NAHER OSTEN / PRÄVENTIVSCHLAG Schiffe in der Wüste
Mit Stuhlbeinen holten wütende Araber Amerikas Wunderwaffe vom Himmel -- das Überschau-Kampfflugzeug »Phantom«.
Als in einem Kino der jordanischen Hauptstadt Amman »Phantom«-Düsenjäger über die Leinwand donnerten (auf dem Programm: John Waynes Vietnam-Propaganda-Film »Die grünen Teufel"), demolierten letzten Montag Hunderte Zuschauer die Stühle und zerfetzten die Projektionsleinwand. Denn »Phantoms« fliegen jetzt auch für Israel.
Die »Phantoms« waren letztlich auch die Ursache der größten Schlacht, die am Suezkanal seit dem Juni-Krieg von 1967 geschlagen wurde. Weil die Israelis am Suez einen ägyptischen Präventiv-Schlag befürchteten, bevor ihr »Phantom«-Geschwader komplett ist (bisher wurden erst acht Maschinen geliefert), unternahmen sie ihrerseits einen Präventiv-Angriff. »In einer Zehn-Stunden-Version ihres glorreichen Sechs-Tage-Feldzuges«, schrieb der Londoner »Guardian«. versetzten die Israelis letzten Dienstag den Ägyptern »wieder einen Hieb auf die Nase«.
Viermal seit dem Oktober vergangenen Jahres waren die Israelis als Vergeltung für Artilleriebeschuß am Suezkanal mit kleinen Stoßtrupps tief in das Hinterland des feindlichen Ägypten eingedrungen, um Brücken und Stromleitungen zu zerstören. Diesmal probten sie die Invasion in Ägypten.
In einer »akrobatischen Operation« (Israels Verteidigungsminister Masche Dajan) landeten etwa 400 Israelis, geschützt von 70 Kampfflugzeugen -- etwa ein Viertel der israelischen Luftwaffe -, 40 Kilometer südlich von Suez auf ägyptischem Gebiet. Zehn Stunden später zogen sie sich ohne nennenswerte Verluste 50 Kilometer südlich von der Landungsstelle wieder auf die Sinai-Halbinsel zurück.
»Der Angriff zeigte eine neue Art der militärischen Operation«, triumphierte Dajan. Israels Verteidigungsminister soll den Ausflug nach Ägypten selbst befehligt haben.
Die Ägypter waren von der Invasion völlig überrascht. Sie räumten die Straßen freiwillig vor den eindringenden israelischen Panzern und ließen ihre Fahrzeuge ohne Gegenwehr in Brand schießen, »Kein einziges ägyptisches Flugzeug zeigte sich am Himmel«, berichtete ein israelischer Militärsprecher.
Nassers Soldaten mußten schwere Verluste hinnehmen. Über 100 Ägypter fielen, Armeeposten, Radarstationen und Raketenstellungen wurden zerstört. Unter den Gefallenen sollen sich auch sechs sowjetische Militärberater befinden.
Hätten Nassers Militärs besser aufgepaßt, dann wären sie rechtzeitig gewarnt gewesen:
* In den letzten Wochen zogen schwere israelische Sattelschlepper Landungsboote durch die Wüste Sinai. Da sich ägyptische Aufklärer nur noch selten über die besetzte Halbinsel wagen, blieben die Schiffe in der Wüste unentdeckt.
* Am vorletzten Sonntag versenkte ein israelischer Marine-Stoßtrupp in Ras Sadat am Golf von Suez zwei ägyptische Torpedoboote, was ebenfalls auf eine größere Operation hindeutete.
Den reibungslosen Ablauf ihres Stoßtrupp-Unternehmens verdanken die Israelis ihrer Luftwaffe. Doch mit welchen Maschinen sie den ägyptischen Luftraum besetzten, verraten sie nicht.
Es gebe »keinen Hinweis«, beteuerte der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, Robert McCloskey, daß »Phantom«-Düsenjäger eingesetzt wurden.
Ob sie bei dem Landeunternehmen dabei war oder nicht -- in Zukunft wird die »Phantom« eine entscheidende Waffe im Nahen Osten sein.
Bisher bereitete die Luftwaffe, die den Juni-Krieg entschied, bevor er richtig begonnen hatte, den Israelis die größten Sorgen. Durch Kriegsverluste <45 Maschinen), Abnutzung und Unfälle (sechs Maschinen) war Israels Luftwaffe wesentlich geschwächt. Ihre Einsatzbereitschaft mußte bei 95 Prozent liegen, um die zahlenmäßige Überlegenheit der Araber auszugleichen.
Denn in diesem Sommer besaß Israel nur noch knapp 60 »Mirage« III C, 15 »Super-Mysère« B.2, 32 »Mystère« IV A, 15 »Vautour« SO 4050 und 60 Fouga-»Magister« CM 170. Seit dem Juni-Krieg wurden die Geschwader nur durch 65 amerikanische »Skyhawk« -Maschinen verstärkt, die jedoch unter Schallgeschwindigkeit fliegen.
Die Araber hingegen wurden von den Russen nach der Niederlage im Juni 1967 voll wiederaufgerüstet. Israels wichtigste Gegner -- Ägypten, Syrien, Irak und Jordanien -- verfügen über 420 Mig-21, 112 Mig-19, 187 Mig-17, 190 Suchoi 7, etwa 30 Hunters und rund 150 Iljuschin- und Tupolew-Bomber.
Die scheinbare Überlegenheit seiner Luftwaffe veranlaßte Nasser in diesem Sommer, den »Befreiungskrieg« zu propagieren. Er begann mit massiven Artillerie-Duellen am Suez-
* Am Dienstag letzter Woche.
kanal und setzte dann auch seine Jets gegen den Feind ein.
Die Bilanz des Luftkrieges sieht für Ägypten düster aus: Israel verlor drei, Ägypten 21 Maschinen. Dennoch wurde die Situation für Israel bedrohlich, da es seine Verluste nicht ersetzen konnte. Frankreich hält 50 bestellte und bereits bezahlte »Mirage«-V-Maschinen noch immer zurück.
Ägyptens Militärs drängten Nasser zum Zuschlagen, solange Israels Luftwaffe noch nicht durch jene 56 »Phantoms« entscheidend verstärkt ist, die der frühere US-Präsident, .Johnson Israel im Januar 1968 versprochen hatte.
Denn der »Phantom« haben die Araber nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Einziger ebenbürtiger Gegner des mit über zweifacher Schallgeschwindigkeit fliegenden Allzweck-Kampfflugzeuges wäre die sowjetische Mig-23 -- aber die hat Moskau bisher nicht einmal seinen osteuropäischen Verbündeten geliefert.
Mit den »Phantoms« wird Israels »langer Arm« (so Vize-Premier Allon) noch erheblich länger: Innerhalb der »Phantom«-Reichweite von 1500 Kliometern liegen erstmals auch Bagdad und die Sudan-Hauptstadt Khartum. Zwei der 56 »Phantoms« sind mit Geräten für den Abwurf von Atombombem -- die Israel bereits selbst herstelle -- ausgerüstet.
Israel ließ sich die Superwaffe, die nach Ansicht des Jerusalemer Generalstabes jeden arabischen Angriff innerhalb der nächsten Jahre illusorisch macht, viel kosten: Die »Phantums« kosten 18 Millionen Mark pro Stück und Israel bestellte zusätzlich zu den 58 vereinbarten noch 25 der Maschinen.
Neben den höchsten Einkommensteuern der Welt zahlt jeder Israeli noch eine eigene »Phantom-Steuer": ein halbes Monatsgehalt jährlich als Anleihe. Schulkinder waschen Autos und liefern den Verdienst in die »Phantom-Kasse«. »Hast Du schon Deinen Beitrag für die Phantom geleistet?« ließen Unternehmen auf ihre Werbebroschüren drucken.
Als in der vorletzten Woche die ersten acht Maschinen in Tel Aviv eintrafen, unterbrachen die seit Wochen streikenden Hafenarbeiter ihren Ausstand und löschten bei Nacht die lebenswichtige Fracht, Als die erste »Phantom« -- mit Israels Luftwaffenchef Mordechai Hod als Ko-Pilot -- im Tiefflug über Tel Aviv donnerte, brach in der Hauptstadt der Verkehr zusammen.
Monatlich werden ab jetzt vier Maschinen in Israel eintreffen. Mit dem »Phantom«-Geschwader hofft Israel. die Luftüberlegenheit im Nahen Osten bis Anfang der siebziger Jahre zu halten. Dann wird Israel ein Ziel erreicht haben, das Ägypten vor kurzem nach jahrelangen und kostspieligen Versuchen aufgegeben hat: die Selbstversorgung seiner Luftwaffe. In den Flugzeugwerken nahe dem Zentralflughafen Lod wird zur Zeit ein leistungsstarkes israelisches Düsenkampfflugzeug entwickelt.