»Schlagt das Burenliebchen tot« - DER SPIEGEL
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»Schlagt das Burenliebchen tot«

Von Erich Wiedemann
• aus DER SPIEGEL 28/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jesus, dies ist ein schrecklicher Ort.« Elias Matundu beugt den Kopf tief in das Benzinfaß mit dem schwelenden Müll, so als wolle er die Angst, die sein schwarzes Gesicht grau gemacht hat, in das Faß kotzen.

Elias nimmt ein paar tiefe Atemzüge von dem Müllmief, dann zieht er den Kopf aus der Tonne, streichelt prüfend mit dem Daumen die Platzwunde über dem rechten Auge und sagt: »Immerhin, ich lebe noch.« Und das ist schon viel in Boipatong.

Elias ist Lehrer für Afrikaans und Geographie und außerdem freier Mitarbeiter einer Kirchenzeitung. Er ist hier in Boipatong, um über die Beerdigung von 38 der inzwischen 48 Opfer des Massakers vom 17. Juni zu berichten.

Wahrscheinlich war Elias wegen seiner blauen Fotoweste mit den vielen Taschen aufgefallen, die so ähnlich aussieht wie die Uniformjacke der Polizei. Uniformen sind hier nicht gern gesehen. Ein paar junge Leute zerrten ihn aus dem Auto und prügelten mit Knüppeln und Wasserrohren auf ihn ein. Einer riß ihm die Kamera aus der Hand, schmetterte sie auf den Boden und schrie auf afrikaans: »Doodslaan die boereboutie« - schlagt das Burenliebchen tot.

Dann stand da plötzlich ein Casspir, einer von den gepanzerten Mannschaftstransportwagen der Polizei, die eigens für die Aufstände in den Schwarzenghettos konstruiert wurden. »Plötzlich war die ganze Bande weg. Vor den Casspirs haben sie alle Angst.«

Elias sagt, er könne nicht recht froh werden über seine Rettung. »Jahrhundertelang haben uns die Weißen ausgebeutet, versklavt, gedemütigt. Die weißen Polizisten haben uns behandelt wie Ungeziefer. Und dafür haben wir sie _(* Bei der Trauerfeier in Boipatong. ) gehaßt. Nun ertappst du dich bei dem Gedanken: Hoffentlich bleiben die verfügbar, damit sie uns vor unseren schwarzen Brüdern schützen.«

Dieses Gefühl ist weit verbreitet unter der schwarzen Mehrheit des Landes.

Elias Matundu ist bis auf ein paar Schürfwunden unverletzt geblieben. Weiße Kollegen trugen bei Zwischenfällen, die sich vorige Woche am Rande der Trauerfeier abspielten, mehr als den Schrecken davon. Nick Erasmus vom Citizen: diverse Rippenbrüche; BBC-Korrespondent Tom Carver: Platzwunden, gebrochene Hand; Sipa-Fotograf Johan Kuus: schwere Schädelverletzungen durch Steinwürfe.

Andere Journalisten wurden bespuckt und mit Gewehrläufen traktiert. Joao Silva vom Star blieb merkwürdigerweise gänzlich unbehelligt, obwohl er Zeuge eines Mordes geworden war. Er fotografierte, wie ein rasender Mob einen angeblichen Spion mit Pangas, breitklingigen Haumessern, die gewöhnlich zum Zuckerrohrschneiden dienen, in Stücke hackte und dann mit Hilfe eines benzingetränkten brennenden Reifens den letzten Rest Leben aus ihm herausflämmte.

Der Afrikanische Nationalkongreß (ANC), die führende politische Organisation der Schwarzen Südafrikas, äußert anderntags formell Bedauern über die häßliche Journalistenhatz. Das Volk sei sehr erregt gewesen. Man müsse Verständnis für derlei spontane Gefühle haben.

Die Erregung war nicht nur spontan. Einige der Trauerredner haben verbal tüchtig mitgezündelt. Pandelani Nefolovhodwe, Chef der mit dem ANC verbündeten Azapo, rief dazu auf, die Regierung von Reformpräsident Frederik Willem de Klerk »zu zerstören«. ANC-Pastor Ernest Sotsu forderte ganz kategorisch: »Wir wollen Krieg!«

Vergangenen Dienstag meldeten die Zeitungen, in Pietermaritzburg habe ein ANC-Gericht zehn Prominente der Zulu-Partei Inkatha sowie den »gefährlichen Kriminellen de Klerk« zum Tode verurteilt. In den folgenden Tagen wurden neun Inkatha-Leute in der Küstenprovinz Natal ermordet.

Der Massenmord von Boipatong hat Südafrikas Weg zur schwarz-weißen Mehrparteien-Demokratie bis auf weiteres verschüttet. Der ANC und die mit ihm verbündeten Parteien wollen mit der Regierung nicht mehr verhandeln. KP-Führer Joe Slovo sagt: »An de Klerks Fingern klebt Blut.«

Die Republik Südafrika droht in die Paria-Rolle zurückzurutschen, die sie im März durch das Referendum gegen die Apartheid überwunden hatte. Das Massaker von Boipatong könnte nun ein ähnliches Fanal werden wie 1960 die Schlächterei im Nachbarort Sharpeville, die das Weltgewissen gegen die Apartheid mobilisierte.

Mit dem Unterschied, daß diesmal Schwarze und nicht Weiße die Mörder waren. Soviel steht inzwischen fest: Die Killer kamen aus dem zwei Kilometer entfernten Wanderarbeiterheim Kwamadala, zu deutsch: »der Ort, wo die alten Männer wohnen«. Die weitaus meisten Bewohner sind Zulus. Und fast alle Zulus hier sind Mitglieder des mit dem ANC verfeindeten Zulu-Kampfbundes Inkatha.

Lagerleiter Moses Mthembu weist den Verdacht zurück, daß auch nur einer seiner Männer etwas mit der Sache zu tun haben könnte. »Das hätte man mir gemeldet. Mir entgeht nichts, was hier passiert.« Ohne seine ausdrückliche Erlaubnis verlasse hier keiner abends das Lager.

Das Kwamadala-Hostel gehört zu den Iscor-Stahlwerken, deren Konturen sich in der Ferne gegen den schwefelfarbenen Himmel abzeichnen. Es ist eine triste graue Malocherkaserne, einer von jenen Silos zur Bereitstellung menschlicher Arbeitskraft aus den schlimmsten Tagen der Apartheid.

Hier hausen knapp tausend Wanderarbeiter, vorwiegend aus Zululand, in 20-Mann-Quartieren. Lebensraum pro Mann: knapp zwei Quadratmeter. Jeder hat ein Betonbett, jeweils vier Mann teilen sich einen Stuhl, pro Quartier gibt es nur einen Tisch und einen Gaskocher.

Es heißt, auch einige in Kwamadala untergebrachte Mitglieder der sogenannten Brechstangen-Brigade seien dabeigewesen, Angehörige jener berüchtigten Killereinheit, die sich im Kampf gegen die namibischen Guerillas nützlich gemacht haben. Doch das ist nicht bewiesen.

Der schleppende Lauf der Ermittlungen hat einen gewissen Mißmut der Polizei erkennen lassen. Obwohl die Mörderbande mindestens 100, vielleicht sogar 200 Mann stark war, ließ Polizeigeneral Johan van der Merwe zunächst nur sechs Lagerinsassen verhaften. Erst auf massiven Druck der Medien griff er sich - zehn Tage nach der Tat - weitere 75 Verdächtige. Man nimmt auch nicht länger an, die rostroten Flecke auf einigen der 276 beschlagnahmten Speere seien auf den unsachgemäßen Umgang mit roter Farbe zurückzuführen.

Der lustlose Einsatz hat die Vermutung genährt, die Polizei habe in Sachen Boipatong etwas zu verbergen. Und a priori ist der Verdacht ja auch nicht so verrückt, wie General van der Merwe behauptet. Für die Ultrakonservativen, die ihr pathologisches Herrenmenschentum noch nicht überwunden haben und die im Polizeikorps den Ton angeben, sind die Zulus die guten und die ANC-Leute die bösen Neger.

Die lächerlich niedrige Aufklärungsquote bei Morden an Schwarzen, vorwiegend unter ANC-nahen Bewohnern der Townships, beweist, daß für die Mehrheit der südafrikanischen Polizisten ein schwarzes Leben nicht eigentlich schützenswert ist. Aber der Beweis dafür, daß Polizisten bei Vendetta-Operationen in den Townships mitschießen, -stechen oder -hacken, der steht noch aus.

ANC-Chef Nelson Mandela behauptet, die weiße Regierung fördere die Metzeleien, um zu zeigen, daß sich die Schwarzen gegenseitig die Köpfe einschlügen, wenn nicht die Weißen die Kontrolle im Land behielten. Erst letzten Monat hat man aus den Enthüllungen eines ehemaligen Geheimdienstagenten erfahren, daß die weiße Rebellenregierung Rhodesiens in den siebziger Jahren Attentate auf schwarze Widerständler im Ausland inszenieren ließ, um zu zeigen: Schaut her, die Barbaren, sie bringen sich jetzt schon gegenseitig um.

Doch die Rhodesier wollten damals die Macht der schwarzen Mehrheit um jeden Preis verhindern. De Klerk dagegen steht nicht mal bei seinen Gegnern in dem Verdacht, daß er die Schwarzen um ihren gerechten Anteil an der Macht bringen will. Daß der nächste Präsident in Pretoria ein Schwarzer sein wird, hat er akzeptiert.

Schwer vorstellbar auch, daß der stolze Zulu-Chef Mangosutu Buthelezi bei einer Intrige mitmachen würde, die nur das Ziel hätte, die Vorherrschaft der Weißen mit Hilfe von schwarzen Komplizen zu sichern.

Aber die meisten Bewohner von Boipatong sind ganz sicher, daß weiße Polizisten mitgemordet haben. Willi Makoba von der Hauptstraße 896 will sogar gehört haben, wie ein weißer Cop seinen schwarzen Helfern zurief: »Moenie praat nie, skiet net« - nicht reden, nur schießen.

Doch die Aussagen sind in dieser Beziehung alle von ähnlicher Qualität wie die des Taxifahrers Simon Moloi, der mehrere weiße Polizeibeamte erkannt haben will. Einmal sagte er aus, sie hätten ihn aus ihrem am Ortsrand geparkten Casspir heraus beschossen. Ein andermal standen sie auf seiner Türschwelle, schossen aber nicht.

Es gibt wenig triftige Indizien, die auf eine aktive Komplizenschaft der Polizei mit den Mördern von Boipatong hindeuten. Wohl aber spricht einiges für die Vermutung, daß die zuständige Gebietspolizeileitung im Nachbarort Vanderbijlpark eine telefonische Warnung vor dem bevorstehenden Überfall in Kenntnis der mutmaßlichen Konsequenzen absichtlich ignorierte.

Polizeioberst Gouws bestätigte gern den Eingang der Warnung. Man habe auch absolut korrekt und nach Vorschrift reagiert. Nur habe der Anrufer nicht von Boipatong gesprochen, sondern von Sebokeng. Als der Irrtum sich schließlich aufklärte, sei es zu spät gewesen.

Aber wer waren denn dann die Polizisten, die gegen neun Uhr abends, eine Stunde vor dem Überfall, im Zentrum von Boipatong auftauchten, um sich gleich darauf wieder zu verziehen? Und warum erschien die Polizei dann erst wieder am nächsten Morgen gegen vier Uhr, also sechs Stunden nach dem Überfall, am Tatort?

Der Angriff konzentrierte sich auf die - nach KP-Führer Slovo benannte - »Joe-Slovo-Siedlung«, eine armselige Agglomeration von Hütten aus Brettern, Pappe und plattgehämmerten Benzinkanistern. Hier gibt es keine Wasserversorgung, keinen Strom und keine Kanalisation. Der Müll türmt sich zwischen den Hütten zu stinkenden Bergen, auf denen Kühe und Ziegen nach Abfall suchen. So wie hier wohnen Afrikaner in den Slums von Lagos und Kinshasa.

Die Mörder schlachteten ihre Opfer wahllos und mit der geschäftsmäßigen Bestialität, wie sie aus Dutzenden von anderen Massakern bekannt ist. Sie hieben und stachen mit Speeren und Pangas auf die wehrlosen Menschen ein und schossen Verletzte, die zu entkommen drohten, mit Schnellfeuergewehren nieder.

Miriam Molete ist eine der wenigen, die sich retten konnten. Ihr Körper ist von Stichwunden zernarbt. Nichts Gefährliches, sagt sie. »Der Schmerz hier drin, der ist viel schlimmer.« Sie deutet mit der bandagierten Hand auf ihr Herz.

Miriams Mann starb an einem Speerstich. Ihre dreijährige Tochter Meta liegt noch auf der Intensivstation in Sebokeng. »Wir haben wenig Hoffnung«, sagt sie. »Sie haben ihr mit einer Panga ein Stück von der Schädeldecke weggeschlagen, das wird nichts mehr werden.«

Der Krieg in den Townships hat in den letzten zweieinhalb Jahren 7000 Opfer gefordert. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Das Morden geht mit erhöhter Taktzahl weiter. In den zwei Wochen nach dem Massaker von Boipatong kamen bei Gewaltakten in Soweto und im Vaal-Dreieck bei Johannesburg wieder mindestens 40 Menschen um.

Am 18. Juni wurden in Modderfontein drei Männer mit Pangas zerhackt. Am selben Abend verbrannten die vierjährige Amelia Britts und ihr fünfjähriger Bruder Lazarus nach einem Brandanschlag auf das Haus ihrer Eltern in Sebokeng.

Am 21. Juni wurden bei einem Feuerüberfall auf eine Kneipe in Vosloosrus 13 Menschen - überwiegend Zulus - getötet. Ebenfalls am 21. Juni starben bei einem Überfall der ANC-nahen »Jugend für die Revolution« im Dobsonville-Hostel in Soweto fünf Inkatha-Mitglieder.

Am 24. Juni meldete sich ein junges Mädchen bei der Polizei in Sebokeng und erstattete Anzeige gegen den Polizeikonstabler Richard Motlaung. Sie war zehn Stunden lang von Konstabler Motlaung und einigen seiner Freunde gefoltert worden. Zum Schluß zwangen sie das Mädchen, Benzin zu schlucken. Doch der Versuch, es in Brand zu stecken, mißlang. Das Opfer konnte entkommen.

Die allgegenwärtige Gewalt schafft Resignation. Am Ortseingang von Sebokeng hat jemand zum Ausdruck seiner Gefühle über den Zustand Südafrikas den Titel des Anti-Apartheid-Buches von Alan Paton auf ein großes Coca-Cola-Plakat gesprayt: »Cry, the beloved country« - weine, du geliebtes Land.

Aber Südafrika weint schon so lange.

* Bei der Trauerfeier in Boipatong.

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