AFRIKA Schreckliche Mutter
Die Szene erinnert an das Grauen, das Joseph Conrad in seiner Novelle »Herz der Finsternis« beschrieb. Leichen treiben auf einem Fluß:
»Manchmal kamen sie einzeln hintereinander. Manchmal zu zweit oder zu dritt. Sie waren aufgedunsen, fürchterlich bleich. Die meisten waren nackt oder entkleidet bis auf die Unterhosen. Manchmal waren sie an Händen und Füßen gefesselt. An einigen Körpern fehlten Gliedmaßen. Sie stauten sich, ehe sie über den Wasserfall in die Tiefe stürzten. Von etwas konnte ich meine Augen nicht losreißen - dem Körper eines kleinen Babys.«
So beschreibt Keith Richburg, Reporter der WASHINGTON POST, die Flut der Toten auf dem Kagera während des Völkermords in Ruanda. Dann sinniert er über die Leichen: »Ich hätte eine von ihnen sein können. Deshalb danke ich Gott, daß meine Vorfahren von hier weggekommen sind.«
Richburgs Vorfahren wurden vor über 300 Jahren als Sklaven aus Afrika nach Amerika verschleppt. Dieses in der Weltgeschichte einmalige Verbrechen, das viele schwarze Amerikaner noch heute so traumatisch berührt wie der Holocaust die Juden, preist der Autor als seine Erlösung. Kein Wunder, daß sein Buch »Out of America - A Black Man Confronts Africa« (257 Seiten; 24 Dollar; Basic Books) auf Afrikaner und ihre Nachkommen in der Neuen Welt wie eine ungeheuerliche Provokation wirkt.
»Richburg ist ein minderwertiger Afroamerikaner, der seine Seele verkauft hat«, empört sich der Sprecher des Pan-African Youth Movement in Kapstadt. Salim Muwakkil von der CHICAGO SUN-TIMES beschuldigt Richburg der »Afrophobie": Er habe 20 Jahre nach dem Erscheinen von Alex Haleys Bestseller »Roots« und der gleichnamigen Fernsehserie »eine Art Anti-Roots« geschrieben.
»Roots« schilderte stolze Schwarze, die von barbarischen Weißen aus ihrer afrikanischen Idylle gerissen wurden; seit Erscheinen des Romans erforschen US-Schwarze gern ihre Wurzeln und verklären »Mutter Afrika« zum Traumkontinent. Richburg dagegen faucht: Er werde jedem, der ihm von Afrika und seinen authentischen Werten vorschwärme, »seine Worte in den Hals zurückstopfen«. In ihm rufe der Kontinent nur »Bilder von verrottendem Fleisch« wach - leider, aber: »Ich bin dort gewesen.«
Als Bürochef der WASHINGTON POST in Nairobi reiste Richburg, 39, zwischen 1991 und 1994 kreuz und quer durch Afrika: Er berichtete über die Hungerkatastrophe und den Bürgerkrieg in Somalia, den Genozid in Ruanda, die Choleraepidemie in Zaire, den Buschkrieg im Sudan, über Massaker in südafrikanischen Townships und Mordorgien in Liberia.
Dabei geriet der schwarze Reporter oft genug in schlimmere Gefahr als seine weißen Kollegen: Clan-Kämpfer in Mogadischu schlugen ihn zu Boden, weil sie ihn für einen feindlichen Einheimischen hielten. Hutu-Milizen wollten ihn als vermeintlichen Tutsi umbringen. Und an Grenzübergängen spielten sich korrupte Beamte so tyrannisch auf wie sonst nur vor ihren eigenen Landsleuten.
»Ich kam nach Afrika im Glauben, daß ich irgend etwas Verlorenes von mir selbst finden könnte«, bekennt Richburg. Doch den Amerikaner erschütterte, wie die große Masse um das schiere Überleben kämpft, wie diejenigen scheitern, die sich für Veränderungen einsetzen. »Normalerweise werden sie ins Gefängnis geworfen, gefoltert, umgebracht oder einfach nur so lange niedergemacht, bis sie aufgeben«, resigniert Richburg, »in Afrika gewinnen die Guten nicht.«
Regierungen fälschen Wahlen, Politiker verkommen zu Potentaten, unfähige Funktionäre verwandeln Entwicklungsprojekte in Ruinen: Richburgs Afro-Pessimismus sieht keinen Fortschritt, und von Woche zu Woche scheinen ihn die Nachrichten zu bestätigen.
Kaum keimt Hoffnung für Kongo-Zaire, weil dort endlich der Diktator Mobutu gestürzt wurde, bricht auf der anderen Seite des Flusses der Bürgerkrieg aus: In Kongo-Brazzaville bekämpfen sich Regierungstruppen und Milizionäre, in den Straßen liegen Hunderte von Toten. Und im westafrikanischen Sierra Leone putschen sich nur 14 Monate nach Wahlen wieder Militärs an die Macht - zum dritten Mal in fünf Jahren. Der Chaos-Kontinent bestätigt seinen Ruf.
Afrikas Nöte lastet Richburg nicht mehr den Kolonialisten an. Er klagt nicht über westliche Einmischung, unerschlossene Naturreichtümer und fehlende Unterstützung durch die Industriestaaten. Richburg findet die Hauptursachen für Afrikas Versagen bei den Afrikanern selbst: Stammesdenken, Korruption und die Kultur der Abhängigkeit, das Vertrauen darauf, daß die Weißen es schon richten werden.
Der Sohn eines zum Gewerkschaftsfunktionär aufgestiegenen Detroiter Autoarbeiters hatte vor seinem Afrika-Einsatz für die WASHINGTON POST in Asien gearbeitet - auch ein von den Weißen geschundener Kontinent. Aber weshalb verhinderte dort der Kolonialismus nicht wirtschaftlichen Aufstieg nach der Unabhängigkeit? fragt Richburg. Weshalb entwickelte sich Singapur so atemberaubend, obwohl es über keinerlei Naturschätze verfügt? »Gibt es vielleicht einen Makel in der afrikanischen Kultur?«
Wie oberflächlich sich seine Landsleute für Afrika begeistern, erlebte Richburg bei einem Gipfeltreffen in Gabun: Die Witwe von Martin Luther King, der Bürgerrechtler Jesse Jackson und der »Nation of Islam«-Führer Louis Farrakhan jubelten Obristen zu wie dem damaligen Militärherrscher von Sierra Leone, Valentine Strasser, einem Twen, der inzwischen längst wieder vergessen ist. »Diese schwarzen Amerikaner«, höhnt Richburg, »waren offensichtlich von Strassers militärischer Macho-Erscheinung überwältigt und unfähig wahrzunehmen, daß gerade er all das repräsentierte, was übel ist in Afrika - uniformierte Schurken, die alle Bemühungen um Demokratie unterdrücken.«
Afrikas Leiden hat Richburg intensiv erlebt. Am Schluß weigerte er sich, noch irgendwas verstehen, erklären, entschuldigen zu wollen - und ist dabei vor Ungerechtigkeit nicht gefeit. »Voll entwickelte menschliche Wesen im 20. Jahrhundert tun so etwas nicht, das müssen Steinzeitmenschen sein«, schreibt er über den Blutrausch der Hutu-Milizen, die ihre Tutsi-Nachbarn zu Hunderttausenden zerhackten. Als hätte es Völkermord in diesem Jahrhundert nicht mehrmals gegeben.
Die WASHINGTON POST hat Richburg inzwischen nach Hongkong geschickt. Er bezeichnet sich nicht mehr als Afroamerikaner, sondern als schwarzen Amerikaner.
Hans Hielscher