Küste Schlaffe Blase
Hermann van Dyken, Bürgermeister auf Borkum, denkt an das Ende seiner Insel. »Mehr oder weniger«, so bangt der Gemeindevorstand, »ist unsere Existenz bedroht.«
Die Sorge des Ostfriesen gilt auch unter Wissenschaftlern im fernen Hannover immerhin als »These, die zu überprüfen ist«. Und die Hamburger »Welt« machte bei niedersächsischen Landespolitikern »gebotenen Ernst« aus.
Was alle schreckt, vollzieht sich jenseits der Grenze. Dort beutet die Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) das derzeit zweitgrößte Erdgaslager der Erde aus. Fast zwei Billionen Kubikmeter speichert in 3000 Meter Tiefe das Superreservoir. Es erstreckt sich auf eine Fläche von etwa 900 Quadratkilometern um die niederländische Stadt Groningen und unterfaßt auch Teile von Ostfriesland, vor allem im Ems-Dollart-Gebiet. Beim Anzapfen aber soll sich, wie die Holländer jüngst verkündeten, demnächst der Boden senken.
Im Zentrum der flachen Mulde. die sich -- laut Warnung -- bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts über der abschlaffenden Gasblase gebildet haben könnte, wird zwar Holland selbst und speziell die Provinz Groningen liegen. Erwartete Senktiefe: zwei Meter. Doch Dykens Borkum etwa prophezeien die Niederländer immerhin ein Absacken um 50 Zentimeter. Und der Bürgermeister barmt: »Seedeiche stärker, oder die Insel wird von hinten überrollt.«
In der Tat haben spektakuläre Erdarbeiten häufig unverhoffte Umweltschäden bewirkt:
* Wassermassen künstlicher Stauseen drücken derart auf die Erdkruste, daß -- wie zuletzt 1967 am indischen Koyna-Damm -- Erdbeben entstehen können.
* Erdgas und Trinkwasserbohrungen beschleunigten an der Nordwestküste der Adria die Bodensenkung. Folge: Venedig versinkt schneller. > Niedersächsische Küstenschützer messen in der Elbmündung um 20 Zentimeter höhere Pegel, seit der Hamburger Elbbereich Finkenwerder eingedeicht ist.
Das Zweimilliarden-Programm« mit dem Niedersachsen seit der Sturmflut von 1962 seine Deiche um einen bis anderthalb Meter erhöht hat -- Kosten pro Kilometer: drei Millionen Mark -, würde durch eine holländische Senke an Effekt einbüßen. Denn ob die Deichbauer hier auch nur mit der natürlichen Bodensenkung -- in der Nordseeregion 20 Zentimeter pro Jahrhundert -- Schritt halten können, mögen hannoversche Experten »nicht beschwören«. Und Ministerialrat Rudolf Schulz-Kuhnt vom hannoverschen Wirtschaftsministerium »weiß nicht, wie teuer, nur daß es sehr teuer ist«, was dann noch aufzustocken wäre, wenn die Holländer recht behielten.
Doch vorerst mißtrauen die Deutschen noch den Alarmmeldungen aus dem Tiefland. Zwar erweiterte das niedersächsische Landesamt für Bodenforschung vorsorglich sein Netz fester Meßpunkte zur Ermittlung von Niveauschwankungen. Und Amts-Geologe Professor Heinz Boigk gibt zu bedenken: »Manchmal beträgt sich eine Gaslagerstätte wie ein ungeratenes Kind. Bevor aber Ostfriesland die Schotten dicht macht, wünscht Schulz-Kuhnt »von den Holländern eine Darlegung der Fakten, auf die sie ihre Senkungstheorie stützen«.
Hannoversche Wirtschaftsministeriale argwöhnen, daß die Motive der Nachbarn nicht ganz ehrenwert sind. Denn die Expertise, die durch Hollands Bergaufsicht nach Deutschland lanciert wurde und prompt für Aufregung sorgte, ist von NAM-Leuten verfaßt. Und möglicherweise, so spekulieren die Niedersachsen, soll die Warnung den deutschen Partner -- Hauptabnehmer: die Ruhrgas AG in Essen -- lediglich auf Reduzierung zu hochgespannter Lieferversprechungen einstimmen.
Tatsächlich mußten Erwartungen an das zunächst überschwenglich als »Giant Gasfield« eingestufte Vorkommen inzwischen gebremst werden. Statt der vorgesehenen Jahresförderung von 100 Milliarden Kubikmetern (von 1975 an) halten die Bodenausbeuter nun 83 für realistischer.
So hält Ruhrgas-Sprecher Dr. Peter Machinek die Friesen-Absenkung denn auch »für eine Mär«. Die Essener wollen Überlegungen der Holländer wahrgenommen haben, unbeschadet wiederholter Liefergarantien den Gasboom »abzudämpfen« (Machinek). Kühl kontert der Gasmann die Schreckensbotschaft der Geschäftspartner: »Wir haben unseren Vertrag schließlich nicht mit der Groninger Gasblase.«
Auch die Ostfriesen wollen der Zukunft trotzen. »Vor diesen paar Zentimetern«, heißt es beim Regierungspräsidenten in Aurich, »hat hier gar keiner Angst.«
Inzwischen klingt den Nordmannen das Sink-Spiel gar lieblich. Denn wenn das Niveau sacken und das Wasser steigen sollte, wäre das in gewisser Weise vorteilhaft: Die Ostfriesen hätten dann weniger Mühe, das Fahrwasser der Ems schiffbar zu halten.