SPIONAGE Schmutzige Bettler
Der erste Einbruch deutete auf Dilettanten. Sie kamen im Dunkeln, zerbrachen die Fensterscheiben von zwei Fischerhäusern auf der Insel Samos, vertröpfelten Kerzenwachs und hinterließen fettige Fingerabdrücke. Ihre Beute: drei belichtete Filme, aufgenommen von zwei Zugereisten, die in den Häuschen Quartier bezogen haben.
Der zweite Einbruch dagegen war ein Meisterstück: Frisch entwickelt kehrten die Filme zwei Monate später, im März 1979, auf mysteriösem Weg wieder zurück in die verschlossenen Büroschränke der Schweizerin Rita Emch und des Engländers William Johnson.
Geheimdienstliche Erkenntnisse allerdings dürften die Einbrecher und ihre Hintermänner aus den Filmen kaum gezogen haben. Denn die Photos der Ausländer zeigten nichts als Fischer, Fischerboote, Fischernetze und ein paar meterlange braunweiße Meereswesen -- Robben. Die beiden Photoamateure waren biedere Tierschützer vom World Wildlife Fund (WWF).
Ihr Studienobjekt jedoch, die Mönchsrobbe (Monachus monachus), hatte die griechische Abwehr mißtrauisch gemacht.
Von der einzigen Seehundart, die das laue Mittelmeer den arktischen Eisschollen und den kühlen Gewässern des Nordens vorzieht, hatte schon Aristoteles vor über 2300 Jahren eine naturwissenschaftliche Beschreibung geliefert. Münzen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus zeigen einen Kopf der Mittelmeerrobbe, deren dunkles Rückenfell und gelblichweißer Bauch an eine Ordenstracht erinnern. Und auch Homer, Plinius und Plutarch widmeten der Robbe ein paar Zeilen, dem Symbol der Liebe zum Meer und zur Sonne.
Der Glücksbringer der Antike stößt bei den Fischern von heute kaum auf Gegenliebe. Denn die Robben zerbeißen unter Wasser die teuren Kunststoffnetze, um Fische zu stehlen. Die Fischer rächen sich und sprengen die Fischdiebe samt Nachwuchs zuweilen mit Dynamit in die Luft. Ergebnis: Die Seemönche sind vom Aussterben bedroht; vermutlich gerade noch 500 bis 1000 leben in der Ägäis.
Damit sich nicht wiederholte, was vor ein paar Jahren vor Korsika passiert war -- dort starben die letzten Mönchsrobben zwei Monate vor Einrichtung eines Robben-Reservats --, beschloß eine internationale Konferenz von Umweltschützern 1978 auf Rhodos, in Zusammenarbeit mit griechischen Behörden abseits vom Massentourismus und schmutzigen Stränden 15 Schutzgebiete für die Tiere einzurichten.
Als die Robbenschützer vom WWF für ihren geplanten »Meeresgarten« aber ausgerechnet Samos auswählten, das nur durch ein paar Seemeilen vom feindlichen türkischen Ufer getrennt ist, wurden die griechischen Sicherheitsdienste wach.
»Wir können die Seehunde nicht in griechische und türkische einteilen«, erklärte zwar Robbenforscher Professor Keith Ronald aus Kanada, »die Tiere erkennen politische Grenzen einfach nicht an.«
Und im ersten Sommer lief die Arbeit des schweizerisch-britischen Robbenschützer-Teams Emch-Johnson, unterstützt von einigen Athener Studenten, auch gut an. Sie zeigten Robbenfilme in den Schulen, verteilten Aufkleber, organisierten Ausstellungen und diskutierten zäh mit den Fischern.
Für Polizeimajor Drumpis jedoch war das Leben dieser »zerlumpten und schmutzigen Bettler« sehr verdächtig, die obendrein barfuß liefen und angeblich Passanten belästigten. Erschwerend kam für ihn noch hinzu, daß die beiden Tierschützer häufig Ausflüge in »sicherheitsempfindliche« Küstengewässer unternahmen, obwohl er selbst dort »noch nie eine Robbe gesichtet« hatte.
Die Polizei setzte das Gerücht in Umlauf, die Tierschützer wollten die Robben dazu abrichten, als Nachrichtenträger zwischen Samos und der Türkei hin und her zu schwimmen. Im Februar 1980 wurde Johnson die Einreise nach Griechenland verweigert: Seine Anwesenheit sei »eine Gefahr für die Sicherheit des Landes«. Dem WWF hingegen erklärte die griechische Uno-Vertretung, Johnson werde »wegen seiner Lebensführung« nicht mehr ins Land gelassen.
Rita Emch: »Unsere Organisation hat den Kopf in den Sand gesteckt und uns nicht richtig unterstützt.« Der WWF andererseits glaubt, die beiden Tierschützer seien im Umgang mit der Bevölkerung zu ungeschickt gewesen und hätten den Zusammenstoß mit den Behörden geradezu provoziert.
Inzwischen versucht die kleine griechische Naturschutz-Organisation, den Robben wenigstens national zu helfen und auf der Sporadeninsel Piperi ein winziges Ersatzgebiet einzurichten.
Dagegen hat auch die Polizei bislang keine Einwände: Mehr als 80 Seemeilen von der Türkei entfernt, könnten die griechischen Robben in griechischem Wasser von griechischen Fischen leben, ohne Feindberührung.