Schrecklich eilig - DER SPIEGEL
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Schiffscharter Schrecklich eilig

Für Jacht-Eigner und Schiffsmakler ist der Protest-Tourismus in der Südsee ein Bombengeschäft.
• aus DER SPIEGEL 36/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Fernsehleute erstmals ihr Schiff sahen, bekamen sie einen Schreck. Sat-1-Moderator Ulrich Meyer hatte für 255 000 Mark eine schnittige 30-Meter-Motorjacht namens »Pacific Adventure« gechartert, doch die »Pacific Adventure«, die im Hafen von Sydney einlief, war ein rostiger Frachter.

Für den alten Dampfer mochte Meyers Firma, die Berliner Meta Productions, nicht mal einen Eimer Farbe ausgeben. Die Meta hatte eigentlich den Namen der »Pacific Adventure« überpinseln lassen wollen: Als »Spirit of Berlin« sollte sie von Australien nach Mururoa schippern, um - zusammen mit rund 30 anderen Schiffen - der Welt zu verkünden, daß auch Berliner gegen die französischen Atombombentests in der Südsee protestieren.

Von der Präsenz der Berliner wird die Welt nun wenig erfahren. Die Ersatz-Jacht »Matagi Princess II«, von Meyers Firma für 250 000 Mark gechartert und als »schwimmende Bürogemeinschaft« (Meyer) mit den zahlenden Gästen Berliner Zeitung, RTL 2 und Berliner Rundfunk eingesetzt, fährt unter ihrem alten Namen, und der Kapitän bat eindringlich darum, das mitgeführte Transparent »Berlin zeigt Flagge« nicht zu entrollen.

Meyers Anwälte fordern die bereits überwiesenen 255 000 Mark für die »Pacific Adventure« zurück - von dem Australier Lindsay Chinnery, der eigens für das Chartergeschäft mit den Protestlern eine Firma unter dem politisch korrekten Namen »Stop the bomb« gegründet hatte.

Für Chinnery und die anderen Schiffsmakler und Jacht-Eigner werden die Demonstrationen gegen die französischen Atomtests jedenfalls zu einem Bombengeschäft: Die Charterpreise in der Südsee haben sich in diesen Wochen glatt verdoppelt, die neuseeländischen Schiffsversicherer verlangen für den Trip nach Mururoa deftige Aufschläge, manche Koje kostet derzeit drei- bis viermal mehr als vor einem Jahr. »Wir hatten Glück«, sagt Sat-1-Mann Meyer, »daß wir überhaupt ein Schiff gekriegt haben.«

Die Preise schossen in die Höhe, als die französischen Schiffsmakler auf Tahiti offenkundig von Paris unter Druck gesetzt wurden und die Verträge stornierten. Allein der führende Charter-Vermittler der Region, die Stardust auf Tahiti, ließ sieben Verträge platzen, darunter den Kontrakt mit der Illustrierten Stern für einen Katamaran.

Statt aus dem nahen Tahiti oder von den Cook-Inseln wurde die Protest-Flotte aus dem 6000 Kilometer entfernten Australien oder Neuseeland herangeschafft; für einen Genfer Sender wurde sogar ein Schiff aus dem fernen Chile besorgt, doch der Frachter erwies sich als ungeeignet.

»Alles war schrecklich eilig und schrecklich schwierig«, sagt Schiffsmakler Theo Meinecke aus dem norddeutschen Hanstedt, dessen Firma THO sich auf das Chartergeschäft in der Südsee spezialisiert hat.

Die viele Arbeit hat sich wohl gelohnt. Manche Makler haben ihre Provisionen - üblich sind zehn Prozent - verdoppelt und verdreifacht. Auch Meinecke, der die »Pacific Adventure« vermittelte, hat nach Recherchen seiner Kundschaft bei diesem Deal 27 Prozent Provision eingestrichen.

Allerdings sind bei solchen Geschäften auch Untervermittler zu bedienen. Vor Ort haben sich beispielsweise zwei Umweltaktivisten in das Vermittlungsgewerbe eingeklinkt: die Kölner Medienberaterin Susanne Matz und der Grünen-Politiker Peter Gottwald, beide derzeit vor Mururoa.

Die beiden organisierten auf den Fidschi-Inseln die Jacht »Tao« und reichten sie gegen 7,5 Prozent Provision an Meinecke weiter, der sie dann an den Kölner Express und Radio Köln vermakelte.

Mit der »Colonial Heritage« trieben die Partner Gottwald und Matz »ein sehr schönes Segelschiff« (Meinecke) von 20 Meter Länge auf. Leider brach ein Mast, der Protest-Flotte fehlte erneut ein Schiff.

Zuvor war schon die »Ship for the Planet« ausgefallen, die von Neuseeland aus in See stechen wollte. Bundestagsabgeordnete wie Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) oder Eva Bulling-Schröter (PDS) hatten bereits eine Anzahlung von über 2000 Mark für die Mitfahrt auf der »Ship for the Planet« überwiesen.

Das Schiff, von australischen Abgeordneten für rund 150 Politiker - darunter auch für einige ausländische Gesinnungsfreunde - zum Preis von insgesamt 532 000 Mark gechartert, erwies sich als Seelenverkäufer. Die neuseeländische Schiffahrtsbehörde MSA untersagte dem maroden Kahn den langen Trip nach Französisch-Polynesien.

Daraufhin orderten die Australier stabileren Ersatz: die »Western Express« für rund 550 000 Mark. Vor Vertragsunterzeichnung zuckten die Labour-Abgeordneten zurück, weil ihnen der Preis zu hoch schien.

Neuseeländische Umweltpolitiker hatten es etwas besser: Ihre Regierung stellte ihnen eine Fregatte. Bevor aber die »Tui« nach Polynesien durfte, wurden, um die Franzosen nicht zu provozieren, die Geschütze abmontiert und alle Waffen von Bord entfernt.

Vergangene Woche waren fast alle hochseetüchtigen Schiffe ausgebucht, Makler Meinecke hatte nur noch die »Tara« anzubieten - für 20 000 Mark pro Platz.

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