Schuldlos süchtig? - DER SPIEGEL
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PROZESSE Schuldlos süchtig?

Erstmals muss sich ein Tabakkonzern in einem Schadensersatzfall vor deutschen Richtern verantworten. Sie sollen klären, ob die Industrie Raucher abhängig macht.
• aus DER SPIEGEL 45/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zumindest für die Nikotinbranche gilt Deutschland noch als Zukunftsmarkt: Nirgendwo auf der Welt rauchen so viele 13-Jährige. Mehr als jeder vierte 15-Jährige greift regelmäßig zur Zigarette. Die »Raucherquote«, stellt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm fest, »steigt ohne Unterbrechung«.

Bislang jedenfalls. Denn in diesem Herbst könnte die erfolgsverwöhnte Branche die Grenzen des Wachstums entdecken: Erst wurden die Konzerne verpflichtet, die Schachteln mit schaurigen Warnhinweisen ("Rauchen ist tödlich") zu bekleben, dann beschloss der Bundestag eine kräftige Steuererhöhung. Und jetzt nervt sie auch noch der 56-jährige Frührentner Wolfgang Heine aus Lippetal.

Der behauptet nämlich, der Hamburger Zigarettenhersteller Reemtsma habe ihn bewusst und »aus blanker Profitsucht« in die Abhängigkeit getrieben. Heine strengte ein Verfahren an und erzielte einen bemerkenswerten Anfangserfolg: Der Bundesgerichtshof verpflichtete seine Rechtsschutzversicherung, die Verfahrenskosten zu tragen - so weit ist vor ihm noch kein anderer klagender Raucher gekommen: Ohne Zuschüsse sind solche komplizierten Verfahren kaum zu finanzieren.

Von Freitag an muss sich nun ein Tabakunternehmen erstmals in einem Verfahren für die schädlichen Folgen des Rauchens vor einem deutschen Gericht verantworten. Kläger Heine verlangt 125 000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz in ebenfalls sechsstelliger Höhe.

Der ehemalige Finanzbuchhalter aus Westfalen ist todkrank. Eigentlich hätte er längst einen neuen Bypass bekommen müssen, seinen dritten. Doch eine Operation ist zu gefährlich, nach zwei Infarkten hält das Herz einen weiteren Eingriff nicht aus. Mit täglich 20 bis 30 Zigaretten der Marke »Ernte 23« hatte Heine seinem Körper zu viel zugemutet.

Kann der Mann nun einfach nachträglich Reemtsma die Verantwortung für seinen erbärmlichen Zustand zuschieben, obwohl jedes Kind weiß, wie gefährlich Zigaretten sind? Juristisch betrachtet stehen seine Chancen gar nicht so schlecht: Heine hat mit dem Rauchen begonnen, lange bevor die Hersteller auf den Schachteln vor den gesundheitlichen Folgen warnten. Er ist seiner Marke jahrzehntelang treu geblieben, er kann somit Reemtsma als mutmaßlichen Verursacher benennen. Und er hat mehrere Versuche hinter sich, mit dem Rauchen aufzuhören - alle waren erfolglos.

Andere Raucher sehen in Heines Streit eine Art Pilotverfahren: Wenn er vor Gericht

gewinnt, wollen sie nachziehen. Es genüge schon, wenn die Richter einen Beweisbeschluss fassten, »dann platzt die Bombe«, glaubt Heine-Anwalt Burkhard Oexmann. Wie in den USA würden dann Konzern-Interna ans Licht kommen, die für kommende Schadensersatzprozesse wegweisend sein könnten.

In den USA sprechen Gerichte einzelnen Personen zum Teil irrwitzige Summen zu, zumindest anfangs. Später schrumpfen die Beträge in der Regel erheblich. Immerhin: 1998 hatte sich »Big Tobacco« mit 46 Bundesstaaten außergerichtlich auf eine Zahlung von sagenhaften 246 Milliarden Dollar geeinigt.

In Deutschland blieben der Branche dagegen solche teuren Rechtsstreitigkeiten bislang erspart. Dabei sterben auch in der Heimat des HB-Männchens nach Schätzungen der Hauptstelle für Suchtfragen jährlich rund 140 000 Menschen an den Folgen des Rauchens.

Im Kern haben die Richter am Landgericht Arnsberg zu klären, ob die Zigarettenindustrie Raucher mit Absicht abhängig macht. Für Heine-Anwalt Oexmann besteht da kein Zweifel: Seit mehr als zwei Jahrzehnten wüssten die Tabakfirmen, dass mit dem Rauchen der Sucht erregende Wirkstoff Acetaldehyd freigesetzt werde. Dennoch habe Reemtsma auf seinen Produkten »keinerlei Warnhinweise veröffentlicht«, rügt er. Mehr noch: Der Konzern habe womöglich sogar »suchtverhaftende Stoffe beigesetzt, um die Wirkung von Nikotin und Acetaldehyd zu steigern«. Jeffrey Wigand, Forschungschef eines US-Zigarettenkonzerns, hatte vor acht Jahren enthüllt, dass die Industrie bewusst solche Zusätze benutze.

Reemtsmas Anwälte argumentieren dagegen, das Unternehmen habe nur solche Stoffe beigemischt, die dem deutschen Lebensmittelrecht entsprächen. Auch Acetaldehyd sei nicht künstlich zugesetzt worden, es entstehe unvermeidlich beim Rauchen. Ohnedies, so die Rechtsvertreter, erzeuge der Konsum von Zigaretten »keine Sucht": Er führe »nicht zu einem Rausch, und er hat auch nicht zur Folge, dass ein Raucher eine immer steigende Dosis benötigt«. Der beste Beweis: Millionen Rauchern sei es gelungen, »von heute auf morgen« aufzuhören.

Wolfgang Heine hat den Entzug versucht, viele Male: mit Nikotinpflastern, mit Akupunktur, mit Tabletten, unter der Aufsicht von Ärzten, Psychologen und Heilpraktikern - und er qualmt noch immer.

Bei seiner letzten Bypass-Operation hätten die Ärzte ihn »bereits abgeschrieben«, sagt er. Die Pumpe fing dann doch noch einmal an zu schlagen. Im Krankenbett packte er keine Zigarette an. Aber schon in der Reha musste er wieder zu seiner »Ernte« greifen. UDO LUDWIG

* Im Reemtsma-Werk Jankowice (Polen).

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