Scheinheiliger Versuch - DER SPIEGEL
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INDIANER Scheinheiliger Versuch

1978 beschäftigt den US-Kongreß ein Blutbad von 1890: Die Hinterbliebenen der am Wounded Knee getöteten Indianer sollen entschädigt werden.
• aus DER SPIEGEL 3/1976
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Am 7. Mai 1938 stellte John R. Murdock, Abgeordneter Arizonas im 75. Kongreß der USA bei einem Hearing des Ausschusses für Indianerangelegenheiten seinem Land die Frage: »Wenn wir jetzt die Seiten der Geschichte 50 Jahre zurückblättern und uns fragen, ob wir in solchen Fällen Rechtens gehandelt haben -- öffnen wir dann eine Tür?«

Damals wurde die Tür -- zur finanziellen Entschädigung von indianischen Opfern amerikanischer Armee-Massaker -- nicht aufgestoßen. Damals, wie schon zuvor im 74. Kongreß, scheiterte ein entsprechender Gesetz-Entwurf am Widerstand der Armee. Damals wie heute ging es um die sogenannte Schlacht am Wounded Knee vom 28. Dezember 1890.

Denn die Frage nach Schuld und Sühne stellt sich erneut: Am 20. Januar will der Rechtsausschuß des US-Senats in einem Hearing zum Gesetzes-Antrag des Sud-Dakota-Senators James Abourezk ein weiteres Mal zu klären versuchen, was für die meisten Historiker und Augenzeugen nie eine Frage gewesen ist -- daß es sich bei dem blutigen Zwischenfall vor 85 Jahren eher um ein Schlachtfest als um eine Schlacht gehandelt hat. Das 7. Kavallerieregiment machte damals in Süd-Dakota nach Feststellungen von Militärs etwa 290 indianische Frauen, Kinder und Männer nieder -- Rache für die Niederlage, die das Regiment unter Oberst Custer 14 Jahre zuvor durch die Indianer am Little Big Horn erlitten hatte.

Erst wenn der Rechtsausschuß Wounded Knee gleichfalls zum Massaker erklärt, hat der Vorschlag Abourezks Aussicht auf Erfolg, einmalig 3000 Dollar an die Nachfahren jedes Opfers zu zahlen -- nach 86 Jahren.

In einem 23 Seiten langen Bericht an den Vorsitzenden des Senats-Ausschusses bestritt der amtierende Armeeminister Norman R. Augustine zum Jahresende jede Verantwortung der Armee: »Es ist unfair gegenüber den Offizieren und Soldaten, die sich nicht mehr gegen solche Ungeheuerlichkeiten verteidigen können.«

Der Minister hat auch fiskalische Gründe, die Ehre seiner Waffenbrüder aus dem vergangenen Jahrhundert reinzuhatten: Die Nachfahren anderer Indianer-Massaker könnten gleichfalls Ansprüche .

Wounded Knee war freilich ein besonderer Fall; schon aus der ersten offiziellen Untersuchung von »1891 durch den US-General Nelson A. Miles läßt sich der Hergang rekonstruieren:

1890 war ein bitteres Jahr für die Sioux-Indianer gewesen. Der große Führer »Sitting Bull« tot, katastrophale Mißernten, ein harter Winter und epidemische Krankheiten, dazu Verzögerungen bei der Auslieferung versprochener Lebensmittel durch die amerikanischen Behörden. Die Sioux drohten in ihren Reservaten zu verhungern.

Häuptling Big Foot verließ mit einigen hundert Männern, Frauen und Kindern sein karges Land im nördlichen Dakota. Doch sein Lager am kleinen Fluß Wounded Knee wurde von Soldaten umstellt. Sie befahlen dem Häuptling, dahin zu gehen, wo er hergekommen war -- obschon dies den sicheren Tod der schon entkräfteten Indianer bedeutet hätte.

Aus ungeklärtem, aber wohl unbedeutendem Anlaß kam es zur Katastrophe. Augenzeugenberichte schildern den Ablauf im Detail. Mit Maschinengewehren mähten die Kavalleristen nieder. was sich bewegte. Der Sioux American Horse: »Die flüchtenden Frauen wurden mit ihren Kindern von hinten niedergeschossen, auch Schwangere und Alte. Sie rannten davon, aber die Soldaten liefen hinterher. Kleine Jungen, die sich nach einiger Zeit aus ihren Verstecken hervorwagten, wurden von Soldaten umstellt und niedergemacht.«

Am nächsten Tag, so der Armee-Pfadfinder James Grass, wurden erschossene Frauen mit ihren Kindern über drei Kilometer vom Tatort entfernt gefunden.

Vernon Bellecourt, einer der Führer der militanten Indianer-Bewegung AIM (American Indian Movement), hält die Darstellung des Massakers durch Präsident Fords Armee-Minister Augustine deshalb für eindeutig gefärbt. Bellecourt: »Es ist ein scheinheiliger Versuch, die Armee reinzuwaschen.«

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