Schmerzgrenze bei 5000 - DER SPIEGEL
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HOCHSCHULEN Schmerzgrenze bei 5000

Ein Modellversuch an der Technischen Universität München soll klären, ob ein Computer auf der Studentenbude das Studium erleichtern und verkürzen kann. *
• aus DER SPIEGEL 23/1988
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In der Informatik-Halle auf dem Südgelände der Technischen Universität München herrscht permanent Hochbetrieb. Von früh um acht bis abends um zehn drängeln sich mehr als 2000 Studenten der Fachrichtung Informatik vor den 170 hochschuleigenen Terminals.

Nicht selten braucht der angeschlossene Zentralrechner wegen dieser Überlast für seine Antworten 20mal länger als normal. Und das Durchschnittsstudium bis zum Diplom dauert unter solchen Umständen auch 13 Semester.

Bald soll es für die Computer-Kommilitonen an der Isar schneller und bequemer werden. In einem bislang einzigartigen Modellversuch werden den Münchner Studenten nach den nächsten Semesterferien hochkarätige Computer (Preisklasse: um die 15 000 Mark) auf die Bude gestellt.

Das von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung bewilligte und je zur Hälfte von Bonn und dem Freistaat Bayern finanzierte Projekt wird das studentische Leben gründlich umkrempeln.

Der »papierlose Übungsbetrieb« und der unbeschwerte »Dokumententransfer« über Akustik-Koppler und Telephonleitung können laut einer Projektbeschreibung der Hochschule den Studenten nicht nur das ständige Warten in der Uni ersparen. Sie sollen auch zu einer »Vertiefung der Lehrinhalte« und einer »Verkürzung der Ausbildungszeit« führen.

Laut Projektleiter Professor Hans-Jürgen Siegert will das Institut für Informatik mit den Studentenrechnern »Vorreiter für alle anderen Fakultäten« sein und auch eine »Breitenwirkung auf andere Universitäten« entfalten. Jedenfalls sei es für die TU München, an der schon 1950 der in Fachkreisen berühmte Computer Perm (Programmgesteuerte elektronische Rechenanlage München) konstruiert wurde und an der noch heute 80 selbst entwickelte Computer vom System Mars (Münchner Arbeitsplatz-Rechner Systeme) im Einsatz sind, geradezu »zwingend, auf diesem Gebiet an der vordersten Front zu stehen« (Siegert).

Zunächst beginnt die Computer-Zeit allerdings nur für einen Bruchteil der Münchner Informatik-Studenten. Denn die Projektkosten, 1,5 Millionen Mark, reichen nur für rund 100 Kommilitonen - etwa ein Viertel eines Studentenjahrgangs. Durch Leistungsnachweis und teilweise auch durch Los sollen die Begünstigten

ermittelt werden. Mit den Leihrechnern, die mit dem weitverbreiteten Unix-Betriebssystem arbeiten, können die Studenten bequem zu Hause bei einem Bier und in Gegenwart von Freunden und Freundin Planetenbewegungen simulieren, elektronische Schaltungen entwerfen, komplexe naturwissenschaftliche Abläufe visualisieren, aber natürlich auch allerlei Unfug treiben.

Während sich verbotene Hacker-Versuche in fremden Dateien von der Hochschule kaum vereiteln lassen, will Professor Siegert durch akribische Protokollierung aller Dialoge mit dem Hochschulnetz immerhin »verhindern, daß die Studenten in Computer-Spiele absacken«.

Doch auch ohne ständigen Spielbetrieb soll sich nach den Erwartungen der Initiatoren eine ganz neue Studentenherrlichkeit entfalten. Ministerialrat Norbert Willisch, Referent für Datenverarbeitung im Bayerischen Kultusministerum, blickt zuversichtlich in die fernere Zukunft: »Wenn es eines Tages tragbare Geräte für die Studenten gibt, können sie auch am Isarufer arbeiten.«

Für die Jung-Informatiker sind derlei Verlockungen »nur eine Seite der Medaille«, so Olaf Urbaniak, 24, von der Fachschaft. In einer per Computer erstellten Dokumentation haben die Studenten auch gewichtige Nachteile aufgeschrieben - »soziale Isolation« vor dem häuslichen Bildschirm, »versteckte Studiengebühren« durch künftige Anschaffungs- und Betriebskosten, daraus resultierende »verletzte Chancengleicheit« in einem »Zweiklassen-Studium«.

Um in einem einzigen Semester alle Studenten bedienen zu können, müßte die vierfache Zahl an Computern angeschafft werden. Aber, so fragt sich Fachschaftsvertreter Thomas Keller: »Wer zahlt dann die Rechnung?«

Die Initiatoren des Modellversuchs bauen auf den »Preisverfall bei Rechnern« und hoffen, daß die Computer »in wenigen Jahren als Massenprodukt zu einem Preis zu kaufen sein werden, den die meisten Studenten bezahlen können«.

Ministerialrat Willisch fände ein solches Engagement gar nicht so ungewöhnlich: »Musikstudenten müssen auch ein Instrument kaufen.« Anders als bei Flöte und Violine fallen beim Computer allerdings beträchtliche laufende Kosten an - für Wartung, Strom, Papier, Telephon und eventuell sogar für eine geräumigere Bude.

Nicht nur der technische Fortschritt, offenbar auch die Ansichten der Betroffenen sind im Computer-Zeitalter einem raschen Wandel ausgesetzt: Bei einer Umfrage im November 1986 zur Vorbereitung des Modellversuchs hatten die Münchner Informatik-Studenten keine Bedenken, sondern waren nach der Erinnerung von Professor Siegert »noch Feuer und Flamme«. 80 Prozent interessierten sich für einen eigenen Computer, 53,7 Prozent hatten bereits einen eigenen Rechner, aber nur zehn Prozent einen geeigneten.

Zwei Drittel der Befragten waren bereit, einen Computer zu kaufen, allerdings nicht zu jedem Preis. Professor Siegert: »Die Schmerzgrenze lag bei 5000 Mark.« _(In der Rechnerhalle der Technischen ) _(Universität München. )

In der Rechnerhalle der Technischen Universität München.

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