Landwirtschaft Schlappe Sorte
Liebevoll wischt Stefan Jahrstorfer ein Staubbeutelchen von einem siebenfingrigen Blatt. Ein paar Zentimeter weiter oben an dem hellgrünen Stengel der Zwitterpflanze zupft er eine weibliche Blüte ab, pult den winzigen Samen heraus und inspiziert ihn.
Der Bauer aus dem niederbayerischen Wochenweis produziert bislang vor allem Sonnenblumen- und Distelöl. Seit Mitte Mai ist Jahrstorfer, 32, jedoch der einzige Deutsche, der außerhalb von Forschungsfeldern und Botanischen Gärten ganz legal zudem die Lieblingspflanze aller Kiffer anbauen darf - Cannabis sativa, den Hanf, aus dem auch die Drogen Haschisch und Marihuana gewonnen werden.
Im Auftrag der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig (FAL) pflegt Jahrstorfer auf einem 20 mal 50 Meter großen Feld versuchsweise bis zu 2,80 Meter hohe Hanf-Stengel, geschützt von einem hohen Zaun und versteckt hinter ringsum gepflanzten Sonnenblumen.
Zaun und Sichtschutz konnten Diebe allerdings auch nicht abhalten. Die Hasch-Freunde, die sich nächtens bedienten, werden an dem bayerischen Kraut freilich kaum Freude haben. Jahrstorfer säte nämlich die schlappe Sorte »Felina 34«, die gerade mal 0,2 Prozent des Rauschstoffes Tetrahydrocannabinol (THC) enthält.
Drogenbauern in Asien würden sich damit nicht begnügen. Ihre Pflanzen enthalten bis zu 16 Prozent THC - und liefern entsprechend gehaltvolles Harz (Haschisch) sowie aromatische Blätter (Marihuana). »Wer sich mit meiner Pflanze bekiffen will, könnte sich ebensogut mit alkoholfreiem Bier betrinken«, sagt Jahrstorfer.
Zu dieser Auffassung ist inzwischen auch der Sachverständigenausschuß für Betäubungsmittel gelangt, ein Beratergremium des Bundesgesundheitsministeriums. Ende Juni sprachen sich die 14 Experten für eine Lockerung des Betäubungsmittelgesetzes aus. Der Ausschuß empfahl Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU), künftig den Anbau von Faserhanf mit höchstens 0,3 Prozent THC zu erlauben.
Seehofers Beamte haben bereits eine interne Vorlage für die empfohlene Änderung ausgearbeitet. Danach soll das Saatgut der Hanf-Bauern kontrolliert und der Anbau genehmigt werden, sofern die Landwirte Abnehmer für ihren Hanf nachweisen können. Schon 1996 könnten die Bauern der Bundesrepublik die Nutzpflanze im großen Stil aussäen.
Der Faserhanf-Anbau wird von der EU mit 1500 Mark pro Hektar bezuschußt. Frankreichs Bauern profitieren längst davon, sie bauen auf 6000 Hektar Hanf an. Auch in Großbritannien (1000 Hektar) und Österreich (500 Hektar) wächst wieder die alte Kulturpflanze, aus der sich etwa Zellstoff oder hochwertiges Speiseöl gewinnen läßt.
Hanf ist nicht nur vielseitig nutzbar, sondern auch pflegeleicht. »Er verdrängt das Unkraut, ist kaum krankheitsanfällig und braucht nicht übermäßig viel Dünger«, sagt Frank Höppner von der FAL.
Die Berliner HanfHaus GmbH, zu der mittlerweile bundesweit neun Läden und ein Versandhandel gehören, bietet über 80 Hanf-Produkte an - vom Hanf-Papier (500 Blatt für 41 Mark) über Hanf-Lippenbalsam (11 Mark) bis hin zur Hanf-Jeans (199 Mark).
HanfHaus-Mitgründer Mathias Bröckers sieht Hanf als Allheilmittel an. Wenn nur ein Fünftel der in der EU brachliegenden Flächen mit Hanf bepflanzt würde, so Bröckers, könne der gesamte Dieselöl- und Futtermittelbedarf der Bundesrepublik gedeckt werden.
Im Bonner Landwirtschaftsministerium indes läßt man sich von dieser Euphorie nicht anstecken. Reinhard Seehuber, Referent für nachwachsende Rohstoffe, glaubt nicht an einen Hanf-Boom, sollte der Anbau wie geplant legalisiert werden.
Derzeit gibt es nämlich in Deutschland so gut wie keine Hanf-Verarbeiter. Die einzige europäische Fabrik, die beispielsweise aus Fasern Zellstoff herstellt, steht in Spanien und könnte wegen der strengen Umweltauflagen mit ihrem Verfahren »niemals in Deutschland arbeiten«, sagt Jürgen Schlegelmilch, Geschäftsführer der Niederlassung Kelkheim des Papierhändlers »Schneidersöhne«.
Seine Firma bietet 21 verschiedene Hanf-Papiere an. Teuer sind sie allesamt. Schließlich kostet eine Tonne Hanf-Zellstoff 4000 Mark, die vergleichbare Menge Zellstoff aus Holz jedoch nur 1400 Mark. »Hanf wird immer nur für die Herstellung besonderer, edler Papiere benutzt werden«, glaubt Schlegelmilch. 1996 will das Unternehmen 500 Tonnen Hanf-Papier verkaufen - das sind gerade mal 0,1 Prozent des Gesamtumsatzes.
Dem Bauern Jahrstorfer würde die bescheidene Nachfrage ausreichen. Wenn der Anbau erlaubt wird, will er im kommenden Jahr fünf bis zehn Hektar Hanf anpflanzen, das an mehrfach ungesättigten Fettsäuren reiche Speiseöl selbst produzieren und die Fasern einem Hersteller für Verpackungsvlies nach Tschechien liefern.
Offen ist jedoch zum Beispiel noch, wie sich die Samen zur Ölgewinnung rationell aus den Blüten schlagen lassen. »Vielleicht werde ich für die Samengewinnung einen Mähdrescher umbauen«, sagt Jahrstorfer, »aber wie das gehen soll, kann mir keiner genau sagen.« Y