Übergewicht Schönes Pfund
Elf Monate lang zog Hartmut Kube, Angestellter der Barmer Ersatzkasse in Wuppertal, mit Computer und Waage durch die Bundesrepublik. In Stadt und Land wog er Bundesbürger -so etwa in Berlin während der »Grünen Woche«, in Hamburg bei der »Freizeitausstellung«, in Straubing auf der »Ostbayernschau«.
Mit dem umfangreichen Gewichtstest wollte das Versicherungsinstitut nachwiegen, ob das verbreitete Vorurteil, die Deutschen seien zu dick, den nackten Tatsachen entspricht. Als günstige Prüfstände wurden Messen gewählt, weil dort die Besucher, so Kube, »am ehesten einen repräsentativen Querschnitt darstellen«. Kubes Urteil nach dem Abwiegen von 110 000 Kindern, Frauen und Männern: »Unsere schlimmsten Befürchtungen sind noch übertroffen worden.«
Denn trotz des vielpropagierten Schlankheitsideals haben -- nach Hochrechnung des Barmer Befundes -- immerhin fast 78 Prozent aller Bundesbürger Übergewicht. Jeder sechste schleppt sogar mehr als 32 Pfund an Überflüssigem mit sich herum.
Als Idealzustand hatten die Kassenkontrolleure dem Computer das Gewicht mit der höchsten Lebenserwartung vorgegeben. Die Formel »ist kompliziert«, erläuterte Kube, weil »wir auch Durchschnittswerte für Knochenbau und Muskeldicke berücksichtigt haben«. Im Prinzip aber basiert das »Idealgewicht« auf der Faustregel: Körpergröße (in Zentimetern) minus hundert, davon dann minus zehn Prozent.
Wer seine Figur werten wollte, brauchte dem Wuppertaler Fett-Fahnder als Zusatzinformation für den Elektronenrechner lediglich noch Geschlecht, Größe und Alter anzugeben. In Sekunden druckte der Computer einen individuellen Wiegepaß aus, jeweils mit Ideal- und Realgewicht:
Dieses Dokument, häufig mit einem vorgedruckten Trost versehen -- eine 3ljährige Dame mit 0,1 Kilogramm Übergewicht beruhigt der Computer: »Trotzdem -- jedes Pfund bei Ihnen ist schön« -, ermöglichte der Kasse eine aufschlußreiche Bilanz.
Nur 0,46 Prozent aller Deutschen können sich des passenden Idealgewichts rühmen. Besonders behutsam und figurbewußt leben offenbar junge Frauen zwischen 17 und 26 Jahren. Bei mehr als 42 Prozent dieser Altersgruppe diagnostizierte der Computer gar Untergewicht. Mehr als vier Kilo über dem Idealgewicht brachten rund 28 Prozent auf die Waage. Bei den Männern sind dagegen Leicht- und Schwergewichte nahezu umgekehrt verteilt.
Regionale Gewichtsunterschiede registrierte der Computer kaum: Bei 80 Prozent der gewogenen Hamburger wurde Übergewicht signalisiert, während der Anteil der allzu Dicken in Straubing bei 77,4 Prozent lag.
Über einen anderen Teilbefund rätselt man dagegen bei der Barmer Kasse. Als Anfang November Studenten, Assistenten und Professoren der Pädagogischen Hochschule in Köln auf die Waage stiegen, ermittelte der Computer: Professoren und Assistenten hatten, gemäß dem Bundesdurchschnitt, zu rund achtzig Prozent zuviel Fett auf den Rippen. Das Gewicht der Studierenden aber wich völlig von der Bauch-Norm ab.
Zwei Drittel aller Studentinnen befand der Computer als zu leicht, und bei den männlichen Kommilitonen hatte fast jeder Zweite weniger als sein Idealgewicht. Ob aber Studenten nun am Hungertuch nagen, besonders kalorienbewußt essen oder unter Prüfungsdruck abmagern -- auf diese Fragen fanden die Fachleute der Krankenkasse bislang noch keine Antwort.