SCHLÜTER
(Nr. 25/1955, Bundesländer)
Bewiesen diese Rektoren und Professoren den gleichen Elan, als Dr. Goebbels ihre jüdischen Kollegen exmittierte?
Vechta
HANS WEBER
Sie brachten einen eingehenden Artikel über den Fall Schlüter, der zeitlich mit den Angriffen zusammenfällt, die jetzt nachträglich - vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - in der Frage der Göttinger Universitätskrise gegen Magnifizenz Woermann auf Grund seiner Halleschen Rektoratsverwaltung in den Jahren 1936/37 gerichtet werden... Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen meinen Brief vom 13. Juni 1955 an Herrn Woermann in Abschrift zur Verfügung zu stellen, damit die Öffentlichkeit über die wahren Tatsachen unterrichtet wird:
Magnifizenz, sehr verehrter Herr Woermann!
... Ich bin in Halle seit 1933 in einer schwierigen, stets bedrohten Lage gewesen, da ich durch einen meiner Großväter jüdischer Abstammung war. Im Sommer 1938 hat mich denn auch das Schicksal durch die fristlose Entziehung der venia legendi ohne jede Versorgungsansprüche ereilt, so daß ich bis 1946 außer Amtes geblieben bin und auch durch eine Gestapo-Untersuchung wegen angeblicher Wehrmachtszersetzung 1943 zwei Monate in Untersuchungshaft war und anschließend auch aus meiner damaligen Position an der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres als wissenschaftlicher Angestellter verdrängt wurde.
Wenn diese Absetzung sich solange verzögert hat, verdanke ich es nicht zum mindesten der stets gleichbleibenden Unterstützung und Dekkung, die ich persönlich bei Ihnen, als Rektor der Universität, erfahren habe. Während der ganzen Zeit Ihres Rektorates konnte ich in immer wiederholten Gesprächen mit Ihnen feststellen, welchen Anteil Sie an dem Schicksal der bedrohten Kollegen nahmen und wie sehr Sie sich bemüht haben, diese zu halten und zu verteidigen. Trotz der Exponiertheit meiner Lage haben Sie mich immer wieder persönlich in einer Weise gefördert, an die ich mit dauernder Dankbarkeit als eine der nicht allzu zahlreichen hellen Erinnerungen aus jenen Jahren zurückdenke. ... Ich kann nach allen meinen Erfahrungen die Behauptung, daß Sie am »Abschuß« politisch mißliebiger Kollegen von sich aus teilgenommen hätten, nur als eine völlige Verzeichnung der wirklichen Tatsachen bezeichnen ...
Berlin
PROF. DR. HANS HERZFELD Dekan der Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin
In Ihrer Nr. 25 vom 15. Juni 1955 ist auf Seite 22, Spalte 3, der Professor Dr. Friedrich Kröning als der derzeitige Dekan der Forstlichen Fakultät der Universität Göttingen bezeichnet worden. Dieser ist in Verfolg eines Disziplinarverfahrens seit 1947 außer Amtes und gehört daher der Universität nicht an.
Göttingen
PROF. DR. P. TEN BRUGGENCATE Geschäftsführender Prorektor
Herr Schlüter behauptet, seine Doktorarbeit sei mit »gut« bewertet worden. Das trifft nicht zu. Ausweislich der Akten der Fakultät ist sie von dem Referenten trotz Bedenken gegen »ihre Mängel und Schwächen« als immerhin »aussichtsvoller Ansatz« zu einer Dissertation bezeichnet worden. Dies war das Mindesturteil, das nach den Kriegsvorschriften ein Dissertationsentwurf erreichen mußte, wenn der Verfasser zur Vorwegleistung der mündlichen Prüfung zugelassen werden wollte.
Diese mündliche Prüfung hat Herr Schlüter nicht bestanden, weil seine Rechtskenntnisse nicht ausreichten. Es ist nicht wahr, daß er wegen unbefriedigender Antworten auf verfängliche politische Fragen durchgefallen sei. Derartige Fragen sind ihm nicht gestellt worden. Der von ihm behauptete Zwischenfall mit Professor Welzel hat sich nicht ereignet. Schlüters Darstellung ist frei erfunden.
Eine Wiederholung der Prüfung stand ihm wie jedem anderen Kandidaten offen;
Seine Behauptung, ihm sei dafür ein »vereinfachtes Verfahren« in Aussicht gestellt worden, ist nicht wahr.
Mitte Mai hat sich ein Autor seines Verlages mündlich und schriftlich mit einem Mitglied der Fakultät in Verbindung gesetzt und auf die angeblich sachwidrige Erledigung des Promotionsverfahrens Bezug genommen und betont, der Vorgang sei für die Fakultät peinlich und »könnte sehr peinlich werden«. Damit war erkennbar auf die damals schwebenden Pläne, den Abgeordneten Schlüter zum Kultusminister zu machen, Bezug genommen. Die Fakultät hat diesen Schritt als Versuch empfunden, einen Druck auf sie auszuüben. Sie sieht sich in dieser Beurteilung der Sachlage nunmehr bestätigt.
Göttingen
PROF. DR. KÖTTGEN Geschäftsführender Prodekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät
Vielleicht gibt die neue bundesrepuklikanische Wehrmacht dem Staatsminister a. D. Leonhard Schlüter bald mehr Gelegenheit, seine Macht zu entfalten, als es ihm in seinem Amt als Kultusminister vergönnt war - etwa so, wie es Thomas Theodor Heine vor 55 Jahren in seiner Simplicissimus-Karikatur »Der Unteroffizier und die Professoren« geschildert hat.
Frankfurt
WALDEMAR HILLGES
Die von Ihnen gebrachte Darstellung über ein Gespräch von mir mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Kopf ist falsch, in Sonderheit auch hinsichtlich der Bemerkung Kopfs, daß das Kultusministerium von Herrn Schlüter übernommen werden könnte.
Bonn
DR. WALTHER DRECHSLER MdB
Die Information, Ex-Ministerpräsident Kopf habe dem FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Drechsler gesagt: »Schlüter kann doch das Kultusministerium übernehmen«, stammt vom niedersächsischen FDP-Landesvorsitzenden Strömer und von dem niedersächsischen FDP-Landesgeschäftsführer Huisgen. Red.
Ich möchte Ihnen die Richtigkeit Ihrer Darstellung bestätigen, die Sie über das Gespräch Schlüters mit mir auf der Volkswagenfahrt
von Elze nach Göttingen gebracht haben. Ich bin jederzeit bereit, diese Schilderung vor Gericht durch Eid zu erhärten. Herr Schlüter wollte mich übrigens schon vor Göttingen, nämlich am Weender Schwimmbad, absetzen, damit unsere Verbindung geheim bleiben sollte. Erst auf mein Drängen nahm er mich dann bis zum Postamt Göttingen mit. Ich mußte mich aber auf dieser Fahrt so setzen, daß mich in der Stadt Göttingen keiner erkennen konnte.
Die weiteren Verfahren werden beweisen, wer unglaubwürdig ist.
Göttingen
HEINZ HEUER Polizeibeamter
Der Verfasser des Aufsatzes über Schlüter hatte die Freundlichkeit, meiner 1937 erschienenen Schrift »Goethe und die Juden« zu gedenken. Ich darf darauf aufmerksam machen, daß dieses vom Verfasser als »albern« bezeichnete Thema Gegenstand eines umfangreichen, 1934 in New York erschienenen Buches »Goethe and the jews« von Mark Waldman, also nicht meine Erfindung ist. Meine kleine Schrift richtet sich gegen die tendenziöse, unwissenschaftliche und bewußt fälschende Darstellung des Problems durch Waldman, macht also nur von dem Rechte Gebrauch, das jedem Wissenschaftler, der es besser zu wissen glaubt, nicht nur zusteht, sondern das ihn auch verpflichtet.
Tübingen
PROF. DR. FRANZ KOCH
Liebe Freunde! Sie widmen diesem Spektakulum 12 (schreibe: zwölf!) Seiten Ihres kostbaren Raumes, dabei hätte das Konterfei auf der Titelseite vollkommen genügt, um Ihrer Verpflichtung als »Das Deutsche Nachrichten-Magazin« gerecht zu werden.
Duisburg
WOLFGANG MAASER
Dieselbe CDU, deren maßgebende Sprecher den Autor Rudolf Diels anläßlich der John-Debatte im Bundestag eine Ratte genannt haben, fand nichts dabei, den Verleger der so heftig angegriffenen Broschüre*) zum Kultusminister zu bestallen. Wenn Herr Diels eine Ratte ist, aus welchem Loch soll er dann gekrochen sein, wenn nicht aus dem des Herrn Schlüter?
Köln
DR. ERNST HENZE
Im Zusammenhang mit dem Fall Schlüter wird ein Wort des Herrn Dehler kolportiert, etwa des Inhalts: der Vorwurf sei den Wählern zu machen, die durch ihre Stimmabgabe erst eine Berufung des Herrn Schlüter ins Amt eines Kultusministers von Niedersachsen ermöglicht hätten. - Ich glaube, daß man diesen Satz, so er wirklich gesprochen wurde, dahingehend richtig interpretiert, daß man überall hin abrät, dieser famosen »Freien« und »Demokratischen« Partei die Stimme zu geben.
Aachen
DR. PHIL. WERNER SCHMITZ
*) Rudolf Diels: »Der Fall John - Hintergründe und Lehren«, Göttinger Verlagsanstalt, 1954, 57 Seiten, 2 Mark. (Vergleiche SPIEGEL 34/1954 und 49/1954.)