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OSTDEUTSCHLAND »Schleichender Tod«

Die Abwanderung lässt das Bildungsniveau im Osten erkennbar sinken. Die Dynamischen gehen in den Westen - und die Zurückgebliebenen haben keine Chance gegen den Abwärtstrend.
Von Irina Repke und Caroline Schmidt
• aus DER SPIEGEL 52/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die Leiterin der Friedrich-Schiller-Gesamtschule in Schwedt von ihrem Schreibtisch aus nach rechts schaut, blickt sie auf tote Fensterschluchten. Ab und zu bricht ein Geräusch durch die Stille, Metall kracht auf Beton - Bärbel Berger hat gelernt, damit zu leben. Das Viertel wird schon seit gut zwei Jahren Haus für Haus abgerissen. Die Abwanderung hat die 1989 noch 53 000 Einwohner zählende Stadt um rund 14 000 Bürger schrumpfen lassen, etwa 2500 Wohnungen stehen leer.

Die Folgen spürt Berger täglich: Die Zahl der Schüler beträgt nur mehr ein Drittel jener in DDR-Zeiten. Knapp 250 Lernwillige gehen heute noch täglich in das muffige Gebäude, viele allerdings ohne Aussicht auf Erfolg. Sie können weder Kopfrechnen, wenn sie in der siebten Klasse an die Schule kommen, noch wenn sie die Lehranstalt nach der zehnten wieder verlassen.

Die Lehrerin weiß auch, warum: »Inzwischen sind die Schwachen unter sich, wie soll man da noch gute Leistungen erzielen?« Bärbel Berger mag aber nicht aufgeben. Mit dem Schulförderverein hat sie die Flurwände bunt bemalt. Das ist der dringend benötigte Aufbau Ost in Schwedt - selfmade, verzweifelt hilflos, erfolglos.

Der aktuelle Konjunkturbericht der Uckermark schockt die Menschen an der polnischen Grenze. Ein Plus gibt es nur bei der Arbeitslosigkeit, ansonsten geht alles den Bach runter, im vergangenen Jahr sogar teils rapide: Investitionen, Umsätze und die Zahl der Einwohner.

Insgesamt eine Million Menschen - so viele leben in Köln - haben seit 1990 die neuen Bundesländer verlassen, bis 2020 dürfte die Einwohnerzahl um eine weitere Million schrumpfen. Mit den Eltern verschwinden die Kinder und die Hoffnung. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt rangieren bei der Pisa-Studie fast immer hinter allen anderen Bundesländern, nur Bremen hat noch schlechter abgeschnitten.

Und die Auswertung von Tests, die die Bundeswehr 1998 bei der Musterung von rund 250 000 jungen Männern durchführte, brachte ein niederschmetterndes Ergebnis; in diesen Regionen leben die dümmsten jungen Männer der Bundesrepublik, ihr Intelligenzwert: »weit unterdurchschnittlich«. Die jungen Sachsen und Thüringer, dort ziehen viele attraktive Industrie- und Wissenschaftsstandorte hoch Qualifizierte an, liegen im Mittelfeld.

»Die Mobilsten und die Klügsten«, klagt Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche, zögen fort, allen voran die Frauen. Inzwischen gehöre es im Osten zum »Sozialprestige«, Kinder im Westen zu haben, sagt Wolfgang Weiß, Regionalexperte an der Universität Greifswald. Die Folge sei eine »intelligenzmäßige Ausdünnung vieler Regionen«.

So ist der neue deutsche Osten wieder zu dem geworden, was er schon einmal war: ein Auswanderungsland. Weiß sieht Parallelen zu den Zeiten vor Mauerbau und nach Mauerfall, als nach den Trecks der Eliten gen Westen die Zurückgebliebenen »DDR« selbstironisch als »Der Doofe Rest« deuteten.

Die Folgen sind auf allen gesellschaftlichen Ebenen spürbar. Edmund Haferbeck, Präsidiumsmitglied der Schweriner Stadtvertretung, weiß schon lange nicht mehr, wie er ordentlich Politik machen soll. Inzwischen fehle, klagt er, »die intellektuelle Basis, um die Stadt voranzubringen«. Bevölkerungsforscher Rainer Dinkel von der Universität Rostock sagt seiner Region den »schleichenden Tod« voraus.

Vor allem aber ist die Abwanderung zu einem Standortproblem geworden. Die wenigen Betriebe, die am zarten Wirtschaftsaufschwung teilhaben und Arbeitskräfte einstellen wollen, trifft es am härtesten. Dietrich Lehmann, Vizepräsident des vorpommerschen Unternehmerverbandes und Chef eines 600-Mann-Haustechnikunternehmens, hat es aufgegeben, alle Stellen mit guten Lehrlingen besetzen zu können. »Viele haben nicht nur schlechte Noten in der Schule«, klagt er, »ihre Stimmung ist auch depressiv. Die kommen her nach dem Motto: Irgendwie muss ich den Tag ja rumkriegen - und dann fallen sie durch die Abschlussprüfung.«

Inzwischen setzt Lehmann auf die Osterweiterung. Vielleicht, so hofft er, würden dann ja junge engagierte Polen stemmen, was den Zurückgebliebenen nicht gelinge - den Aufschwung Ost.

Sonst können wohl schon bald die vielen Betreuungseinrichtungen, die versuchen, die Folgen des Exodus aufzufangen, überhaupt nicht mehr bezahlt werden. Schwerin verfügt über das bundesweit erste sonderpädagogische Bildungszentrum mit Berufsschule, in etlichen Städten gibt es inzwischen fast genauso viele Senioren- und Behindertenheime wie weiterführende Schulen. Als die Mittel für Förderschulen gekürzt werden sollten, protestierten Lehrer und Schüler.

Schon heute stehen im Osten einem Arbeitslosen nur dreieinhalb Beschäftigte gegenüber - und dieses Verhältnis wird in nicht allzu ferner Zukunft noch grotesker. Denn bei schwindender Bevölkerung steigt der Anteil der Sonderschüler, also der lern-, geistes- und körperbehinderten Jugendlichen, an der Gesamtschülerzahl merklich an. In Sachsen-Anhalt wuchs er in den vergangenen sieben Jahren um fast ein Drittel.

Dabei wird das wahre Ausmaß des Behindertenproblems sogar noch verschämt vertuscht: Viele der ostdeutschen Gesamtschüler sind eigentlich Förderschüler. In manchen Gesamtschulen gilt sogar jeder fünfte als lernbehindert, er wird dann euphemistisch »Grenzfall« genannt.

Manche Schulleiter, erklärt ein Mitarbeiter des schulpsychologischen Dienstes Brandenburg die Gründe für das Wegducken, wollten partout verhindern, dass ihre Einrichtungen geschlossen werden - und würden deshalb jeden Schüler akzeptieren. Andere ließen sich von altruistischen Motiven leiten, schließlich treffe die Schule eine Lebensentscheidung. »Was soll denn jemand werden, der mit einem Förderschulzeugnis abgeht?«

Doch spätestens bei der Jobsuche fliegt die Mogelei auf. So schickte eine Berufsberaterin in der Uckermark vorsichtshalber ein verhaltensauffälliges Mädchen zum Psychologen, bevor sie begann, einen Ausbildungsplatz für das Mädchen zu suchen. Der stellte fest, dass es trotz eines guten Realschulabschlusses (Durchschnitt im Zweier-Bereich) nicht »vollausbildungsreif« sei. Jetzt besucht die Unvermittelbare einen Kurs für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf, der sie fit für den Ausbildungsmarkt machen soll.

Solveig Hafemann, 37, unterrichtet am Oberstufenzentrum in Prenzlau über ein Dutzend Jugendliche im Fach »Arbeiten in der Küche«. Die schlanke Frau mit dem verständnisvollen Blick nimmt hier stellungslose »berufsbildungsreife« Jugendliche unter ihre Fittiche, die keine Lehrstelle in der Gastronomie bekommen haben.

»In der ersten Zeit sitzt die totale Hoffnungslosigkeit vor einem«, schildert sie die vergangenen Wochen. »Wenn ich sie dann gefragt habe, was sie machen wollen, sagten sie nur: Ich will bleiben.« Die Wenigsten könnten »abstrakt denken«, daher unterrichtet Hafemann sie so, »wie man auch kleinen Kindern etwas beibringt: Ich zeige es dir, dann machst du es selbst«.

Nicole, 16, ist eine der wenigen Kursteilnehmerinnen, die das als endliche Warteschleife begreift. »Viele hier haben sich aufgegeben«, sagt Nicole, »aber ich will nicht warten, bis ich die neun Monate vergeudet habe.« Nach zehn Schuljahren hatte sie nur die erweiterte Berufsbildungsreife geschafft, doch Nicole hat erkannt, dass sie ohne Anstrengung ihren Kindern später denselben Bremsklotz umbindet, der sie gehemmt hat: die Arbeitslosigkeit der Eltern. Also bewirbt sie sich unermüdlich. »Wenn ich sehe, wie Mutti zu Hause versauert, ist das Abschreckung genug.«

Tatsächlich, sagt Regionalexperte Weiß, sei ein Großteil des Bildungsnotstands »sozial bedingt«. Die Lethargie vieler arbeitsloser Eltern übertrage sich langsam auf die Kinder, beobachtet Frank Bretsch, Leiter der Ehm-Welk-Gesamtschule in Angermünde. Zum einen fehle Kindern der Leistungsanreiz, wenn sie die Einzigen zu Hause seien, die sich morgens aus dem Bett quälten. Zum anderen seien Kinder aus Problemfamilien kaum in der Lage, sich in der Schule zu konzentrieren.

Die Perspektivlosigkeit wird inzwischen von Generation zu Generation weitergegeben. Weil es ihnen keiner beigebracht habe, würden Kleinkinder heute »weder die Grundfarben kennen«, berichtet Ursula Linde von der Brüder-Grimm-Grundschule in Halle, »noch wissen sie, wie man eine Schleife bindet«. Später würden viele dieser Kinder unter einer so genannten Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden, weiß Schulleiter Bretsch, oft noch kombiniert mit einer Rechenschwäche. »Das zieht sich dann durch den ganzen Unterricht.«

Bildungsminister Reiche begegnet dem Intelligenzdefizit seines Landes mit Leistungsdruck und lässt in einigen Klassen zentrale, landesweite Tests schreiben. Die Prüfung am Ende der zehnten Klasse im Sommer zeigte das Bildungsproblem schonungslos auf: Fast jeder zweite Schüler fiel in Mathematik mit einer Fünf oder Sechs durch. Nun will Reiche schlechte Schüler speziell fördern. Sie sollen neben dem Unterricht in der Praxis Erfahrungen sammeln - damit sie lernen, wozu Schule gut ist.

Die Angermünder Gesamtschule arbeitet seit geraumer Zeit erfolgreich nach diesem System. Die Schüler lernen hier in der siebten Klasse sechs statt vier Stunden Deutsch, fünf statt vier Stunden Mathe. Bretsch, der sich eher als Unternehmer denn als Schulleiter sieht, verweist stolz darauf, dass seine Jugendlichen in Mathematik und Lesen bei Pisa fast Bundesschnitt erreicht haben, also »signifikant besser« waren als der gemeine Brandenburger Schüler.

Das positive Ergebnis ist aber nicht nur der Förderung geschuldet. Bretsch hat bei der Aufnahme der Schüler strikt darauf geachtet, dass es keine Klassen gibt, die nur aus schwachen Schülern bestehen. Die Schlechten könnten doch nur von den Guten lernen, wenn es viele Gute gebe.

Als Folge der anhaltenden Abwanderung wird in einigen Jahren die Ehm-Welk-Schule die einzige Gesamtschule für den Raum Angermünde sein. Zwangsläufig wird sie alle Schulpflichtigen der Region aufnehmen müssen - die Steuerung durch Auswahl entfällt. Ihn treibe die Sorge um, seufzt Bretsch, »dass wir das jetzige Niveau dann nicht mehr halten können«.

NADINE MIESEN, IRINA REPKE,

CAROLINE SCHMIDT

Nadine Miesen
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