Schlüsselfigur oder Sündenbock?
Nr. 27/2002, Gesundheit: Die glänzenden Geschäfte der Apotheker in Zeiten knapper Kassen
Gesundheitsministerin Schmidt hat den Apotheken in Deutschland nun offen den Kampf angesagt. Denn das Gesundheitswesen steckt in einer tiefen Krise, und in einer Krise muss ein Sündenbock her, und den haben die Funktionäre der Krankenkassen, die das Ohr der Ministerin haben, auch schon längst ausgemacht: Es sind die Apotheker. Ein Berufsstand, der seit 700 Jahren existiert, fast 140 000 Arbeits- und Ausbildungsplätze stellt und an den Gesamtkosten der GKV mit nicht einmal 3 Prozent beteiligt ist, ist schuld an der Misere. Hinter den ständigen Attacken auf die Apotheken in Deutschland in den Medien stehen Großkonzerne mit massiven finanziellen Interessen am Arzneimittelmarkt, die es geschickt verstehen, Presse und Politik vor ihren Karren zu spannen.
LUDWIGSBURG (BAD.-WÜRTT.) BRIGITTE HILLNER
Welch bodenlose Naivität. Ausgerechnet der profitorientierte und mit Höchstgewinnspannen ausgestattete Kleinhändler, der Apotheker, soll nun darüber entscheiden, welches Medikament ich bekomme. Ja, glaubt denn unsere Gesundheitsministerin im Ernst, der würde nicht das möglichst Teuerste aus der Schublade ziehen? Und wer kontrolliert den überhaupt? Jetzt geht es erst recht hoch mit der Kostenkurve für Arzneimittel. Mein Traum: Macht's wie die Tierärzte. Die verkaufen ihre Medikamente selber. Und von heut auf morgen hätten wir das gesündeste Gesundheitssystem der Welt.
TÖNNING (SCHL.-HOLST.) HERBERT CHR. KRAUSE
Die Behauptung des Autors, dass Bundesgesundheitsministerin Schmidt die Apotheker zur Schlüsselfigur des deutschen Gesundheitssystems gemacht hat, stimmt so nicht. Nach wie vor können die Ärzte festlegen, welches Medikament - egal ob teures Originalpräparat oder billiges Generikum - in der Apotheke abgegeben wird. Denn da die meisten Ärzte auf ihren Rezepten die neue Aut-idem-Regelung nachdrücklich ausschließen, bleibt alles beim Alten. Letztendlich hat die Bundesgesundheitsministerin nur Verunsicherung bei den Patienten erreicht.
MÜNCHEN DR. HERMANN VOGEL