GURKHAS Schneller Krummdolch
Der weiße Offizier pflanzte sich vor seinen lederhäutigen Soldaten auf. Das Regiment, schnarrte er, solle hundert Freiwillige für ein interessantes Abenteuer stellen: Man springe von Flugzeugen aus 500 Meter Höhe ab.
Die Soldaten drucksten; schließlich traten 70 Freiwillige vor. Der Offizier appellierte an die ruhmreiche Tradition des Regiments und beruhigte die Männer: Ein Fallschirm öffne sich fast immer.
Da ging ein Raunen durch die Reihen der Krieger: »Ach so, wir dachten: aus 500 Meter Höhe ohne Fallschirm!« Das Regiment meldete sich geschlossen für den Einsatz.
Der Fallschirm-Fall aus dem Zweiten Weltkrieg ist eine von zahllosen Mut-Storys, die über die kleinsten und nach Meinung ihrer britischen Kommandeure zähesten, wildesten und tapfersten Krieger der Welt erzählt werden: die nepalesischen Gurkha-Söldner der englischen Armee.
150 Jahre hindurch fochten die braunhäutigen, untersetzten Soldaten aus den Hochtälern des Himalaja für England siegreich in Flandern und Burma: Afrika und Italien.
Jetzt sollen Gurkhas, bisher wichtigster Exportartikel und ergiebigste Devisenquelle des Neun-Millionen-Volkes, nicht mehr fremden Majestäten dienen. Das vertrage sich nicht mit der nationalen Würde und Souveränität Nepals, erklärte die Regierung. Ein bis 1968 befristeter Vertrag mit Großbritannien, der die Rekrutierung regelt, soll nicht mehr verlängert werden.
Erstmals waren Gurkhas 1815 in britische Dienste getreten. Damals hatte der Radscha von Nepal mit der Ostindischen Kompanie der Briten eine Fehde ausgetragen. Englische Rotröcke rückten bis vor die Hauptstadt Katmandu, schlossen dann aber mit dem Radscha Frieden. Bedingung: Er mußte der britischen Armee vier Bataillone seiner Krieger verkaufen, die Englands Offiziere durch ihren verbissenen Widerstand beeindruckt hatten.
Ein Briten-Offizier: »Sie zeigten uns nie den Rücken und verspürten offenbar keine Angst vor dem Tod.«
So hielten es die Gurkhas auch unter britischen Offizieren. Sie blieben sogar während des indischen Aufstands Mitte des vorigen Jahrhunderts der Krone treu. Während der Ypern-Offensive der Entente im Ersten Weltkrieg fielen am ersten Tag 451 von 500 Gurkhas eines Bataillons - aber der Rest erreichte das Angriffsziel. Im Dardanellen-Feldzug brachen nur die Gurkhas auf der Halbinsel Gallipoli durch die türkischen Linien.
Gegen Rommels Afrikakorps schlichen Gurkha-Patrouillen nachts auf Kopfjagd. Vor dem Monte Cassino metzelten und bluteten sie 1944 mehr als jede andere alliierte Einheit. In den Dschungeln Südostasiens wurde der Schlachtruf »Ayo Gurkhali« (Die Gurkhas sind da) zum Schrecken der Japaner.
Insgesamt starben im Zweiten Weltkrieg 24 000 nepalesische Söldner für die Briten. Zehn erhielten das Viktoria -Kreuz, Englands höchste Kriegsauszeichnung. Einer der Dekorierten, Korporal Kishanbahadur, war im Burma -Dschungel auf eine japanische Patrouille gestoßen. Er erstach und enthauptete zwölf Feinde mit dem Krummdolch, bevor er selbst fiel.
Ohne diesen legendären Kukri, so heißt der bis zu 40 Zentimeter lange Krummdolch, fühlt sich ein Gurkha nicht als Mann. Es gilt als Schande, den Kukri wieder in die Scheide zurückzustecken, ohne Blut auf der Klinge zu haben. Bei der rituellen Schlachtung von Ziegen und Schafen für die Gurkha-Kost muß der Kopf des Tieres mit einem einzigen Kukri-Streich fallen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Masse der Gurkha-Krieger demobilisiert. Und als die Engländer Indien verließen, teilten sie die Söldner -Truppe auf: Sechs von zehn Gurkha -Regimentern wurden der neuen indischen Armee eingegliedert, vier behielten die Briten selbst. Sie stationierten die braunen Soldaten in Hongkong, Singapur und Malaya - später auch in Europa. Ein Bataillon kam nach England, eine Kompanie diente vorübergehend in der Kaserne Hubbelrath der Rheinarmee.
Nach wie vor rekrutierten Engländer und Inder etwa tausend Gurkhas pro Jahr. Die Briten unterhalten zwei Werbestellen in Nepal, die Inder eine an der Grenze.
Mit patriotischer Propaganda versuchte die Regierung in Katmandu die Söldner-Begeisterung der Gurkhas zu dämpfen - ohne Erfolg. Stets meldeten sich mehr der zähen Gebirgler, die oft kaum das Mindestmaß der britischen Armee (1,50 Meter) erreichen, als die Engländer annehmen konnten.
Den Großteil ihres Soldes schicken die Gurkhas heim. Überleben sie die Söldnerzeit, so kehren sie als angesehene Männer in die Heimat zurück.
1963 erhielten die Gurkhas die vorerst letzte Gelegenheit, sich für die Briten zu schlagen. Als der indonesische Partisanenkrieg gegen die Briten-Schöpfung Malaysia begann, schickten die Engländer neun Gurkha-Bataillone an die gefährdeten Grenzen.
In den Bergdschungeln Nordborneos, wo die indonesischen Guerillas ideales Terrain vorfanden, führten die Himalaja-Krieger einen Lehrfeldzug gegen Partisanen. Sie brauchten weder Flugzeuge noch Panzer, sondern verließen sich auf den Kukri. In Patrouillen zu drei bis sechs Mann durchstreiften sie Tag und Nacht den Dschungel. Ein Gurkha -Toter kam auf neun getötete Partisanen. In den letzten Wochen verloren die Indonesier die Lust am Dschungelkrieg.
Auf Borneo erwarb sich ein Gurkha das erste Viktoria-Kreuz, das die britische Krone seit dem Koreakrieg verlieh: Gefreiter Rambahadur Limbu von den 10. Princess Mary's Own Gurkha Rifles nahm es im Juli von Königin Elizabeth II. in Empfang. Er hatte zwei verwundete Kameraden aus dem Dschungel geschleppt und fünf Guerillas mit dem Krummdolch erledigt.
Limbus größter Wunsch, daß auch sein fünfjähriger Sohn Bhakta, der mit zur Königin reisen durfte, Ihrer Majestät dienen solle, wird nun unerfüllt bleiben.
Gurkhas (bei der Rheinarmee): Schrecken der Japaner