MOBILFUNK Schnickschnack gefällig?
Seit fast 40 Jahren ist der Mann bei der gleichen Firma angestellt. Mit seinen grauen Haaren entspricht Keiji Tachikawa, 60, auch nicht gerade dem gängigen Bild eines Anführers der Internet-Revolution.
Und doch gelang dem Präsidenten der japanischen Telefongesellschaft DoCoMo etwas, von dem viele Hightech-Pioniere auf der ganzen Welt nur träumen können: Er hat die Jugend eines ganzen Landes mit dem Internet-Fieber infiziert.
Tachikawa verdient auch noch prächtig Geld dabei. Allein im laufenden Geschäftsjahr dürften bei einem Umsatz von 36 Milliarden Dollar rund 5 Milliarden als Gewinn hängen bleiben.
»Aimoodo« nennen die Japaner die meist silbergrauen Geräte, die mehr und mehr den Walkman und den Game Boy verdrängen und Teens und Twens zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugang zum Cyberspace verschaffen. Das nur 90 Gramm schwere Elektronikspielzeug, im Jargon der Techniker »i-mode-Phone« genannt, ist ein Mobiltelefon, mit dem man nicht nur telefonieren kann.
Auf seinem fünf mal vier Zentimeter großen Bildschirm, der spezielle Web-Seiten im Miniaturformat anzeigt, kann man zum Beispiel den Bahnfahrplan und das Kinoprogramm studieren, den Kontostand bei der Bank abfragen, E-Mails an die Freunde verschicken und vieles andere mehr.
Seit dem Start der i-phone-Dienste im Februar 1999 haben sich schon gut vier Millionen Japaner den mobilen Internet-Zugang verschafft, und die Zuwachsraten werden immer steiler. Inzwischen kommen jeden Tag mehr als 20 000 neue Kunden hinzu - im März will Online-Pionier Tachikawa schon den fünfmillionsten Kunden begrüßen.
Beim Börsengang im Oktober 1998 wurde die Firma, deren Name im Japanischen so viel bedeutet wie »überall«, mit gerade mal 124 Milliarden Mark bewertet. Inzwischen ist DoCoMo mit einer Marktkapitalisierung von 660 Milliarden Mark teurer als die Muttergesellschaft, der ehemalige Staatskonzern NTT, und gehört zu den zehn wertvollsten Börsenwerten der Welt.
Fasziniert blickt die Mobilfunkbranche nach Japan. Sie träumt von einem Multimedia-Zeitalter, in dem das Handy das traditionelle Strippentelefon und teilweise sogar den PC ersetzt.
Die Vorhersagen der Marktforscher lassen Gerätehersteller, Netzbetreiber und die Ausrüstungsindustrie ins Schwärmen geraten. Schon in den nächsten 24 Monaten, so die von allen Seiten akzeptierte Prognose der finnischen Firma Nokia, wird die Zahl der Mobilfunknutzer von jetzt gut 400 Millionen auf rund eine Milliarde ansteigen.
Spätestens im Jahre 2010, so eine andere Studie, sollen weltweit mehr als 1,5 Milliarden Menschen drahtlos telefonieren. Weitere zehn Jahre später, glaubt der schwedische Mobilfunkexperte Sven-Christer Nilsson, »werden die Kinder ihre Eltern erstaunt fragen: War es früher wirklich nötig, zum Telefonieren ein Gerät mit einem Kabel zu benutzen«?
In Deutschland besaßen Ende letzten Jahres schon gut 23 Millionen Menschen ein Mobiltelefon. Im laufenden Jahr werden voraussichtlich weitere 12 Millionen hinzukommen. Mit dann insgesamt 35 Millionen Teilnehmern, so geben Techniker der beiden großen Netzbetreiber hinter vorgehaltener Hand zu, ist die Kapazität der heute installierten Netze »bis zum Kragenrand ausgeschöpft«.
Eine völlig neue Handy-Generation - die dritte nach der analogen und der ersten digitalen - soll bald sämtliche Kapazitätsprobleme lösen und gleichzeitig das Durcheinander der verschiedenen Mobilfunksysteme auf der Welt zu einem einheitlichen Standard zusammenführen. Das Ergebnis langjähriger Verhandlungen heißt UMTS - Universales Mobiles Telekommunikations-System. Auf diese Technik einigten sich im Dezember 1996 mehr als hundert Firmen aus aller Welt.
Die damals beschworene Einigkeit hielt jedoch nicht lange. Schon bald kam es zu Streitigkeiten, unter anderem über Patente, bei denen vor allem US-Konzerne wie Motorola, Qualcomm und Microsoft ihre spezielle Version unter dem Kürzel CDMA 2000 mit aller Macht gegen Europäer und Asiaten verteidigten.
Der Patentstreit wurde zwar im vergangenen Jahr beigelegt. Doch seither ist auch klar, dass es das einheitliche Welt-Handy vorerst nicht geben wird. Mindestens zwei Systeme werden übrig bleiben. Da sie aber nur bei einigen technischen Details differieren, dürften so genannte Dualband-Handys später die Unterschiede doch noch überbrücken können.
Trotz der gewaltigen Fortschritte, die UMTS möglich macht, hält sich die Begeisterung bei den Netzbetreibern in Grenzen. Zu viele Fragen sind noch offen.
Werden die Kunden die multimedialen Möglichkeiten, die zwangsläufig mit höheren Gebühren verbunden sind, ausschöpfen? Werden sie wirklich in Scharen Aktien per Handy ordern, wie viele Marktforscher vermuten? Oder gibt sich die Mehrheit weiterhin damit zufrieden, an jedem Ort telefonieren zu können und zu jeder Zeit erreichbar zu sein?
Dann jedoch wären die neuen Netze auf absehbare Zeit völlig überdimensioniert. Denn nur wenn die Kunden dazu gebracht werden, den multimedialen Schnickschnack auch wirklich zu nutzen, können die gewaltigen Kapazitäten der UMTS-Technik profitabel eingesetzt werden.
Bislang spricht nicht viel dafür, dass die Verbraucher mehr wollen als nur telefonieren. Nicht einmal zehn Prozent der Handy-Besitzer in Deutschland machen von der schon jetzt bestehenden Möglichkeit Gebrauch, so genannte SMS-Texte über das Handy zu verschicken.
Aber wenn doch, welche Multimedia-Angebote werden gefragt sein? Welche Allianzen mit Serviceanbietern, Banken und Versandhäusern sind nötig, um den multimedialen »Content« anbieten zu können. Begnügen die Kunden sich mit Wetterberichten und Staumeldungen, oder wollen sie auch Online-Spiele und Videoclips aufs Handy holen? Werden sie viel Geld dafür bezahlen, sich Videofilme auf einem höchstens acht mal acht Zentimeter großen Bildschirm anzuschauen?
An Designstudien und Prototypen für die kommende Handy-Generation mangelt es nicht. Vom Armbanduhr-Handy des südkoreanischen Konzerns Samsung bis zur Mobilfunkkamera des finnischen Branchenprimus Nokia ist alles dabei. Doch welche Ideen haben Zukunft? Ist es das alles könnende Allroundgerät vom Typ »Handy 21«, das am Bostoner MIT konzipiert wurde und mit dem man im Internet surfen, E-Mails schreiben und Termine verwalten, fotografieren, fernsehen und Musik hören kann? Oder überfordert die zwangsläufig komplexe Technik den Durchschnittsbenutzer? Greift er dann zu Spezialgeräten, oder lässt ihn die Multimedia-Euphorie der Industrie kalt?
Die Fragen kann noch keiner beantworten. Auch die Marktforscher, die den faszinierenden Erfolg der japanischen DoCoMo schnell auf europäische und amerikanische Verhältnisse übertragen wollen, sind im Grunde ratlos.
Doch die Netzbetreiber müssen jetzt entscheiden und investieren. Schon die Lizenzen für die Funkfrequenzen, die im Juni versteigert werden, kosten wahrscheinlich Milliardenbeträge. Dann muss zügig das Netz aufgebaut werden, denn die Lizenzauflagen in Deutschland sehen unter anderem vor, dass innerhalb von fünf Jahren etwa 50 Prozent der Bevölkerung versorgt werden müssen. Allein für diese Phase rechnen die Experten mit Investitionen von weiteren vier bis sechs Milliarden Mark pro Netz - vorausgesetzt, die Infrastrukturen der D-Netze, etwa die Antennenmasten, können mitbenutzt werden.
Der gewaltige Finanzbedarf stellt vor allem die Manager von Viag Interkom und E-Plus vor große Probleme. Anders als die Pioniere Mannesmann und Telekom, die ihre Milliardeninvestitionen in die GSM-Technik längst zurückverdient haben, werden die Bilanzen der Spätstarter noch vom Aufbau der E-Netze belastet.
So muss beispielsweise Viag-Interkom-Chef Maximilian Ardelt in den nächsten sechs Jahren 7,5 Milliarden Mark in den Ausbau seiner noch nicht flächendeckenden Telefonnetze stecken. Wenn dann gleichzeitig noch bis zu 6 Milliarden für UMTS abgezweigt werden müssen, kommt selbst ein Konzern wie Viag ins Schwitzen.
Auch aus den bestehenden Netzen ist mit technischen Tricks noch einiges herauszuholen. Mit Übergangslösungen, die unter kryptischen Kürzeln wie WAP, HSCSD oder GPRS laufen (siehe Grafik Seite 146), wollen die Netzbetreiber in den nächsten Monaten nicht nur die drängendsten Kapazitätsprobleme lösen und erste Erfahrungen mit der kommenden Technik sammeln, sondern auch die Akzeptanz von Multimedia-Angeboten testen.
Die Kunden brauchen in dieser mindestens zweijährigen Übergangsphase starke Nerven. Weil jeder Schritt auf dem Weg zu UMTS ein neues Gerät erfordert, ist vorerst jedes Handy schon nach wenigen Monaten nicht mehr aktuell.
Die noch im vergangenen Weihnachtsgeschäft so begehrten WAP-Handys etwa sehen schon bald ganz alt aus. Denn im Herbst führen die Telekom und der jetzt von Vodafone-Chef Chris Gent geführte Mannesmann-Konzern eine Neuheit namens GPRS (General Packet Radio Service) ein und beschleunigen damit den Zugang zum Internet von jetzt knapp 10 000 Bits auf rund 100 000 Bits pro Sekunde.
Zwar können vorerst die alten Handys weiter zum Telefonieren benutzt werden. Doch die immer umfangreicheren multimedialen Angebote lassen sich nur auf einem Gerät realisieren, das auch die jeweils neueste Netztechnik beherrscht.
Weil mit GPRS bereits ein Großteil der Zukunftspläne realisiert werden kann, ohne gleichzeitig Milliarden in die Technik der dritten Generation pumpen zu müssen, denken einige Mobilfunkmanager allerdings auch schon über modifizierte Ausbaupläne nach. Auf absehbare Zeit, so die Überlegung, rechne sich UMTS nur in Ballungsgebieten. Auf dem flachen Land reiche GPRS allemal aus.
Die elektronische Funkpostkarte vom Alpenpanorama würde dann noch auf sich warten lassen. Frühestens in zehn bis zwölf Jahren, so glauben Experten, werden in Deutschland die alten GSM-Netze abgeschaltet und durch UMTS ersetzt.
DoCoMo-Chef Tachikawa lässt sich von den Bedenken europäischer Mobilfunkmanager nicht beirren. Nachdem die Japaner den ersten Boom im Mobilfunk verschlafen haben, wollen sie nun an der Spitze des Fortschritts stehen.
Im Oktober 2001, mindestens ein halbes Jahr vor dem Rest der Welt, soll Japan den ersten Schritt in die schöne, bunte UMTS-Welt machen. »Die Zukunft«, behauptet Tachikawa, »ist drahtlos.«
KLAUS-PETER KERBUSK
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