»Schießplatz der Supermächte«
Der US-Air-Force-Stützpunkt Homestead liegt täuschend friedlich und von Palmen umkränzt auf einem trockengelegten Stück Land am Rand der Everglades-Sümpfe in Südflorida. An diesem idyllischen Ort konferierte an zwei verregneten Apriltagen des Jahres 1979 die höchst geheime »Nukleare Planungsgruppe« der Nato, die für die Atomwaffen des Bündnisses und deren Einsatz-Ziele zuständig ist.
Unter dem Vorsitz von Nato-Generalsekretär Luns hatte sich ein Ausschuß von sechs Nato-Verteidigungsministern versammelt -- denen der USA, der Bundesrepublik, Britanniens, Italiens, Hollands und Norwegens. Mit hohen Offizieren seines Stabs war als Nato-Oberbefehlshaber Europa auch Alexander Haig präsent.
Ein Tagungsthema war die von der deutschen Bundesregierung bald als »Nachrüstung« umschriebene Modernisierung der atomaren Mittelstreckenwaffen in Europa. Doch es zeigte sich, daß es da gar nicht mehr viel zu diskutieren gab.
Die Amerikaner, angeführt von Carters Pentagon-Minister Harold Brown, legten den Europäern nach monatelangem Zahlenwirrwarr über Träger und Köpfe einen bereits bis ins Detail fixierten Plan vor, wie viele neue Atomwaffen sie an welchen Plätzen der Alten Welt zu stationieren wünschten. Insgesamt 572 Waffensysteme sollten wie folgt verteilt werden:
* 108 »Pershing 2«-Raketen sollten ausschließlich auf bundesdeutschem Boden placiert werden.
* Von 464 tieffliegenden und deshalb für den Gegner schwer zu ortenden Cruise Missiles (zu deutsch »Marschflugkörper« genannt) sollten S.123 96 in die Bundesrepublik, die übrigen nach Großbritannien, Italien, Belgien und Holland.
Willem Scholten, der niederländische Minister, meldete sogleich Vorbehalte an wegen des politischen Widerstandes, der in seinem Land zu erwarten sei. Der Verteidigungsminister der britischen Labour-Regierung, Fred Mulley, wies auf ähnliche Probleme in seiner Partei hin, hielt sich aber zurück: Das Ende der Labour-Regierung in den Unterhaus-Wahlen des folgenden Monats war schon abzusehen.
Doch auch dem deutschen Vertreter, Verteidigungsminister Hans Apel, schienen Bedenken zu kommen.
Vorsichtig warf Apel in Homestead die Frage auf, ob den Stationierungsländern nicht eine Einspruchsmöglichkeit eingeräumt werden müsse, eine Art Vetorecht gegen den Einsatz dieser neuen amerikanischen Atomwaffen vom eigenen Territorium aus. Denn ganz ohne Frage (so Apel) nehme gerade die Bundesrepublik Deutschland mit diesen Waffen große zusätzliche Risiken auf sich.
Im Gegensatz zu den gegenwärtig in der Bundesrepublik stationierten Nuklearkampfmitteln (so Apels Argument) könnten die neuen US-Flugkörper von deutschem Boden aus tief in das Gebiet der Sowjet-Union eindringen. Die Pershing 2 werde nur wenige Minuten brauchen, um Ziele in Westrußland zu erreichen. Bei einem Einsatz dieser Raketen gegen die Sowjet-Union müsse die Bundesrepublik mit einem vernichtenden Gegenschlag eben jener SS-20-Raketen rechnen.
Mit diesen Hinweisen begründete der deutsche Verteidigungsminister den Wunsch nach deutscher Mitentscheidung in einer Sache, bei der es möglicherweise um Sein oder Nichtsein des S.126 deutschen Volkes geht. Der Vertreter Italiens, Attilio Ruffini, schloß sich dem Ansinnen Hans Apels an.
US-Verteidigungsminister Harold Brown erwiderte, an ein Vetorecht sei nur zu denken, wenn die Verbündeten mindestens die Hälfte der Kosten der neuen Waffensysteme übernähmen -eine Antwort, die nach den Worten eines britischen Informanten »Ruffini sichtlich erbleichen ließ«.
Doch Harold Brown wollte seine Kollegen nur ein wenig auf den Arm nehmen. Denn in Wahrheit war weder die Regierung Carter noch ist die Regierung Reagan einen Augenblick lang bereit, ihre alleinige Verfügungsgewalt über die neuen Waffen in irgendeiner Weise einzuschränken. Washington würde ein solches Entgegenkommen selbst dann verweigern, wenn die Verbündeten die Gesamtkosten der Nachrüstung (letzter Voranschlag: 14 Milliarden Mark) zu übernehmen versprächen.
Keine Mitentscheidung also für die Deutschen -- obwohl es dabei nicht um Mitbesitz an Atomwaffen geht, nicht um den »Finger am Abzug«. Es geht um den »Finger am Sicherungsflügel«, um eine Möglichkeit, die Benutzung dieser Waffen notfalls zu verhindern, wenn die verantwortliche deutsche Regierung überzeugt ist, dadurch Schaden vom eigenen Volk abzuwenden, vielleicht sogar den Totalschaden atomarer Vernichtung.
Bonn wird kein Veto dagegen haben. Es wird keine deutschen Offiziere geben, die bei den neuen Waffen stationiert sind und einen zweiten Schlüssel in Händen haben, ohne den die Raketen und Cruise Missiles auf deutschem Boden nicht abzufeuern wären.
Sind diese Raketen und Marschflugkörper wie geplant erst einmal aufgestellt, dann sind die Vereinigten Staaten im äußersten Fall in der Lage, von der Bundesrepublik aus einen Schlag gegen die Sowjet-Union zu führen -- auch wenn die Bundesregierung dagegen protestiert.
Die Bundesregierung hat diesem Nachrüstungsbeschluß zugestimmt. Intern haben sich die führenden Männer der Koalition davon überzeugt, daß es sogar besser sei, wenn die Amerikaner die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Waffen behalten: Nur dann könnten die neuen Nukleargeschosse ihre abschreckende Wirkung auf die Gegenseite voll entfalten.
Denn wenn die Bonner ein Mitspracherecht und einen zweiten Schlüssel besäßen, könnten die Sowjets darauf spekulieren, daß die Deutschen bei einem begrenzten Atomschlag aus dem Osten zwar nicht rot, aber erst recht nicht tot sein wollen, und den amerikanischen Vergeltungsschlag vereiteln in der Hoffnung, ihr Volk vor der drohenden Katastrophe zu bewahren.
Die Amerikaner dagegen (so das Argument) wären so zimperlich nicht. Von ihnen müßten die Sowjets annehmen, daß sie die Waffen auch einsetzen. Und eben weil die Amerikaner auf dem fremden Boden Deutschlands nicht so zimperlich zu sein brauchten, stelle die amerikanische Alleinverfügung über diese Waffen für die Sowjets ein glaubwürdigeres Risiko dar. Und das wiederum bedeute mehr Sicherheit für die Bundesbürger.
Ein solches Abschreckungskalkül ist bei Stabsbesprechungen im Bonner Auswärtigen Amt und im Kanzleramt tatsächlich mit Zustimmung diskutiert worden. Doch es ist nicht die einzige Absonderlichkeit, die der Nachrüstungsbeschluß und ein endlos eskalierendes Abschreckungskonzept in die Überlegungen der Bonner Regierung hineingetragen haben.
Sogar von einem Bundestagsabgeordneten der SPD, der früher als ein Exponent des linken Flügels galt, sind im privaten Gespräch erstaunliche Dinge über den wahren Zweck der Nachrüstung zu hören. Mit den neuen bis weit in die Sowjet-Union hineinreichenden Raketen und Flugbomben auf deutschem Boden schaffe man »neue und erstrangige Atomziele für die Sowjets«.
Aber (wendet der verblüffte Zuhörer ein) das ist doch gerade das, was die S.127 Gegner der Nachrüstung am schärfsten kritisieren!
Diese Leute (entgegnet der Abgeordnete) hätten eben nicht begriffen, worum es gehe. Denn dann müßten die Sowjets, wenn sie einen erfolgversprechenden Angriff auf Westeuropa unternehmen wollten, unbedingt erst einmal sämtliche 572 weitreichenden Systeme dieser Art in Westeuropa ausschalten -- darunter die 204 Ziele in der Bundesrepublik.
Der Abgeordnete weiter: »Um das zu schaffen, müssen die Sowjets einen riesigen Überraschungsangriff mit SS20-Raketen starten. Da die westlichen Systeme außerdem mobil sind, müßten die Sowjets gegen jedes System mehrere Atomsprengköpfe einsetzen. Das heißt, sie müßten bereit sein, große Teile der Stationierungsländer total zu verwüsten. Doch wenn sie dazu bereit sind, müssen sie fest damit rechnen, daß dann die Amerikaner auf die höchste Eskalationsstufe schalten und ihre globalen Vergeltungswaffen in Richtung Sowjet-Union in Marsch setzten. Also werden die Sowjets den Überfall doch lieber bleiben lassen.«
Der Abgeordnete der SPD ist mit seiner Beweisführung zufrieden. Gewiß (sagt er), ihm komme das auch ein bißchen krank vor. Aber so sehe sie eben aus, die Logik der Abschreckung.
Und wenn Amerikaner und Sowjets sich nach Verwüstung der Bundesrepublik über den »Heißen Draht« Washington -- Moskau doch darüber verständigen, den Konflikt abzubrechen, statt sich nun auch noch gegenseitig den Garaus zu machen?
Der Abgeordnete hebt die Schultern: »Ohne das Vertrauen auf die Amerikaner ist das westliche Bündnis erledigt.«
Aber darf so viel Vertrauen sein? Darf ein deutscher Volksvertreter hinnehmen, daß sein Land noch deutlicher als bisher zu einem »erstrangigen Atomziel« gemacht wird -- selbst wenn er es in der verdrehten Hoffnung tut, den Atomtod gerade dadurch zu verhüten?
Dürfen der Bundeskanzler und sein Vizekanzler in dieser Sache auf ein Vetorecht verzichten? Dürfen sie die Verantwortung für den Fortbestand des eigenen Volkes in völliger Selbstaufgabe an den amerikanischen Präsidenten abtreten? (Oder an denjenigen, wer immer es sei, der in Washington gerade das Kommando zu haben glaubt -- wie jüngst Alexander Haig nach dem Attentat auf Ronald Reagan?)
Fundamentale Fragen zum Thema Nachrüstung und Sicherheitspolitik. Fragen, die anderthalb Jahre nach dem Brüsseler Nachrüstungsbeschluß noch immer unbeantwortet sind.
Warum scheinen die Regierenden in Washington an den neuen Waffen heute -- zumindest nach dem Amtsantritt des Containment-Politikers Ronald Reagan -- dringender interessiert als die Europäer, deren Schutz sie doch dienen sollen? Wie reimt sich das Verhandlungsangebot des Doppelbeschlusses mit der erkennbaren Entschlossenheit der US-Regierung, die geplanten 572 Waffensysteme -- Gespräche hin, Moratoriumsvorschläge her -- auf jeden Fall nach Europa zu bringen, und womöglich noch mehr? S.128
Alarmierend ist allein schon, daß die führenden Bonner Politiker nicht willens oder außerstande sind, solche Fragen in einem größeren Erklärungszusammenhang plausibel zu beantworten. Helmut Schmidt spricht vom Ost-West-Gleichgewicht der Mittelstreckenwaffen, das in Europa hergestellt werden müsse. Aber er sagt nicht, warum zusätzliche westliche Waffen auf dichtbesiedeltem Land stehen sollen.
Zwar räumt er ein, ihm wäre es auch lieber, wenn die zusätzlichen westlichen Waffen statt auf dem Land auf verborgenen und daher unverwundbaren U-Booten stehen könnten, macht sich aber ohne viel Schnickschnack den Standpunkt der Amerikaner zu eigen, die Umrüstung auf See sei heute zu zeitraubend und zu kostspielig. Keiner fragt mehr, warum dies nicht schon 1978/79 erwogen worden sei.
Hans-Dietrich Genscher sagt, Landraketen seien abschreckender für den Gegner. Aber er unterschlägt das unvergleichlich höhere Risiko dabei. Er verschweigt, daß ein Versagen dieser Art von Abschreckung auf die physische Vernichtung des größten Teils seiner bundesdeutschen Wähler und Nichtwähler hinausliefe. Daß es Abschreckung durch die Bereitschaft zum völkischen Selbstopfer wäre, eine »selbstmörderische Drohung«, wie Carl Friedrich von Weizsäcker, der Friedensforscher, schon vor dem Nachrüstungsbeschluß ungehört warnte.
Niemand bestreitet, daß die Aufstellung modernster sowjetischer Mittelstreckenraketen die Bundesrepublik gefährdet. Aber ist die Aufstellung modernster amerikanischer Raketen in Reichweite der sowjetischen Sprengköpfe der richtige Weg, das Leben in der Bundesrepublik weniger gefährlich zu machen?
Statt auf diese offenen Probleme ihrer Sicherheitspolitik einzugehen, beschwören die Regierenden die deutsche Bündnistreue, beschwören sie ihre unruhigen Parteifreunde, »Bekenntnisse zur Nachrüstung« abzulegen, beschwören sie vor allem die sowjetische Bedrohung.
Furchterregende SS-20
Im Frühjahr 1975 entdeckte das Kamera-Auge eines amerikanischen Aufklärungssatelliten die erste offenkundig einsatzbereite sowjetische Rakete des Typs, den das Pentagon SS-20 nannte (wobei »SS« für »Surface-to-Surface« gleich »Boden-Boden«-Rakete steht).
Diese Rakete stand auf Kamtschatka, auf der wurmfortsatzähnlichen kahlen Halbinsel am äußersten fernöstlichen Ende der Sowjet-Union. Aber warum stand sie dort? Wo zielte sie hin? Nach Japan, nach China? Oder auf die amerikanischen Aleuten-Inseln und den US-Bundesstaat Alaska?
Das war zunächst nicht auszumachen. Erst als die Sowjets in Ostsibirien und am Ochotskischen Meer weitere Exemplare der neuen Rakete aufstellten, sahen die Satellitenphoto-Auswerter in Washington klarer.
Die SS-20 visierten eindeutig den ehemaligen sozialistischen Bruderstaat an, die Volksrepublik China. Sie guckten in Richtung der chinesischen Fern- und Mittelstrecken-Raketen. Seit Mitte der siebziger Jahre zielen diese Waffen von Nordost-China und von westlich der äußeren Mongolei aus in den sibirischen Unterleib der UdSSR. Bis heute wurden von US-Satelliten mehr als 170 chinesische Raketensilos und -stellungen entdeckt.
Ende 1976 tauchte die SS-20 in der europäischen Sowjet-Union auf. Bei ihrer Konferenz im Juni 1977 in Ottawa nahm die Nukleare Planungsgruppe der Nato zur Kenntnis, daß nun auch Westeuropa Ziel der neuen sowjetischen Waffe werde, die eine Reichweite von mehr als 4000 Kilometern haben sollte. In ihrem Kommunique betonten die Verteidigungsminister »die Notwendigkeit fortgesetzter Bemühungen zur Verbesserung der Effektivität der Nato-Nuklearstreitkräfte«.
Mit »Verbesserung« war damals unter anderem die Neutronenwaffe gemeint, die das Pentagon in Europa einführen wollte -- die Waffe, die tote Gegenstände schont, Menschen aber durch erhöhte Atomausstrahlung um so zuverlässiger tötet und von der Egon Bahr sagte, sie sei ein »Symbol der Perversion des Denkens«.
Die Europäer zauderten vor der Neutronenbombe und versuchten sich beim Jasagen dazu gegenseitig vorzuschieben. Der damalige Nato-Oberbefehlshaber Europa, Alexander Haig, ermahnte sie mit immer nachdrücklicheren Verweisen auf die »supermoderne Mittelstrecken-Rakete SS-20«.
Vergebens. Die Europäer fühlten sich nach Jahren der Entspannung einfach noch nicht genügend bedroht, um die Notwendigkeit neuer Waffen einzusehen. Präsident Carter zog sein Bomben-Angebot zurück. Heute erinnert sich Alexander Haig an diese lasche »ntspannungszeit: Als ich zur Nato kam, stellten die Leute nicht » » nur in Frage, ob es einen Zuwachs im sowjetischen Potential » » gebe. Sie stellten in Frage, ob es überhaupt eine Bedrohung » » gibt. »
Haig tat sein Bestes, Bedrohtheitsgefühle wiederzuerwecken. Und das Pentagon war nach der Neutronen-Blamage grimmig entschlossen, sich mit dem nächsten großen Projekt zur nuklearen Modernisierung durchzusetzen -- mit der Pershing-2-Rakete der US-Army und den Cruise Missiles der US-Luftwaffe.
Beide Waffenprogramme waren von langer Hand vorbereitet worden und befanden sich bereits in der Entwicklung, als die SS-20-Drohung ihre Schatten über die Nato zu werfen begann.
Die Martin Marietta Corporation in Orlando (Florida), Herstellerin von Pershing 1 und 1A, hatte schon im Februar 1969 von der Army einen »Studien-Auftrag« erhalten, nachzudenken über eine »glaubwürdigere« taktische Nuklearwaffe. Sie sollte vor allem präziser treffen als bisherige Systeme und durch ihre Zielgenauigkeit unnötig starke atomare Sprengladungen überflüssig machen.
Martin Marietta kam zu dem Schluß, eine verbesserte Pershing-Rakete mit einem völlig neuen Präzisions-Zielgerät wäre genau das, was die Army brauche. Im Mai 1971 schloß das »Raketen-Kommando« der Army mit Martin Marietta einen Kontrakt über konstruktive Vorarbeiten an einem »Terminal Homing System« ("Endanflug-System").
Die US-Luftwaffe stand da nicht nach. Ein Entwicklungsauftrag für Cruise-Missile-Flugkörper läuft seit 1970 bei General Dynamics, dem größten amerikanischen Rüstungskonzern, ein anderer bei der Firma Boeing. Drei verschiedene Versionen wurden und werden angestrebt: eine Cruise S.129 Missile namens »Tomahawk«, die von Flugzeugen aus gestartet werden kann, ein »landgestützter« und ein »seegestützter« Flugkörper.
Allerdings gingen die Arbeiten an zukunftsweisenden Waffen in den Jahren des Vietnam-Desasters nur schleppend voran. Im Fiskaljahr 1975 zum Beispiel gewährte der kriegsmüde Kongreß in Washington nur zwei Millionen Dollar für die Weiterentwicklung des Gefechtskopfes der geplanten Pershing 2. Die Volksvertreter hatten Zweifel, ob die neue Rakete für Europa wirklich nötig sei.
Das war der Tiefpunkt des amerikanischen Selbstzweifels, die Talsohle der Rüstungskonjunktur. Doch drei Jahre später kreisten die Falken schon wieder völlig erholt ums Capitol und scheuchten die Tauben zuhauf mit ihren Warnungen vor einer dramatisch wachsenden sowjetischen Gefahr. Die Sowjet-Union hatte sich seit ihrem Vordringen in Äthiopien, Angola, Afghanistan und Jemen nicht so entspannungsfreundlich verhalten, wie die arglosen Entspannungsfreunde um Carter erwartet hatten.
Nun war auch die Army nicht mehr um eine Antwort verlegen, wenn man sie nach dem Sinn ihres Pershing-Neuentwurfs fragte: Die drohende SS-20 gab ihm den Sinn.
Im Monat nach dem Schah-Sturz, Februar 1979, vergab die Army an Martin Marietta einen Vierjahresvertrag über 360 Millionen Dollar zur kompletten Durchkonstruktion von Pershing-2-Prototypen. Als Unterkontraktor übernahm die Aerospace-Gruppe des Goodyear-Konzerns den Bau des revolutionären neuen Zielgeräts, das den Gefechtskopf der Rakete nach den Vorausberechnungen auf 30 Meter genau auf ein bis zu 1800 Kilometer entferntes Feindobjekt lenken sollte.
Februar 1979 -- das war zwei Monate vor der Konferenz der Nuklearen Planungsgruppe auf dem Air-Force-Stützpunkt Homestead und zehn Monate vor dem Brüsseler Nato-Beschluß zur Modernisierung der Kernwaffen.
Die Bedrohungsdaten, auf die sich die Politiker der Nato-Mitgliedstaaten bei ihrem Beschluß stützten, stammen notgedrungen ausschließlich aus der Washingtoner »defense community« ("Verteidigungsgemeinde"). Zu ihr zählen das Pentagon und seine Aufklärungsdienste, der vom Pentagon unabhängige Nachrichtendienst CIA und die zahlreichen »Denkfabriken« für technische und strategische Analysen und Studien.
Satelliten der Aufklärungsdienste spähen in die entlegensten Winkel der Sowjet-Union. Auf den Bildern, die sie liefern, sind bei optimalen Bedingungen Objekte bis zur Kleinheit eines Autonummernschildes zu identifizieren.
Satelliten und Boden-Meßstationen auf den Aleuten-Inseln, in Norwegen und (wie sich jüngst herausstellte) neuerdings sogar in China erfassen sowjetische Raketen bei ihren Testschüssen, registrieren ihre Flugbahn und halten fest, wieviel Sprengköpfe von dem Nuklearkopfträger, dem »Bus« an der Spitze der Rakete, ausgestoßen werden.
Die Bilder und Daten werden von Geheimdienst-Spezialisten in Washington ausgewertet. Doch was die Auswerter erkennen und was die »defense community« den Politikern und den Verbündeten sagt, muß nicht immer übereinstimmen. Auch was Politiker und Medien aus dem machen, was sie von der »defense community« erfahren, trägt gerade im Fall SS-20 durchaus kreative Züge.
»Die Sowjet-Union hat zur Zeit weltweit 100 SS-20-Raketen stationiert, von denen 60 auf Ziele in Europa gerichtet sind«, hieß es in einem Report des US-Verteidigungsministeriums an den Auswärtigen Ausschuß des Washingtoner Senats im Dezember 1979. Die restlichen 40 SS-20 seien auf Ziele in China gerichtet.
Zu dieser Zeit aber wurden bei der Nato-Beschlußtagung in Brüssel und beim SPD-Parteitag in Berlin schon deutlich höhere Zahlen gehandelt. Von mindestens 120 Raketen war die Rede, S.130 die alle auf Westeuropa zielen sollten. China fiel unter den Tisch.
In einem Überblick über die militärische Position der USA ("Military Posture") zum Fiskaljahr 1981 meldete General David Jones, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs, den Verteidigungsausschüssen des Kongresses: »Wir erwarten, daß sie (die Sowjets) bis 1982 die Bereitstellung von nahezu 300 Startvorrichtungen für die SS-20-Rakete zum Abschluß bringen werden.«
Bei ihrer Schätzung des Gesamtumfangs der SS-20-Programmplanung bewegten sich die Stabschefs ihrer Gewohnheit gemäß am oberen Rand des Wahrscheinlichen. Doch auch die Ist-Zahlen, die in der Nato, in den Medien und von Politikern verbreitet wurden, drängten nun unerbittlich erst auf 200, dann auf 300 zu. Und schon im Sommer 1980 gewann der Amerikaner Milton Leitenberg, Rüstungsanalytiker am Institut für Internationale Politik in Stockholm, den »Eindruck, daß die Zahlen, die die heutige große Übermacht der Sowjet-Union bei den euronuklearen Potentialen großer Reichweite beweisen sollen, zum größten Teil frei erfunden sind.«
Ende März 1981 meldete der »New York Times«-Korrespondent Drew Middleton aus dem Pentagon, insgesamt gebe es 160 einsatzbereite SS-20, von denen »die Mehrheit« auf Westeuropa gerichtet sei. Sechs Wochen später sind es in einem »Argumentationspapier« des Bonner Presseamts insgesamt 220 SS-20, von denen 160 auf Westeuropa zielen sollen.
Die seriöse deutsche Rechtspresse hielt sich mit solchen Feinheiten nicht auf, stiftete aber Verwirrung durch die Freizügigkeit ihrer Bedrohungspanoramen. Denn auch der gutgläubige Zeitgenosse stutzt, wenn er an ein und demselben Tag in den beiden großen Rechtszeitungen der Bundesrepublik SS-20-Zahlen findet, die um 100 Prozent differieren.
Aufmacherzeile der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« am 13. Mai 1981: »220 moderne sowjetische Mittelstreckenraketen mit mehr als 600 Sprengköpfen bedrohen Europa.«
»Die Welt« am gleichen Morgen: »Schon 440 Raketen vom Typ SS-20.«
Der »Welt«-Korrespondent hatte nur weitergedacht als »FAZ«-Stratege Weinstein. Denn sollte die Startvorrichtung der SS-20, wie auch Kanzler Schmidt behauptet hat, »nachladefähig« sein, dann wäre es nur logisch, pro »Startvorrichtung« mehr als eine Rakete zu haben. Wozu soll »Nachladefähigkeit« sonst gut sein? Also gesellte die »Welt« zu jedem der 220 »launchers« eigenmächtig zwei Raketen mit je drei Atomsprengköpfen -- macht schon mehr als 1300 Sprengköpfe, die Europa bedrohen.
Überhaupt würden die sowjetischen Raketenbauer staunen, wenn sie erfahren könnten, was Nato-Militärs und was deutsche Politiker und Journalisten ihnen alles zutrauen, wenn es darum geht, die Opposition gegen die Nachrüstung zum Schweigen zu bringen.
Ihre SS-20 ist danach mobil auf einer eigenen Lafette, ist zielgenau und fliegt inzwischen 5000 Kilometer weit. Sie trägt drei Atomsprengköpfe. Diese Gefechtsköpfe zielen kraft ihrer Anflugspräzision punktgenau etwa auf »deutsche Atomreaktoren« (Adalbert Weinstein in der »FAZ").
Tatsächlich aber ist die SS-20 für die Sowjet-Union die erste moderne und funktionierende Rakete langer Reichweite, die einen Feststoffantrieb besitzt anstelle des veralteten und umständlichen Flüssigkeitsantriebs früherer Raketengenerationen.
Sie ist der erste gelungene Feststoff-Typ, seit der erste sowjetische Versuch, ein solches Projektil zu bauen (die SS13), 1970 eingestellt wurde. Im amerikanischen Raketen-Arsenal langer und mittlerer Reichweite dagegen ist Feststoff-Antrieb seit 15 Jahren eine Selbstverständlichkeit.
Doch auch die SS-20 ist ein Produkt der Improvisation. Ursprünglich sollte eine große mobile Fernrakete mit drei Antriebsstufen aus ihr werden (West-Bezeichnung: SS-16). In den Salt-II-Gesprächen zur Rüstungsbegrenzung aber verlangten die Amerikaner von den Sowjets, sie müßten auf die Weiterentwicklung und die Produktion der SS-16 verzichten. Die Sowjets akzeptierten diese Bedingung.
Aber die sowjetischen Raketenbauer benutzten nun zwei der drei Antriebsstufen der SS-16-Prototypen, um daraus die SS-20 zu machen. Bis heute freilich sind sich die Experten im Westen noch nicht einig, welche beiden Stufen sie nahmen.
Wenn die von der »defense community« genannten Leistungsdaten stimmen, S.134 können es nur die beiden starken ersten Stufen sein. Aber selbst dann müßte das Projektil einen ganz besonders leistungsfähigen Festbrennstoff haben, wenn sie mit nur zwei Antriebsstufen und der Last von drei Sprengköpfen bis zu 5000 Kilometer weit fliegen soll.
Seltsam auch, daß Pentagon und Nato-Oberkommando bis heute kein Satelliten-Photo der SS-20 veröffentlicht haben, um die wachsende Schar der Skeptiker zu überzeugen. Die Erklärung, man wolle dem Gegner keinen Hinweis auf die Schärfe und Auflösungsfähigkeit der Satelliten-Photographie geben, hat auch den gutwilligen Theo Sommer von der »Zeit« nicht überzeugt.
Den westeuropäischen Nato-Stäblern geht es nicht besser. Selbst ein hochrangiger deutscher Nato-General durfte ein SS-20-Photo 1978 nur kurz als Dia bei einem Lichtbildervortrag sehen.
Nicht einmal in der Washingtoner »defense community« wird der Wirbel um die SS-20 von allen goutiert. Walter Pincus, der hervorragend informierte Pentagon-Korrespondent der »Washington Post«, schrieb »chon am 26. Juni 1980 in seinem Blatt: Ein zivilangestellter » » (Verteidigungs-) Analytiker sagte kürzlich, man habe zuviel » » hergemacht mit der SS-20, einer Mittelstreckenrakete, die als » » Grund benutzt wurde für den Beschluß der Nato vom vergangenen » » Dezember, neue amerikanische Raketen mit langer Reichweite in » Europa einzuführen.
» »Die SS-20 hat nicht die Genauigkeit, die Reichweite oder die » » Tragfähigkeit, die ihr öffentlich zugeschrieben worden sind«, » » sagte der Analytiker. »Ihre Bereitstellung ist langsam » » vorangegangen, was darauf hindeutet, daß die Sowjets etwas » Besseres in Arbeit haben.«
» Ein Pentagon-Beamter beschrieb die SS-20 in ähnlicher Weise » » und fügte hinzu, er denke, daß sie dem Versuch entsprungen » » sei, schnell etwas für einen möglichen Einsatz gegen die » Chinesen auf die Beine zu stellen.
» Wenn eine »wirklich neue« Sowjet-Rakete erscheine, fuhr der » » Pentagon-Beamte fort, »werden wir den Leuten eine Menge » » erklären müssen, die überzeugt waren, daß die SS-20 wirklich » » neu sei«. »
Die SS-20 ist gewiß nicht das neueste an Kernwaffen-Technik. Aber ist sie nicht doch eine neue Bedrohung?
Abschreckung auf Moskauer Art
Der Westmensch konnte die Monster alle Jahre wieder im November über den Roten Platz zu Moskau rollen sehen, bei Schneetreiben und blasser Sonne, bei Regen und Frost. Er konnte sich über zwei Jahrzehnte hin an ihren Anblick gewöhnen. Immer waren sie frisch gestrichen, und oft war ihre Spitze weiß angemalt, so daß die Projektile beinahe wie lauter gargantuaneske Zuckerhüte wirkten, die da in ordentlichen Zweierreihen an den Kremlherren vorüberzogen.
Doch solche Geschosse sind seit nicht weniger als 22 Jahren auf Europa gerichtet: Mittelstrecken-Raketen der Typen SS-4 und SS-5 mit einer Reichweite von 1800 respektive 3600 Kilometern.
1959 (Konrad Adenauer regierte im zehnten Jahr) wurden die ersten SS-4 in Stellung gebracht. Bis 1967 sollen die Sowjets nach westlichen Quellen die enorme Zahl von 750 SS-4 und SS-5 stationiert haben. Für die Zeit von 1972 bis 1977 werden auch in den Rüstungsbilanzen des neutralen Friedensforschungsinstituts Sipri in Stockholm noch rund 600 Exemplare dieser Typen aufgeführt: 500 SS-4 und 100 SS-5.
Alle diese Raketen trugen und tragen (soweit noch im Dienst) einen Wasserstoffbomben-Sprengkopf mit einer Explosionskraft von einer Megatonne, und das heißt: von einer Million Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff. Die Bombe, die Hiroschima verwüstete, hatte die »xplosionskraft von 13 500 Tonnen gewöhnlichem Sprengstoff. Die » » Bombardierung Westeuropas nur mit diesen 600 Raketen (oder » » einem großen Teil von ihnen) könnte leicht die gesamte » » städtische Bevölkerung töten, und zwar allein schon durch die » » Explosionswirkung. Wenn ein großer Teil der Sprengköpfe auf » » oder nahe dem Erdboden zur Explosion gebracht würde, dann » » würde darüber hinaus auch ein Großteil der Landbevölkerung » » durch Strahlungsschäden getötet. Radioaktive Fallout-Wolken » » könnten auch eine sehr große Zahl von Menschen außerhalb » » Europas töten. »
So beschrieb Frank Barnaby, der englische Chef der Sipri, 1978 die Lage, wie sie bis dahin bestand. Mehr Bedrohung, folgerte er, sei schlechterdings nicht vorstellbar.
Warum aber, wenn nicht aus purem Expansionsdrang, haben die Sowjets damals schon eine solche Bedrohung gegen Westeuropa aufgebaut? Hatten sie Gründe, die rational und einsehbar sind -- wenn auch nur unter den verrückten Prämissen des Atom-Wettrüstens? Haben sie heute welche?
Und die andere, nicht minder fesselnde und rätselhafte Frage: Wie haben es die Westeuropäer fertiggebracht, unter dieser totalen Bedrohung eine so lange Zeit leidlich gelassen dahinzuleben? Was eigentlich hat sich für die Strategen und Politiker der Nato seither geändert?
Beobachter, die in den Sowjet-Führern nicht einfach die Nachfahren Dschingis Khans sehen, erkennen im Verhalten der Männer im Kreml Befürchtungen und Absichten, die denen der westlichen Führungsmacht und ihrer Verbündeten nicht unähnlich sind. Auch die Sowjets folgen bei der nuklearen Rüstung einem Abschreckungsdenken, das in Sinn und Widersinn ein Spiegelbild der erklärten westlichen Strategie ist.
Ein Spiegelbild freilich mit einem verwirrhaften Vergrößerungseffekt. Die UdSSR muß die Bedrohung um so bedrückender empfinden, als sie
* dem amerikanischen Wirtschafts- und Technologie-Riesen nicht gewachsen ist,
* an der inneren Front von zunehmenden und ansteckenden Auflösungserscheinungen verunsichert wird und
* sich von drei Seiten her -- an der amerikanisch-europäischen, der amerikanisch-japanischen und der chinesisch-pakistanischen Front -umzingelt fühlt.
Schwer zu glauben für den friedliebenden Westmenschen, der vor ihnen zittert -- die Sowjets fühlen sich bedroht. Starrsinnig halten sie an der Vorstellung fest, der Westen könne ihnen gefährlich werden -- obwohl der letzte Überfall (mit 20 Millionen Toten allein auf russischer Seite) doch schon vierzig Jahre zurückliegt.
Mit der ihnen eigenen Dickköpfigkeit beharren sie darauf, daß es immer wieder amerikanische Präsidenten geben könnte, die den Kommunismus, »diese bizarre Verirrung der Geschichte« (Ronald Reagan), lieber heute als morgen vom Antlitz der Erde tilgen würden -- und in Versuchung kommen könnten, dies auch zu probieren.
So ist aus dem wechselseitigen Gefühl der Bedrohung der kranke Mechanismus des Wettrüstens und der permanent sich steigernden tatsächlichen gegenseitigen S.136 Bedrohung entstanden: »Ein defensiver Gegenzug in Washington ist ein offensiver Akt in Moskau -- und umgekehrt« (wie es der liberale Washingtoner Politologe Richard J. Barnet erst jüngst in seiner Arbeit »Auf der Suche nach Sicherheit« im »New Yorker« wieder definiert hat).
Schon von daher war der sowjetische Entschluß aus der Ära Chruschtschow, mehr als 700 SS-4 und SS-5 zu bauen, ähnlich rational und genauso irrational wie der parallele Entschluß des Präsidenten Kennedy, exakt eintausend Interkontinental-Raketen vom Typ »Minuteman« anzuschaffen. Beide Schritte waren charakteristisch für den schamanenhaften Abschreckungstanz der Supermächte und die Mißverständnisse, die ihn vorantreiben. Ohne diese Schritte und ihre Hintergründe ist auch die heutige Situation nicht zu verstehen.
1957 stieg der »Sputnik« als erster menschgeschaffener Erdsatellit auf einer sowjetischen Rakete in die Umlaufbahn und versetzte den Amerikanern den »Sputnik-Schock«.
Im gleichen Jahr wurden die ersten von insgesamt 600 amerikanischen B-52-Düsenbombern in Dienst gestellt. Sie waren mit ihren vier Doppeltriebwerken fast schallschnell und konnten von ihren Stützpunkten innerhalb und außerhalb der USA alle vitalen Punkte des Sowjet-Territoriums erreichen.
Trotzdem steigerten sich die Amerikaner in die Furcht hinein, die Sowjets könnten bei der Entwicklung und beim Bau von Fernraketen einen gravierenden Vorsprung haben.
Daher die angenommene »Raketenlücke«, mit der John F. Kennedy 1960 seinen Wahlkampf bestritt. Daher die Gewaltprogramme Eisenhowers und Kennedys.
Und noch ein übriges tat das Pentagon im Sputnik-Schock: Es stellte frischentwickelte Mittelstrecken-Raketen, so rasch es sie kriegen konnte, mit Zielrichtung Sowjet-Union in Europa und der Türkei auf. 1960 stationierte die US-Luftwaffe 30 »Jupiter«-Projektile in Italien und 15 der gleichen Sorte nicht weit entfernt von der Sowjet-Grenze in Ost-Anatolien. 60 weitere Raketen vom Typ »Thor« wurden in Großbritannien placiert.
Die »Jupiter« in der Türkei konnten Moskau erreichen. So glaubte man der vermeintlichen sowjetischen Raketendrohung wenigstens ein bißchen Abschreckung in gleicher Münze entgegenzusetzen, während das US-Fernraketen-Programm den gemutmaßten, aber gar nicht vorhandenen Vorsprung der Sowjets aufholte. Was da geschah, umschrieb Kennedys wissenschaftlicher Berater, Jerome Wiesner, später so: »Wir lagen in einem Rüstungswettlauf mit uns selbst.«
In Wahrheit hatten Nikita Chruschtschow und seine Genossen weit mehr Grund zur Panik. Sie hatten zwar Atom- und Wasserstoffbomben, aber kein verläßliches Mittel, diese Bomben nach Nordamerika zu transportieren.
Ihr Fernbomber, der »Bär«, war eine schwerfällige viermotorige Turboprop-Maschine, kaum mehr als halb so schnell wie die B-52 und mit Gewißheit eine leichte Beute für die amerikanischen und kanadischen Abfangjäger -zumal der »Bär« nur auf einer einzigen, der kürzesten Route über die Arktis genug Reichweite hatte, um wenigstens bis zu den nördlichsten Zentren der USA zu brummen.
Gerade ihr Bomber-Dilemma hatte die Sowjets darauf gebracht, ihr Glück mit Raketen zu versuchen. Doch trotz des zweischneidigen Sputnik-Erfolgs, der die Amerikaner nur aufscheuchte, taten sie sich schwer damit, Interkontinental-Raketen serienreif zu machen.
Schon im Sommer 1961, beim Bau der Berliner Mauer, wußte Kennedy, daß die erste Generation der großen Sowjet-Projektile ein Flop war. Die »Raketenlücke« öffnete sich klaffend weit -- aber zuungunsten der Sowjets.
Mit einem anderen Projektil mittlerer Reichweite kamen die sowjetischen Raketenbauer besser zurecht -mit der SS-4, die später bei der Nato auch auf den Kodenamen »Sandal« getauft wurde. Die Sandal ging in Großserie.
Sie und die von 1961 an stationierte SS-5 konnten zwar den USA selbst nichts anhaben. Dennoch sollten sie die strategische Unterlegenheit der Sowjet-Union ausgleichen helfen dadurch, daß sie die europäischen Verbündeten Amerikas bedrohten. Russisches Improvisationsgenie bereicherte die Atomstrategie um eine zukunftsträchtige Variante: Abschreckung nach Geiselnehmer-Art.
Mit Hunderten von Wasserstoffbomben-Geschossen, von denen jede eine Stadt wie Hamburg vollständig auslöschen konnte, zielten die Sowjets nun auf Westeuropa, um die Amerikaner von einem atomaren Angriff auf die UdSSR abzuhalten -- sei es mit B-52-Fernbombern oder Fernraketen, sei es (was näher lag) mit den vorgeschoben in Europa und der Türkei postierten »Thors« und »Jupiters«. Jeder solche Angriff würde an den Europäern vergolten werden wie an Geiseln.
Eine groteske Situation war entstanden. Die europäischen Nato-Nationen S.137 glauben an den »nuklearen Schutzschirm«, den Washington über sie zu halten versprach. Sie wähnten sich sicher und bemerkten nicht die SS-4 an ihrer kollektiven Schläfe. Sie begriffen nicht, daß sie in Wahrheit mit Leib und Leben für die Sicherheit der Sowjet-Union vor Amerika hafteten, und zwar ganz unabhängig davon, wo auf der Erde und warum es zum Konflikt zwischen den beiden Riesen kommen mochte.
Charles de Gaulle durchschaute diesen Zusammenhang. Als die Eisenhower-Administration auch in Frankreich Kernwaffen zu stationieren wünschte, forderte der General ein amerikanisch-britisch-französisches Dreier-Direktorium, das die alleinige Gesamtverfügung über alle westlichen Atompotentiale haben sollte.
Washington lehnte ab. Frankreich begann seinen eigenen Weg zu eigenen Abschreckungswaffen, zur »Force de frappe« zu gehen, so widersinnig dieser Weg zunächst auch erschien.
Aber auch die Briten sahen das Problem. Nach dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows 1958 erwogen die Amerikaner für den Fall einer neuen sowjetischen Blockade West-Berlins auch und nicht zum erstenmal den Einsatz von atomaren Mitteln. Doch Harold Macmillan, der konservative britische Premier jener Tage, warnte Präsident Eisenhower und bedrängte ihn mit seiner »Besorgnis über einen Kernwaffenkrieg gegen England« (wie es in Eisenhowers Memoiren heißt).
Die Abschreckung auf russisch funktionierte also auch. Sie funktionierte so gut, daß es Nikita Chruschtschow zu wohl wurde und er sich über den Atlantik wagte. Im Herbst 1962 ließ er einige Dutzend SS-4-Raketen auf Schiffe verladen und schickte sie nach Kuba, auf Fidel Castros Insel, auf 160 Kilometer nah heran an den Südzipfel der USA.
Chruschtschow wollte (wie er bald ausgiebig bekundete) mit seinen Raketen eine neue Invasion Kubas durch Exil-Kubaner und Amerikaner abschrecken auf ähnliche Weise, wie die Amerikaner einen konventionellen Angriff der Sowjets in Europa abschreckten. Vor allem aber wollte er seinen Washingtoner Gegenspielern einen Geschmack davon geben, wie man sich fühlt, wenn gegnerische Megatonnen-Projektile von der eigenen Hintertür aus auf das eigene Herzland gerichtet sind.
John F. Kennedy reagierte mit der äußersten Entschlossenheit, eine Stationierung roter Raketen auf Kuba um keinen Preis zu dulden. Die bisher gefährlichste Konfrontation zwischen den Großen war da.
In den Botschaften, die er während der Krise an Kennedy schickte, »eschwerte sich Nikita Chruschtschow: Wie aber sollen wir ... » » bewerten ... daß Sie die Sowjet-Union mit Militärstützpunkten » » eingekreist haben, ihre Verbündeten eingekreist haben, » » buchstäblich rings um unser Land Militärstützpunkte angelegt » » und dort Raketenwaffen stationiert haben? Das ist kein » » Geheimnis. Verantwortliche Amerikaner erklären dies » » demonstrativ. Ihre Raketen sind in Großbritannien » » stationiert, sie sind in Italien stationiert, und sie sind » » gegen uns gerichtet. Ihre Raketen sind in der Türkei » stationiert.
» Sie sind wegen Kuba beunruhigt. Sie sagen, daß es Sie deshalb » » beunruhigt, weil es 90 Seemeilen von der Küste der USA » » entfernt liegt. Doch die Türkei liegt in unserer Nähe, unsere » » Wachtposten gehen auf und ab und blicken einander an. Sie » » halten sich also für berechtigt, für Ihr Land Sicherheit und » » die Entfernung jener Waffen zu fordern, die Sie als offensiv » » bezeichnen, erkennen aber uns dieses Recht nicht zu. »
Chruschtschow war jedoch willens, sich Kennedys Abzugsforderung zu beugen, wenn die Amerikaner a) garantieren, daß Castros Kuba künftig weder von den USA noch von anderen Kräften angegriffen wird, und wenn Washington b) wenigstens die in der Türkei aufgestellten Jupiter-Raketen demontiert.
Kennedy gab dem Sowjet-Boß postwendend »Garantien gegen eine Invasion Kubas«, ging aber auf den zweiten Punkt offiziell nicht ein. Trotzdem zog die Moskauer Führung ihre SS-4 von Kuba ab.
Doch schon zwei Monate nach dem Ende der Kuba-Krise vereinbarte die US-Administration im Januar 1963 mit den jeweiligen Regierungen, daß sie ihre Jupiters nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Italien entfernen werde.
Kennedy hatte den Abbau dieser »militärisch veralteten Raketenbasen« schon im Herbst 1962 vor der Kuba-Krise geplant. Nach Chruschtschows Demontage-Forderung, auf die er offiziell nicht einging, ließ der Präsident dann eine Schamfrist verstreichen, damit nicht doch der Eindruck entstehe, daß er dem Begehr des Sowjet-Premiers willfahre.
Gleichwohl ging der Abbau auffallend flott vonstatten. »Jupiters zum 1. April raus aus Italien«, meldete das wohlinformierte Fachblatt »Missiles and Rockets« am 18. Februar 1963 fast im Tonfall eines Protestplakats.
Auch die 60 Thor-Raketen in Großbritannien verschwanden. Aber sie und S.138 die Jupiters verschwanden nicht ohne Ersatz. An ihre Stelle trat der damals letzte Schrei der Rüstungstechnik: atomgetriebene und mit weittragenden Atomraketen vom Typ »Polaris« bestückte Unterseeboote.
Fünf dieser Boote teilte die US-Marine auf Befehl Kennedys offiziell der Nato zu. Eine wachsende Zahl von Booten begann darüber hinaus unter direktem Pentagon-Kommando im Mittelmeer und in der nördlichen Nordsee in Reichweite der westrussischen Zentren zu operieren. Die »nuclear submarines« haben eigene Stützpunkte in einem schottischen Fjord namens Holy Loch und auf der Insel La Maddalena vor Sardinien.
Weitere vier U-Boote mit zusammen 64 Raketen schaffte die britische Royal Navy an. Fünf tauchende Raketenbasen mit der gleichen Zahl von Abschußrohren -- eine sechste ist in Arbeit -- baute die Nato-unabhängige französische Marine.
Die Strategen feierten die »Seestützung« als Nonplusultra der Abschreckung: U-Boote seien kaum verwundbar und könnten vom Gegner nicht durch einen verhängnisvollen Präventivschlag ausgeschaltet werden wie auf dem Land stationierte Waffensysteme. Deshalb bringen U-Boote nicht die eigene Bevölkerung in Gefahr.
Um den Bürgern diese Vorzüge anzupreisen und Zustimmung für die teuren Neuanschaffungen zu gewinnen, lancierte das britische »erteidigungsministerium sogar einen Werbesong: Put the missile o"t » to sea, Where the real estate is free And it''s far away from » me ...
» (Bringt die Rakete auf das Meer, wo die Grundstücke nichts » » kosten und sie weit von mir weg ist ...) »
Nur in der Bundesrepublik stand nach 1963 noch eine unbemannte Flugwaffe, die bis über die Westgrenze der UdSSR vordringen konnte. Sie hieß »Mace« und war eine Art Weiterentwicklung der deutschen V 1: keine ballistische Rakete, sondern ein Düsenflugzeug ohne Pilot.
30 »Mace« standen bei Sembach in der Pfalz und Bitburg in der Eifel. Aber nicht einmal die Air Force traute diesen Projektilen viel zu. Sie wurden 1963/64 zunächst unter beträchtlichen Kosten eingebunkert, dann im September 1966 abgezogen.
Sie hatten nur dazu gedient, den Wechsel zur Seestützung zu überbrücken -- und dazu, der US-Luftwaffe ein wenig Zeit zu geben, sich an den schmerzlichen Umstand zu gewöhnen, daß die Rußland bedrohenden Raketen im Nato-Bereich nun ganz in die Hände ihrer ewigen Rivalin übergehen sollten: in die Hände der US-Navy.
Von September 1966 an gab es keine Raketen oder sonstige unbemannte Waffensysteme mehr, die von irgendeinem Territorium außerhalb der Vereinigten Staaten aus das Gebiet der Sowjet-Union treffen konnten. Kennedy und sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, beide keine einseitigen Abrüster, hatten planvoll darauf hingearbeitet. Die Nato glaubte, damit leben zu können, obwohl nach wie vor mehrere hundert sowjetische Mittelstrecken-Raketen mit ihren Megatonnen-Sprengköpfen auf Westeuropa zeigten.
Das Abschreckungsgleichgewicht galt als bewahrt, wenn nicht gar verbessert, weil die neuen »seegestützten« Waffen unverwundbar waren und Westeuropas Bevölkerung nicht auch noch von westlicher Seite in die Geiselrolle drängten.
Die U-Boote und ihre Bewaffnung wurden mehrfach modernisiert, ihre Raketen über zwei »Generationen« hin verbessert und mit immer mehr Sprengköpfen versehen. Allein die der Nato zugeteilten amerikanischen Boote verfügen heute über mehr als 400 ständig einsatzbereite Sprengköpfe -- ein ungeheuerliches Vernichtungspotential, das für sich schon genügt, Rußland bis zum Ural zu verwüsten. Wenn die eben beschlossene Umrüstung der britischen Boote auf die neuen amerikanischen »Trident«-Raketen beendet ist, wird auch die Royal Navy nicht weniger als 512 nukleare Explosionskörper bereithalten.
Auch die SS-20 schien das Gleichgewicht des Schreckens zunächst nicht zu stören. Noch ein Jahr vor dem Nachrüstungsbeschluß konstatierte der damalige Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium und heutige Forschungsminister Andreas von Bülow vor dem Bundestag, die SS-20 sei zwar eine ernste Bedrohung für das westliche Bündnis, stelle jedoch dessen »bschreckungsfähigkeit nicht in Frage. Wörtlich: Selbst ein Einsa"z » aller sowjetischen Nukleargefechtsköpfe würde das westliche » » Verteidigungspotential nicht völlig ausschalten ... Mit » » Sicherheit würden die französischen, englischen und der Nato » » unterstellten amerikanischen U-Boote mit ballistischen » » Flugkörpern überleben und allein schon zu einem für die » » Sowjet-Union nicht tragbaren Gegenschlag führen ... »
Doch bald sollte diesen unüberwindlichen Booten ein ähnliches Schicksal widerfahren wie den Schiffen, die im Bermuda-Dreieck verschwinden.
Im nächsten Heft
Die Bundesregierung läßt bei ihren Stärkevergleichen mit dem Osten sämtliche U-Boot-Raketen weg und erzeugt dadurch den Eindruck enormer westlicher Unterlegenheit: Propaganda oder ein tiefgreifender Wandel der amerikanischen Strategie? -- Wieso die Sowjets glauben, daß sie es sind, die modernisieren und nachrüsten - Warum die Pershing 2 auch im Vergleich zur SS-20 eine neuartige Waffe ist, und weshalb sie sich für viele Zwecke eignet, nur nicht zur Abschreckung eines SS-20-Angriffs - Amerikanischer Rüstungskritiker: »Die Tendenz geht eindeutig dahin, die nukleare Schutzgarantie (der USA für Westeuropa) auf diejenigen Waffen einzuschränken, die in Europa stehen und noch nach Europa kommen.«
S.122Bei einem Test im US-Bundesstaat Utah.*S.123Bei einer Nachrüstungsdiskussion auf dem Hamburger Kirchentag;Zeichnung aus »Aviation Week«.*