BAUPREISE Schrecklich einfach
Seit Konrad Adenauer von seinem Rhöndorfer Besitztum eine 1200 Quadratmeter große Parzelle abgeteilt hat und darauf ein Eigenheim für seinen jüngsten Sohn Georg errichten läßt, ist eine konjunkturpolitische Erkenntnis jäh in des betagten Kanzlers Bewußtsein gedrungen: Das Bauen in Westdeutschland ist teuer, und die Baupreise steigen unaufhörlich.
Der Bauherr von Rhöndorf begab sich alsbald auf einen seiner sporadischen Ausflüge in die Wirtschaftspolitik. Er beschwerte sich telephonisch bei Wohnungsbauminister Paul Lücke über die Baupreismisere, erfuhr, daß für dieses Gebiet der ungeliebte Kronprinz Ludwig Erhard zuständig sei, und ließ daraufhin seinem Zorn mit verdoppeltem Elan freien Lauf, nunmehr voll innerer Anteilnahme.
Vor den im »Verein Unionspresse« organisierten CDU-Journalisten entsetzte sich der Kanzler am Jahresende über die »Enteignung der Bausparer": Allein im Jahre 1961 seien die Baupreise um 9,8 Prozent gestiegen; die gleiche Steigerung werde für 1962 erwartet. Adenauer machte die Parteijournalisten damit vertraut, daß er solche »ernsten Zeichen« mit Sorge betrachte, die aber »im großen und ganzen vom Wirtschaftsministerium nicht geteilt wird«.
Ludwig Erhard verzichtete auf eine Replik. Dafür schoß der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie zurück: »Mit deutlich spürbarer Empörung wird von den gestiegenen Baupreisen gesprochen. Es dient jedoch nicht der Wahrheitsfindung, wirtschaftliche Sachverhalte zu einem Politikum zu machen und in schrecklicher Vereinfachung an Masseninstinkte zu appellieren.
Dann trug der Verband seine eigene Version der Wahrheit vor. Nicht alle Baupreise seien so stark gestiegen wie die Preise für Wohnbauten, und in dieser Sparte liege die Hauptschuld an der Verteuerung auch nicht beim Bauhauptgewerbe. So seien die Preise für Erd-, Grund- und Rohbauarbeiten im vergangenen Jahr nur um 6,8 Prozent gestiegen, dagegen seien für Ausbauarbeiten acht Prozent und für haustechnische Anlagen 9,3 Prozent mehr gefordert worden.
So gelangten die Verbands-Statistiker zwar von der für sie schrecklichen Vereinfachung zu einem weniger eindeutigen Bild, aber die Inflation auf der Baustelle blieb dennoch ein Politikum: Von November 1960 bis November 1961 kletterten die Preise für Wohnbauten um 8,6 Prozent und übertrafen damit noch die Teuerung des Vorjahrs (November 1959 bis November 1960: 7,4 Prozent Preisanstieg).
Der Verband ließ es denn auch nicht bei Zahlenspielen bewenden. Mit verblüffender Funktionärslogik wurde vielmehr die These verfochten, der Bausparer sei »Gewinner des Preisauftriebs, nicht dessen Opfer«. Während der Sparzeit verliere zwar das zurückgelegte Geld an Kaufkraft, wenn aber der Bau vollendet sei, profitierten die Eigenheimer vom Wertzuwachs ihrer Häuser. Empörte sich die »Frankfurter Allgemeine": »Hexeneinmaleins. Alles war falsch, was wir bisher gewußt haben. Kaufkraftminderung als Ziel solider Wirtschaftspolitik! Eigentum durch Inflation! Nur schnell heraus aus der Deutschen Mark und hinein in den Sachwert; ... was hier zum Ausdruck kommt, ist blanker wirtschaftspolitischer Zynismus.«
Inzwischen hat des Kanzlers Donnerwort auch im Hause Erhard Reaktionen ausgelöst, die jedoch kaum mehr verheißen als die Geschäftigkeit der Verbände. Sowohl Erhard als auch Lücke wissen bereits aus der schmerzlichen Erfahrung des vergangenen Jahres, daß die Bauinflation stärker ist als sie.
Damals hatte der Wirtschaftsminister die Bauherren der Öffentlichen Hand beschworen, sich mit Aufträgen zurückzuhalten, und Paul Lücke wollte erreichen, daß für mehrere Monate keine Baugenehmigungen mehr erteilt würden. Lückes Plan scheiterte am Veto der Länder, Erhards Appell hatte keinen sichtbaren Einfluß auf den öffentlichen Baueifer und die Parole des Wohnungsbauministeriums: »Wer später baut, baut billiger« bringt Westdeutschlands Bausparer, die sie befolgten, heute mit Recht in Wut.
Das neueste Rezept der Erhard-Beamten: Sie bearbeiten Westdeutschlands Kreditinstitute, die Aufnahme Von Hypotheken und Darlehen zu erschweren und so die Lust am Bauen zu vermindern. Selbst wenn das Vorhaben glückte - immerhin haben die Bausparkassen erst vor kurzem die Beleihungsgrenze für Eigenheime von 60 auf 80 Prozent des Wertes heraufgesetzt -, und selbst wenn daraufhin der Preisanstieg nachließe, so wäre das Wohlwollen des Kanzlers auf diese Weise kaum zu erringen:
Unter einer Einschränkung des Baukredits hätten wiederum vor allem die Eigenheimbauer zu leiden.
Adenauer-Villa, Adenauer-Baustelle: Inflation im Garten