Schon Routine - DER SPIEGEL
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NORDIRLAND Schon Routine

Zehn protestantische Arbeiter von Guerillas exekutiert -- London ist ratlos, wie es in Nordirland weitergehen soll.
• aus DER SPIEGEL 3/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Besucher kommen ohne Anmeldung -- ihre Koffer sind mit Sprengstoff gefüllt. Ihr Handgepäck: Revolver.

Wenn diese Gentlemen die Hotelhalle betreten, suchen die Portiers nicht lange nach Zimmerschlüsseln, sondern die Notausgänge. »Kein Hotel der Welt«, klagt der Direktor des »Europa« im nordirischen Belfast, Harper Brown, »hat jemals durchgestanden, was wir hier aushalten.«

Annähernd fünf Jahre existiert das 13-Etagen-Luxushotel. Und 28mal bereits, zählt Manager Brown, »hat es bei uns fürchterlich geknallt«.

Mehrmals konnten Bomben-Entschärfer der Armee die Gepäckladungen der irischen Terroristentruppe IRA in der Hotelhalle unschädlich machen. In den ersten Monaten der Unruhen zelebrierte der Direktor derartige Erfolge noch mit Champagnerfesten und erklärte im Fernsehen, er werde der Gewalt niemals weichen.

Die Königin zeichnete den Widerständler mit einem Orden aus, aber die Guerillas interpretierten die Erklärungen des Hotelchefs »wohl als Herausforderung und nahmen sich vor, uns zu schaffen« (Brown). Zuletzt waren die Terroristen im Dezember erfolgreich: Sie zerstörten die zweite Etage und einen Tannenbaum. Mehr als 30mal warnten Anrufer seither vor weiteren Anschlägen. »Für uns«, so ein Portier, »ist das schon Routine.«

Für die irischen Terroristen symbolisiert das Luxushotel britischen Kolonialismus, die Ausbeutung und Unterdrückung der Iren, die Macht der Engländer. Jede Bombe im »Europa« garantiert Publicity und bestärkt die Briten daheim in ihren Zweifeln, ob es Tote und Trümmer lohnt, Nordirland dem Königreich zu erhalten.

Unaufhaltsam, so der »Daily Mirror« am letzten Dienstag, nachdem zehn protestantische Arbeiter auf der Heimfahrt von ihrer Textilfabrik von katholischen Extremisten exekutiert worden waren, werde die Nation fordern: »Laßt Nordirland im eigenen blutigen Saft schmoren.« Und: »Kann man ihnen dass verdenken?«

Was immer Londons Politiker, konservative wie auch sozialistische, während der letzten sieben Jahre versuchten, um den Konflikt beizulegen, scheiterte in einem undurchdringlichen Teufelskreis:

* London löste das repressive Protestantenregime ab, gab damit Forderungen der katholischen Minderheit nach und provozierte so deren Terror.

* London beantwortete den Gegenterror der Katholiken, indem es Tausende von ihnen ohne Urteil internierte, was selbst Priester auf die Barrikaden trieb.

Katholiken wie Protestanten formierten ihre Privatarmeen -- gegen die 15 000 britische Soldaten nicht aktiv vorgehen.

Noch vor Weihnachten verfügte Nordirland-Minister Merlyn Rees die Entlassung aller Terroristen, die ohne Urteil inhaftiert worden waren. Die Militärs wehrten sich vergebens gegen diesen Entschluß. Nach ihren Informationen treten viele der Veteranen gleich wieder in die Terrortruppe ein.

Annähernd eine Milliarde Mark mußte die Londoner Regierung bisher für die im Konflikt erlittenen Verletzungen und Bombenschäden auszahlen. Die Einkaufszentren in Städten wie Londonderry, Newry und Belfast werden von den Hausfrauen gemieden, Restaurants im Stadtkern schließen. 24 Hotels wurden bisher zerstört, in Londonderry existiert nur noch eine Herberge, wiederaufgebaut wird allenfalls außerhalb der Städte.

Wohl bemühen sich die Briten, ausländische Unternehmen durch Hinweis auf zunehmende Produktivität und geringe Streiks zu Investitionen in Nordirland zu bewegen. Doch allein im Dezember 1975 registrierten die Behörden 15 000 Arbeitslose mehr als im Jahr zuvor. »Jeder Arbeitslose aber«, weiß der sozialdemokratische Politiker Paddy Devlin, »ist ein potentieller Rekrut für die paramilitärischen Einheiten.«

Im »Europa«-Hotel in Belfast steigen derzeit pro Nacht kaum je mehr als ein Dutzend Gäste ab. Wer von ihnen einen Bombenanschlag überlebt, wird mit einer braunen »Europa«-Ehrenkrawatte ausgezeichnet, so auch ein englischer Korrespondent, der seiner Zeitung in London gerade eine Geschichte durchdiktierte, als im gegenüberliegenden Bahnhof eine Bombe explodierte. Die Druckwelle zerschmetterte die Fenster, riß das TV-Gerät um und das Telephon vom Tisch.

Klagte der Redakteur in London: »Mann, mach nicht soviel Lärm.« Darauf der Korrespondent: »Mein Zimmer ist soeben von einer Bombe zerstört worden.« -- »Ja, ja«, antwortete der in London ungläubig, »und wir haben eben ein Erdbeben gehabt.«

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