Schiefe Optik - DER SPIEGEL
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ERHARD Schiefe Optik

• aus DER SPIEGEL 52/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nie ist die Sorge der Erhard-Anhänger um die Kronprinzen-Zukunft ihres Pausbacks drückender, als wenn der Thronfolger selbst zur politischen Aktion schreitet.

Vergangene Woche tat er es gleich viermal. Am Montag im Fernsehen, am Dienstag im »Industriekurier«, am Donnerstag in einem AP-Interview, am Freitag in der »Zeit«. Ein jedes Mal probierte der Dauphin vor dem Spiegel der öffentlichen Meinung die Kanzler-Krone auf. Und jedesmal wurde deutlich, was Konrad Adenauer seit Jahr und Tag behauptet: Sie paßt noch immer nicht. Vor zweieinhalb Jahren war dem Vizekanzler von Konrad Adenauer öffentlich bescheinigt worden: »Herr Erhard ist für die Außenpolitik noch nicht erfahren genug... Herr Erhard ist ein hervorragender Wirtschaftler... ob er aber auch ein hervorragender Politiker ist, muß er erst noch beweisen.«

Dies nun zu beweisen, hatte sich Ludwig Erhard letzte Woche offenkundig aufgemacht: In der »Zeit« schrieb er über Außenpolitik, von der Associated Press ließ er sich über Verteidigungspolitik interviewen, und um auch bei den Lesern des »Industriekuriers« keinen Zweifel über die Bedeutung des folgenden Aufsatzes aufkommen zu lassen, stellte er sich mit den Worten vor: »Um es gleich vorauszuschicken: Hier spricht

kein Pharisäer, sondern der für das wirtschaftliche und soziale Schicksal des deutschen Volkes verantwortliche Mann.«

Am eindrucksvollsten aber war Ludwig Erhards Fernsehauftritt. Noch ehe die Kamera vom diesmal schläfrigen Arrangeur der TV-Runde »Unter uns gesagt«, Kurt Wessel, fort auf Ehrengast Erhard schwenkte, kündete schon blauer Dunst, von links auf Westdeutschlands Bildschirme gepufft, die Anwesenheit des unsichtbaren Schlot-Ministers.

Trotz angestrengter Bemühungen von drei Journalisten, den Minister immer dann zu unterbrechen, wenn er gerade Fahrt gewonnen hatte, übte Erhard sich vor der Kamera in jener Disziplin, die er - ein Dutzend Jahre Minister Konrad Adenauers - für den Ausdruck höherer Staatskunst halten muß. Er teilte Nasenstüber und Schwinger gegen Kabinettskollegen und Koalitionsgenossen aus, wie es gerade kam:

- Über das neugeschaffene FDP-Ministerium »für wirtschaftliche Zusammenarbeit":

»Ich persönlich hätte auf dieses Ministerium verzichten können.«

- Über den Vorschlag des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß, Westeuropa mit den USA zu einer atlantischen Union zu verschmelzen: »Na, das scheint mir etwas zu reißbrettartig gedacht zu sein. Ich glaube auch nicht an eine atlantische Union im politischen Sinn.«

- Über den von Franz-Josef Strauß inspirierten und von Erhard selbst in der Regierungserklärung verkündeten Bonner Drang zur atomaren Bewaffnung: »Die taktisch-politische Situation verlangt vielleicht eine etwas andere Behandlung, wie ich meinen könnte« (siehe Seite 21).

- Und schließlich über den Koalitionsvertrag

mit der FDP, dessen wichtigster Punkt darin besteht, daß Erhard ihn wortgetreu übernehmen soll, wenn er je Kanzler werden muß: »Ich kenne das Koalitionspapier nicht,

und ich will es auch gar nicht kennenlernen, es interessiert mich überhaupt nicht.«

Nun wären alle diese Urteile gesunden Menschenverstandes zweifellos geeignet, Ludwig Erhards Popularitätskurve wieder einmal anziehen zu lassen, kämen sie nicht von Konrad Adenauers Vizekanzler, der über seinen Chef schon vor zwei Jahren gesagt hat: »Mit dem Mann bin ich fertig«, ihm aber noch immer dient. Von einem Politiker, dem auf der Mattscheibe anzusehen war, daß er sich ständig selbst Mut einredete und daß er die Hiebe nur austeilte, weil niemand da war, sie zurückzugeben.

Erhard, so seufzte Bayerns FDP-Minister Haas nach der Sendung, habe Mut in einer. Zeit, die ihn erfordert hätte, vermissen lassen. Er möge daher auch jetzt, wo Mut fehl am Platz sei, darauf verzichten.

»Wir haben«, hatte das Wirtschafts -Schwergewicht verkündet, »mit unseren Pfunden noch nicht richtig gewuchert.« Er muß es wissen. »Die einzelnen Seinsbereiche im Leben eines Volkes lassen sich nicht atomisieren.« Ob Strauß das weiß? Und für den Jung-Außenminister Gerhard Schröder hielt Erhard diesen verquollenen Rat parat: Außenpolitik »hat ihr eigentliches Feld innerhalb der Gestaltung, einer Friedensordnung«.

Kurz: Der sowjetischen Aggression und-Ideologie »etwas Überlegenes« entgegenzustellen, das ist - in Erhards politischer Optik. - »das, was ich noch in der Politik vermisse":

Deutsche Fernseh-Zuschauer vermißten an der Optik des Dauphin allerdings noch etwas anderes: Mehr als ein Dutzend-Augenärzte und Optiker läuteten nach der Sendung beim Vizekanzler an, nicht um ihm zu huldigem sondern weil Erhard während des Gesprächs immer wieder seine Brille verschoben oder auf - und abgesetzt hatte. Die Anrufer forderten Erhard auf, sich eine optisch einwandfreie und passende Brille verschreiben zu lassen.

Die Zeit

Nicht für den Dauphin

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