LINKE Schröder oder ich
Jetzt sitzt er also da, wo die Flegel sitzen. Flegel, die mit der Schulklasse in den Landtag fahren, sich dort in die letzte Bank verdrücken und die Schreibunterlage aus Messing aus dem Abgeordnetenpult herausziehen. Die ihr Taschenmesser nehmen und dann zu ritzen beginnen.
Wenn Ulrich Maurer seine Messingplatte herauszieht, an seinem neuen Platz im baden-württembergischen Landtag - ganz hinten, letzte Reihe, kein Nachbar -, steht da »Arschloch«. Und das ist genau das, was viele jetzt denken, die in den Reihen vor ihm sitzen, die Damen und Herren der SPD, die 35 Jahre auch seine Partei war. Bis Maurer, Ex-Fraktionschef, Ex-Landesvorsitzender, Ex-»Roter Riese« der Südwest-SPD, nach so viel Ex vor drei Wochen hopp gemacht hat: zur WASG, die im Bündnis mit der neuen Linkspartei, früher PDS, bei der Bundestagswahl antritt.
Gemessen an der Wut der SPD-Genossen ist der Abtrünnige Maurer die Nummer zwei der neuen Linken, hinter Oskar Lafontaine - gemessen an seiner Prominenz die Nummer drei, hinter Lafontaine und Gregor Gysi. Aber wenn diese beiden auch die Köpfe der neuen Bewegung sind - Maurer, 56, gibt ihr ein Gesicht, das wie kein anderes zu dieser Partei und für ihre Klientel passt: zerknittert und verbittert, mit den Spuren vieler Kämpfe, einer Miene, die sagt: »Ich bin auch einer dieser armen Frührentner, die sich abmalocht haben und die jetzt keiner mehr haben will.«
Für das Gesicht gibt es zwei Erklärungen, die kurze steht als Warnhinweis auf seiner Roth-Händle-Packung: »Rauchen lässt Ihre Haut altern.« Die andere ist die lange Geschichte eines zermürbenden Abstiegs, der ihn zur Rebellion trieb. Auf Maurers Stirn steht der Warnhinweis: »Politik lässt Ihre Haut altern«. Vor allem, wenn es immer Machtpolitik war und der Gegner übermächtig: Gerhard Schröder.
Ulrich Maurer hat ein gutes Gedächtnis, und weil er schlecht vergessen kann, ist er mit Schröder schon fertig seit den Siebzigern. Da stand Maurer bei den Jusos rechts. Schröder aber machte seinen eigenen Flügel auf und paktierte mit den Linken, den »Stamokaps« um den heutigen SPD-General Klaus Uwe Benneter. So wurde Benneter Juso-Chef, Schröder sein Nachfolger, und seitdem sagt Maurer über Schröder: »Er sucht die Macht, egal wo. Wäre er in Russland geboren worden, hätte er auch am Zaun des Kreml gerüttelt.«
Diesen Schröder will Maurer bis heute stoppen. Erst hat er es mit den gleichen Mitteln probiert, die auch Schröder nutzt: eine eigene Machtbasis aufbauen, als Landeschef, als Fraktionschef, dann Vertraute in Stellungen bringen, bei Bedarf in Stellung. Es hat nichts gebracht. Jetzt also, seit er in der Partei nichts mehr zu verlieren und nichts mehr verloren hat, der Versuch von außen, mit der WASG.
»Als besonders links ist er mir nie aufgefallen«, wundert sich ein langjähriger Wegbegleiter. Sicher gab es beim Lafontaine-Freund Maurer immer Sätze wie »Denkt mir an die Leute in den hohen Häusern mit den kleinen Geldbeuteln«. Mehr als die Wirtschaftspolitik, mit der er Schröder heute von links angreift, interessierte ihn aber all die Jahre die Innenpolitik. Und ging es überhaupt um rechts oder links, ging es nicht vor allem um »gegen«?
1993 etwa sollte das Parteivolk einen neuen Bundesvorsitzenden wählen. Maurer schmiedete das, was er bis heute ein »Schröder-Verhinderungsbündnis« nennt. Heidi Wieczorek-Zeul trat an, kostete Schröder die entscheidenden Stimmen - neuer Vorsitzender wurde Rudolf Scharping. Es war vielleicht Maurers größter Triumph, erzwungen mit einer Politik, die aufgeht, wenn sich alle Figuren in einen großen Plan fügen.
Und die bei einem wie Maurer auf Dauer scheitern muss. »Der ist ein Autist«, lästert eine SPD-Bundestagsabgeordnete. Ein einsamer Entscheider, der die Menschen nicht mitnimmt, die er für seinen Plan braucht. Der ihnen das Gefühl gibt, sie seien »alles nur Pygmäen«, wie sich ein Stuttgarter Ex-Minister erinnert. Das mokante Lächeln des Allwissenden und das Dozieren, oft bei geschlossenen Augen, als wäre der andere gar nicht da, sie schaffen eine Aura von Arroganz und Distanz, die Parteifreunde verstören kann und Wähler vergrätzen.
Genau das hat ihn in der SPD die Gefolgschaft gekostet, erst in der Partei, dann in der Fraktion. Immerhin begriff er schon in den Neunzigern, dass seine Zeit ablief, und er tat, was typisch für ihn ist: taktieren. Er förderte ein junges Mädel aus Pforzheim, die Juso-Landeschefin Ute Vogt, baute sie auf, um sie an seine Stelle zu setzen. »Ich habe ihr alle anderen vom Hals gehalten«, sagt Maurer heute - wieder ein Versuch, Politik mit einer Stellvertreterin zu machen, aber es wurde sein frustrierendster Sieg.
Denn kaum hatte Vogt Maurers Ämter übernommen, den Landesvorsitz, den Posten im Bundespräsidium, stellte er fest, dass Vogt ihn nicht mehr brauchte. Schlimmer: dass sie andere Loyalitäten pflegte, gegenüber neuen Förderern. Einer davon wurde ausgerechnet Schröder, unter dem sie zur Parlamentarischen Staatssekretärin im Innenministerium aufstieg.
Maurer gab den Fraktionsvorsitz ab; wie eine Flucht wirkte sein Versuch, 2003 als
Spitzenkandidat der Landes-SPD für die Europa-Wahl aufgestellt zu werden. Aber die Partei, Ute Vogt, wollte ihn nicht ganz oben auf der Liste. Es war das Jahr der Agenda 2010; das Jahr, in dem Maurer nun zum Sozialpolitiker mutierte, in dem er begann, sich zu munitionieren für ein finales »Schröder oder ich«, von dem er wissen musste, dass die Antwort der Partei »Schröder« sein würde.
Maurers analytische Fähigkeiten können so brillant sein wie seine Schlussfolgerungen für eine Partei auf Dauer unerträglich. Er nervt dann mit düsteren Prognosen, die wie Abbilder seiner eigenen Düsternis wirken. Alles gehe den Bach runter, die SPD als Volkspartei, die Republik als Wohlfahrtsstaat, das ganze Land. Der Brief, mit dem Maurer schließlich im Mai dem Kanzler vorwarf, die Partei zu vergewaltigen, und seine Austrittserklärung, in der er schreibt, er wolle seine Fraktionskollegen nicht mehr länger ertragen, waren nur die überfälligen Scheidungspapiere. Selbst wenn die Partei nun so tut, als hätte Maurer sie verraten, und Maurer, als hätte die Partei ihn betrogen um die Sozialdemokratie, wie sie mal war.
Für Ute Vogt ist der Mann ein »tragischer Fall«, ein »Rex Gildo« der Politik, der jahrelang auf den großen Bühnen stand und nicht verkraften konnte, dass diese Zeit vorbei war. »Jetzt hat er sich irgendeine andere Bühne gesucht, koste es, was es wolle.« Der Fraktionsmann Hans-Georg Junginger ätzt, ausgerechnet »der Maurer« müsse darüber klagen, dass Schröder mit seinem Neuwahl-Coup einen »Putsch von oben« durchgezogen habe - »Putsch von oben war doch der Wesenszug von Maurers Führungsstil all die Jahre«.
Vielleicht ist die Empörung so groß, weil die Nervosität noch größer ist: Als der SPD-Mann Claus Wichmann Maurer jetzt im Landtag begrüßte, zischte ein Kollege: »Was gibst du Arsch dem noch die Hand?« Und die Linke Christine Rudolf, die sich den WASG-Listenparteitag angesehen hatte, musste sich in der Fraktion anhören, sie wolle nur ihren Wahlkreis gewinnen und dann auch zum Feind überlaufen. Rudolf giftete zurück, sie werde jeden verklagen, der das noch mal behaupte.
Ob Maurer es genießt? »Das ist alles furchtbar schnell, aufregend, verrückt«, sagt er: gestern noch ein Polit-Zombie, heute Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, der für die neue Linke »ganz Süddeutschland« beackern soll. Morgens vor die Betriebe, mittags in die Fußgängerzonen, abends in die Hallen, so ist es mit der Berliner Wahlkampfzentrale vereinbart.
Jahrelang hat er gesehen, wie »Leute von links unten nach rechts oben vorbeigezogen sind«, jetzt kommt, was er sich gern bescheinigt: »Ich kann kontern.«
JÜRGEN DAHLKAMP