NAHOST Schluck unter Freunden
So ähnlich müssen sich die alten Hebräer das Paradies vorgestellt haben: ein Tal voll saftiger Platanen und Zypressen unter der ewigen Sonne des Mittelmeers, fruchtbar und grün wie der Frühling. Zwischen Feigenbäumen grasen die Schafe, Rinder dösen im Schatten. Und in der Mitte entspringt ein Fluss: der Manavgat Çayi, die türkisblaue Lebensader der Südtürkei, auf seinem nur 60 Kilometer langen Weg in die Bucht von Antalya.
Vor zwei Wochen waren acht Männer aus dem Gelobten Land ins Manavgat-Tal gereist, unter ihnen der Direktor der staatlichen israelischen Wassergesellschaft Mekorot. »Den Herren aus Tel Aviv«, sagt der türkische Bauingenieur Kamil Cengiz, »ist das Wasser im Mund zusammengelaufen, als sie mit uns über die Dammkrone der Talsperre gegangen sind.«
Drei Tage später einigten sich die Besucher mit dem türkischen Energieminister im Kabinett von Premier Bülent Ecevit auf den Rahmen für ein Geschäft, das den Wassermangel im Nahen Osten lindern und einen drohenden Verteilungskampf verfeindeter Nachbarn um eine kostbare Ressource entschärfen könnte. 50 Millionen Kubikmeter Manavgat-Wasser pro Jahr wollen die Israelis den Türken abkaufen. Ankara hält einen Verkaufspreis von etwa 30 Cents pro Kubikmeter für angemessen, Jerusalem will weniger als 23 Cents bezahlen. Inklusive Transportkosten ergäbe das für die Israelis einen Gesamtpreis von etwa einem Dollar.
»Technisch könnte der Wassertransfer schon nächste Woche beginnen«, sagt Mustafa Altundal, Leiter der Wasserdirektion im Touristenzentrum Antalya. »Wir jedenfalls sind bereit.« Denn schon im vorigen November haben die Türken am Manavgat eine Anlage zur Wasseraufbereitung und -verladung in Betrieb genommen, die weltweit einmalig ist.
Unterhalb von zwei flussaufwärts gelegenen Stauseen, in denen sich Schwebstoffe aus dem Wasser absetzen, können täglich bis zu 500 000 Kubikmeter in eine Aufbereitungsanlage gepumpt werden. Dort strömt das Wasser zwei unterschiedlichen Behandlungsprozessen zu: Trinkwasser wird mit Sauerstoff, Eisen und Mineralien angereichert; Nutzwasser wird lediglich gechlort.
In einer zehn Kilometer langen Pipeline fließt das aufbereitete Wasser dann an die Küste; unterirdische Rohre führen von dort zu den beiden Ladeplattformen hinaus, die etwa drei Kilometer vom Strand entfernt gebaut wurden. Täglich können zwei Tanker von je 250 000 Kubikmetern Fassungsvermögen verankert und beladen werden. Die Jahreskapazität der Anlage liegt bei 180 Millionen Kubikmetern - ein Bruchteil der 3,6 Milliarden Kubikmeter, die der Manavgat jährlich liefert.
Etwa 300 Millionen Mark hat die Regierung in Ankara für das Projekt ausgegeben, das zum ersten Mal Off-Shore-Technologie aus der Ölindustrie für den Wassertransport nutzen soll. Nun hofft sie auf einen starken Rückfluss von Devisen.
Denn an potenziellen Kunden herrscht im chronisch süßwasserarmen Mittelmeerraum kein Mangel. Ganz oben auf der Interessentenliste steht allerdings die eigene Zwölf-Millionen-Metropole Istanbul, die mit 675 Millionen Kubikmetern jährlich ein Viertel des türkischen Wasserverbrauchs allein für sich abzweigt.
Viel gewinnbringender verspricht das Auslandsgeschäft zu werden. Während der Arbeiten am Manavgat-Projekt reisten nacheinander Wasser- und Energieexperten aus Libyen, Jordanien, Malta, Nordzypern und den Palästinensergebieten an, um sich nach den Lieferbedingungen zu erkundigen. Bereits Monate vor der Zivildelegation aus Tel Aviv hatte sich auch der stellvertretende israelische Generalstabschef informiert - Wasser ist ein strategisches Gut, vor allem für den jüdischen Staat.
Dass ausgerechnet Israel gezwungen ist, Wasser zu importieren, liegt vor allem am fahrlässigen Umgang mit den eigenen Ressourcen.
Jahrzehntelang lebte Israel über seine Verhältnisse, beregnete Zitrushaine und Baumwollplantagen mit Trinkwasser. Nach mehreren trockenen Wintern herrscht nun akuter Wassermangel. »Die Lage ist schon jetzt katastrophal«, klagt Mekorot-Chef Amos Epstein, auch wenn bislang vorwiegend die Palästinenser darunter leiden, die pro Kopf mit nur einem Viertel der israelischen Wassermenge auskommen müssen.
Schon bald wird der Wasserspiegel des Sees Genezareth, Israels einzigem oberirdischen Süßwasserspeicher, auf einen gefährlichen Tiefstand sinken und womöglich irreparable Schäden im Wasserkreislauf verursachen.
Auch Premierminister Ehud Barak ist alarmiert. Der Regierungschef bat den sonst mit Verteidigungsaufgaben betrauten Nationalen Sicherheitsrat, Krisenprogramme zur Bewältigung der Wasserknappheit zu entwickeln. Der Druck auf den Premier, das seit Jahren angebotene Wassergeschäft mit der Türkei abzuschließen, wächst täglich. Denn bei anhaltenden Regierungskrisen und fast unüberwindlichen Schwierigkeiten bei den Friedensgesprächen hat Barak kein Interesse daran, sich auch noch durch Zwangsrationierungen von Wasser den Zorn seiner Bürger zuzuziehen.
Viele israelische Experten lehnen den Wassereinkauf allerdings ab, weil er dringende heimische Lösungen für ein Ende der hausgemachten Krise weiter verzögern könnte - vor allem den Bau von Meerwasser-Entsalzungsanlagen, den Israel bisher verschlafen hat.
Besorgte Politiker warnen überdies davor, sich durch das Wassergeschäft allzu eng an die Türkei zu binden. Das bald nach der Staatsgründung aufgebaute landesweite Wassernetz, mit dem die Israelis die Wüste zum Blühen brachten, gehört zum Nationalstolz des jüdischen Staates, der seit jeher besonderen Wert auf Unabhängigkeit und Stärke legt.
Auch die Beamten im Außenministerium, die den geplanten Deal mit der Türkei im Prinzip unterstützen, stehen vor der heiklen Frage, »wie abhängig sich ein Staat machen darf, wenn es ums Wasser geht«. Israel möchte den Vertrag mit der Türkei auf fünf Jahre begrenzen. Die Türkei strebe dagegen, so Mekorot, eine Vertragsdauer von etwa 15 Jahren an.
Erleichtert wird der Wasserdeal durch das gute israelisch-türkische Verhältnis. Seit 1996 haben die beiden Staaten trotz des Protests der arabischen Nachbarn Abkommen über militärische Zusammenarbeit unterzeichnet. Seither finden gemeinsame Marine-Manöver statt, israelische Piloten trainieren über anatolischem Gebiet.
Ankaras Militär zählt überdies zu den wichtigsten Kunden der israelischen Rüstungsindustrie. Die modernisiert türkische Kampfjets und bemüht sich derzeit um weitere Aufträge in Milliardenhöhe.
Doch auch wenn das Wasser von einem verlässlichen Verbündeten kommt - für Israel wird es ein teures Geschäft: Die Regierung muss im eigenen Land erheblich investieren, um die Wasserlieferungen aus der Türkei aufnehmen zu können.
Allein die Rohrleitungen, die im Zielhafen Aschkelon, südlich von Tel Aviv, verlegt werden sollen, sowie die Modernisierung der bestehenden Pumpenanlagen würden mehr als 20 Millionen Dollar kosten. Wegen der aufwendigen Vorbereitungen könnten die ersten Transporte nach israelischen Angaben frühestens in einem Jahr stattfinden.
Ankara hingegen kann von dem Wassergeschäft nur profitieren. Das Land sieht sich kurz vor der Verwirklichung eines Traums, den vor 15 Jahren der inzwischen verstorbene Ministerpräsident Turgut Özal als Erster geträumt hatte.
Die Türkei sei zwar arm an Erdöl und Erdgas, hatte Özal immer betont, doch das Land verfüge mit seinen Flüssen über riesige Wasserreserven. Wenn es der Türkei gelänge, mit diesen Pfunden zu wuchern, könne sie zur führenden Regionalmacht des Vorderen Orients aufsteigen.
Die Realisierung solcher Träume mutete zunächst bescheiden an. In so genannten Medusa-Säcken, zigarrenförmigen Schwimmballons aus Vinyl und Nylon, transportiert das Mutterland seit mehreren Jahren Süßwasser zu den türkischen Brüdern nach Nordzypern. Doch pro Lieferung können bei dieser eher umständlichen Transportmethode nur wenige zehntausend Kubikmeter bewegt werden.
Nun soll eine 78 Kilometer lange Schwimmpipeline gebaut werden, um nicht nur den türkischen Norden, sondern auch den griechischen Süden Zyperns mit Wasser zu versorgen. Das diplomatisch schwierige Projekt, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist, wäre ganz im Sinne des Wasserfürsten Özal. Ihm schwebte gleich eine doppelte »Friedens-Pipeline« vor - von der südtürkischen Stadt Adana über Syrien und Israel nach Saudi-Arabien und über den Irak bis an den arabisch-persischen Golf.
Die Baukosten sollten schätzungsweise 21 Milliarden Dollar betragen. Da winkten selbst die steinreichen Saudis ab. Für einen Kubikmeter Wasser aus der Friedens-Pipeline hätten sie gut zehn Dollar zahlen müssen.
ANNETTE GROßBONGARDT, BERNHARD ZAND