SCHEICH AUF DER SCHAUKEL - DER SPIEGEL
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Briefe

SCHEICH AUF DER SCHAUKEL
• aus DER SPIEGEL 22/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SCHEICH AUF DER SCHAUKEL

Du schreibst, daß der von Dir so groß herausgestellte Jemen-Imam Ahmed, wie seine durchtriebene Schaukelpolitik offenbare, »von der arabischen Seele ungleich mehr versteht als die prowestlichen Scheiche und Könige Arabiens«. Trifft dies auch zu, wenn man an Said Ben Taimur, den Sultan von Maskat und Oman, denkt? ... Sein Land ist eine noch weniger beachtete »Wetterecke der Weltpolitik«, wird aber vielleicht einmal ein sehr wichtiger Faktor der Erdöl-Zivilisation sein. Wenn auch die Bundesrepublik dort nicht diplomatisch vertreten ist, wenn auch das Sultanat den Deutschen weit unbekannter ist als etwa Tibet oder Grönland (daß das kaiserliche Deutschland in Richtung Persischer. Golf und damit auch in Richtung Oman gedrängt hat, ist vergessen), so wäre meiner Ansicht nach genug Anlaß für Dich da, auch einmal diesem gegenüber dem Jemen wesentlich aufgeklärteren Staat eine Titelstory zu widmen.

München 9 HELGE HAASER

Nach jahrelangem Aufenthalt im Lande (zwischen 1928 und 1938) und in nächster Bekanntschaft mit dem damaligen Thronfolger Ahmed glaube ich, die Situation im Jemen etwas besser beurteilen zu können. Gewiß ist Ahmed religiös orthodox und politisch konservativ. Aber das sind doch auch einige Staatshäupter in unserer christlich-abendländischen Kultur, wenn auch deren Denken auf einer anderen Grundlage beruht. In der jüngeren europäischen Geschichte konnten wir doch reaktionäre Rückschläge beobachten, und zwar aus einer bereits fortgeschritteneren Entwicklung in dunkelste Primitivität. Im Jemen stehen wir dagegen einer jahrtausendealten kontinuierlichen Entwicklung gegenüber. Wer Verständnis für wirklich alte Tradition hat, konnte daher auch mit Ahmed gut auskommen.

Ob sein Abgehen von dem uralten, bereits biblischen Verbot bildlicher Darstellungen, besonders des Herrschers oder des Thronfolgers, das mich am Beginn unserer Bekanntschaft eine ganze Leica-Filmrolle kostete, die ich ihm zur Vernichtung ausliefern mußte, als ich ohne von seiner Teilnahme zu wissen, ein malerisches Reiterspiel (Fantasia) photographierte, nützlich war, ist bei der Betrachtung der Bilder Ihres Aufsatzes zu bezweifeln. Ich möchte einmal Ihr oder Ihres Berichterstatters Gesicht gesehen haben, wenn Sie den (deutschen) Hinrichtungen nach dem 20. Juli 1944 hätten beiwohnen müssen. Das eine Hinrichtungsopfer (im Jemen), Ahmeds jüngerer Bruder Abdallah, war jahrelang Vertreter Jemens bei der Uno und in Ländern des christlichen Abendlandes. Ich kannte ihn noch gut vor seinen Auslandsreisen und hielt ihn damals für einen der vorteilhaftest aussehenden jungen Leute am Hofe. Er hatte sich jedoch so zu seinem Nachteil, auch äußerlich, verändert, daß ich ihn auf Ihrem Bilde kaum wiederzuerkennen vermochte.

Die Schilderungen der beiden Ärztinnen über das Haremsleben im Innern Arabiens sind meines Erachtens wegen des Absatzes ihrer Bücher stark sensationell aufgebauscht, wenn auch in Saudi-Arabien der Ölboom seit zehn Jahren in den Hofkreisen auch auf diesem Gebiet eine Dekadenz verursacht hat. Eine sachliche Berichterstattung über das polygame Familienleben im Vorderen Orient wird bei uns gern als Parteinahme betrachtet, da sich seit Jahrhunderten vorgefaßte falsche und nicht selten sehr kitschige Meinungen über das sogenannte Haremsleben eingebürgert haben.

Hamburg 39 PROF. DR. CARL RATHJENS

Als Übersetzer des vom SPIEGEL angeführten Buches von Mme. Claudie Fayein »Hakima - eineinhalb Jahre Ärztin im Jemen«, hat mich Ihr Artikel natürlich lebhaft interessiert. Ich werde daher Ihre SPIEGEL-Nummer der Autorin, mit der ich befreundet bin, nach Paris schicken. Nur bedauere ich, daß Sie bei der Zitierung des Buches den Übersetzer unterschlagen haben, wie dies leider noch immer in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern üblich ist.

Heidelberg DR. FRITZ MONTFORT

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