TRUJILLO-VERMÖGEN Schatz am Genfer See
Man hat uns 250 Millionen Dollar gestohlen«, so klagte Juan Bosch, seit dem 1. März Präsident der Dominikanischen Republik, jüngst in Bonn. »Wir haben keine Devisen mehr, so daß ich jetzt im Ausland betteln gehen muß.«
Die Bettelreise des 53jährigen liberalen Literaten galt vor allem jenen Ländern, deren Banken an den spektakulären Transaktionen teilgenommen haben, durch die Boschs mittelamerikanischer Kleinstaat so radikal ausgeplündert wurde, als sei die Unterwelt von Chicago über ihn hergefallen.
250 Millionen Dollar (eine Milliarde Mark) sind von dem karibischen Eiland verschwunden. Nicht spurlos: Man kann die banktechnischen Überweisungsvorgänge zum großen Teil rekonstruieren, aber das Geld ist dennoch für Juan Bosch und seine 2,5 Millionen weißen und schwarzen Bürger verloren. Bisher konnte keine Macht der Welt den Milliarden-Entführern die Beute wieder entreißen.
Sie wohnen seit neun Monaten in den teuersten Nobelhotels Madrids und stehen unter dem Schutz des spanischen Staatschefs Francisco Franco, der ein Faible für diese Emigranten aus San Domingo hat. Seine Gäste sind die engsten Familienangehörigen des 1961 ermordeten dominikanischen Diktators
Generalissimus Rafael Leónidas Trujillo, der sich »Wohltäter des Vaterlandes« nannte und seinen Staat wie eine familieneigene Sklaven-Plantage zu Wohlstand führte und ausbeutete.
Während die Luxus-Emigranten über etwa hundert Bankkonten und Tarnfirmen mit der Fluchtmilliarde wuchern, soll die Bundesrepublik nun helfen, die Haushaltslücke des mittelamerikanischen Kleinstaates zu schließen, der nur 150 Seemeilen von Fidel Castros Unruheherd entfernt liegt. In dieser Gewitterzone endete vor zwei Jahren die Ära Trujillo wie ein Pandämonium.
Im Mai 1961 war Diktator Rafael Leónidas Trujillo, von Kugeln durchsiebt, im Fond seines Autos aufgefunden worden. Seine Söhne Rafael Leónidas junior, genannt Ramfis, und Rhadames ließen sofort 60 bekannte Gegner des Regimes einsperren und foltern. Nur einer, der Arzt Dr. Duran, überlebte.
»Ramfis ließ die an Bäumen hängenden Nester der gefährlichen karibischen Ameisen sammeln und in die Gefängniszellen werfen, wo die wütenden Insekten über die nackten Leiber der gefesselten Gefangenen herfielen«, so schilderte der Arzt die bestialischen Torturen. Einem Häftling wurde während des Verhörs Reis und Fleisch angeboten. Ausgehungert verschlang er die Kost. Dann trugen die Folterknechte den abgehackten Kopf seines Sohnes auf einem Tablett herein und offenbarten ihm: »Das Fleisch, das du eben gegessen hast, ist das Fleisch deines Sohnes.«
In seiner Maienblüte hatte Ramfis in Amerika Filmstars, wie Zsa Zsa Gabor und Kim Novak, den Hof gemacht, sie mit Nerzmänteln oder Sportwagen beschenkt und innerhalb eines Jahres jenen Betrag durchgebracht, den die USA im gleichen Zeitraum der Dominikanischen Republik als Auslandshilfe zur Verfügung gestellt hatten: eine Million Dollar.
Nach der Ermordung seines Vaters vermochte Ramfis die Gewaltherrschaft noch eine Weile aufrechtzuerhalten. Während dieses Interregnums konnte er die Staatskasse ausplündern und alle mobilen Werte ins Ausland schaffen.
So kaufte er zum Beispiel bei den dominikanischen Banken den gesamten Dollarvorrat des Landes - etwa 100 Millionen - mit dominikanischen Pesos auf und überwies die Dollar an die Bank of Nova Scotia in Toronto, bei der die Trujillos unter den Decknamen dreier Panama-Firmen Konten unterhielten.
Systematisch hatte der Clan in Panama, den USA, in Kanada und Paris, dem bevorzugten Spielplatz des Playboys Ramfis und seines ehemaligen
Schwagers Porfirio Rubirosa, ein Netz von finanziellen Stützpunkten und Tarnstationen aufgebaut.
Das gemeuchelte Oberhaupt der Sippe war nicht nur ein perfekter Despot gewesen, sondern auch ein »Monopolkapitalist«, wie er im marxistischen Bilderbuch steht. Alle Industrieunternehmen der Clan-Kolonie gehörten dem »Wohltäter des Vaterlandes«.
Vom Erlös aller Produkte, die in seinem Kleinstaat verkauft wurden, hatte er 31 Jahre lang seinen Zehnten kassiert. So war die Familie immer reicher geworden - reicher als Henry Ford junior und reicher als die Krupp-Dynastie. Auf eineinhalb Milliarden Mark wurde das Trujillo-Vermögen geschätzt, als sich die Sippe Mitte 1961 endlich zur Abreise ins Exil rüstete.
Da sie ihre Wirtschaftsunternehmen nicht mitnehmen konnte, belastete Ramfis die Betriebe noch schnell mit Wechselkrediten im Werte von 100 Millionen Mark. Dann ließ sich der junge Despot von Kreaturen in der Regierung auch noch Schuldscheine ausstellen, wonach ihm die Dominikanische Repuplik viele Millionen schuldet.
Erst als alle Möglichkeiten der Ausbeutung erschöpft waren, setzte sich die karibische Midas-Clique einzeln oder in kleinen Gruppen von San Domingo ab: die erste Garnitur nach Paris, später nach Madrid, der Anhang - Trujillo senior hatte 40 Kinder - nach Südamerika und den Vereinigten Staaten. Im Vortrupp nach Paris reiste die Diktatoren-Witwe Maria mit dem jüngsten Sohn Rhadames, dann folgte Tochter Angelita mit Ehemann Leon Esteves und einer 22köpfigen Leibgarde von Freunden und Bedienten.
Ramfis, der Organisator, flog als letzter aus, nachdem er seine Luxusjacht »Angelita« mit Bargeld und Archivmaterial, darunter Aufzeichnungen über Kontenstände und Kapitalstützpunkte, befrachtet und nach Cannes auf die Reise geschickt hatte.
Das Schiff kam jedoch nur bis Guadeloupe; dort wurde es gestoppt und auf Befehl der neuen dominikanischen Regierung zurückgeholt, die telegraphische Rundschreiben an alle Banken richtete, bei denen die Trujillos Geld und Wertpapiere gehortet hatten.
Die Bankchefs sollten die verdächtigen Konten sperren, aber die Order traf zu spät ein. Als Ramfis in Paris von der Aufbringung des Fluchtschiffes erfahren hatte, tastete er sofort alle Knöpfe seiner Geldmaschinerie ab und ließ die Tarnkonten in Übersee liquidieren.
Wenig später ergoß sich nach Europa ein breiter Geldstrom, den die Tochtergesellschaft des schwerindustriellen Waffenkonzerns Schneider-Creuzot, L'Union Européenne Industrielle et Financiére, kanalisierte. Sie war seit Jahren die Pariser Hausbank der dominikanischen Clique. Das meiste Sündengeld floß in die Schweiz ab, aber auch mehrere westdeutsche Finanzinstitute dienten als Staustufe.
Reibungslos rotierte der internationale Bankmechanismus. Erst beim letzten Geldschub - 35 Millionen Dollar aus Kanada - bekam der Vorstand einer Genfer Großbank moralische Bedenken. Er wollte die Trujillo-Millionen nicht annehmen und ließ sich nur nach längeren Interventionen überreden, die
anrüchigen Dollars auf eine Vielzahl anderer schweizerischer Institute zu verteilen.
Mit Unterstützung eidgenössischer Bankiers brachten die Trujillos mehr als eine halbe Milliarde Mark in der Schweiz unter; in erster Linie auf dem internationalen Geldmarkt Genf, wo ein Teil des heißen Geldes in Aktien umgewandelt wurde.
»Die Trujillos kaufen Europa«, so kritisierte die liberale Basler »National -Zeitung« die Hilfestellung der Schweizer Finanzkapitäne. »Zu bemerken ist, daß dies in einer Zeit geschah, als die berühmten Milliarden ausländischer Fluchtgelder der Schweizerischen Nationalbank Sorgen bereiteten und eine ganze Serie von Abwehrmaßnahmen gegen ausländische Depots in der Schweiz auslösten. Diese trafen viele brave Leute. Doch den Trujillo-Leuten gelang es, durch die Maschen zu schlüpfen.«
Nachdem der Clan für etwa 800 Millionen Mark Devisen nach Westeuropa geschleust hatte, machte er seine dominikanischen Wertpapier-Reserven zu Geld. Die neue Regierung in San Domingo hatte die Anteilscheine zwar an den amerikanischen Börsen sperren lassen, aber die Familie überlistete ihre Gegner durch einen neuen Coup.
Für 500 000 Dollar erwarben die Trujillos die Eastern Commercial Bank in Beirut. Sie übernahm die dubiosen Aktien in ihr Portefeuille. Makler und Agenten, die von den Trujillos als Direktoren eingesetzt worden waren, datierten den Effekteneingang auf Oktober 1961 zurück, als die Sperrorder noch nicht verhängt war. Dann flog der »Präsident« der Eastern Commercial, Bernardo Flores, nach Mittel- und Nordamerika, um dort die Aktien zum Kauf anzubieten.
Er versicherte eidesstattlich, daß die Papiere nicht den Trujillos, sondern ehrlichen Libanesen gehörten, die durch das Anti-Trujillo-Verdikt um ihr Vermögen gebracht würden. Flores engagierte in den USA Anwälte, die das neue Regime in San Domingo so lange attakkierten, bis die Regierung das Verdikt aufhob.
Über die Eastern Commercial Bank konnten die Trujillos sogar die Staatsschuldscheine, die sie sich vor ihrer Abreise erschlichen hatten, auf dem internationalen Kapitalmarkt absetzen. Dabei bedienten sie sich eines beziehungsreichen Agenten namens Hindou Dialdas, der in Mexiko ein großes Schuldscheingeschäft abwickelte, das den Trujillos 25 Millionen Dollar einbrachte. Mit hohen Provisionen wurde der In Genf wohnende Inder zu weiteren Coups ermuntert.
Als besonders Interessierte Geschäftspartner avisierte ihm die Eastern
Commercial Bank in einem Schreiben vom 3. Mai 1962 »die Regierung von Venezuela oder selbständige Gruppen des Landes sowie Gruppen, die den Vatikanstaat vertreten«.
In allen Details wurden diese Manipulationen erst vor kurzem bekannt, als der ehemalige Botschafter der Dominikanischen Republik in Teheran, Leland Rosemberg, 36, das untergründige Bankenspiel aufdeckte. Der wieder in die Schweiz eingebürgerte Exdominikaner hatte an dem Kapitalexport von Amerika nach Europa fleißig mitgewirkt und sollte 1,5 Millionen Dollar Provision erhalten. Als die Trujillos ihre Schätze wohlverteilt in Sicherheit wußten, verweigerten sie dem Fluchthelfer die Prämie. Vergebens erinnerte der betrogene Sonderbotschafter an seine Verdienste um die Milliarden-Entführung.
Rosemberg war es gewesen, der in Genf die Weichen gestellt hatte. Er hatte den skrupellosen Brüdern die Protektion des Genfer Advokaten und Politikers Georges Perréard verschafft, der bis vor kurzem im Verwaltungsrat einer Genfer Handelsbank eine einflußreiche Rolle spielte. Der Parlamentsabgeordnete Perréard deckte mit seinem Namen eine dubiose Trujillo -Gründung im Fürstentum Liechtenstein, die sich Renavio-Anstalt nennt.
Rosemberg warb auch den Chef der Auslandsabteilung der Genfer Handelsbank, Pierre Ivan Kern, für die Trujillos an. Kern »betreut« als Privatmann ihre drei schweizerischen Aktiengesellschaften Rinor, Sarto und Pitra. Über diese Tarnfirmen kauften die Exil-Nabobs in Paris ein halbes Dutzend Appartements, zwei Stadtpalais und einen großen Rennstall mit 70 Pferden im Werte von etwa zwei Millionen Mark.
Die schnelle Wiederherstellung der Luxus-Kulisse verlor jedoch an Reiz, als die Pferdesport-Fanatiker ihre vierbeinigen Sprinter nicht mehr in Longchamps an den Start bringen konnten. Mitte vergangenen Jahres brannte ihnen der Pariser Asphalt unter den Füßen. Sie fühlten sich von Plastikbomben bedroht; noch mehr fürchteten sie die offizielle Ausweisung, nachdem die demokratische Regierung der Dominikanischen Republik ihre Auslieferung verlangt hatte. In einem 53 Seiten starken Weißbuch wurden alle ihre Sünden und Verbrechen aufgeführt. Da suchte sich der Clan in Spanien ein sicheres Asyl.
Nur der tote Despot Rafael Leónidas Trujillo blieb in Paris zurück - in dem Mausoleum, das ihm die Familie auf dem Prominentenfriedhof Père-Lachaise für 185 000 Mark hatte errichten lassen, nachdem die Leiche per Luft im Mahagonisarg nachgereist war.
Seit dem vergangenen Sommer genießen die prominenten Emigranten nun in Spanien die großzügige Gastfreundschaft des Generals Franco, unangefochten von Interpol und Geheimpolizei. Ramfis bezog mit seiner ständigen Fluchtbegleiterin Lita Menschel, einem Hollywood-Sternchen, das sich auch Lita Milan nennt, im Madrider Castellana-Hilton eine Zimmerflucht. Der übrige Clan residiert in ähnlichen Hotelburgen. Die spanische Regierung kann hoffen, daß der Goldstrom der Trujillos in Zukunft das kapitaldurstige Spanien erquicken wird.
In schlauer Voraussicht hatte die Familie schon vor ihrem Exilwechsel, als noch ihr alter Fluchtgehilfe Rosemberg die Bankfäden knotete, über die internationale Bankendrehscheibe Genf interne Geschäftsbeziehungen zu einem Granden der spanischen Finanzwelt, dem Multimillionär Julio Munoz, angeknüpft. Er gebietet über Banken, Immobiliengesellschaften und Textilfabriken.
Als Munoz Mitte vergangenen Jahres in Luxemburg ein neues Roulette für Kapitalmanipulationen einrichtete - die Société Holding Banecaire et Financiere Européenne -, durfte sich die Trujillo-Gruppe mit 25 Millionen Mark an dem Gesellschaftsspiel beteiligen. Die Holding bot den Emigranten endlich die ersehnte Gelegenheit, ihr Sündengeld heimlich in Wirtschaftsunternehmen zu infiltrieren, was ihr in Westeuropa sonst kaum gelingen wollte. Seriöse Industrielle fürchteten den Blutgeruch der Trujillo-Gelder.
Die Allianz Trujillo-Munoz hielt jedoch nur bis Ende vergangenen Jahres; dann wurde sie von dem enttäuschten Fluchthelfer Leland Rosemberg gestört, der wegen seiner Provisionsansprüche in Paris und Genf zu prozessieren begann. Dabei mußten die Gerichte hinter die Kulissen der Milliarden-Entführung leuchten, und es kam auch zur Sprache, daß Rhadames Trujillo noch im vergangenen Jahr 50 000 Dollar an einen Bravo nach San Domingo überwiesen hatte, der für dieses Blutgeld zwei Minister des vorletzten Kabinetts umbringen sollte.
Das war der Munoz-Gruppe zuviel. Über eine Genfer Bank erhielten die Trujillos ihre Kapitaleinlage wieder zurück. Nur in Madrid hatten die Enthüllungen keine Wirkung; die spanische Regierung nahm davon ebensowenig Notiz wie vorher von den Auslieferungsanträgen aus San Domingo.
Staatschef Franco hat der Tyrannen -Witwe Maria sogar das spanische Bürgerrecht verliehen.
Emigrant Ramfis*: Eine Milliarde Mark auf hundert Tarnkonten
Staatschefs Trujillo (r.), Franco: Im Sarg nach Paris
* An Bord seiner Jacht vor einem Kim -Novak-Photo.