Arzneimittel Schleuse dichtmachen
Zum Jahresende ließen sich die Bürger in den neuen Bundesländern reich beschenken - von ihren Hausärzten. Die Wartezimmer waren vielerorts voller als die Kirchen; es galt, ein Rezept abzugreifen.
In und vor den Apotheken im östlichen Deutschland bildeten sich Schlangen. Paketweise wurden Pillen, Pulver und Ampullen über den Tresen gereicht, alles kostenlos, West-Ware bevorzugt. »Unsere Doktoren«, stellte Apothekerin Brigitte Hofmann in Schwerin überrascht fest, »haben auf Teufel komm raus verschrieben.«
Eine teure Bescherung für die Krankenkassen, ein Triumph für die westdeutsche Pharmaindustrie. Die Pillendreher im Westen haben einen Lieferboykott für die neuen Bundesländer angekündigt und bereits mit ihrer Drohung eine tolle Wirkung erzielt. Die Pharmamanager wollen einen Passus aus dem Einigungsvertrag wegschaffen, der die Ex-DDR zum Niedrigpreisgebiet für Arzneimittel erklärt. _(* Am 28. Dezember. )
»Zur Vermeidung von Defiziten bei den Krankenversicherungen«, lautet der umstrittene Vertragstext, müsse der bisherige Herstellerpreis »um einen Abschlag verringert« werden. Für l991 hat Bonns Sozialminister Norbert Blüm diesen Abschlag mit 55 Prozent angesetzt. Wo die Arzneimittelhersteller im Westen 100 Mark kassieren, bekommen sie im Osten nur 45 Mark.
Der Aufschrei gegen das »Preisdiktat« (Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie) folgte prompt. Es geht für die Arzneimittelhersteller im deutschen Osten immerhin um einen zusätzlichen Umsatz von rund fünf Milliarden Mark.
Und das ist nicht alles. Hersteller, Großhändler und Apotheker fürchten, die billigen Ost-Tarife könnten via Schwarzmarkt die hohen West-Preise zerstören. Hannelore Sitzius-Zehender, Geschäftsführerin der Deutschen Apothekerverbände: »Bei Preisnachlässen in der Ex-DDR wäre der Markt nicht mehr kalkulierbar.«
Genau das mag die Pharmabranche nicht. Deshalb wird boykottiert und gedroht. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie läßt seinen Hauptgeschäftsführer Hans-Rüdiger Vogel nahezu täglich vor »Chaos bei der Arzneimittelversorgung in der Ex-DDR« warnen.
Für Experten sind solche Sprüche purer Unsinn. Die medizinische Versorgung der neuen Bundesbürger ist nicht gefährdet. Alle Kliniken verfügen über West-Präparate; der Blüm-Abschlag gilt nur für Apotheken. Auch die Apotheker halten wichtige West-Produkte - vor allem Insulin, Antibiotika und spezielle Herz-Kreislauf-Rezepturen - griffbereit. Wer die Preisdifferenz selbst bezahlt, kann ohnehin jederzeit kaufen.
Teure West-Medizin ist bisher im Osten unbedeutend. Rund 80 Prozent des Apotheken-Sortiments stammen aus den ehemals volkseigenen Betrieben. Nur bei rezeptfreien Knoblauchdragees, bei Potenz- und Vitaminpräparaten liegen die West-Hersteller vorn.
Die Panikmache wirkt trotzdem. Ärzte und Patienten fürchten, die Pharmamanager könnten sie auf Totalentzug setzen. In den Apotheken der neuen Bundesländer werden neben Rezept und Arznei die ersten bösen Worte gewechselt. Wo sich kränkelnde Ost-Bürger sonst »gute Besserung« wünschen, wird jetzt gegen »Zwei-Klassen-Medizin« Front gemacht.
Die Apotheker sind überfordert. In Mecklenburg-Vorpommern empfiehlt der Apothekerverband seinen Mitgliedern bereits die Schließung der Verkaufsstellen. Als Prügelknabe haben die Ostler sich einen ausgeguckt, der in gleicher Funktion schon im Westen diente: Norbert Blüm.
Dabei hat der Minister diesmal die ökonomische Logik auf seiner Seite. Bei niedrigen Löhnen und demzufolge niedrigen Kasseneinnahmen, so seine Überlegung, müssen auch die Kassenausgaben bescheidener ausfallen.
Würde die West-Industrie dem Ost-Patienten ungehindert teure Medizin injizieren, müßte das östliche Versicherungssystem kollabieren. Schon der Ersatz jeder zweiten Ost-Arznei durch das teurere West-Präparat ist für die Kassen unzumutbar: Bereits im neuen Jahr würde das Defizit 3,7 Milliarden Mark betragen. »Wir waren regelrecht gezwungen«, so ein Blüm-Vertrauter, »diese Schleuse dichtzumachen.«
Ob sie hält, ist zweifelhaft. Die Pharmahersteller im Osten können mit ihren Preisen alles durcheinanderbringen. Sie sind - noch - frei in der Preisgestaltung, kennen - noch - keine Festbeträge. Um allmählich auf West-Niveau zu kommen, erhöhten sie zum Jahresende stillschweigend die Preise. Das Pharmazeutische Werk Meuselbach in Thüringen verlangt für sein Kreislaufpräparat Nitrangin statt bisher 2 Mark jetzt 8,70 Mark, ein Plus von über 300 Prozent.
Die West-Industrie will mitverdienen - und das möglichst schnell. Die Verbände haben daher ein Modell entworfen, das die Finanzprobleme der Ost-Kassen pharmafreundlich lösen könnte - durch Griff in die Bonner Kasse.
Der Staatshaushalt, so die schöne Idee der Pharmavorstände, könnte das Minus der Ost-Krankenkassen in den Aufbaujahren ausgleichen. Die Arzneimittelindustrie würde sich mit einem Zuschuß von maximal 900 Millionen Mark beteiligen. Die Branche taufte ihren Vorschlag auf den Namen »Konsensmodell«.
Den Verantwortlichen der Krankenkassen ist der Pharmazuschuß zu gering; den Blüm-Beamten erscheint das gesamte Modell suspekt. Ein Ministerialer: »Dann hätten wir durch die Hintertür plötzlich eine staatliche Defizithaftung für die Krankenkassen drin.«
Weil der Sozialminister den Pharmavorständen als uneinsichtig gilt, wird nun Blüms Vorgesetzter bedrängt. In einem Schreiben an den sehr geehrten Herrn Bundeskanzler mahnt Bayer-Vorstandschef Hermann-Josef Strenger den CDU-Vorsitzenden zur Eile. Das »von Ihnen angeregte konsensuale Alternativmodell«, schrieb der Mann aus Leverkusen an Kohl, müsse nun »in die Koalitionsverhandlungen einbezogen« werden.
Schlitzohr Strenger schlägt »in Erwartung der Novellierung« vor, den Blüm-Abschlag stillschweigend zu mißachten, damit das pharmafreundliche Zuschußmodell »im Vorfeld bereits praktiziert« werden kann. »Eine rasche Entscheidung«, mahnt der Bayer-Chef den Kanzler, »wäre außerordentlich hilfreich.«
* Am 28. Dezember.