»Schießplatz der Supermächte«
Drei Stunden nach Mitternacht flog das Raketen-Silo in die Luft. Die 740 Tonnen schwere Stahlbeton-Panzerung auf dem unterirdischen Schacht hob ab und zerbarst. Der Sprengkopf auf der Spitze der 35 Meter hohen Rakete vom Typ »Titan« schoß aus dem Silo wie ein Korken aus einer Flasche mit warmem Sekt. Er landete fast 200 Meter entfernt im Kieferndickicht eines entlegenen Tals der Ozark-Berge.
Wäre der mächtige Nuklearkopf mit seiner Wasserstoffbombe explodiert, dann wäre die Zerstörungskraft von zwölf Millionen Tonnen herkömmlichem Sprengstoff frei geworden. Explodiert aber waren nur Treibstoff-Gase, die sich durch ein Leck in der Rakete in dem Silo ausgebreitet hatten.
So geschehen in der Nacht zum 19. September vergangenen Jahres in der Nähe des Hillbilly-Fleckens Damascus im US-Bundesstaat Arkansas. Doch es war nur der spektakulärste in einer langen Reihe von Zwischenfällen, die sich in den letzten Jahren in den 54 »Titan«-Silos auf amerikanischem Boden ereignet haben.
Denn die »Titan 2« ist das älteste noch aktive Raketenmodell der USA. Die 54 Exemplare dieses Riesenprojektils sind seit durchschnittlich 17 Jahren im Dienst und haben als letzte Raketen der US-Streitkräfte noch einen Flüssigkeitsantrieb statt festem Brennstoff.
Die Tanks der Titan fassen mehr als 35 000 Liter chemische Treibmittel. In Intervallen müssen diese Füllungen mit äußerster Umsicht erneuert werden. Vor allem aber sind die Tanks und andere Teile, die mit diesen ätzenden Flüssigstoffen in Berührung kommen, sehr korrosionsanfällig.
Immer häufiger treten Lecks auf, aus denen hochgiftige und explosive Gase strömen. Immer wieder werden Farmerfamilien in der ländlichen Umgebung der Silos alarmiert und müssen vorübergehend ihre Häuser räumen, wenn eine »Titan« Giftwolken ausstößt. »Diese Waffe ist längst eine größere Gefahr für uns als für die Sowjets«, schimpfte der »Kansas City Star«, schimpfen auch eherne Patrioten in den Stationierungsstaaten Arkansas, Kansas und Arizona.
Was sollen da erst die Genossen Offiziere des sowjetischen Raketen-Kommandos sagen? Denn was für die Amerikaner S.107 das einsame Relikt einer überwundenen Technik ist, das ist auf der Gegenseite noch immer der vorherrschende Typ und der vorherrschende Antrieb bei den Fernraketen und sogar bei den U-Boot-Raketen. Er war es bis zur Einführung der »SS-20« auch auf dem Mittelstreckensektor.
Auch die SS-4 und SS-5 sind mindestens so alt wie die betagten Titanen. Beide sind Flüssigkeits-Raketen. Um sie zu betanken und zu starten, sind nicht weniger als 20 Mann Bedienungspersonal nötig. Das »International Institute for Strategic Studies« stuft die SS-4 in ihrem Stärkevergleich »Military Balance 1980/81« deshalb als die mit Abstand defektanfälligste und unzuverlässigte Landrakete ein, die es in den Arsenalen dieser Erde gibt.
Von einer Maximalzahl von 600 SS-4 Ende der sechziger Jahre hätten die Sowjets bisher mehr als 200 verschrottet, sagt das Institut. Es rechnet für 1980 noch mit 380 aktiven SS-4. Doch nach komplizierten Berechnungen der Defektwahrscheinlichkeit kommt das Institut zu dem Resultat, daß von den 380 Projektilen nur 91 das vorgesehene Zielgebiet erreichen dürften.
Und die anderen 289? Die würden von all den Pannen ereilt, die potentiell in einem antiquierten System stecken. Was heißt, daß viele dieser Geschosse schon beim Start platzen und daß viele andere zu Irrläufern werden, die noch mehr als die US-Titanen das eigene Volk gefährden statt den Gegner.
Erstaunlich offen und gewiß nicht ohne Absicht wird dieses Problem in einem Film über die sowjetischen Raketentruppen demonstriert, der jüngst auch im DDR-Fernsehen lief und von »Kennzeichen D« im ZDF in Ausschnitten gesendet wurde. Man sieht Raketensoldaten vor winterlichen Gräbern ihrer Kameraden. Man sieht sogar ein Beispiel dafür, wie diese Männer umkommen: ein nächtliches Brennstoff-Feuer nach einer »Explosion auf der Startrampe«.
Kein westlicher Militärfachmann bestreitet denn auch im Ernst, daß eine vergleichbare Modernisierung wie die von SS-4 und SS-5 zur SS-20 im Westen schon vor zehn bis fünfzehn Jahren vorgenommen worden wäre und tatsächlich vorgenommen worden ist: bei den Fernraketen mit der Feststoffgetriebenen »Minuteman« (ab 1966 eingeführt); bei den U-Booten von der Feststoff-getriebenen »Polaris« zur »Poseidon« mit mehreren verbesserten Versionen bis zur »Trident 1« und zur kommenden »Trident 2«; bei den Landraketen kürzerer Reichweite von »Honest John« zur »Lance«, von »Pershing 1« zur »Pershing 1A«.
Fachleute zeigen kollegiales Verständnis für den Drang sowjetischer S.108 Raketen-Kommandeure, nun auch ein Feststoff-Projektil zu bekommen, das leicht zu bedienen und nicht so lebensgefährlich für die Mannschaft ist.
»Die Vereinigten Stabschefs im Pentagon wären längst geschlossen zurückgetreten, wenn man ihnen zugemutet hätte, mit so weitgehend überholtem Gerät so lange zurechtzukommen«, sagt Herbert Scoville, ein früherer Vize-Direktor der CIA für Wissenschaft und Technologie, der zu einem Kritiker der Washingtoner »Verteidigungsgemeinde« geworden ist.
»Die Einführung der SS-20 ist nicht das Ergebnis einer ganz neuen sowjetischen Strategie, sondern die Folge notwendiger technischer Erneuerungen«, erklärt auch Paul C. Warnke, einst Chef-Unterhändler der Carter-Regierung bei den Verhandlungen zur Begrenzung der strategischen Rüstung.
Tatsächlich leben die Sowjets obstinat in der Meinung, daß sie es sind, die modernisieren und nachrüsten müßten, weil Amerikaner und Nato dies ohnehin und unabhängig vom Brüsseler Beschluß getan haben und weiter tun, und nicht nur bei Raketen aller Art.
Der in der Nachrüstungsdebatte oft genannte Schwenkflügel-Bomber »Backfire« entspricht dem amerikanischen Schwenkflügel-Bomber F-111. Der aber ist bereits seit Ende der sechziger Jahre im Einsatz. 156 Maschinen dieses Typs sind gegenwärtig in England stationiert. Sie können bis über Moskau hinaus in den sowjetischen Luftraum eindringen. Und während die Sowjets gerade mit ihrem »Backfire« gegen die F-111 nachrüsten, steht im Westen schon die nächste Schwenkflügel-Generation an: der »Tornado«.
Gleichwohl leugnet kein Verständiger die Bedrohung, der sich Westeuropa gegenübersieht -- eine Bedrohung, die sich in den SS-20 und dem »Backfire«-Bomber der Sowjets noch längst nicht erschöpft.
Da schwimmen außerdem in der Ostsee die sechs allerdings ziemlich altmodischen U-Boote der »Golf«-Klasse, die je drei und zusammen 18 Raketen an Bord haben mit je einem Wasserstoffbomben-Sprengkopf von mindestens einer Megatonne Sprengkraft. Die allein würden genügen, die westdeutschen Ballungsräume auszulöschen.
Auch diese Gefahr könnten die Sowjets fast beliebig vervielfachen. Sie brauchten dazu nur einen Teil ihrer strategischen Fernraketen auf europäische Ziele umzudirigieren.
Doch worin unterscheiden sich die neueren Bedrohungen von der Bedrohung, unter der Westeuropa seit mehr als zwanzig Jahren steht? Warum sehen die Befürworter der Raketen-Stationierung in 600 SS-20-Sprengköpfen eine größere Gefahr als in den mehr als 600 Megatonnen-Hämmern, die auf den SS-4 und 5 saßen? Wieso scheint ihnen Westeuropa heute schutzbedürftiger denn je?
Atomare Alpträume
Der Schlag kommt ohne Vorwarnung. SS-20-Sprengköpfe detonieren fast gleichzeitig über Nato-Flugplätzen in der Bundesrepublik und Großbritannien. Sie detonieren auf den Atomwaffen-Depots der US-Armee in der Pfalz und in der Eifel. Sie detonieren in den Garnisonen der amerikanischen und westdeutschen Einheiten, die über die zur Zeit schwersten landgestützten Kernwaffen im Nato-Bereich verfügen: über die 180 Pershing 1A mit 750 Kilometer Reichweite.
Neunzig gut placierte Nuklear-Explosionen würden dafür vielleicht schon genügen, also nur dreißig SS-20-Raketen, die laut US-Geheimdienst je drei unabhängig zielbare Sprengköpfe tragen. Vielleicht brauchen die Sowjets auch 150 Sprengköpfe gleich 50 Raketen. In jedem Fall brauchen sie nur einen Bruchteil dessen, was sie allein an SS-20 parat haben, um die Nato mit einem Überraschungsschlag zu lähmen.
Mit diesem wenig verheißungsvollen Auftakt beginnen die Schreckens-Szenarien, mit denen aktive und pensionierte Nato-Strategen sich und anderen angst machen, um sich und anderen die unerbittliche Notwendigkeit der Nachrüstung vor Augen zu führen. Elmo R. Zumwalt, Admiral a. D. und früherer Marine-Stabschef im Pentagon, gilt als ein besonders konsequenter Denker des Undenkbaren.
»Die erste, offenkundigste und gefährlichste Option (der Sowjets) ist ein entwaffnender Erstschlag mit Mittelstrecken-Waffen gegen Westeuropa. Bei der Zahl, Zielgenauigkeit und Ladung der Waffen, die sie jetzt besitzen, könnten die Sowjet-Führer darauf vertrauen, daß sie mit nur geringen Eigenverlusten zum Erfolg kommen könnten«, schreibt Zumwalt als einer der Autoren des wuchtigen Bandes »Von der Schwäche zur Stärke«.
( Institute for Contemporary Studies ) ( (Hg.): »From Weakness To Strength«. ) ( Transaction Books, Rutgers State ) ( University, New Brunswick; 500 Seiten; ) ( 19,95 Dollar. )
Das Werk ist auf Betreiben von Reagans Chefberater Edwin Meese zustande gekommen und zeichnet deutlicher als jedes andere veröffentlichte Dokument die Power-Politik der neuen Regierung vor.
Zunächst jedoch malt Elmo Zumwalt die Folgen der bisherigen »Politik der Schwäche« drastisch aus: »In dieser Situation (also nach einem sowjetischen Erstschlag) können die Sowjet-Führer vernünftigerweise hoffen, daß der politische Wille der europäischen Nato-Mitglieder zerbricht.«
Wie aber können sie hoffen, noch dabei »vernünftigerweise« ("reasonably"), daß sie die Nato mit einem SS-20-Überfall bei nur »geringen Eigenverlusten« zur Kapitulation zwingen können? Müssen die Kremlherren nicht fest damit rechnen, daß dann Dutzende von amerikanischen U-Boot-Raketen (die britischen und französischen nicht gerechnet) fauchend aus dem Meer aufsteigen und mit Hunderten von Sprengköpfen unaufhaltsam auf Rußland stürzen? So will es doch das Abschreckungskonzept, wie es bisher stets dargestellt wurde.
Was ist mit den 156 amerikanischen F-111-Bombern in England? Sind nicht wenigstens 50 von ihnen noch vor dem Einschlag der Russenraketen im Alarmstart von ihren Pisten gekommen? Rasen sie nicht mit je 2 Atombomben S.109 an Bord im Tiefstflug über die Nordsee und Südschweden in Richtung Leningrad und Minsk? Oder nach Brest-Litowsk und Lemberg, um die rückwärtigen Verbindungen des Warschauer Pakts irreparabel zu zerstören? Jagen nicht auch Träger-Flugzeuge der US-Mittelmeerflotte nuklearbewehrt über den Bosporus auf Krim und Ukraine zu?
Müssen die Sowjets nicht fest mit einer verheerenden Gegenreaktion des amerikanischen Präsidenten rechnen, wenn sie einen »Entwaffnungsschlag« gegen die Bundesrepublik wagen, dem, auch wenn er noch so präzise geführt würde, Zehntausende von amerikanischen Soldaten und Zivilisten in ihren westdeutschen Stützpunkten unweigerlich zum Opfer fielen?
Nein, damit brauchen sie nicht zu rechnen, beruhigt Elmo Zumwalt die Männer im Kreml. Denn bei der derzeitigen, nicht nur von ihm behaupteten Schwäche des Westens könnten die Sowjets »vernünftigerweise« darauf hoffen, daß nicht nur die europäischen Nato-Mitglieder vor ihnen in die Knie gehen, sondern auch der US-Präsident.
Denn der Mann im Weißen Haus (oder im Bunker darunter), erklärt Zumwalt, gerate in ein lähmendes Dilemma. Weshalb? Weil ihm bei einem sowjetischen Entwaffnungsschlag nur eine mit Sicherheit überlebensfähige Gegenschlagswaffe im Nato-Bereich verbleibe -- die U-Boot-Raketen.
Ist das nicht gut? Ist das nicht mehr als genug Abschreckung und Risiko für den Gegner, um ihn von seiner selbstmörderischen Attacke abzuhalten?
Nein, das ist schlecht, sagen Zumwalt und die von ihm vertretene Strategenschule. U-Boot-Raketen sind nicht genug Abschreckung, sie sind zuviel Abschreckung und gerade deshalb unglaubwürdig.
Und das kommt nach Ansicht der Szenaristen des Unheils so: U-Boot-Raketen sind »strategische« Waffen der obersten Kategorie. Zusammen mit den in der UdSSR und in den USA stationierten Interkontinental-Raketen und den Fernbombern sind sie auch in den Verträgen zur Begrenzung der strategischen Rüstung ("Salt") als »zentrale Systeme« definiert und erfaßt worden.
Der Einsatz von U-Boot-Raketen zur Vergeltung eines auf Europa begrenzten Atomschlags könne von den Sowjets allzu leicht mißverstanden werden (sagt das Szenario) -- zumal schon eine einzige U-Rakete vom Typ »Poseidon C3« mit ihren zehn Sprengköpfen beträchtlichen Schaden anrichte.
Die Sowjet-Führer könnten überreagieren -- wenn sie schon so halsbrecherisch waren, Westeuropa zu überfallen. Sie könnten ihre U-Boote im Atlantik und Pazifik einsetzen. Sie könnten ähnlich schreckliche Projektile auf die amerikanische Heimaterde schleudern.
Die wechselseitige Vernichtung der beiden Supermächte wäre dann wohl kaum noch aufzuhalten -- und das alles bloß wegen Westeuropa!
Angesichts so grausiger Konsequenzen für sein eigenes Land würde der S.110 amerikanische Präsident zögern und dann mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf verzichten, die U-Boot-Raketen im Nato-Bereich für einen Vergeltungsschlag gegen die Sowjet-Union zu benutzen. Da das aber die einzige Option ist, die ihm in diesem SS-20-Szenario gelassen wird, bleibt dem Präsidenten gar nichts anderes übrig, als die westeuropäischen Gefährten in der nordatlantischen Gemeinschaft ohnmächtig ihrem Schicksal zu überantworten.
Diese Ohnmacht des Präsidenten durchschauen die in solchen Szenarien stets diabolisch scharfsinnigen und kaltblütigen Über-Untermenschen im Kreml schon im voraus. Mit tollkühner Berechnung setzen sie darauf, daß die Gegenschlagsdrohung der Nato und der USA nur ein Bluff ist.
Deshalb wagen sie ihr infernalisches Spiel um Europa -- und »ewinnen. Oder in den Worten des Ex-Marine-Stabschefs Zumwalt: Di« » Sowjets würden den Vereinigten Staaten versichern, daß sich » » ihre Kriegsziele auf den europäischen Schauplatz beschränken. » » Sie würden diesen Anspruch mit der ausdrücklichen Drohung » » verbinden, einen totalen nuklearen Angriff auf die » » Vereinigten Staaten zu unternehmen, wenn wir (die Amerikaner) » uns weiterhin (in Europa) einmischten ...
» Die Sowjets würden erklären, daß Europa sich in der » » Sowjet-Sphäre befinde und nicht in der der USA. »Ein » » Atomkrieg wäre sinnlos; die Vereinigten Staaten würden nichts » » gewinnen und könnten alles verlieren«, würden sie uns sagen. »
» Dieses sind keine sehr attraktiven Aussichten für die Nato, » » aber sie sind eine potentielle Folge davon, daß man an den » » kürzeren Hebel der militärischen Balance in Europa geraten » » ist. »
Doch die Pointe ist, daß Moskau seinen SS-20-Blitzkrieg gegen Westeuropa gar nicht mehr zu führen braucht, wenn die Kunde von der angeblichen Übermacht der Sowjets den Europäern erst richtig unter die Haut gedrungen ist -- die Kunde, die ironischerweise gerade von den warnenden Falken am lautesten umherposaunt wird.
Bald, sagt Zumwalt, bald werden die Europäer und die Amerikaner so viel Angst haben, daß sie bei einem Verzicht aufs Nachrüsten zum Nachgeben bereit sein werden. Dann braucht der Kreml keine einzige SS-20 auf den langen Weg ins Nichts zu schicken. Dann genügt die bloße »Drohung, um ohne Kampf die Auflösung der Nato und die Finnlandisierung Westeuropas zu erreichen«.
So steht es in »Von der Schwäche zur Stärke«. Und wenn es erst einmal dahin gekommen sei mit der Alten Welt, dann sei es auch nicht mehr weit bis zur »Finnlandisierung der Vereinigten Staaten«.
Nun hat dieses Szenario in seinen Vorgaben wie in seinem Ablauf zwar faktische und logische Löcher vom Ausmaß nuklearer Bombenkrater. Doch gerade die Löcher im Szenario schaffen Durchblick.
Das erste hat mit der Frage zu tun, ob die sowjetischen Raketen-Kommandeure mit ihren SS-20 auch nur entfernt imstande sind, einen »Entwaffnungsschlag« von solcher chirurgischen Präzision zu führen, daß die Nato in ganz Westeuropa von einer Minute zur nächsten wehrlos wird, die Zivilbevölkerung von Württemberg bis Yorkshire aber lebensfähig bleibt.
Ohne Zweifel ist die SS-20 erheblich zielgenauer als die alte SS-4 und SS-5, bei denen das Raketen-Kommando bestenfalls vorherbestimmen kann, in welchem Bundesland diese Megatonnen-Schleudern niedergehen.
Doch je präziser ein Projektil ist, desto geringer kann seine Explosionskraft sein. Die geringste Explosionskraft indes, die für jeden der auf der SS-20 verwendeten Sprengköpfe von Quellen in der »defense community« angegeben wird, beträgt 150 Kt gleich Kilotonnen, entspricht also der Sprengwirkung von 150 000 Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff. Das ist mehr als das Zehnfache der Atombombe, die Hiroshima vernichtet hat.
Ein Sprengkopf mit einer immer noch so riesigen Explosionswirkung ist aber für Erstschläge gegen Punktziele in dichtbesiedelten Gebieten ungefähr so geeignet wie ein Preßlufthammer für eine Gehirnoperation.
Diesen Aspekt (unter anderen) haben auch das Bundespresseamt und sein Chefstratege Lothar Ruehl in einem ausführlichen »Argumentationspapier« zum Doppelbeschluß übersehen, das jüngst an Journalisten und Politiker verteilt wurde.
Auf Blatt 44 des Papiers heißt es, die »zielgenauen SS-20-Raketen« seien »geeignet für begrenzte Angriffe auf einzelne Ziele«. Auf Blatt 48 erfährt der Leser dann, daß die »Sprengladung« je SS-20-Kopf sogar »einige 100 Kt« betrage. Doch Aufklärung darüber, wie man mit der zwanzig- oder dreißigfachen Sprengwirkung der Hiroshima-Bombe »begrenzte Angriffe auf einzelne Ziele« unternimmt, wird dem verteidigungsbewußten Staatsbürger nicht zuteil.
In Wahrheit müßten die Sowjets unabsehbare Verwüstung und Verseuchung besonders in der Bundesrepublik, aber auch in Großbritannien und Frankreich in Kauf nehmen, wenn sie beim heutigen Rüstungsstand der Nato mit SS-20-Raketen präventiv alle Luftbasen und Raketen-Einheiten ausschalten wollten, von denen aus ihrem Hinterland und ihren Truppen schwerster Schaden droht.
Selbst dann müßten die Angreifer damit rechnen, daß genügend Kernwaffen tragende Nato-Flugzeuge rechtzeitig in die Luft kommen und für sich allein schon das Sowjet-Volk auf das schrecklichste treffen könnten.
Ein »Entwaffnungsschlag« mit 90 oder 150 Sprengköpfen von mindestens je 150 Kilotonnen Explosionskraft wäre doppelt irrsinnig: einerseits unvollständig, andererseits mit millionenfachen Menschenverlusten verbunden. Am schlimmsten aber erginge es dabei den in der Bundesrepublik und England stationierten annähernd 300 000 amerikanischen Militärpersonen und ihren Angehörigen, die ja ganz überwiegend S.112 in nächster Nähe der sowjetischen Angriffsziele leben.
Auch mit einer weit präziseren und weniger massiven Waffe als der SS-20 käme der Angreifer deshalb nicht umhin, einen großen Teil dieser Bürger der Vereinigten Staaten umzubringen. Das heißt, die sowjetischen Führer müßten so verblendet sein, den Tod von mindestens 100 000 Amerikanern kühlen Sinnes einzukalkulieren und dennoch fest darauf zu bauen, daß der amerikanische Präsident dies reaktionslos hinnimmt.
Wie kommen Elmo Zumwalt und all die anderen Szenaristen westlicher Schwäche zu so abwegigen und geradezu defätistischen Annahmen?
Warum suggerieren sie der westlichen Öffentlichkeit und den Sowjets, daß der Mann im Weißen Haus nicht mehr imstande sein könnte, mit seinen Raketen-U-Booten einen Raketen-Überfall auf Westeuropa glaubhaft abzuschrecken und notfalls zu vergelten? Und das, nur weil U-Raketen von einem Salt-Vertrag erfaßt sind, dessen Ratifizierung von Leuten wie Elmo Zumwalt zu Fall gebracht worden ist?
Doch wer rüsten will, darf keinen Widerspruch scheuen in dem Bemühen, die eigene Seite so viel schwächer zu machen als sie ist. Ohne Beispiel aber ist der auch von der Bundesregierung angewandte Kniff, die amerikanischen Raketen-U-Boote als Europa-bezogene Abschreckungswaffe praktisch verschwinden zu lassen.
Die unverwundbaren Unterwasserkreuzer, die nach der Kuba-Krise die weittragenden Landraketen in Europa und der Türkei ersetzten und als ideale Waffe gegen die sowjetische Mittelstrecken-Raketendrohung begrüßt wurden -- sie schwimmen zwar noch.
Die 400 U-Boot-Nuklearköpfe, die der Nato zugeteilt wurden, sind nach wie vor auf Ziele in Osteuropa programmiert. (Sie entsprechen der Schlagkraft der zwei -- von insgesamt fünf -- Nato-Booten, die ständig »on station« und abschußbereit sind. Gesamtzahl allein der amerikanischen Raketen-U-Boote: 41. Hinzu kommen für die Nato vier britische Boote mit bisher 192 Sprengköpfen.)
Doch seit die Nachrüstung zu Lande auf dem Programm steht, herrscht Konfusion. Die US-Stabschefs zählen bei ihrem jährlichen Stärkevergleich ("Military Posture") zum Fiskaljahr 1981 die 400 unterseeischen Sprengköpfe im europäischen Nato-Bereich noch immer in der Mittelstrecken-Bilanz mit. Bei ihnen wie in der »Military Balance 1980/81« des Londoner »Institute for Strategic Studies« besteht trotz der SS-20 noch immer ein grobes Gleichgewicht zwischen Nato und Warschauer Pakt (1:1,5 nach »Military Balance").
Bei den Stärkevergleichen im Mittelstreckenbereich, die von der Bundesregierung verbreitet werden, fehlen dagegen die auf U-Booten stationierten Raketen der USA ganz und gar. Auch die britischen Boote werden dabei nicht erwähnt. Die mächtigen, mit Vernichtungskraft vollgestopften Schiffe, deren unzerstörbare Abschreckungsfähigkeit noch 1978 im Bundestag beredt beschworen wurde, haben für Bonn schlicht aufgehört zu existieren.
Kein Wunder, daß dann eine Lücke entsteht und die Sowjets plötzlich drückend überlegen erscheinen. Kein Wunder, daß das militärische Gleichgewicht in Europa rechnerisch zusammenbricht, wenn eine Hauptstütze dieses Gleichgewichts -- und das sind die U-Boote nahezu zwei Jahrzehnte lang gewesen -- jählings entfällt.
Speziell durch diesen U-Boot-Verzauberungstrick wird der Eindruck westlicher Wehrlosigkeit (im Verhältnis 1:8) gegenüber den SS-20 erweckt, durch eine krude Manipulation also, die der bundesdeutschen Öffentlichkeit gleichwohl so verborgen geblieben ist wie nur irgendein Statistikschwindel der Sowjet-Presse dem Sowjet-Volk.
Was ist da geschehen? Haben übereifrige Bonner Regierungspropagandisten im Einvernehmen mit der Nato einfach nur Zahlen frisiert, um dem Volk die Notwendigkeit zur Nachrüstung plausibel zu machen? Oder hat Washington schon zu Carters Zeiten Nato-intern wissen lassen, daß der amerikanische Präsident nicht mehr bereit ist, U-Boot-Raketen zur Abschreckung eines auf Europa beschränkten sowjetischen Angriffs zu S.114 verwenden? Daß er das mit Rücksicht auf sein eigenes Land nicht mehr riskieren kann -- wie es Zumwalts Szenario unterstellt?
Oder geht die Entdeckung der neuen Raketenlücke gar auf Helmut Schmidt zurück, der ja schon im Oktober 1977 in London erklärte, daß die strategische Parität der Supermächte fast automatisch eine »Disparität«, ein Ungleichgewicht im euro-nuklearen Bereich mit sich bringe? Diese Fragen umschreiben das Durcheinander, das in der westlichen Sicherheitspolitik eingerissen ist. Denn was sich verschlimmert hat, ist nicht so sehr die Bedrohung aus dem Osten. Was sich verschlimmert hat, sind die von den Amerikanern und den Verbündeten selbst erzeugten Zweifel an der Zuverlässigkeit und der Eigenart des »nuklearen Schutzschirms« für Europa.
Sicherheit durch Risiko
Milton Leitenberg verstand die strategische Welt nicht mehr. Der Amerikaner, der als ein besonders kenntnisreicher und unvoreingenommener Rüstungs-Analytiker gilt und im »Institut für auswärtige Politik« in Stockholm forscht, offenbarte seine Verwirrung im Frühjahr 1980 in einem Aufsatz über »Die taktischen Nuklearwaffen großer Reichweite der Nato und der WVO (Warschauer Vertrags-Organisation)«.
Woher kommt es eigentlich, fragte Leitenberg, daß in der Nato-Sicherheitspolitik »plötzlich die gesamte Betonung auf der Notwendigkeit für die westliche Allianz liegt, ein bodengestütztes Gegenstück zur SS-20 zu haben«?
Milton Leitenberg war darüber verwundert, weil er davon ausging, daß der Westen ein Gegenstück zur SS-20 längst besitzt und schon besaß, ehe es die SS-20 überhaupt gab: »Tatsächlich sind es die mit Mehrfach-Sprengköpfen bestückten amerikanischen Poseidon-U-Boot-Raketen, die das Gegenstück der Nato zur SS-20 darstellen. Sie waren auch die ersten mit Mehrfach-Sprengköpfen ausgerüsteten Mittelstreckenwaffen in Europa (1970) und nicht die »S-20 (1977).« Leitenberg weiter: Früher hielt es die Nato für » » einen Vorzug, die bodengestützten » » Quick-reaction-alert-Flugzeuge (QRA, gleich »Alarmstart"), » » die zu den euronuklearen Potentialen großer Reichweite » » beitrugen, durch zusätzliche Poseidon-Gefechtsköpfe zu » » ersetzen! Der Grund dafür war, daß letztere absolut sicher » » waren und »stabilisierend« wirkten, da sie weder durch » » konventionelle noch durch nukleare Angriffe der UdSSR » » zerstört werden konnten und damit keine nuklearen » Präventivschläge der UdSSR herausforderten ...
» Es war die eigene Entscheidung des Bündnisses, » » Poseidon-Gefechtsköpfe zu entwickeln und nicht ein » » landgestütztes System, und dies wurde als wünschenswert » » angesehen. Ein zusätzlicher Aspekt war, daß die Verlegung der » » nuklearen Mittelstreckenkapazitäten der Nato weg von land- » » auf seegestützte Basen die Zahl der Ziele auf » » westeuropäischem Territorium für die sowjetischen Raketen » verringerte.
» Auch passen die Poseidon-Gefechtsköpfe hervorragend zum » » Wunsch der Bundesrepublik, die taktischen Nuklearwaffen der » » Nato und die amerikanisch-strategische Abschreckung eng zu » » koppeln. Doch plötzlich verschwanden sie völlig aus der » » öffentlichen Diskussion. »
Die westliche Strategie schien auf einmal kopfzustehen. Da gab es schon eine Gegenwaffe gegen das neue sowjetische System -- die aber aus der Diskussion und aus dem Nato-Konzept verschwand just in dem Moment, in dem sie wirklich gebraucht wurde.
Denn sehr im Gegensatz zu dem, was die Nachrüstungs-Verfechter heute über die Unzuverlässigkeit und Zielungenauigkeit von seegestützten Raketen verbreiten, entsprechen die Merkmale der Poseidon-Raketen neuesten Typs ungefähr denen der SS-20 -- wo sie sie nicht deutlich übertreffen: durch S.115 ihre Unverwundbarkeit zum Beispiel, aber auch in ihrer Treffgenauigkeit.
Nur die frühen U-Boot-Raketen hatten einen beträchtlichen Streubereich. Die heutigen Poseidon-Projektile mit ihren je zehn Sprengköpfen dagegen sind mindestens so zielgenau wie die drei Sprengköpfe der SS-20. Ein ausgeklügeltes Navigationssystem an Bord der Boote bestimmt deren Standpunkt fortlaufend bis auf wenige Meter genau. Die maximale Zielabweichung, die in den US-Fachjournalen angegeben wird, beträgt 550 Meter bei gleicher maximaler Reichweite wie die SS-20 (4500 Kilometer) und geringerer Explosionskraft je Sprengkopf 50 Kt.
Die Poseidon ist sogar präzise genug, um SS-20-Stellungen zu treffen. Denn das russische Geschoß wird im Westen zwar als »mobil« definiert, kann aber nicht von jedem beliebigen Punkt aus abgefeuert werden, sondern nur von vorher festgelegten und ausgebauten Stellungen aus. Jede Rakete kann zwischen mehreren solcher Stellungen pendeln. Doch alle diese Stellungen sind der US-Satellitenaufklärung bekannt.
Milton Leitenberg ist nach seinen Informationen denn auch überzeugt: »Die sowjetischen SS-20 werden seit ihrem Erscheinen 1976 von ''Poseidon''-Sprengköpfen angezielt« -- die in Fernost von U-Kreuzern im Seegebiet um Japan; die in der westlichen UdSSR von U-Einheiten in Nordsee und Mittelmeer.
Statt diese zumindest folgerichtige Balance zwischen technisch annähernd gleichwertigen Waffensystemen beizubehalten, setzte nun eine Entwicklung ein, die auf den ersten Blick aussieht, als sei die Verteidigungsplanung der westlichen Allianz von dem ostfriesischen Blödelkaiser Otto Waalkes übernommen worden.
Nicht nur wurden die »Poseidon«-Raketen im euro-strategischen Konzept der Nato heruntergespielt. Zugleich forderte man nun Waffen gegen die SS-20-Bedrohung, bei denen von vornherein klar war, daß sie gegen diese Bedrohung direkt überhaupt nichts würden ausrichten können -- eben Pershing 2 und Cruise Missiles.
Beide Systeme sollen in bequemer Reichweite der SS-20 auf Land stationiert werden. Aber allenfalls einige Cruise Missiles sind ihrerseits imstande, die Stellungen der drohenden SS-20 zu erreichen. Wie kann aus einer solchen Clownerie ein Gegengewicht entstehen?
Der scheinbare Schwach-Sinn hat dennoch Methode -- eine Methode freilich, die den meisten Politikern und sogar etlichen Rüstungsfachleuten noch immer unklar ist, von der Laien-Öffentlichkeit zu schweigen. Anders ist die oft gestellte Frage nicht zu erklären, warum man das neue »Teufelszeug« (Willy Brandt) nicht auch auf dem Meer unterbringe.
Doch um Kernwaffen auf Unter- oder Überwasserschiffen zu montieren, dazu brauchte das Pentagon keinen Nato-Beschluß. Das kann es und das tut es auch so. Ronald Reagans entfesselter Flottenminister John Lehman will zum Beispiel auf den wieder in Dienst gestellten Alt-Schlachtschiffen »Iowa« und »New Jersey« Cruise Missiles plazieren.
Tatsächlich ist es beim Nato-Beschluß von vornherein um die Landstationierung der neuen Waffen gegangen.
Ein früherer hoher Beamter des Bundesverteidigungsministeriums, der an der Vorbereitung des Brüsseler Beschlusses 1979 beteiligt war, erinnert sich: »Harold Brown (Carters Pentagon-Minister) ließ kaum einen Zweifel daran, daß er an der Nachrüstung nur unter der Bedingung interessiert sei, daß sie mit Land-Raketen durchgeführt wird. Er war wohl bei seiner Army und bei der Air Force längst im Wort, daß die jetzt mit ihren Systemen zum Zug kommen sollten und nicht wieder nur die Navy.«
Das war es nicht allein. Denn es ging und geht bei der Nachrüstung in der Tat nicht um Zahlenverhältnisse von Projektilen und Sprengköpfen, nicht um ein rechnerisches Gleichgewicht oder die Gleichwertigkeit der Waffensysteme hüben und drüben. Es geht allein um zusätzliche »Optionen«, zusätzliche Wahlmöglichkeiten, die der amerikanische Präsident im Konfrontationsfall hinzugewinnt, wenn er bis in die Sowjet-Union reichende Kernwaffen auf europäischem Boden stehen hat.
Aus dem militärischen Stärkevergleich ("Military Posture") des Vorsitzenden der Vereinigten US-Stabschefs im Pentagon für das Fiskaljahr 1981: S.116 » Das Gros der nuklearen Schlagkraft der Nato gegen die » » Sowjet-Union wird weiterhin von der strategischen » » US-Streitmacht bereitgestellt ... Seit 1960 sind keine neuen » » landgestützten Raketen langer Reichweite mehr in die Nato » eingeführt worden ...
» Die Modernisierung (der Mittelstreckenwaffen) zielt nicht » » darauf ab, dem Warschauer Pakt in jedem Waffensystem zu » » entsprechen, sondern eine signifikante Schlagkraft langer » » Reichweite herzustellen, die den Umfang möglicher Antworten » » auf eine Aggression erweitert. »
Nur durch Landstützung ist nämlich ein Ziel zu erreichen, das die Washingtoner Strategen in den zurückliegenden Jahren immer dringlicher beschäftigt hat. Keiner der für den Nato-Beschluß verantwortlichen Politiker reißt sich darum, über dieses Ziel zu reden. Doch bisweilen klingt es angemessen ominös in den Erklärungen und Beschwörungen an.
Für Kanzler Schmidt ist das westliche Sicherheitsbündnis auch »eine Risikogemeinschaft, in der jedes Mitglied bei Nutzung der eigenen Vorteile bereit sein muß, die Risiken der ganzen Verteidigung solidarisch mitzutragen«. Das Ziel, das bei der Nachrüstung für Washington mit obenan steht, heißt denn auch »Risikoteilung«.
Was das bedeutet, geht schon klarer aus dem von Lothar Ruehl redigierten Argumentationspapier der Bundesregierung zur Nachrüstung hervor, das den Titel »Aspekte der Friedenspolitik« trägt. Da wird unter Punkt 20 zunächst ein viel gebrauchtes Argument der Gegner von »andraketen zitiert: Die Stationierung von landgestützten » » Mittelstreckenraketen wäre ein schwerer Fehler, da sie die » » UdSSR zu präventiven Schlägen gegen westliche » » Raketenstellungen mit riesigen Nebenschäden provozieren » » würden. Im nuklearen Mittelstreckenbereich sollte die Nato » » daher ihr seegestütztes Potential ausbauen. »
»as »Gegenargument« der Regierung für die Landstationierung lautet« » Die europäischen Nato-Staaten sind sich einig, daß ihre » » Sicherheit von der Garantie der USA abhängt, Europa auch mit » » Nuklearwaffen zu verteidigen. Diese Bereitschaft Amerikas » » bedeutet ein großes Risiko für die Existenz der » amerikanischen Nation.
» Bündnissolidarität verlangt deshalb die Bereitschaft aller » » Bündnispartner, dieses nukleare Risiko sichtbar gemeinsam zu » » tragen. Das bedeutet Stationierung von Nuklearwaffen auch auf » » europäischem Gebiet. Die europäischen Nato-Verbündeten » » Amerikas haben sich mit dem Beschluß vom 12. Dezember 1979 » » dieser Verpflichtung gestellt. »
»Das bedeutet Stationierung von Nuklearwaffen auch auf europäischem Gebiet": Als ob es in Europa noch gar keine Nuklearwaffen gäbe. Als ob die Bundesrepublik nicht schon jetzt mit atomarer Zerstörungspotenz so vollgestopft wäre, daß der britische BBC-Autor Nigel Calder vom »deutschen Nuklearvulkan« spricht.
Der amerikanischen Schutzmacht ist gleichwohl ihr Risiko zu groß. Die Pentagon-Strategen haben die Kehrseite ihrer unüberwindlichen U-Boot-Flotte im Hinblick auf Europa entdeckt. Sie fürchten (oder geben es vor), ihre U-Raketen, würden sie für die Verteidigung Europas eingesetzt, könnten ihnen den Holocaust auf kürzestem Weg ins eigene Haus bringen -- wie in dem Szenario beschrieben, das einen Raketenangriff roter U-Boote auf die USA alpträumt.
Früher galt die von den Nato-U-Booten bewirkte direkte »Ankoppelung« Europas an die strategische Vergeltungs-Streitmacht der USA stets als besonders abschreckend für die Sowjets und als wirksamster Schutz Europas. Dann aber fanden die Army und die Air Force bei ihrer rastlosen Suche nach Frieden, Sicherheit und neuen Waffensystemen, daß es besser wäre, wenn der Präsident in seiner atomaren Eskalationsleiter noch weitere Stufen zur Verfügung hätte: Stufen zwischen den »taktischen« Kernwaffen (von der Atomartillerie bis zur 750 Kilometer weit reichenden Pershing 1A) einerseits und den »strategischen« Waffen andererseits.
Die Lösung: neue landgestützte Mittelstrecken-Raketen mit einer drastisch verlängerten Reichweite bis tief in die westliche UdSSR hinein.
Ebenso wichtig aber war die neue Pentagon-Meinung, seegestützte Raketen brächten die Gefahr mit sich, daß die Eskalation und ihr Risiko bei einem in Europa ausbrechenden Krieg zu rasch und direkt auf die Vereinigten Staaten zulaufen könnte. Wie im Zumwalt-Szenario könnte das Risiko an Europa vorbei auf das US-Heimatterritorium überspringen.
Das zu verhindern ist nach dieser Doktrin nur durch neue landstationierte Waffen in Europa möglich. Nur sie sind geeignet, den Eskalationsgefahren für Amerika einen Riegel vorzuschieben, das Risiko abzublocken und zu verlagern: auf Europa.
»Der Brüsseler Beschluß ist kein sehr glücklicher deal für unsere europäischen Freunde«, sagt George W. Rathjens, Professor für politische Wissenschaft am berühmten »Massachusetts Institute for Technology« und davor Waffensystem-Analytiker im Pentagon-Thinktank »Institute for Defense Analysis«.
Rathjens, heute ein mit Intimkenntnissen aus der »defense community« ausgestatteter Kritiker des Pentagon: »Die neuen Waffen in Europa sollen dem ohnehin extrem unwahrscheinlichen Risiko vorbeugen, daß die Vereinigten Staaten zu früh und automatisch mit ihren zentralstrategischen Waffen eingreifen müssen, wenn es um Europa geht. Doch um diesem extrem unwahrscheinlichen Risiko auszuweichen, erhöhen und vervielfachen wir ein überaus reales Risiko -- die Gefahr eines auf Europa beschränkten nuklearen Kriegs.«
Die Pershings und Cruise Missiles, meint Rathjens, seien mit ihrer Reichweite tief nach Rußland hinein »praktisch strategische Waffen minderen Grades«. Damit bekomme Westeuropa und besonders die Bundesrepublik einen »little big deterrent«, ein »kleines großes Abschreckungspotential« unter US-Kontrolle. Und dieser »little big deterrent« ermögliche es, den unmittelbaren Schutz des Kontinents durch die zentralstrategische US-Streitmacht einzuschränken, S.117 ihn zumindest weniger unmittelbar zu machen.
Rathjens: »Die Tendenz geht eindeutig dahin, die nukleare Schutzgarantie auf diejenigen Waffen einzuschränken, die in Europa stehen und noch nach Europa kommen.«
Die Verfechter der Landstationierung bestreiten das. »Eine Pershing 2 bleibt eine amerikanische Waffe, die von Amerikanern abgefeuert wird, ganz gleich, von wo«, erklärt der frühere Pentagon-Minister James Schlesinger. »Wenn diese amerikanische Waffe sowjetisches Territorium trifft, dann riskieren die Vereinigten Staaten, daß die Sowjets einen solchen Schlag auch an amerikanischem Territorium vergelten und nicht nur an Europa.«
Damit sei man aber schon auf der höchsten strategischen Ebene. Mithin, behauptet Schlesinger, werde Europa durch die neuen Landraketen noch enger als bisher an das zentrale Potential der USA angekoppelt und nicht etwa abgehängt. In dieser direkten Verknüpfung liege gerade die abschreckende Wirkung der Euro-Waffen: »Sie machen nicht einen auf Europa beschränkten Krieg möglich. Sie schließen ihn im Gegenteil aus.«
Lawrence Eagleburger, im US-Außenministerium für Europa zuständig, hat diesen Standpunkt jüngst in London energisch bekräftigt und sich gekränkt gezeigt vom Argwohn der Europäer, die Amerikaner wollten ihnen das atomare Risiko einseitig aufbürden. Und was mehr ist: Sogar Georgij Arbatow, Breschnews Berater in Sachen Amerika, scheint die Ansicht Schlesingers und Eagleburgers aus seiner Sicht zu bestätigen. Im März 1981 erklärte Arbatow in Bonn zu den »achrüstungswaffen: Falls diese Raketen -- ich wiederhole, » » amerikanische Raketen -- sowjetisches Territorium treffen, » » wird der Gegenschlag nicht nur gegen jene Länder gerichtet » » sein, in denen sie abgefeuert wurden, sondern auch gegen die » » Vereinigten Staaten, und zwar genauso, als wenn diese Raketen » » in Montana (USA) gestartet worden wären. »
Was James Schlesinger den Europäern heute vorhält, widerspricht jedoch allem, was er als Nixons Verteidigungsminister (1973/74) verfocht. Sein strategisches Denken war beherrscht von der Suche nach begrenzten Optionen, die einen Atomkrieg vorstellbar machen, ohne daß es für USA und UdSSR zum Äußersten kommt. 1974 hielt er sogar ein begrenztes Atomduell der Supermächte für denkbar, bei dem nur militärische Ziele wie Raketen-Silos vernichtet werden und die Zivilbevölkerung beider Seiten möglichst verschont bleiben sollte.
Und Georgij Arbatow? Seine forschen Worte sind ein klassischer Fall dessen, was die strategische Doktrin beider Seiten eine »unglaubwürdige Drohung« nennt -- unglaubwürdig wie es eine westliche Drohung wäre, bei einem sowjetischen Angriff auf West-Berlin Atombomben auf die UdSSR zu werfen.
Denn womit will Arbatow einen Angriff mit Mittelstrecken-Raketen auf die Sowjet-Union an Amerika vergelten? Die Sowjets haben keine entsprechend präzisen Punktziel-Waffen, mit denen sie das Gebiet der USA erreichen könnten.
Willy Brandt hat dem SPIEGEL in der vergangenen Woche zwar von Spekulationen S.118 im Expertenkreis erzählt, die Sowjets könnten am äußersten fernöstlichen Ende ihres Reiches an der Beringstraße SS-20 in Stellung bringen: Die seien dann imstande, die Nordwestküste der USA bis fast nach San Francisco unter Beschuß zu nehmen. Nichts deutet bisher auf solche Stellungen hin. Und selbst wenn: Ein SS-20-Sprengkopf hat eine mindestens fünfzehnmal größere Explosionskraft als ein Pershing-Kopf.
Da könnten die Moskauer gleich ihre landgestützten Interkontinental-Raketen von Sibirien nach Montana und Nord-Dakota und Arkansas schicken, um dort militärische Ziele zu vernichten: Raketen-Silos, Fernbomber-Flugplätze.
Doch MIT-Professor und Strategie-Analytiker George Rathjens ist nicht der einzige, der das für äußerst unwahrscheinlich hält: »Soweit man sich bei diesen verrückten Berechnungen überhaupt noch einer Sache sicher sein kann, soweit ist es ausgeschlossen, daß eine rational reagierende Kreml-Führung einen beschränkten Angriff mit Mittelstrecken-Waffen auf einzelne Ziele in der Sowjet-Union mit einem Angriff auf US-Territorium beantwortet -- beschränkt oder unbeschränkt ist dabei gleichgültig. Denn das liefe auf jeden Fall auf totalen Krieg und die wechselseitige Vernichtung der Supermächte hinaus.«
Der Weltuntergang, meint Rathjens, stünde aber in einem absoluten Mißverhältnis zu dem zwar schmerzhaften, doch beschränkten Schaden, den die neuen Mittelstrecken-Waffen in der Sowjet-Union anrichten können.
Die Raffinesse und »Verführung« (Rathjens) gerade der Pershing 2 wird freilich erst bei einem genaueren Blick auf das begreiflich, was diese Waffe kann und worin sie sich von allen bisherigen Atomraketen unterscheidet -auch von der SS-20.
Knautschzone Europa
Blind wie eine Artilleriegranate fliegen die Sprengköpfe ballistischer Raketen in ihr Zielgebiet. Aber nicht der Kopf der Pershing 2 mit seinem »Terminal Guidance System« ("Endanflug-System").
Der Pershing-Kopf sieht mit Allwetter-Radaraugen zur Erde, wenn er vom Scheitelpunkt seiner Flugbahn aus 240 Kilometer Höhe auf seinen Bestimmungsort herabstürzt. Er hat in seinem Endanflug-System eine detaillierte elektronische Karte seines Zielgebiets. Er vergleicht das Realbild seines Radar-Scanners mit der eingespeicherten Zielangabe. Er korrigiert seine Flugbahn mit kleinen Ruderklappen.
Er schlägt mit einer Abweichung von höchstens 30 Metern ins Ziel. Abweichung beim bisher besten Testschuß: 12 Meter.
Mit seiner umwälzenden Endanflug-Steuerung ist der Pershing-2-Gefechtskopf mehr als zehnmal treffgenauer als die Pershing 1 A oder die SS-20. Er kommt deshalb mit einer entsprechend geringeren Sprengwirkung aus.
Für die Pershing 1 A werden Nuklearladungen von mindestens 60 Kilotonnen bereitgehalten und bis hinauf zu 400 Kilotonnen (gleich 400 000 Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff). Für Pershing 2 sind Köpfe von nur einer Kilotonne bis zu maximal 10 Kilotonnen vorgesehen (die Hiroshima-Bombe hatte 13 Kilotonnen) -- und gerade auf solche Details kommt es an.
Damit ist die Pershing 2 die erste echte Punktziel-Waffe größerer Reichweite überhaupt. Sie bedeutet waffentechnisch einen Sprung nach vorn, der von der bescheidenen Weiternummerierung von 1 A auf 2 genauso vertuscht wird wie von dem Terminus »Nachrüstung«. Doch in seinen internen Reports etwa an die zuständigen Kongreß-Ausschüsse verhehlt das Pentagon nicht, wie wichtig es sei, militärische Punktziele beim Gegner mit möglichst geringer Atomladung und »minimalem Kollateralschaden« zu zerstören, also mit möglichst geringem »Nebenschaden« für zivile Personen und Einrichtungen.
Denn in der Otto-Waalkes-Logik des Wettrüstens geht es ja seit längerem nicht mehr darum, den Gegner möglichst vernichtend zu treffen -- diese Fähigkeit besitzen beide Supermächte in überreichem Maß.
Heute ist vielmehr das Ziel gerade der amerikanischen Strategen, dem Gegner punktuelle Schläge anzudrohen, die ihm zwar weh tun, aber nicht so schlimm sind, daß sie ihn dazu provozieren, mit seinen strategischen Vergeltungswaffen zurückzuschlagen. Genauer: auf die Vereinigten Staaten zurückzuschlagen.
Diese Entwicklung begann schon mit den nuklearen Gefechtsfeld-Waffen für Europa, mit den atomaren Artilleriegranaten und den Raketen kürzerer Reichweite. Sie sind für den Fall gedacht, daß die Sowjets mit ihren widerwilligen Verbündeten einen konventionellen Angriff auf die Bundesrepublik unternehmen, den Bundeswehr und Nato-Streitkräfte mit konventionellen Mitteln nicht stoppen können.
Dann sollen -- und zwar von westlicher Seite zuerst -- Atomwaffen eingesetzt werden, um die östliche Offensivarmee zum Stehen zu bringen und zum Rückzug zu zwingen.
Kein Nato-Stratege hat je angenommen, daß ein solcher nuklearer Ersteinsatz auf dem Schlachtfeld Deutschland unmittelbar zu einem Vergeltungsschlag der Sowjets gegen die Vereinigten Staaten führen könne. Man nahm es selbst dann nicht an, wenn man sich ausmalte, daß der Warschauer Pakt gewaltige Truppenverluste erleidet.
Man glaubte und glaubt immer noch, die Sowjets würden entweder den Kampf abbrechen oder selbst atomare Gefechtsfeld-Waffen anwenden. Wenn sie nicht zu einem Weltuntergangs-Krieg entschlossen sind, würden sie jedenfalls alles tun, um ihre Gegenreaktion auf Europa und möglichst nur auf Mitteleuropa zu beschränken. Denn sie S.119 müssen nicht nur ein interkontinentales Duell mit den USA verhindern, sondern auch eine Verzweiflungsattacke von Frankreichs »Force de frappe« auf die Sowjet-Union.
Der verstörte Zeitgenosse mag daraus mit Erleichterung schließen, wie extrem unwahrscheinlich eine östliche Offensive in Mitteleuropa selbst dann ist, wenn der Konflikt auf Mitteleuropa begrenzt bleibt und nicht zum letzten Showdown der Supermächte führt.
Kühn denkende Berufs- und Amateurstrategen, an denen es in Washington schon vor der Reagan-Administration nicht mangelte, ziehen jedoch ganz andere Folgerungen. Sie sind fasziniert von den erstaunlichen Möglichkeiten, die sich aus den neuen Mittelstrecken-Waffen und einem erweiterten Ersteinsatz-Konzept gewinnen lassen -- bei gleichzeitiger Begrenzung des Risikos auf Europa.
»Diese Pershing-Babys sind doch nicht dazu da, einen ''Entwaffnungsschlag'' der Sowjets auf Westeuropa mit SS-20 abzuschrecken oder zu vergelten. So etwas macht man nicht mit solchen Präzisionswaffen«, erklärt MIT-Professor Rathjens. »Man schlägt nicht mit Einzelsprengköpfen von nur 1 bis 10 Kilotonnen Ladung zurück, wenn man gerade 150-Kilotonnen-Brocken ins Genick bekommen hat.«
Aber wozu sollen sie dann gut sein? Rathjens: »Nach dem Sturz des Schahs war schon die Regierung Carter darauf erpicht, einen Zustand für sich wiederherzustellen, den man ''dominant deterrence'' (''Abschreckungsdominanz'') nennt. ''Dominant deterrence'' bedeutet, daß ich meinen Gegner mehr abschrecke als er mich, daß ich ihn also in einer Konfrontation psychologisch stärker unter Druck setzen kann als er mich. Mit Pershing 2 und den Cruise Missiles als Back-up-System könnte man so etwas durchaus versuchen.«
Das sähe dann so aus: Washington will Moskau zum Stillhalten oder Nachgeben zwingen bei einer Krise, die ihren Ursprung gar nicht in Europa zu haben braucht. Washington droht Moskau einzelne Schläge mit der Präzisionswaffe Pershing 2 an, Schläge mit »minimalem Nebenschaden« auf Militärziele in Westrußland.
Diese Drohung brächte die Männer im Kreml in eine schwere Zwangslage: Ihre Gegendrohung, jede Verletzung sowjetischen Territoriums mit einem Angriff auf das Gebiet der USA zu ahnden, ist unglaubwürdig. Sie haben nicht die Waffen für entsprechend präzise Gegenschläge. Sie müßten, selbst wenn sie nur ein paar Projektile abfeuern, ungleich schlimmer wüten und mit einem wiederum schlimmeren Drittschlag der Amerikaner rechnen. Sie müßten den totalen Krieg riskieren.
Glaubhafter wäre eine sowjetische Gegendrohung gegen eine entsprechende Zahl amerikanischer Militärbasen in der Bundesrepublik. Aber selbst dann sähen sich die Kremlführer einer mehr als haarigen Situation gegenüber, wenn die angekündigten Pershing 2 wirklich bei ihnen detonieren und sie zum Gegenschlag ausholen wollen. Denn aus der Bundesrepublik und Westeuropa starren ihnen dann die noch nicht eingesetzten Pershing 2 und, dahinter, die 464 Cruise Missiles entgegen.
Sollten die Sowjets die US-Militärbasen in der Bundesrepublik treffen wollen, dann müßten sie auch da mit ihren plumperen Geschossen sehr viel mehr Schaden anrichten, als bei ihnen selbst durch den begrenzten Erstschlag entstanden ist. Dann müßten sie mit Gewißheit auch eine neuerliche eskalierte Attacke von Pershings und Cruise Missiles fürchten. Und die Sprengköpfe der Cruise Missiles haben schon bis zu 200 Kilotonnen Explosionskraft.
Wollten die Sowjetführer die drohende Steigerung der Schläge durchkreuzen, müßten sie selbst halsbrecherisch eskalieren. Sie müßten nicht nur die restlichen Pershings und die Cruise Missiles ausschalten, sondern alle Flugzeuge, die aus dem europäischen Nato-Raum Atombomben in die Sowjet-Union tragen können. Das wäre das Ende zumindest der Bundesrepublik in ihrer vertrauten Gestalt.
Es würde den Sowjets trotzdem wenig nützen. Nicht nur würden immer noch unerträglich viele Flugzeuge und Raketen ihre Ziele in der UdSSR erreichen, weil die Nato-Streitkräfte in höchster Alarmbereitschaft wären. Vor allem stünden die Männer im Kreml-Bunker dann vor den nächsten und höchsten Eskalationsstufen, vor den U-Boot-Raketen, den B-52-Fernbombern, den Interkontinental-Raketen.
Angesichts dieses Horrortrips wären die Sowjets gut beraten, bei der Ausgangs-Konfrontation gleich stillzuhalten oder nachzugeben -- bevor auch nur die erste Pershing 2 ihr Ziel gefunden hat. Sagt die Lehre der »Abschreckungsdominanz«, auch »Eskalationsdominanz« oder »Eskalationskontrolle« genannt.
Diese Lehre ist keine Science-fiction überängstlicher Pentagon-Kritiker. Sie S.121 ist keine Stammtisch-Strategie ultrarechter Hurrapatrioten. Sie ist auch vor Reagan wiederholt als offizielle strategische Doktrin der Vereinigten Staaten bestätigt worden, zuletzt von Jimmy Carter im August 1980, als er unter dem Druck der Reagan-Kandidatur Härte zu demonstrieren versuchte.
Er setzte die »Präsidialdirektive 59« in Kraft, ein geheimes Papier zur nuklearen Zielplanung, das nach Auskunft von Pentagon-Minister Harold Brown »selektive Einsätze gegen militärische Ziele in der Sowjet-Union« an den Anfang der »nuklearen Optionen« des Präsidenten stellte. Das sei eine »Verfeinerung der strategischen Doktrin angesichts der gegenwärtigen Bedingungen und der gegenwärtigen Möglichkeiten« -- was für Eingeweihte mühelos als Anspielung auf die verfeinerte Punktziel-Präzision der kommenden Waffen zu verstehen war.
Ronald Reagans Militärberater verfochten die gleiche Get-tough-Politik -- nur viel radikaler. Schon Anfang 1980 übten Reagans Leute harte Kritik an der nuklearen Modernisierung in Europa, weil sie ganz ungenügend und außerdem mit diesem sonderbaren Verhandlungsangebot an Moskau belastet sei.
»Ich war bekümmert, wieviel politisches Kapital aufgewandt werden mußte, um die (Nato-)Allianz zu diesem Beschluß (von Brüssel) zu bringen, zumal er nur als Teil eines langfristigen Vorhabens betrachtet werden sollte, unsere militärische Position vollständig zu reorganisieren«, erklärte Richard Burt, heute Chef des »militärpolitischen Büros« im Außenministerium unter General Haig.
Burt hält es für einen »gefährlichen Präzedenzfall, daß wir keinen (Rüstungs-)Beschluß mehr fassen können, ohne ihn mit Rüstungskontrolle zu verknüpfen«. Vor allem reiche die Zahl der geplanten Waffen für eine grundlegend verstärkte Position keineswegs aus. Denn Richard Burt würde es vorziehen, wenn schon, dann einen kompletten Atomkrieg mit der Sowjet-Union von Europa aus führen zu »önnen. Wörtlich in »Von der Schwäche zur Stärke": Wenn wir dort » » (in Europa) nur eine symbolische Fähigkeit besitzen, einige » » sowjetische Ziele zu zerstören, dann wissen die Europäer und » » ganz gewiß auch die Sowjets, daß sie mit einem wirklich » » effektiven Schlag erwidern können, und wir dann gezwungen » » sind, auf eine Ebene zu eskalieren, die wenig schmackhaft » » ist. »
Ein anderes Reagan-Team unter William Van Cleave, die »Madison-Gruppe«, hat schon kurz nach der Wahl Reagans gefordert, die Zahl der neuen Mittelstrecken-Waffen in Westeuropa gegenüber dem Nato-Beschluß von 1979 um das Doppelte aufzustocken und die Reichweite der Pershing auf 2500 Kilometer zu verlängern.
»Diese Leute wollen natürlich nicht wirklich einen Atomkrieg in Europa oder sonstwo. Sie rennen nur der Fata Morgana einer Stärke und einer Waffenvielfalt hinterher, die ihnen erlauben soll, den Sowjets nukleare Schläge jeder nur vorstellbaren Sorte anzudrohen. Und zwar ''glaubhaft'' -- das ist das Fetisch-Wort.«
Der dies sagt, ist ein ehemaliger Pentagon-Insider, Earl Ravenal, bis 1969 ein Direktor für Waffensystem-Analyse im Stabsbüro des Verteidigungsministers. Schon während der Carter-Administration habe sich bei den Vereinigten Stabschefs der Drang geltend gemacht, trotz der Salt-Verträge »wieder Positionen aufzubauen, von denen aus man die Sowjets bei Konfrontationen durch psychologischen Druck und ''glaubhafte Drohpotentiale'' zum Nachgeben zwingen kann«.
Die besondere Glaubhaftigkeit von Pershing 2, meint Ravenal, liege nicht nur in ihrer Präzision und daran, daß sie weniger »zivile Nebenschäden« verursache als jede andere Atomwaffe längerer Reichweite: »Die besondere Glaubhaftigkeit der neuen Mittelstrecken-Waffen liegt mehr noch in ihrem Standort Europa. Wir bedrohen das russische Kernland von Westeuropa aus mit begrenzten Schlägen und bieten den Russen damit gleichzeitig an, ihren Gegenschlag auf Westeuropa zu beschränken, wenn dieses Spiel mit Drohung und Einschüchterung schief geht.«
Es jucke die Reagan-Strategen, wieder »Chicken« mit den Sowjets zu spielen wie einst in der Kuba-Krise, konstatiert MIT-Professor Rathjens.
»Chicken« ist eine durch James Dean und seinen Film »... denn sie wissen nicht, was sie tun« auch in Europa bekannt gewordene Übermutprobe gelangweilter Teenager: Zwei Jünglinge rasen mit ihren Autos frontal aufeinander zu. Wer zuerst ausweicht, ist ein »Chicken« ("Hühnchen« gleich »Feigling") und hat verloren.
»Wenn die beiden Supermächte bei künftigen Konfrontationen wieder aufeinander zurasen«, erklärt George Rathjens, »sollen wieder die Russen als erste ausweichen, weil sie sich bedrohter fühlen. Aber wenn sie es nicht tun, dann hätten die Supermächte künftig Westeuropa zwischen sich als atomaren Puffer. Oder, um im Auto-Bild zu bleiben, als Knautschzone. Wenn die beiden Karren aufeinanderprallen, geht zwar die Knautschzone Westeuropa zu Bruch. Aber sie bremst auch den Zusammenprall ab und könnte, wenn die Eskalation dann abgebrochen wird, sogar dafür sorgen, daß die Fahrgastzellen der Supermächte erhalten bleiben. Die sowjetische wäre zwar stellenweise demoliert, aber die Amerikaner in der westdeutschen Knautschzone wären ja auch aufs schwerste in Mitleidenschaft gezogen.«
Doch wenn die »Chicken«-Spieler dann zur Besinnung kommen, bliebe Amerika selbst unangetastet, bliebe auch die Existenz der Sowjet-Völker gewahrt. Nur die Knautschzone Europa wäre stark verformt.
Im nächsten Heft
Gutachten der US-Rüstungskontrollbehörde: Cruise Missiles könnten Sowjets zu Überreaktionen provozieren --Wie beim Nachrüstungsbeschluß rein politische Gesichtspunkte dominierten und die riskanten neuen Eigenheiten der Nachrüstungswaffen von den Regierenden übersehen wurden -- Die Globalstrategie der Reagan-Regierung: Wie die nachgerüstete Nato in Europa Flankenschutz geben soll bei der Verteidigung der Ölquellen im Nahen Osten
S.106Bei Damascus (US-Bundesstaat Arkansas).*S.107Aufnahmen aus einer Sendung des DDR-Fernsehens über sowjetischeRaketenrüstung;*Aufnahmen aus einer Sendung des DDR-Fernsehens über sowjetischeRaketenrüstung;*unten: Ehrung der Opfer eines Raketenunfalls.*