Schlange stehen - DER SPIEGEL
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PEEP-SHOW Schlange stehen

In der Revierstadt Essen sollen Bürger von Gerichts wegen nach Peep-Shows befragt werden.
• aus DER SPIEGEL 36/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit sich der Textilkaufmann Dieter von Grafenstein, 53, vom Anziehen auf das Ausziehen anderer Leute verlegt hat, ist er ein gemachter Mann. »Das Lukrativste ist eben doch nacktes Fleisch.«

Mit dem Peep-Show-Palast »Delphi« in Nürnberg fing er an. In Gelsenkirchen, laß jucken Kumpel, läuft mittlerweile sein zweiter Automatenladen. »Da kommen«, schwärmt er, »jeden Tag 1000 Mann rein.«

In den Schauanlagen wird schnelles Geld gemacht. Wer eine Minute lang (Klappe auf, Klappe zu) eine nackte Peep-Darstellerin begucken will, muß eine Mark zahlen, Nachstecken ist möglich.

Die Triebabfuhr funktioniert; dreimal am Tag wischen in den besseren Etablissements Putzfrauen den Boden. In der Branche spricht das für Geschäftserfolg.

Doch ausgerechnet dort, wo -- so der Münchner Peep-Showsteller Alfred Klotz -- »der interessanteste Markt ist«, klappt es mit dem Automatensex nicht so gut: Im Revier stoßen Peep-Shows stärker als in allen anderen Regionen der Bundesrepublik bei Verwaltungen und Bürgerinitiativen auf Widerstand.

Das Ruhrgebiet, in dem rund fünf Millionen Menschen leben, hat nur drei Peep-Shows, Saarbrücken mit 200 000 Einwohnern bringt ebensoviel. Anti-Peep-Bewegungen sitzen in Duisburg und Gladbeck, Marl und Dortmund, das sogar, obwohl es in zwei Instanzen verloren hatte, vors Bundesverwaltungsgericht zog.

Bitter auch für Grafenstein, der in der größten Ruhrgebietsstadt, in Essen, eine Schauanlage eröffnen wollte (Monatsmiete: 28 000 Mark) und von der Stadt abgewiesen wurde. Begründung: Der Laden verstoße gegen die guten Sitten.

Die städtischen Beamten verhielten sich da bürgernah: Zumindest die Anwohner des Nordviertels von Essen, das in der Viehofer Straße 43 bis 47 um Grafensteins Lustzentrum bereichert werden sollte, haben sich gegen das Peepen verschworen. Mit Eingaben an den Rat, Fackelzügen und Transparenten ("Raus mit der Porno-Mafia") blockieren sie seit zwei Jahren das Schauobjekt.

Schließlich versuchte Grafenstein, beim Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen die Freigabe seines Sex-Zentrums durchzudrücken. Und zur Rechtsfindung schlug die 7. Kammer des Gerichts nun einen ungewöhnlichen Weg ein.

Mit einem Beweisbeschluß sucht das Gericht Unterstützung bei der Demoskopie. Ein Meinungsforschungsinstitut soll jetzt in Essen ermitteln, ob der Sex-Voyeurismus von den Bewohnern der Püttstadt tatsächlich als anstößig empfunden wird oder nicht -- ein Novum.

Bislang wurden Meinungsforscher von Gerichten allenfalls im Wettbewerbsrecht, wenn beispielsweise das Image eines Produkts erforscht wurde, befragt; noch nie kamen Demoskopen vor Gericht in Sachen Moral zu Wort. Grafensteins Anwalt Viktor Wolff: »Das wertet die Demoskopie auch vor der Justiz auf.«

Methodisch, versichert Klaus-Peter Schöppner vom Meinungsforschungsinstitut Emnid, wäre das ohnedies »kein Problem«. Rund tausend Interviews, schätzt er, müßten von 40 Befragern festgehalten werden, um sich ein Bild von der Peep-Moral in Essen machen zu können. Heikle Fragen würden schriftlich gestellt. Die Kosten: etwa 35 000 Mark.

Aber was immer die Meinungsforscher über die Situation in Essen herausfinden mögen: Daß Peep-Shows in der Bundesrepublik massenhaft Kundschaft haben, ist unübersehbar. Das Fachblatt »Playboy« berichtet mitunter von »langen Schlangen« vor den Kabinen. Beifall gebe es, wenn einer »nach zehn Minuten endlich den Platz räumt«.

Mittlerweile gibt es rund 40 Peep-Shows in der Bundesrepublik, die meisten in Hamburg (acht), wo auch die teuerste steht -- »Madison« (Gesamtkosten: eine Million Mark), im Branchenjargon »die größte Wichsothek Deutschlands« genannt.

Richtig professionell ist das Sehgeschäft bereits geworden. Die rund 800 Peep-Modelle ziehen, wie bei einer Wanderbühne, jeden Monat an einen anderen Ort, vermittelt von Agenturen. »Das Geschäft«, stöhnt der hessische Peep-Händler Heinz Schmidt, sei »schwieriger zu führen als ein Bordell«.

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