Scheppes Ding - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 95

STÄDTEBAU Scheppes Ding

In Frankfurt streiten Stadtplaner um ein städtebauliches Unikum - eine schiefe Brücke über den Main.
• aus DER SPIEGEL 28/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann am Mainufer steht, empfindet er jedesmal »große Freude«. Die Silhouette mit den alten Brücken hat es ihm angetan; sie sei »aufregend schön«, vergleichbar sogar mit Rom und Paris.

Eines noch fehlt der Metropole am Main, was die beiden europäischen Hauptstädte seit eh und je vorweisen können: eine schräge Brücke über den Fluß.

Das Manko wird nun schleunigst aus der Welt geschafft. Für 46 Millionen Mark soll noch in diesem Jahr, so beschloß die CDU-Mehrheit im Stadtparlament, mit dem Bau einer Brücke begonnen werden, die den Main im spitzen Winkel überquert - viel Geld für das »scheppe Ding«, wie Frankfurter das Projekt bespötteln, und für die hochverschuldete Kommune.

Der Neubau soll die 1964 provisorisch errichtete Flößerbrücke ersetzen, die eigentlich gar nicht mehr benutzt werden darf; das Wasser- und Schiffahrtsamt in Aschaffenburg hat zwar bis 1984 eine Ausnahmegenehmigung erteilt, fürchtet aber seit langem, schon beim »Stoß eines Lastkahns« könne die alte Brücke »ins Wasser fallen«.

Auf den Einfall mit dem schrägen Übergang waren die regierenden Christdemokraten vor drei Jahren gekommen. Doch erst jetzt, da die Stadt allen triftigen Gegenargumenten zum Trotz ihren Beschluß bekräftigt hat, geht der Streit richtig los. Stadtplaner und Architekten machen offen Front gegen das Bauwerk.

Sie fürchten, daß die schiefe Brücke, wie der Architekt und Vorsitzende des Städtebaubeirats, Wolfgang Bartsch, klagt, »das gesamte Stadtbild zerstört«. Nach Ansicht der Kritiker bedroht der schräge Riesensteg (221 Meter lang, 30 Meter hoch), was gerade mit soviel Aufwand vor neuerlichen Schandtaten gerettet zu sein schien, die Ufersilhouette am Main.

Gegen den Bau sind sich auch Frankfurts Lokalblätter einig. Die linksliberale »Frankfurter Rundschau« hält das geplante Projekt für ein »städtebauliches Unikum«, die CDU-freundliche »FAZ« nennt es eine »Scheußlichkeit«.

Bei der neuen Mainüberquerung schwebte Frankfurts Verwaltung mal etwas »ganz Ausgefallenes« vor, was »aus dem Raster bricht«, so der Baudezernent der Stadt, Hans-Erhard Haverkampf. Für die Planung war den Frankfurtern denn auch einer der, laut Haverkampf, »renommiertesten Brückenbauer Europas« gerade gut genug: der Hamburger Architekt Egon Jux, der an der Elbe für die Köhlbrandbrücke viel Lob eingeheimst hatte.

In Frankfurt aber lag der Hamburger von Anfang an schief. Er fand die rechtwinkligen Brücken der Stadt »äußerst eintönig« und präsentierte einen asymmetrischen Brückenkörper, dessen eine Hälfte von riesig aufragenden Stahlseilen (Jux: »Ein dynamisches Segel") getragen, die andere von einem Pfeiler unterhalb der Brückenplatte gehalten wird.

Oberbürgermeister Wallmann konnte sich zuerst mit dem Entwurf, vor allem mit der Schräglage der Brücke, nicht anfreunden. Sein Referent Alexander Gauland: »Eine Schnapsidee.« Die CDU-Fraktion hingegen und der sozialdemokratische Baudezernent Haverkampf segelten voll auf Jux-Kurs. Und nach einem ausführlichen Vortrag des Hanseaten über »das Kraftfeld Main und der Mensch«, in dem viel von »ganzheitlichem Sehen« und »rhythmisch-organischem Gestalten« die Rede war, kippte auch Wallmann um: »Die schräge Brücke ist notwendig.«

Dem Oberbürgermeister imponierte auf einmal die »menschenfreundliche Planung«; denn die Brücke bietet mit ausladenden Plattformen »viel Platz zum Verweilen« (Jux). Allerdings: Just in dieser Gegend der Stadt, einem Industrie- und Hafengebiet, ist das Interesse, die Brücke zu Fuß zu überqueren, nicht besonders groß.

Zu den schärfsten Jux-Kritikern zählt der Städtebaubeirat, ein Gremium von Architekten, Stadtplanern und Denkmalsschützern. Einmütig lehnte der Beirat das »Meisterwerk« (CDU-Bürgermeister Hans-Jürgen Moog) als »Mißgeburt« und »Ausgeburt der Häßlichkeit« ab.

Alle Mainbrücken, argumentieren die Architekten, querten das Flußbett im rechten Winkel und seien symmetrisch geformt. Eine schiefe Brücke zerstöre diesen »harmonischen Wohlklang« und verletze die »gewachsene Stadtstruktur«. Die fast dreißig Meter hohen Schrägseile störten »aufdringlich« den Blick von »dribb de Bach« nach »hibb de Bach«, von Sachsenhausen zur City. Kritisch äußerte sich auch Hessens oberster Denkmalspfleger, Gottfried Kiesow: »Die Schräglage macht die schöne Mainfront kaputt.« Der Vorschlag des Städtebaubeirates aber, das aufwendige Projekt »einfach grade und symmetrisch« über den Main zu legen, was technisch ohne weiteres machbar wäre, fand bei den regierenden Christdemokraten wenig Gegenliebe.

Die schräge Brücke, die nach Ansicht von Stadtplaner Bartsch »allenfalls für die Raritätenkammer« taugt, verteidigt Bauherr Wallmann nun immerzu als »endgültige« Lösung, denn: »Beschlossen ist beschlossen.«

Seinen Kritikern bietet Architekt Jux derweil einen »optimalen Plan« an. »Um die Sache abzurunden«, würde er am liebsten noch eine schiefe Brücke weiter flußabwärts bauen, am anderen Ende der Stadt.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 95