn unsere Vorschläge sind ihre!«

Dem zornigen Anderson eilten in Washington die zivilen Chefs des Pentagon, Verteidigungsminister Gates und sein Stellvertreter Douglas, zu Hilfe. Auch der Präsident der staatlichen Atomenergiekommission, John McCone, Nachfolger des starrköpfigen Admirals Strauss, verkündete öffentlich, den Russen könne man nicht trauen. In einer Sitzung des Eisenhower-Gehirn trusts blieb deshalb Außenminister Herter mit seinem Ratschlag, die sowjetische Offerte mit einem Gegenangebot zu kontern, zunächst allein.

Das politische Getöse in der amerikanischen Hauptstadt alarmierte die Briten, die bereit waren, den - ihren eigenen Gedankengängen nicht ganz fremden - Vorschlägen Zarapkins zuzustimmen. Kommentierte der besonnene »Guardian": »Wenn Genf scheitert, zerrinnt zugleich die beste Chance, die Ausbreitung nuklearer Waffen zu verhindern«, während der liberale »News Chronicle« konstatierte: »Ein bedingtes (Atomtest-)Verbot ist besser als überhaupt keines.« Der konservative

»Daily Express« aber echauffierte sich: »Rettet die Gipfelkonferenz!« ("Save the summit!")

Premier Harold Macmillan - mit sicherem Instinkt für die Gunst der Stunde - griff zum Telefon und sprach mit Eisenhower. Dabei verschaffte er sich jene »erzwungene Einladung« ("Le Monde"), die ihn in der vergangenen Woche zu einem Tete-à-tete mit dem amerikanischen Präsidenten nach Camp David führte.

Berichtete die »New York Times« mit maliziösem Unterton: »Die Begegnung wurde überstürzt arrangiert, weil einige Briten fürchteten, der Präsident könnte plötzlich zu jenen Männern in der Administration und im Kongreß umschwenken, die den Sowjet-Plan als 'Schwindel' bezeichnen.«

Das Sowjet-Projekt war von Semjon K. Zarapkin am 19. März in Genf präsentiert worden. Der Kreml-Diplomat, seit 1944 mit den Kniffen internationaler

Konferenzen und der Nachrichtenflaute westlicher Montagszeitungen vertraut, hatte am Vortage seine beiden Partner - den Amerikaner James J. Wadsworth und den Briten Sir Michael Wright - gebeten, ihre 188. Zusammenkunft auf das gewöhnlich sitzungsfreie Wochenende zu verlegen, denn er habe ihnen eine »wichtige Mitteilung« zu machen.

Seit dem 31. Oktober 1958 pflegen sich die Delegierten der USA, der Sowjet-Union und Großbritanniens - von Feiertagspausen abgesehen - jeweils um drei Uhr nachmittags in Saal VIII des alten Völkerbundpalastes zu versammeln, um mit Geduld und »chirurgischer Präzision« ("New York Times") über die kontrollierte Einstellung

aller Atomwaffenversuche zu beraten. In diplomatischer Filigranarbeit wurden bisher 17 der voraussichtlich 23 Artikel jenes Vertrags fertiggestellt, der die nukleare Rüstung der großen Mächte auf ihrem heutigen Entwicklungsstand »einfrieren« soll. Wichtige Fragen blieben jedoch offen.

Diesmal erklärte Zirapkin lächelnd: »Wir akzeptieren den amerikanischen Vorschlag, alle Versuche, die bereits heute einwandfrei festgestellt werden können, zu verbieten. Aber wir erwarten, daß Ihre Regierungen auch weiterhin auf alle anderen nuklearen Explosionen verzichten.« Der Sowjetmensch ergänzte: »Wenn Sie damit einverstanden sind, können Sie den Vertrag in einem Monat haben.«

Diese raffinierte Koppelung von internationalem Vertrag und »freiwilligem Verzicht« war es, die Clinton Andersons Zorn entfachte. Denn der Vertrag soll, wie der US-Präsident im Februar empfohlen hatte, alle Atomversuche

erfassen - mit Ausnahme der unterirdischen Explosionen mit einer Sprengkraft von weniger als 19 Kilotonnen (was etwa der Hiroshima -Bombe entspricht). Das von den Sowjets hinzugefügte Gentleman's Agreement des »freiwilligen Verzichts« ist dagegen für jene »kleinen« unterirdischen Versuchsexplosionen gedacht, die mit den heute vorhandenen Instrumenten noch nicht einwandfrei kontrolliert werden können.

Mit diesem Kunstgriff bleiben die Sowjets bei dem von ihnen bislang verfochtenen totalen Testverbot, ohne den Amerikanern die - legale - Möglichkeit zu unterirdischen Versuchsexplosionen zu lassen, ohne ihnen aber auch die gewünschte narrensichere Kontrolle einzuräumen, deren Methoden für die kleinen unterirdischen Atomversuche erst in gemeinsamer Forschungsarbeit der drei Mächte entwickelt werden sollen. Gefragt, wie lange diese - ebenfalls zuerst von Eisenhower vorgeschlagene - Arbeit der Wissenschaftler und damit der von den Sowjets gewünschte unkontrollierbare »freiwillige Verzicht« dauern könnte, erwiderte Zarapkin: »Vier bis fünf Jahre.«

So lange wollen die Amerikaner nicht warten. Ihre Militärs befürchten, von den Sowjets nicht nur in der Raketentechnik, sondern auch in der Produktion von Kernwaffen überrundet zu werden, wenn sie nicht gewisse, in den Laboratorien entwickelte, »verfeinerte« Atomwaffen in unterirdischen Versuchen testen können. Drei Tage vor der Zarapkin-Offerte hatte die amerikanische Atomenergiekommission bereits das Projekt »Gnome« angekündigt: eine unterirdische Atomexplosion für friedliche Zwecke mit einer Sprengkraft von zehn Kilotonnen, die Anfang 1961 stattfinden soll und - »vielleicht indirekt auch für die Waffenentwicklung etwas abwirft« ("Neue Zürcher Zeitung"). Triumphierte die Moskauer Tass-Agentur: »Der Vorschlag der Sowjet-Regierung ... hat diese Kalkulation zerstört.«

In der Tat will Chruschtschow - in dem Bewußtsein, daß ein Atom-Stop die überlegene konventionelle Rüstung der Sowjet-Union wieder stärker ins machtpolitische Spiel bringen muß - mit dem von Zarapkin in Genf vollführten Manöver drei Ziele erreichen. Er möchte

- die USA an unterirdischen Kernwaffenversuchen

hindern,

- die nuklearen Rüstungen auf ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstand »einfrieren« und

- den Atom-Klub für Neulinge sperren.

Über den letzten Punkt sind sich Amerikaner, Briten und Sowjetrussen bis heute einig. In einem privaten Briefwechsel versicherten Kreml-Boß und US-Präsident einander Anfang März, daß sie ihre Alliierten zur Zeit nicht mit Kernwaffen auszurüsten gedächten. Den »unterirdischen Notausgang« ("Stuttgarter Zeitung") aus dem Dilemma des Versuchsstops möchten sich jedoch Amerikas Atomstrategen nicht verbauen lassen.

Das bekam auch Macmillan zu spüren. Der Empfang in Washington war kühl, obgleich der Premier erst dann in

sein Flugzeug stieg, als er sicher war, der inneramerikanische Meinungsstreit werde mit einem Kompromiß enden, der ihm erlaubt, mit der Gloriole des »ehrlichen Maklers« nach England zurückzukehren. Prophezeite der britische »Observer« bereits beim Abflug: »Der Premier wird (in Washington) finden, daß seine Arbeit schon getan ist«, während der amerikanische Kolumnist Joseph Alsop den »unglücklichen« Besuch Macmillans benutzte, um einen »bedeutenden Sieg« Herters zu verkünden.

Ehe der Gast aus London amerikanischen Boden betrat, versicherte der US -Außenminister bereits, die Differenzen innerhalb der amerikanischen Administration seien überwunden. Bohrenden Fragen der Reporter nach dem Sowjetplan wich Herter mit imponierendem Wortgeklingel aus: »Ich habe weder gesagt, daß er völlig unannehmbar noch,

daß er völlig annehmbar ist . . . ich sagte nur, es gibt Teile darin, die nicht annehmbar sind.«

Auch der Präsident demonstrierte, daß er es mit seiner Antwort auf die Genfer Vorschläge der Sowjets nicht gar so eilig habe wie der britische Premier, den seit langem heimliche Zweifel an der militärischen Wirksamkeit der kostspieligen britischen Schreckenswaffe plagen. Eisenhower saß andächtig in der Kirchenbank und eröffnete eine Jugend-Konferenz. Macmillan fuhr inzwischen mit dem britischen Botschafter Sir Harold Caccia über Land, »um die Zeit totzuschlagen« ("Daily Express").

Erst 48 Stunden nach der Ankunft Macmillans begegneten sich Präsident und Premier und starteten im Hubschrauber nach Camp David, während die in Washington zurückgebliebenen Experten bereits das Abschlußkommuniqué entwarfen. Es enthielt die Billigung der sowjetischen Offerte »im Prinzip« - mehr nicht. Grollte der britische »Daily Express": »Die Amerikaner sind entschlossen, eher den Zusammenbruch

der Gipfelkonferenz zu riskieren als einer Einstellung der kleinen Atom -Versuche auf fünf Jahre zuzustimmen.«

Macmillan hatte dafür in Camp David eine Frist von zwei Jahren vorgeschlagen. Aber auch das erschien Eisenhower zu lang. Einen Versuchsstop bis zum Ende seiner Amtszeit am 20. Januar 1961 war alles, was er den Sowjets offerieren wollte. Auf einer Pressekonferenz erläuterte der Präsident seinen Entschluß: Er könne seinen Nachfolger nicht mit einer derartigen Entscheidung außerhalb eines (vom Senat zu ratifizierenden) Vertrages binden.

Tröstete sich Macmillan: »Wenn der Zeitpunkt kommt, können wir die Frist wieder verlängern, falls es notwendig ist.« Der vermutlich für solche Verlängerungen zuständige Wahlkampf-Favorit, Vizepräsident Nixon, hatte bereits mit am Konferenztisch gesessen.

Der Handel von Camp David besänftigte auch den Atom-Senator aus Neu -Mexiko. Korrigierte Anderson seine Ansichten über die sowjetische Offerte: »Da ist doch manches Gute drin.«

Die Welt

Der Geist von Camp David

Sowjet-Delegierter Zarapkin

Überraschung am Wochenende

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