Kriminalität Schmieren, schieben, schweigen
Kaum im Amt, machte Bernd Jobst Breloer, 46, seit 15 Monaten Chef der einstmals skandalumwitterten Hanauer Atomfirma Nukem, reinen Tisch: Er trennte sich von allen Betriebsteilen, in denen mit Kernbrennstoffen hantiert wurde, legte die Produktion von Brennelementen still und startete eine millionenschwere Imagekampagne für die »Neue Nukem«.
Die Anzeigenserie gipfelte in einem Gelübde: »Wir machen keine Schlagzeilen mehr«. Der neue Mann weiß, daß er sein Versprechen nicht halten kann.
Denn noch in diesem Herbst wird die wenig strahlende Vergangenheit der Nukem und ihrer Tochterfirma Transnuklear (TN) vor dem Hanauer Landgericht angeklagt. Neun Atommanager, sieben davon einst hochbezahlte Angestellte von Nukem und TN, müssen sich wegen Untreue und schweren Betrugs verantworten. Breloer appellierte vorsorglich an die Medien: »Sagen Sie, daß es um ehemalige Mitarbeiter geht.«
Jahrelang hatten die Herren aus Hanau den westdeutschen Kernkraftwerken den verstrahlten Abfall mit dem Versprechen abgenommen, den Atommüll in Belgien verbrennen und verpressen zu lassen und die Rückstände, in Fässer verpackt, zurückzuschicken. Ihre Kunden hielten die Manager dabei mit kleinen Geschenken und großen Barbeträgen so sehr bei Laune, daß denen gar nicht auffiel, was sich hinter der Fassade von Transnuklear wirklich verbarg: ein Ring zur illegalen Verschiebung von Atommüll von und nach Belgien.
Als die bislang größte Schmiergeldaffäre der deutschen Nuklearindustrie vor zwei Jahren aufflog (SPIEGEL 18/1987), wurde erst TN geschlossen, dann auch die Mutterfirma Nukem. Plötzlich fand niemand mehr den Verdacht abwegig, die Firmen könnten sogar Kernwaffen-Material verschoben haben.
Der Fall hat eine juristische Kettenreaktion ausgelöst: rund hundert Strafverfahren. Belangt werden sollen auch die Schmiergeldempfänger, darunter zahlreiche Sicherheits- und Strahlenschutzbeauftragte westdeutscher Kernkraftwerke, laut Staatsanwalt Wolfgang Popp »80 bis 100 Leute«.
Sie alle haben ihre Sondereinnahmen »aus der Natur der Sache heraus« (Staatsanwaltschaft) nicht beim Finanzamt angegeben. Die Ermittler bezweifeln, ob sie alle Bestochenen kennen, denn »geschmiert wird im Untergrund und ohne Quittung und ohne Beleg«.
Bei ihren Ermittlungen kamen die Strafverfolger zu dem Ergebnis, daß die Hanauer Atommanager beim Belgien-Geschäft entgegen ihrer ursprünglichen Behauptung nicht etwa aus Überlastung die Übersicht verloren hatten, sondern daß die Sache als schmutziges Geschäft geplant war. Von Anfang an stand fest, daß die meisten deutschen Abfälle in Belgien wegen zu hoher Strahlung gar nicht bearbeitet werden konnten.
Im - verbotenen - Austausch gegen ihren eigenen Strahlenmüll bekamen die deutschen Atomkraftwerke, angeblich ohne etwas davon zu ahnen, komprimierte belgische Nuklearabfälle. Deren ursprünglich geringere Strahlungsintensität war eigens für den illegalen Transfer in die Bundesrepublik mit beigemischten Kernbrennstoffen erhöht worden, damit die Dosisleistung stimmte.
Exakt zu jener Zeit, als das Belgien-Geschäft anlief, begannen, so fanden die Ermittler heraus, die Schmiergeldzahlungen. Die Zuwendungen sollten offenbar verhindern, daß sich die Mitarbeiter der Kernkraftwerke zu sehr dafür interessierten, wo ein großer Teil des westdeutschen Atommülls tatsächlich landete: Bis Ende 1983 wurden die hochaktiven Verdampferkonzentrate beispielsweise aus dem Reaktor Biblis, als belgischer Müll deklariert, einfach in die Nordsee gekippt.
Die Staatsanwaltschaft sieht auch den Tatbestand des Betrugs erfüllt, weil den westdeutschen Reaktorbetreibern eine Entsorgung vorgegaukelt wurde, die gar nicht stattfand. Verantworten sollen sich dafür nun drei Atommanager, darunter der ehemalige Nukem-Finanzchef.
Die drei Beschuldigten werden, zusammen mit sechs weiteren, zusätzlich wegen Untreue angeklagt: Mittels Phantomrechnungen haben sie, so die Ermittler, Firmengeld in schwarze Kassen umgeleitet, aus denen wiederum die Schmiergelder gezogen wurden - nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft insgesamt rund fünf Millionen Mark.
Einen Teil der Schwarzgelder leiteten Angestellte von Nukem und Transnuklear, den Ermittlungen zufolge, in die eigene Tasche. So fand sich in der TN-Buchführung, die von der Nukem erledigt wurde, der Beleg für den Ankauf eines »Spezialkraftfahrzeugs«, das laut Unterlagen alsbald als verstrahlt vernichtet wurde. In Wahrheit handelte es sich, so viel wußte auch die Geschäftsführung, um einen neuen Personenwagen, der als Bestechungsgeschenk an einen Reaktorbediensteten gegangen war.
Was die Chefs nicht wußten: Der »Geschmierte« bekam, so Oberstaatsanwalt Albert Farwick, das Auto »nicht etwa geschenkt«, sondern lediglich »zu einem niedrigeren Preis, etwa 20 Prozent Bonus«. Der Rest des Geldes sei »dann in die eigene Tasche« des TN-Bediensteten geflossen.
Andere Firmenmittel gingen für den »Besuch von Bars und Bordellen« (Farwick) drauf. Einem leitenden TN-Angestellten wird vorgeworfen, er habe sich ganz nebenbei, binnen zwei Jahren, auch noch den stolzen Betrag von 25 184,70 Mark über »fingierte Bewirtungsunterlagen« erschlichen.
Am tollsten trieb es offenbar TN-Abteilungsleiter Wilhelm Bretag, 51. Ein Wissenschaftler vom Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung, der im Hanauer Auftrag kleine Studien fertigte, mußte stets rund 20 Prozent seines Honorars auf ein Bretag-Konto beim Schweizer Bankverein einzahlen - mal 2000, mal 3260 Franken.
Auf diesem Konto fanden die Ermittler überdies einen Betrag von 700 000 Franken, der »in belgischen Devisen« eingezahlt worden war. Die Ankläger gehen davon aus, daß es sich um »Bargeldrückflüsse« handelt, um »kick backs« - und daß sie damit auf der Spur weiterer verschwundener Millionen sind.
In Bretags Verantwortung nämlich fallen Zahlungen über knapp 24 Millionen Mark an ein belgisches Service-Unternehmen, das den TN-Leuten in Mol zur Hand ging. Diese Zahlung, so errechneten Staatsanwaltschaft und Nukem gemeinsam, war um »7 bis 16 Millionen Mark überhöht«. Nach dem Geld wird immer noch gefahndet, unter anderem bei einer Rotterdamer Firma für Patentverwertungen, die ebenfalls horrende Zahlungen von den belgischen TN-Helfern erhalten hat.
Erstaunt haben die Strafverfolger registriert, daß sich die Neue Nukem im Bemühen um Distanz zu den einstigen Geschäften nicht einmal bemüht, die Millionenbeträge, »die verschleudert und veruntreut worden sind« (Staatsanwalt Wolfgang Popp), wieder hereinzuholen. Popp: »Da herrscht Stillschweigen.«