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»Schreckliche Kriege vorausgesagt«

SPIEGEL-Redakteur Hans Hielscher über den Friedensbischof in der texanischen Atomstadt Amarillo
• aus DER SPIEGEL 47/1981
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Amarillo beherbergt die größte Schlachtfirma der USA (Iowa Beef Processory), das Montagewerk für sämtliche Atombomben und Atomsprengköpfe der USA (Pantex) - und einen Bischof, der nicht ins Bild paßt.

In der Präriestadt, in deren Nähe 2400 Werktätige Neutronenbomben zusammenbauen und täglich 4400 Stück Vieh geschlachtet, versteakt und verwurstet werden, bricht ausgerechnet der katholische Hirte aus der konservativen Eintracht aus. Das gab's noch nie in Texas.

Mit 60 Jahren begann der Bischof Leroy Matthiesen plötzlich, für Frieden und Abrüstung zu predigen. Und schlimmer: Er fordert die 500 Katholiken unter den Pantex-Angestellten auf, sich andere Jobs zu suchen. Dem Ruf ist bislang niemand gefolgt, doch das sagt nicht, daß Amarillos Ein-Mann-Abrüstungsfront auf hundertprozentige Ablehnung stieße.

Am Veteranentag, Mittwoch voriger Woche, trafen sich nicht nur die Kriegsteilnehmer zum traditionellen Pfannkuchenfrühstück mit Flaggenhissen beim Soldatenbund »American Legion«. Diesmal kamen rund hundert Bürger, überwiegend Studenten, in den Hörsaal 101 der West Texas State University, um über die atomare Gefahr zu diskutieren.

Solche Publikumsresonanz mag für Europäer lächerlich wirken. Amarillos Fernsehkanal sieben aber registrierte sie als Indiz für kommende Auseinandersetzungen über Krieg und Atomkraft im wilden Nordwesten von Texas, der wegen seiner Form der »Pfannenstiel« (Panhandle) des Bundesstaates heißt.

Die Auseinandersetzung hat schon begonnen - im Gegenangriff der »Moralischen Mehrheit«, die dem katholischen Friedensschwärmer mit der Heiligen Schrift entgegentritt.

»Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert« (Matthäus 10,34), verkündete eine Anzeigetafel am »Amarillo Bible Chair - Students Center« in der Washington Street. Auf Matthiesens Friedensbotschaft angesprochen, zitieren erdverbundene Prärie-Christen alttestamentliche Verse von Feuerbränden und Blutbädern.

»Es wird eine Zeit kommen, in der Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden«, doziert der Geistliche Roy Kornegay, »aber erst wenn der Heiland erschienen ist, und bis dahin sind noch schreckliche Kriege vorausgesagt.«

Amarillo lebt von der Verteidigung. Von 65 Millionen Dollar Pantex-Betriebskosten gehen 56 Millionen im Jahr 1981 als Löhne und Honorare an Bürger der Stadt. Die Bombenfabrik zahlt über drei Millionen jährlich für Elektrizität und Wasser, spendet für Sport und Pfadfinder.

Pantex montiert Nuklearwaffen seit 1951. Und 30 Jahre lang hat Matthiesen wie seine Mitbürger mit der Todesfabrik in Frieden gelebt. »In Amarillo galt es schon als unpatriotisch, über Pantex Fragen zu stellen«, weiß die Anwältin Betty Wheeler, 26. Sie prangert den Brotbringer Pantex als Gefahr für die Stadt an - und sieht sich in einer ähnlichen Außenseiterrolle wie der Bischof.

Denn die »patriotische Gesinnung« der Pfannenstiel-Texaner, so bestätigt Pantex-Direktor Paul Wagner, war mit ein Grund für die Standortbestimmung der Atomwaffenfabrik. So mochte denn etwa der Reaktorunfall von Harrisburg Ostküsten-Yankees aufschrecken und sogar Deutsche und Japaner auf die Straßen treiben. Die 150 000 Einwohner von Amarillo blieben gelassen. Dabei ist das Pantex-Gelände vor den Toren ihrer Stadt nicht nur Montageort für Sprengköpfe. Dort werden auch Rückstände von atomaren Unfällen gelagert.

»Ich weiß selbst nicht, weshalb mich das alles so lange kaum berührt hat«, sagt Bischof Matthiesen heute. Caspar Weinbergers ersten Hinweis auf die Neutronenbombe im Februar 1981 und den folgenden Entrüstungssturm in Europa habe er noch gar nicht wahrgenommen, das taten damals die »Pantex Six": Im Februar wollten sechs katholische Pazifisten aus Minnesota gegen die Pantex-Fabrik demonstrieren. Als von den Einheimischen keiner mitging, stiegen sie allein über den Zaun, beteten und wurden festgenommen.

Matthiesen betreute seine Brüder während monatelanger Untersuchungshaft. Er begann nachzudenken. Ein Gemeindemitglied hatte ihm gebeichtet, wie sehr die Arbeit bei Pantex sein Gewissen belaste.

»Ich lernte mehr über den Kernwaffen-Wahnsinn, als hier öffentliche Anhörungen über die MX-Raketen stattfanden«, beschreibt Matthiesen seine wundersame Wandlung zum Friedenskämpfer. New Mexico und West-Texas waren als Alternative für Utah und Nevada im Gespräch. Und so wie die superpatriotischen Mormonen von Utah wollten auch die Pfannenstiel-Texaner die fragwürdige MX-Waffe bei sich nicht haben.

Doch Matthiesen wollte nun auch Pantex nicht mehr. Nachdem Präsident Reagan im August offiziell die Produktion der Neutronenwaffe angeordnet hatte, schrieb der Bischof eine Aufforderung an seine Glaubensbrüder, bei Pantex aufzuhören.

Ein junger Amerikaner mexikanischer Herkunft im Werk sagt, wie schwierig das ist: »Ich fürchte immer, daß etwas passieren könnte. Ich würde gern aufhören bei Pantex und wegziehen. Doch wo sonst in Amarillo bekomme ich zehn Dollar die Stunde?«

Pantex-Wagner will solche Ansichten nie gehört haben. Der ehemalige Offizier auf einem Atom-U-Boot bestreitet, daß Bischof Matthiesens Politik irgendeinen Einfluß auf seine Arbeiter habe. Die jüngste Ausgabe der Betriebszeitschrift »Pantexan« zeigt die heile Firmenwelt: Jim Barnard und Eloise Newman haben im Tennisturnier das gemischte Doppel gewonnen; für die Bescherung der Armen von Amarillo werden Weihnachtsmänner gesucht, Bart und roter Mantel vorhanden.

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