Schlimmes Geschäft - DER SPIEGEL
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Diplomaten Schlimmes Geschäft

Kaum eine Berufsgruppe erlebte nach der Wende einen so jähen sozialen Absturz wie die Diplomaten der DDR. Die meisten sind arbeitslos oder jobben.
• aus DER SPIEGEL 48/1993
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Die beiden Herren kannten sich aus besseren Tagen: Einst repräsentierten sie gemeinsam in Algerien den SED-Staat - nun trafen sich der Top-Diplomat Gerhard Haida, 56, und sein Presseattache Stephan Seyfert, 42, auf der Schulbank des Berliner »Taxi-Teams« in Kreuzberg wieder.

Der Ex-Botschafter und sein früherer Untergebener verdienen derzeit bei Berliner Mietwagenfirmen ihren Unterhalt, Haida als Chauffeur von Leihwagen, Seyfert als Taxifahrer auf Nachtschicht.

Wie den beiden geht es vielen aus Erich Honeckers Elitekorps. Hochqualifizierte Spezialisten und Sprachexperten verdingen sich seit der Wende, wo immer sie einen Job bekommen - sofern sie überhaupt Arbeit finden. So tief wie die rund 1000 SED-Diplomaten stürzten beim Untergang der DDR nur noch die Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Bis zu seiner Frühpensionierung im Herbst 1990 briet der geschaßte Diplomat Johannes Münzel, 58, ehedem immerhin Missionsleiter in Bolivien, auf der Berliner Gertraudenbrücke Currywürste in der eigenen Frittenbude. Der ehemalige Botschaftsrat in Korea, Joachim Elsner, 54, schlägt sich als Fahrlehrer durch.

Heinz Langer, 58, ehemals Botschafter in Havanna, hat »stapelweise« Bewerbungen verschickt - ohne Erfolg. Ab und an verdingt sich der Kuba-Kenner, der perfekt fünf Sprachen spricht, für ein Berliner Reisebüro als Begleiter zu seiner früheren Wirkungsstätte - Gesprächstermine mit Regierungsmitgliedern inklusive.

Dem ehemaligen Unesco-Experten Gunter Vogel, 55, geht es da noch besser: Er fand immerhin eine Stelle in einem Großhandel für Kfz-Ersatzteile.

Mehrere hundert Ost-Diplomaten hatten nach dem Untergang der DDR zunächst versucht, ihre Weiterbeschäftigung im vereinigten Deutschland vor Gericht zu erzwingen - vergeblich. Eine »Pflicht zum Abschluß konkreter Arbeitsverträge«, erklärte das Bundesarbeitsgericht in Kassel im Januar 1993, besteht für die Behörde nicht.

Einige Monate lang während der Wende, als die Ost-West-Verhältnisse noch in Fluß waren, hatte der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Ost-Kadern Hoffnung gemacht. Doch nach dem Treffen von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow im Juli 1990 im Kaukasus, bei dem die beiden die Wiedervereinigung besiegelten, »waren die Messen gesungen«, sagt der frühere Uno-Botschafter Ost-Berlins, Bernhard Neugebauer, 61. Aus dem »Aumi«, wie das Außenministerium am Berliner Marx-Engels-Platz intern hieß, wollte Genscher gerade noch »Schlüssel und Pförtner« (Tageszeitung) übernehmen.

Die Einheit, teilte ein Mitarbeiter Genschers den Ex-Diplomaten in einem knappen Schreiben mit, werde nur »geringe personalwirtschaftliche Auswirkungen haben«. Das Bonner Auswärtige Amt ließ die 438 Ehemaligen aus dem Osten, die trotzdem eine Bewerbung einreichten, von der Gauck-Behörde überprüfen. Eingestellt wurden am Ende lediglich 23 - allesamt Berufsanfänger, jung und ohne Vergangenheit.

Den Bonnern ging es auch ums Geld. »Wer durch Verbeamtung in wenigen Jahren Pension kassiert hätte, war völlig chancenlos«, sagt der Berliner Anwalt Peter Helkenberg, der seit der Wende rund 850 ehemalige Staatsbedienstete der DDR vor Gericht vertreten hat. Heute bekommen »staatsnahe« DDR-Botschafter im Ruhestand eine Rente von rund 1400 Mark.

Ein bitterer Abstieg für eine Kaste, die im SED-System mehr Privilegien genoß als die meisten Mitglieder der Nomenklatura - von ausgedehnten Reisen bis zum für Normalverbraucher unerschwinglichen West-Auto und dem freien Studienplatz für die Kinder.

Mit einem Nettoeinkommen von rund 2100 Mark wurden DDR-Botschafter für sozialistische Verhältnisse (Durchschnittseinkommen der DDR-Bürger in den achtziger Jahren: rund 1100 Mark) stattlich entlohnt. Dazu kam die Aufwandsentschädigung, meist in kostbaren Devisen.

Die Diplomaten waren ihre Privilegien wert: Die handverlesenen »Parteiarbeiter im Auswärtigen Dienst« (SED-Jargon) gehörten zu den treuesten und zuverlässigsten Dienern des Regimes - allzeit bereit, das eigene Land über den Klee zu loben.

Als der DDR-Botschafter in Washington, Gerhard Herder, 65, Anfang November 1989 im US-Fernsehen nach den Ursachen der Massenflucht aus seinem Land gefragt wurde, schwärmte er zehn Minuten von seiner Heimat als einem der sichersten Länder mit »einem der höchsten Lebensstandards der Welt«. Über die Ursachen des Exodus verlor Herder kaum ein Wort.

Im nachhinein sehen sich viele ostdeutsche Diplomaten indes ganz anders. Sie hätten, sagt Otto Pfeiffer, 56, der die DDR in Spanien und Südamerika vertrat und zuletzt die »Auslandspropaganda« (Pfeiffer) im Außenministerium leitete, größere Übel verhindert. »Insgeheim« hätten er und seinesgleichen gehofft, »die Verhältnisse zu verändern«. _(* 1984 mit Kubas Staatschef Fidel ) _(Castro. )

Pfeiffer, dessen Vertrag für eine ABM-Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Berliner Vereins zur Pflege der Stadtgeschichte gerade ausläuft, hat kaum Hoffnung, irgendwo noch eine Anstellung zu finden.

Selbstkritik äußern bis heute nur wenige. »Nach einer Flucht«, erklärt Neugebauer die Lage seiner Klasse, »wäre ich doch nichts anderes gewesen als ein Verräter.«

Der Diplomat, der seit 1978 im Rang eines Stellvertretenden Außenministers für die Uno zuständig war, sieht den Rausschmiß aus Amt und Würden als zweifache Demütigung: Ein Leben lang kämpfte er um die internationale Anerkennung seines Staates und litt unter der Arroganz seiner westlichen Kollegen.

Nun hat der ehemalige Spitzendiplomat alles verloren: Sein Staat ist untergegangen und mit ihm auch seine Existenz. Neugebauer bitter: »Die Politik ist das schlimmste Geschäft, schlimmer als die Prostitution.«

Der Ex-Botschafter verdient jetzt sein Geld damit, Geschäfte zwischen Ost und West anzubahnen.

Zuspruch findet die alte Elite nur noch bei sich selbst. Die ehemaligen Spitzenfunktionäre aus dem Auswärtigen Dienst treffen sich bevorzugt im Cafe »Herbst-zeitlos« an der Leipziger Straße, mitten im ehemaligen Diplomatenviertel von Ost-Berlin.

Der Spruch über dem Eingang wirkt auf sie wie Hohn: »Rede über Dich, wir brauchen Dein Wissen. Was Du gelebt hast, war nicht umsonst.« Y

* 1984 mit Kubas Staatschef Fidel Castro.

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