Schlechtes Zeugnis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 105

Baltikum Schlechtes Zeugnis

Zu Tausenden halfen Balten den Nazis beim Mord an Juden. Gegen die Rehabilitierung litauischer Kriegsverbrecher regt sich Protest.
• aus DER SPIEGEL 41/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das ärmliche Apartment 24 in der Girmunai-Straße 49 am Stadtrand der litauischen Hauptstadt Vilnius ist Gedenkstätte und Tribunal zugleich.

Einmal pro Woche putzt dort Rivha Bogomolnaja die rund zwei Dutzend Glasrahmen blank, die auf Kommoden, Tischen und Simsen stehen. Sie bewahren vergilbte Porträts von ihren engsten Verwandten, von Männern, Frauen und Kindern.

Alle wurden vor einem halben Jahrhundert, nachdem Hitlers Wehrmacht bis September 1941 das Baltikum überrollt hatte, von den Nazis und ihren Hilfstruppen umgebracht.

Seither wartet die alte Dame auf die Stunde der Gerechtigkeit. Dafür hat sie Briefe und Berichte gesammelt, die sie in einer Plastiktüte aufbewahrt. Die Aufzeichnungen beschreiben, was sie, Tochter einer jüdischen Familie aus dem südlitauischen Dörfchen Eigirdonis, und andere Juden in den drei Jahren deutscher Okkupation zu erdulden _(* Mit Fotos ihrer ermordeten ) _(Angehörigen. ) hatten. Es sind grauenvolle Erinnerungen an eine Zeit, in der sich litauische Mitbürger, sogar gute Bekannte, in Massenmörder verwandelten.

Einer der Henker, so behauptet Bogomolnaja, lebt heute nur 100 Kilometer entfernt in der Universitätsstadt Kaunas (Kauen): Juozas Krasinskas, in den Jahren der deutschen Besetzung als Polizeibeamter tätig. Rivha Bogomolnaja: »Ich sah, wie er prügelte und tötete. Dafür gibt es noch andere lebende Zeugen.«

Ihr selbst gelang die Flucht aus der letzten Gruppe von Juden, die von Krasinskas zur Exekution getrieben wurde. Nach der Rückeroberung der baltischen Republiken durch die Rote Armee verurteilte ein Sowjetgericht den Litauer wegen »Teilnahme am Massenmord«.

Rivha Bogomolnaja war erschüttert, als sie erfuhr, daß der Ex-Polizist kürzlich von der Generalstaatsanwaltschaft der unabhängigen Republik Litauen rehabilitiert worden sei und eine Entschädigung von 5000 Rubel erhalten hatte. Die alte Dame verbittert: »Die machen sich lustig über uns.«

Die Generalstaatsanwaltschaft ist zuständig für die Anwendung eines Gesetzes, das Litauens Parlament schon im Mai 1990 nahezu unbeachtet verabschiedet hatte. Die Absicht schien zunächst lauter: Die Abgeordneten widerriefen die Rechtmäßigkeit aller sowjetischen Verwaltungsakte ab Juli 1940, als Stalin alle drei Baltenrepubliken gewaltsam annektierte. Etwa 130 000 Balten - darunter auch viele Juden - waren 1940/41 deportiert oder hingerichtet worden.

Für ungültig erklärte Litauen jetzt auch Urteile, die sowjetische Zivil-, Militär- und Geheimgerichte über litauische Bürger verhängten, nachdem die Rote Armee die Baltenrepubliken im Sommer 1944 zurückerobert hatte.

Damals machte sich Stalins Terrormaschine daran, den »Faschismus zu liquidieren«. Spezielle Gruppen aus Parteimitgliedern und antideutschen Partisanen, schreibt der Historiker Karlis Kangeris vom Zentrum für Baltische Studien an der Stockholmer Universität, aber auch die Geheimdienste machten Jagd auf Kollaborateure, die oftmals ohne Verfahren gehenkt wurden. Balten, die in der Wehrmacht gedient hatten, wurden in Strafbataillone gesteckt und in Arbeitslager verschleppt, das »Wehrmachtsgefolge« als Arbeitstrupps im Baltikum eingesetzt, die Bauern, in Stalins Augen ohnehin »Berufsfaschisten«, enteignet und schließlich deportiert.

Bis zu 124 000 Esten, 258 000 Letten und 570 000 Litauer, schätzt Kangeris, »erlitten zwischen 1944 und 1949 Repressionen oder wurden deportiert«. Auch nach den Exzessen der ersten Nachkriegsjahre wurden baltische »Kriegsverbrecher« hinter verschlossenen Türen von sowjetischen Kriegs- und Sondergerichten im Schnellverfahren abgeurteilt.

Die Sowjetmacht berief sich dabei auf ein Dekret, das vom Präsidium des Obersten Sowjet in Moskau am 19. April 1943 erlassen worden war. Danach sollten Schwerverbrechen gegen sowjetische Bürger mit dem Tod durch Erhängen, »Gehilfen des Faschismus« mit Zwangsarbeit bestraft werden.

Die Willkür der Sowjets gibt nun für Generalstaatsanwalt Arturas Paulauskas die Rechtfertigung für die Rehabilitation verurteilter Litauer her. Mehr als 20 000 Unschuldsbescheinigungen hat seine Behörde bereits ausgestellt, »weitere Tausende« werden laut Paulauskas folgen. Zwei Drittel der Persilscheine werden auf Antrag Angehöriger postum erteilt, der Rest wäscht noch Lebende rein.

»Diese Bürger«, so der Generalankläger, »wurden nicht von Gerichten, sondern von in Moskau zusammengesetzten Sonderkommissionen verurteilt, ihre Geständnisse erpreßt, die Zeugen genötigt. Sie hatten kein Recht auf Verteidigung. Die Urteile haben daher keine rechtliche Grundlage.«

Wegen der summarischen Wiedergutmachung wurden auch Kriegsverbrecher freigesprochen, obwohl das Gesetz Täter ausschließt, die sich des Mordes oder Völkermordes schuldig gemacht haben.

Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel wies Litauens Präsidenten Vytautas Landsbergis schockiert darauf hin, daß eine Freisprechung der Kriegsverbrecher »von anständigen Menschen weder verstanden noch akzeptiert werden kann«. Ende August schrieb Rabbi Marvin Hier, Leiter des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, in einem Brief an Landsbergis, die Opfer und Überlebenden des Holocaust hätten einen Anspruch darauf, daß Teilnehmer am Massenmord nicht rehabilitiert würden. Eine solche Amnestie würde »den mit der Wiederentstehung eines freien Litauens erzielten historischen Erfolg beflecken«.

Gleichzeitig präsentierte der Nazi-Jäger eine Liste mit den Namen von 15 Rehabilitierten, die nach Ansicht der Wiesenthal-Mitarbeiter »aktiv an der Ermordung von Zivilisten« teilgenommen hatten.

Zum Beispiel Aloizas Juodis, Jahrgang 1922. Er gehörte von 1941 bis 1943 dem berüchtigten 12. Polizeibataillon an, dessen Massenerschießungen von Juden in Litauen und Belorußland gut dokumentiert sind. Vor einem Sondergericht der sowjetischen Staatssicherheit legte Juodis im April 1948 ein Geständnis ab, das zwei weitere Zeugen bestätigten.

Die Akten über Juodis und andere waren dem Wiesenthal Center aus Vilnius zugespielt worden. Denn bei weitem nicht alle Litauer sind mit der summarischen Rehabilitierungspraxis ohne Einzelprüfung und Angabe von Gründen einverstanden. Ein jüdischer Jurist quittierte vor einem Monat aus Protest seinen Dienst bei der litauischen Generalstaatsanwaltschaft.

Weder Präsident Landsbergis, dessen Familie während der deutschen Besatzung gejagten Juden Schutz gewährte, noch die Regierung hätten eine pauschale Reinwaschung »beabsichtigt und gebilligt«, glaubt Efraim Zuroff, Direktor des Jerusalemer Ablegers des Wiesenthal Center. Aber es gebe Kräfte im höheren und mittleren Verwaltungsapparat, besonders in der Generalstaatsanwaltschaft, die um den Nachweis bemüht seien, daß bestimmte antisemitische Litauer »das, was sie Juden angetan haben, nicht getan haben«.

Dahinter argwöhnt Zuroff einen »Ansatz von Holocaust-Revisionismus«, ein grundsätzliches Bemühen bestimmter litauischer Kreise, »sich von der Schuld reinzuwaschen«.

Solche Versuche hat es im Baltikum immer gegeben, früher gingen sie oft von Exil-Vereinen aus. So forderte das »Vereinigte Baltisch-Amerikanische Komitee« in den achtziger Jahren die Abschaffung des US-Büros für Sonderermittlungen, das nach in Amerika untergeschlüpften Kriegsverbrechern fahndet.

Der Litauisch-Amerikanische Rat in Chicago bestritt gar die Beteiligung von Landsleuten an der Judenvernichtung: Gemordet hätten nur Deutsche, getarnt mit litauischen Uniformen.

Die litauische Rehabilitation, befürchten jüdische Organisationen, könnte andere Republiken der einstigen Sowjetunion zur Nachahmung verleiten. Estland, Lettland und die Ukraine (es gab eine galizische SS-Division) »haben ein ebenso schlechtes Führungszeugnis«, sagt Efraim Zuroff.

Ohne die Teilnahme örtlicher Sonderkommandos, ohne die Hilfe nationalistischer und antisemitischer Bünde und ohne die Unterstützung der Zivilbevölkerung hätten die mit der Judenvernichtung beauftragten deutschen Spezialverbände ihr Werk gewiß nicht so perfekt vollenden können.

In Lettland, vor allem aber in Litauen machten sich im Sommer 1941 Einheimische an die Liquidierung ihrer jüdischen Mitbürger, noch bevor die aus SS und Sicherheitsdienstpersonal zusammengewürfelte Einsatzgruppe A - knapp 1000 Mann - mit der geplanten totalen Judenvernichtung begann.

Im litauischen Plunge (7000 Einwohner) begingen sofort nach dem Durchstoß der Wehrmacht Ortskräfte unter Anleitung litauischer Offiziere ein Pogrom. Die Juden wurden in der Synagoge zusammengetrieben, Greise auf Scheiterhaufen aus Torarollen und heiligen Büchern verbrannt, 12 und 13 Jahre alte Mädchen vergewaltigt. Der größte Teil der Juden wurde schließlich in den Wäldern erschossen. Innerhalb weniger Tage waren praktisch alle 2000 Juden aus Plunge getötet (SPIEGEL 17/1984).

In Kaunas, bis 1940 Litauens Hauptstadt, brannten einheimische »Partisanen« schon Ende Juni 1941 Synagogen und ein jüdisches Wohnviertel mit 60 Häusern nieder. Laut Augenzeugenberichten deutscher Wehrmachtsoffiziere schlugen die Täter ihre Opfer an einer Tankstelle zu Hunderten der Reihe nach tot. Ein Major notierte: »Unsere deutschen Soldaten waren ruhige Zuschauer; hatten keinen Befehl, das Blutgericht irgendwie aufzuhalten.«

Die deutschen Heeresoffiziere fürchteten gleichwohl negative Auswirkungen auf die Truppenmoral. Fortan wurde hinter den Mauern der alten Festung von Kaunas gemetzelt. Allein am 4. und 6. Juli exekutierten dort litauische Freischärler 2977 Juden - unter Anleitung des SS-Standartenführers Karl Jäger, Chef des für Litauen zuständigen Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A.

Jäger brüstete sich später gegenüber Vorgesetzten: »Die Aktion selbst kann als Paradeschießen betrachtet werden.«

Noch schrecklicher wütete die Einsatzgruppe A im benachbarten Lettland. Bevor sie dort ihre Tätigkeit begann, hatten Banden der chauvinistischen Organisation Peronkrust (Donnerkreuz) und des antibolschewistischen Schutzkorps Aizargi mit der »Selbstreinigung« von den Juden begonnen.

»Bei Tag und bei Nacht, auf den Straßen, in Läden, Fabriken und Werkstätten machten sie Jagd auf uns«, berichtete einer der Davongekommenen. »Männer und Frauen, Kinder und Greise trieb man in die Wälder, wo man sie am Rande bereits ausgehobener Gräber aufstellte und zu Hunderten und Tausenden erschoß. Neugeborenen und Säuglingen zerschmetterte man die Schädel an der Wand oder warf sie in die Luft und schoß auf sie wie auf Tontauben oder fing sie auf Bajonettspitzen auf.«

In Lettland konnte sich die Einsatzgruppe A einer besonders grausamen Formation der Einheimischen bedienen: Das »Jagdkommando« Viktor Arajs'', das fast ausschließlich aus Letten bestand, ermordete gnadenlos jeden Juden, dessen es auf seinen Streifzügen durch Lettland und bis nach Belorußland hinein habhaft wurde.

Viktor Arajs wurde 1979 von einem Hamburger Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie die allermeisten baltischen Kollaborateure - insgesamt 235 000 - hatten ihn die 1944 zum Rückzug gezwungenen Deutschen evakuiert. Von insgesamt einer Viertelmillion Juden, die 1939 im Baltikum lebten, davon allein in Litauen 155 000, wurden 80 Prozent umgebracht. Wiesenthal-Mitarbeiter spürten beim Durchkämmen der Listen von Exilbalten laut Zuroff »in den letzten fünf Jahren 1000 des Judenmordes Verdächtigte« auf. Großbritannien, Kanada, Australien und die USA haben ihre Justizbehörden angewiesen, bei genügend Beweisen Anklage zu erheben. Zuroff wünscht sich ein ähnliches Verfahren auch in Litauen.

Rivha Bogomolnaja hat seit einem halben Jahrhundert auf rechtsstaatliche Prozesse gegen Kriegsverbrecher gewartet. Doch da sie die Einstellung ihrer litauischen Mitbürger kennt, hegt sie nur geringe Hoffnungen. »Die Wahrheit läßt sich einfach finden. Aber die Leute hier wollen sie nicht finden.«

* Mit Fotos ihrer ermordeten Angehörigen.

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 105