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BALKAN »Schlimme Entscheidung«

Der serbische Außenminister Vuk Jeremic über die Lage im Kosovo und die Integration seines Landes in die EU
• aus DER SPIEGEL 3/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeremic, 32, gehört der Partei des gemäßigten Präsidenten Boris Tadic an. Er ging 1991 mit seinen Eltern nach London, studierte in Großbritannien und den USA. 1999 kehrte er nach Belgrad zurück und schloss sich der Widerstandsbewegung Otpor gegen das Regime Milosevic an. Seit Mai 2007 ist er Außenminister.

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SPIEGEL: Herr Minister, im Kosovo gibt es eine neue Regierung, die bald schon die Unabhängigkeit der Provinz von Serbien ausrufen dürfte. Was machen Sie dann?

Jeremic: Das wäre eine schlimme Entscheidung, es wäre ein Verstoß gegen die Uno-Resolution 1244, es wäre auch eine Beeinträchtigung der serbischen Souveränität. Wir würden alle Mittel einsetzen, um dagegen vorzugehen, abgesehen von der Anwendung militärischer Gewalt, denn darauf ruht kein Segen. In den vergangenen 16 Jahren haben die Menschen auf dem Balkan oft genug die Folgen körperlicher Gewalt gespürt. Was aber ein souveräner Staat in Verteidigung seiner Unversehrtheit tun kann, werden wir tun.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Jeremic: Was in unserer politischen, diplomatischen, völkerrechtlichen und ökonomischen Macht steht, um gegen eine unrechtmäßige Entscheidung vorzugehen.

SPIEGEL: Würde Serbien zum Beispiel den Warenverkehr in das Kosovo einstellen?

Jeremic: Wir würden Druck ausüben, auch wirtschaftlichen, denn das gehört zum Arsenal unserer Möglichkeiten. Unser Ziel wäre es, dass die Regierung im Kosovo die Unabhängigkeit widerruft.

SPIEGEL: Warum sollte sie, zumal Serbien und das Kosovo jahrelang erfolglos über Kompromisse für den völkerrechtlichen Status der Provinz verhandelt haben - zum Beispiel der Finne Martti Athisaari im Auftrag der Uno, dann eine Diplomaten-Troika aus den USA, Russland und der EU.

Jeremic: Echte Verhandlungen hat allein die Troika geführt, allerdings unter dem Junktim, dass sie am 10. Dezember vorigen Jahres beendet sein mussten. Mit Athisaari haben wir uns 18 Monate lang auseinandergesetzt, wobei sich uns der Eindruck aufdrängte, dass für ihn das Ergebnis von Anfang an feststand - die Unabhängigkeit des Kosovo. Er unterbreitete uns Vorschläge, wir machten unsere Vorschläge, die er uns dann abschlug.

SPIEGEL: Der Troika, der der deutsche Diplomat Wolfgang Ischinger angehörte, gestehen Sie immerhin guten Willen zu?

Jeremic: Mit der Einschränkung, dass sich die Probleme um das Kosovo, die Jahrzehnte hinter den Krieg von 1999 zurück- reichen, nicht in 120 Tagen lösen lassen. Am Anfang hat die Troika uns bedeutet: Also, Jungs, ihr habt bis zum 10. Dezember Zeit, euch zu einigen. Schafft ihr das nicht, dann wisst ihr, was passiert. Deshalb hatte die albanische Seite wenig Grund zum Nachgeben.

SPIEGEL: Die Serben geben nicht nach, weil mit Russland ein mächtiger Verbündeter auf ihrer Seite steht. Die Albaner besitzen in den USA und der EU starke Verbündete, Nato-Kräfte schützen die Provinz.

Jeremic: Ja, und die Nato führte 1999 einen Krieg, und zwar gegen das Regime von Slobodan Milosevic ...

SPIEGEL: ... und was folgt daraus?

Jeremic: Es war kein Krieg gegen die Serben, sondern gegen dieses diktatorische Regime. Die Nato gewann, Milosevic musste seine Truppen aus dem Kosovo abziehen. Der Sieger konnte seine Bedingungen diktieren und entschied sich für die Uno-Resolution 1244, wonach das Kosovo eine serbische Provinz bleiben soll.

SPIEGEL: Vermutlich war das ein Fehler, weil das Kosovo damals ohne großen Widerstand unabhängig geworden wäre.

Jeremic: Das sehe ich natürlich anders. Bleibt aber der seltsame Umstand, dass die Nato diesem tyrannischen Regime günstige Friedensbedingungen einräumte. Heute, knapp neun Jahre später, hat sich Serbien gewandelt. Serbien hat eine demokratisch gewählte Regierung, einen Rechtsstaat, die Wirtschaft wächst. Serbien ist auf dem Weg in die Europäische Union und versöhnt sich mit seinen Nachbarn. Milosevic ist demokratisch gestürzt worden, er starb als Häftling, angeklagt vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag. Warum soll Serbien heute den Preis für den Krieg bezahlen, den Milosevic nicht bezahlen musste?

SPIEGEL: Noch mal: Was folgt daraus? Unter den Serben im Kosovo kursieren Drohungen, der Norden des Kosovo werde sich abspalten und sich Serbien anschließen. Unterstützen Sie solche Bestrebungen?

Jeremic: Also, um ehrlich zu sein, befinden wir uns da auf dünnem Eis. Serbien möchte alles in den Grenzen des Völkerrechts halten; darauf legen wir Wert. Daneben gibt es jedoch die Wirklichkeit, und es gibt Menschen, die die Dinge anders sehen mögen.

SPIEGEL: Und wie sehen diese Serben im Norden die Dinge?

Jeremic: Praktisch alle Serben im Kosovo würden die Unabhängigkeit für die Provinz so nicht hinnehmen. Es fügt sich, dass sie sich im Norden des Kosovo ballen. Da könnte sich Pandoras Büchse öffnen und eine Teilung auslösen, die Serbien nicht will.

SPIEGEL: Um Ihnen das abzunehmen, ist das Misstrauen gegenüber Ihrem Land einfach zu groß.

Jeremic: Vergessen Sie nicht, dass Serbien keine Einwände erhob, als sich die internationale Gemeinschaft im Kosovo engagierte: Uno, Nato, EU. Wir haben uns an die Spielregeln gehalten. Aber wir sind gegen die Teilung unseres Landes, gegen neue Grenzen auf dem Balkan. Die Philosophie der EU ist es doch, alte Grenzen zu öffnen, anstatt neue einzurichten.

SPIEGEL: Slowenien, das den EU-Ratsvorsitz innehat, macht Serbien das Angebot, das Assoziierungsabkommen rasch zu unterzeichnen. Nehmen Sie an?

Jeremic: Wir regieren in einer großen Koalition: Meine Partei um Präsident Boris Tadic steht links von der Mitte, die Partei von Ministerpräsident Vojislav Kostunica rechts davon. Wir haben uns auf zwei übergeordnete Ziele geeinigt: Bewahrung der territorialen Integrität Serbiens auf dem Balkan und Integration in die EU. Beide Ziele sind wichtig, sie verstärken sich wechselseitig. Deshalb begrüßen wir das Angebot, das uns der slowenische Ministerpräsident unterbreitet.

SPIEGEL: Einige EU-Staaten verlangen sogar nicht mehr, dass vor der Unterzeichnung die beiden angeklagten Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic dem Tribunal in Den Haag übergeben werden müssen.

Jeremic: Wir verstehen gut, dass es zu den Vorbedingungen gehört, die horrenden Grausamkeiten auf dem Balkan wie in Srebrenica zu sühnen. Das ist eine moralische Pflicht. Deshalb wird die serbische Regierung alles tun, was in ihrer Macht steht, sie zu finden, festzunehmen und auszuliefern.

SPIEGEL: Wer ist verantwortlich dafür, dass sie nicht gefunden werden?

Jeremic: Es ist nicht einfach, Leute zu finden, die in Kriegszeiten Kommandeure gewesen sind und sich auf schwer zugänglichem Terrain aufhalten.

SPIEGEL: Wo denn?

Jeremic: Irgendwo in der Region. Denken Sie doch an die Amerikaner, sie unternehmen gewiss alles, um Osama Bin Laden aufzuspüren. Ich hoffe, es gelingt ihnen, es ist aber nicht leicht. Wir tun auch, was wir können. Auf Mladic ist eine Belohnung von einer Million Euro ausgesetzt.

SPIEGEL: Trotzdem steht Serbien im Verdacht, die beiden laufenzulassen.

Jeremic: Am zehnten Jahrestag der Greuel in Srebrenica war Präsident Tadic dort und beugte sein Haupt. Wir tun viel.

SPIEGEL: In Serbien findet an diesem Sonntag die Wahl des Präsidenten statt. Ist sie ein Referendum über das Kosovo?

Jeremic: Nein, aber ein Referendum über Europa, denn über das Kosovo gibt es große Einigkeit in Serbien von rechts bis links. Europa spaltet. Präsident Tadic steht für die Integration in die EU, Tomislav Nikolic, stellvertretender Führer der Radikalen Partei, ist vehement dagegen. Eine ungemein wichtige Wahl für unser Land.

INTERVIEW: GERHARD SPÖRL

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