Schmerzender Stachel
(Nr. 16/1996, Zeitgeschichte: Rudolf Augstein über Daniel Jonah Goldhagens »Hitler''s Willing Executioners«
Bravo für Ihre klaren Worte! Zwar ist dieses Buch keinen neuen Historikerstreit wert, aber man fragt sich, wie solche Vereinfachungen und Verallgemeinerungen von einem angesehenen Verlag veröffentlicht werden konnten und wieso einige amerikanische Rezensenten das Buch mit dem Prädikat »wegweisend« versehen haben. Als Harvard-Absolvent finde ich diese Harvard-Dissertation befremdend, zumal die Kollektivschuldthese wissenschaftlich, historisch und moralisch unhaltbar ist. *UNTERSCHRIFT:
Genf ALFRED DE ZAYAS
Goldhagen hat zweierlei sehr richtig erkannt: Das Thema Hitler, Nazi und Holocaust läßt sich auch nach 50 Jahren immer noch hervorragend vermarkten. Die zweite Generation nach den Nazi-Verbrechern schickt sich an, exponierte Stellungen in Deutschlands Politik und Wirtschaft einzunehmen. Sie ist mitnichten bereit, sich weiterhin in ewig währende Sippenhaft nehmen zu lassen. Das Rezept der Kommerzialisierung des deutschen schlechten Gewissens wird in Bälde nicht mehr funktionieren. *UNTERSCHRIFT:
Ulm PETER GRECH
Der Holocaust an sich war schon sehr sehr schlimm, nicht nur für die Juden und diejenigen, die darunter gelitten und durch das Regime gestorben sind, sondern auch für die folgenden Generationen. Aber noch schlimmer erscheinen mir Leute wie Goldhagen, die selber nichts erlebt oder gelitten haben, aber mit dem Leid und der Trauer anderer ihre Geschäfte machen. Sie verhindern eine Aussöhnung nicht nur zwischen Juden und Christen, sondern legen auch den Grundstock auf weitere unfriedliche Auseinandersetzungen. *UNTERSCHRIFT:
München ALBRECHT MÜLLER
Gleich der Auftakt tut kund, worum es Augstein bei der Kollektivschuldthese von Goldhagen im Grunde geht. Um (reflexartige) Abwehr des nach wie vor rumorenden und schmerzenden Stachels. Das Bild, das Augstein zitiert und das seinem Kommentar als Illustration dient, zeigt eben nicht einen »bulligen und feisten SS-Mann« - also jenen abstoßenden Typus seines »Henkers in Uniform«, zu dem sich bequem auf Distanz gehen läßt - sondern einen leidlich attraktiven, vor allem aber durchschnittlich und unauffällig aussehenden Menschen. *UNTERSCHRIFT:
Wuppertal MICHAEL OKROY
Dank für die kritische Würdigung des Goldhagenschen Wälzers, dessen Durcharbeitung sich erübrigt. Die erwachsene Kriegsgeneration Deutschlands wußte von den Konzentrationslagern in Osteuropa soviel wie der Durchschnittsamerikaner an der Ostküste während des 19. Jahrhunderts von den Vernichtungskriegen gegen die Indianer, die sogenannte Endlösung für die Eingeborenen der USA. *UNTERSCHRIFT:
Wiesenbach/Baden DR. B. SCHÖNING
Keineswegs billigten alle Deutschen Hitlers totalen Krieg. Feldmarschall Erwin Rommel, Graf Stauffenberg und Millionen Deutsche waren insgeheim gegen Tyrannenwahn, was die Geschichte der Deutschen beweist. *UNTERSCHRIFT:
Köln KARL-AUGUST PÜTZ