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Universitäten Scharfes Profil

Der Plan von Bildungsminister Möllemann, Professoren sollten sich ihre Studenten künftig selbst aussuchen können, stößt auf geballte Kritik.
• aus DER SPIEGEL 42/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Herren Professoren, Mitglieder der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), waren sich einig: Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann habe mit seinem Gesetzentwurf zur Studienplatzvergabe eine »Debatte zur Unzeit« (WRK-Generalsekretär Christian Bode) angezettelt.

Und, selten genug, die Vereinigten Deutschen Studentenschaften (VDS) sind mit ihren Professoren ganz auf einer Linie. Für »einen ausgemachten Schwachsinn« (VDS-Vorstandsmitglied Volker Klemm) halten sie den Möllemann-Plan.

An den meisten Unis beginnt in dieser Woche das Wintersemester. Tausende von Studienanfängern drängen an die überlasteten Hochschulen, Hörsäle sind wegen Überfüllung geschlossen, Studenten kampieren in Zelten.

In diese Krise platzte Möllemann mit seinem Vorschlag, das Zulassungsrecht für die Unis zu ändern. Unter der Maxime »Freiheit, Leistungssteigerung und Profilbildung« will Möllemann das Zulassungsverfahren so ändern: * Am 6. Dezember 1988 bei einer Diskussion in der Universität Bonn. *___Dozenten der Fächer Betriebswirtschaft, Biologie, ____Pharmazie, Architektur, Informatik und ____Volkswirtschaftslehre sollen - wenn sich mehr Studenten ____bewerben, als Plätze frei sind - bis zu 70 Prozent der ____Studierwilligen selbst auswählen dürfen; *___wer dabei abgelehnt wird, muß sich an die Zentrale ____Verwaltungsstelle für Studienplatzvergabe wenden.

Kanzler Helmut Kohl und Finanzminister Theo Waigel hatten dem FDP-Reformer im Kabinett ihre Zustimmung erteilt; der alerte Bildungsminister versprach ja auch, sein Plan werde den Bund keinen Pfennig kosten. Doch sonst erhielt Möllemanns Vorschlag Beifall bislang nur vom Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes Hartmut Schiedermair, der ohne Votum seiner Verbandsmitglieder den Entwurf als »richtiges Rezept zur richtigen Zeit« pries.

Alle anderen sind gegen den smarten Bildungsplaner: die Professoren, weil sie »unbezahlte Mehrarbeit, Chaos und Bürokratie« fürchten; die Studenten, weil Möllemanns Plan keinen neuen Studienplatz schafft, und sämtliche Kultusminister der Länder, egal welcher Parteifarbe. Der rheinland-pfälzische Bildungsminister und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Georg Gölter (CDU), findet Möllemanns Vorschlag »zu kompliziert, zeitaufwendig und unzumutbar«. Sein Bremer Kollege, der SPD-Senator Horst-Werner Franke, spricht von einem »Handstreich«. Sogar Möllemanns Parteifreund, der hessische FDP-Wissenschaftsminister Wolfgang Gerhardt, hält den »Vorstoß für verfrüht«. Und alle zusammen schwören »heftigsten Widerstand« (der bayerische CSU-Staatssekretär im Wissenschaftsministerium Thomas Goppel).

Noch nimmt Möllemann die Opposition gelassen hin, mit unterschiedlichen Erklärungen. Daß die SPD-Kultusminister gegen ihn sind, komme daher, daß die Sozialdemokraten »von der Idee des Wettbewerbs und von der Vergleichbarkeit der Leistungen« nichts hielten. Die Unions- und FDP-Kollegen dagegen seien frustriert, vermutet Möllemann, weil er soviel Erfolg habe und jetzt noch nach mehr Kompetenzen für die Bildungspolitik des Bundes strebe.

Da mag was dran sein. Seit der Amtsübernahme Möllemanns vor zweieinhalb Jahren wird auf der Kultusministerkonferenz mehr über Zuständigkeiten als über Inhalte gestritten. Der KMK-Vorsitzende Gölter und der bayerische CSU-Wissenschaftsminister Hans Zehetmair werfen Möllemann vor, den Gesetzentwurf nicht rechtzeitig mit ihnen abgestimmt zu haben.

Doch nur als Eifersüchtelei läßt sich der Widerstand der Länderminister nicht abtun. Sie haben einleuchtende Argumente: *___Die Dozenten können angesichts der Überlastung der ____Hochschulen das neue Auswahlverfahren nicht bewältigen. ____Es fehlt an Zeit und Geld für zusätzliche Tests und ____persönliche Gespräche mit den Bewerbern; *___Willkür und Ungerechtigkeit sind bei der Auswahl durch ____die Professoren nicht ausgeschlossen; *___die Studenten werden zum Bewerbungstourismus gezwungen ____- mit unsozialen Folgen, da sich manche solche ____Vorstellungsreisen gar nicht leisten könnten.

Noch steht Möllemann zu seinem Plan. Beim Medizinstudium habe sich die »Auswahl nach Leistungsprinzip«, die Kombination aus Notendurchschnitt, Test und persönlichem Gespräch, bestens bewährt. Und die Dozenten sollten sich nicht einfach als überlastet bezeichnen: »Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif, das kostet Anstrengungen.« Schließlich sei es doch eine tolle Sache, wenn die Professoren ihre Studenten nach »Flexibilität, Kooperationsfähigkeit, Mobilität und Allgemeinbildung« aussuchen dürften.

Doch tatsächlich wird im Möllemann-Haus an einem Kompromiß gearbeitet: Alle Einzelheiten des neuen Zulassungsverfahrens sollen nicht im bundesweit gültigen Hochschulrahmengesetz, sondern in den Landesgesetzen geregelt werden.

Und selbst das Äußerste schließt Möllemann nicht mehr aus - daß er scheitert und im Bundesrat keine Mehrheit erhält: »Als Liberaler« könne er ertragen, wenn andere nicht so wollten wie er: »Das schärft das Profil der FDP.«

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