SCHULE DER NATION - DER SPIEGEL
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Briefe

SCHULE DER NATION
• aus DER SPIEGEL 17/1956
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SCHULE DER NATION

Wenn ich auf Seite 3 Ihrer Ausgabe vom 11. April 1956 die Meinung des SPIEGEL-Lesers Hartmut Reincke aus Hamburg lese, daß er froh sei, wenn seine Söhne endlich durch preußischen Schliff die Hammelbeine langgezogen bekämen, dann erinnere ich mich, dieselben Worte - haargenau - im Jahre 1935 bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gehört zu haben. Es sind stets die Worte der Vätergenerationen, die als Erzieher ihrer Kinder versagten und jetzt eine staatliche Instanz suchen, damit die Hammelbeinsöhne der Hammelbeinväter »erzogen« werden. Möglichst werden dann diese Söhne, sei es aus dienstlichen oder kriegerischen Gründen, auch wieder keine Zeit haben, ihre Hammelbeinkinder zu erziehen.

Lichterfelde PAUL UNGER

Was sagt denn Vater Reincke zu dem Übungsmarsch amerikanischer Marine-Infanteristen in der Nacht vom 8. zum 9. April 1956 in Süd-Karolina? Dabei kamen sechs Soldaten elendiglich ums Leben, nur weil ein Stabsfeldwebel - der Sergeant Matthew Mckeon - seinen Leuten »Disziplin beibringen« wollte. Das ist die Kehrseite der von Ihnen so empfohlenen und gerühmten »Schule des Volkes«, Herr Reincke.

Marburg HANS NICOLAI

... kann sich SPIEGEL-Leser Reincke auf große Vorbilder berufen. So hat zum Beispiel Generalfeldmarschall von Hindenburg vor 35

Jahren, als er auf die pädagogische Leistung der alten kaiserlichen Armee als »Schule der Nation« zu sprechen kam, die Reinckeschen Gedanken, wenn auch nicht in solch burschikoser Formulierung, vorweggenommen:

»wie viele Tausende von Menschen haben unter Ihrem Einfluß (der Armee) erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres?«

Osnabrück LUDWIG HANNEMANN

Daß das Militär (sprich: der Kommiß) noch immer die beste Schule des Volkes gewesen ist, ist Unteroffiziersphantasie ...

Berlin-Nikolassee ALBERT BESSLER

Was ist das für ein Vater, der den Kommiß-Betrieb als eine wünschenswerte »erzieherische« Einrichtung ansieht? Noch zu allen Zeiten ist das Soldatentum die Brutstätte aller Laster gewesen ...

Köln DR. JUR. KARL-ERNST GRUHL

Herr Reincke, haben Sie einmal an die vielen jungen Menschen gedacht, die das Militär regelrecht »versaut« hat?

Lesen Sie einmal das Gedicht von Erich Kästner »Die Jugend hat das Wort«. Dort heißt es:

»Wir wuchsen auf in eurem Zwinger.

Wir wurden groß mit eurem Kult.

Ihr seid die älteren. Wir sind Jünger.

Wer älter ist, hat länger schuld.«

Hannover HORST REBBE

Herr Reincke hat mir so recht aus dem Herzen gesprochen. Wenn man so manchmal die entsetzlich weichlichen Ansichten hierüber liest, fragt man sich oft erschüttert, ob denn jedes kräftige, männliche Gefühl im deutschen Volke ausgestorben sei ...

Oldenburg HANS SCHMEDING

Wenn unser ach so gepriesenes Abendland und die ach so tüchtigen Väter nicht mit Hilfe anderer - weniger martialischer - Methoden und kraft ihrer Persönlichkeit in der Lage sind, aus ihren Söhnen anständige Menschen zu machen und ihnen die »Hammelbeine langzuziehen«, dann können mir das bis zum Überdruß strapazierte Abendland und die dazugehörigen Herren Väter nur leid tun ...

Göttingen KLAUS ACKERMANN

... Darin stimme ich nämlich in allem Respekt vor Ihrer werten Biographie mit Ihnen, Herr Reincke, überein, daß der Kommiß die, wenn nicht »beste«, so doch einzige »Schule fürs Volk« gewesen ist, die sich der Staat immer etwas hat kosten lassen ... Ob man nun seinen Namen schreiben kann und weiß, wo Amerika liegt oder nicht, ist doch egal. Armin hat das auch nicht gekonnt. Hauptsache, der Kerl steht stramm, weiß den einzigen Unterschied, den es gibt, nämlich rot und schwarz, kann schießen und erschossen werden.

Und Kriegsgerichte sind pädagogisch wirksamer als Rohrstöcke.

Tübingen HELMUT THINIUS

Oh, träten doch alle Gesinnungskollegen des Herrn Reincke in die Blanksche Freiwilligenarmee ein - anstatt dies von anderen zu verlangen - und erübrigten damit eine Wehrpflicht! Wie dankbar wären viele junge Männer, die in der Lehre von der rationellen Massenvernichtung nicht ihre erstrebenswerteste Lebensaufgabe sehen und der »Kasernenhofschule« eine geistreichere Bildungsstätte vorziehen ...

Dorfen (Obb.) GÜNTHER MEINDL

Dipl.-Kaufmann

Wer regelmäßig den SPIEGEL liest, dem sind auch regelmäßig fröhliche Stunden garantiert. Da sind zum Beispiel die »Herren Söhne« des SPIEGEL-Lesers Hartmut Reincke aus Hamburg. Man sieht durch die abschätzige Erwähnung des pädagogisch unbemittelten Herrn Vaters hindurch die Rotzlöffel leibhaftig vor sich ...

München W. BARANOWSKY

Der väterliche Schrei nach dem Kasernenhof dokumentiert nichts anderes, als daß diese Herren zwar zum Zeugungsakt befähigt waren, als Erzieher aber - und das heißt Vater sein - versagten.

Stuttgart FRITZ HÖVER

Dipl.-Volkswirt

Nur bestimmte und wohl kaum begrüßenswerte Staatsformen halten ... die Kindererziehung für eine Aufgabe des Staates. In freiheitlichen Ländern dagegen - und die Bundesrepublik zählt nach Ansicht unserer Politiker zu diesen - pflegt es Aufgabe der Eltern zu sein, ihre heranwachsenden Zöglinge zu brauchbaren Mitmenschen zu erziehen.

Amorbach NORBERT JUNGEWELTER

Dipl.-Ing.

Ist auch der Kriegs- oder Wehrdienst heute im Zeitalter der Atomwaffen ein Anachronismus, so wäre doch zu wünschen, daß in irgendeiner Form junge Menschen künftig durch eine ähnliche Schule gingen. Denn nur so kann der westrepublikanische - nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit allerdings durchaus verständliche und verzeihliche - Kühlschrank -Egoismus zu einem idealistischen Staatsbewußtsein erhöht werden, das für uns mindestens ebenso wichtig ist wie ein materiell hoher Lebensstandard. Ohne ein solches lebendiges Staatsbewußtsein werden wir keinen Zugang finden zu der von der Sowjet-Ideologie faszinierten und an ihr bestens geschulten deutschen Ostzonenjugend.

Braunschweig GERHARD ÖSTERREICHER

Wenn schon Kameradschaft und Disziplin den jungen Leuten beigebracht werden soll, so würde doch ein Arbeitsdienst genügen. Muß man denn gleich mit Waffen exerzieren?

Pforzheim MANFRED HERB

Dem Herrn Reincke möchte ich folgende Szene widmen:

»DER VATER«

eine Tragödie

nicht von Strindberg

Zeit Zeitlos

Ort der Handlung: Auf bundesdeutscher Tiefebene

Personen

der Handlung: Der König

Grenadier Reincke als Zivilist getarnt

I. bis letzter Akt

Der König: Weiß Er auch noch, was Gehorsam Ist?

Reincke (stramm): Jawohl, Majestät!

König: Weiß Er auch noch, was Opfer ist?

Reineke (noch strammer): Jawohl, Majestät!

König: Hat Er auch Söhne?

Reincke

(am strammsten): Jawohl, Majestät!

König: Denken wie Er?

Reincke

(gebrochen): Nein, Majestät.

König: Erklär Er mir das!

Reineke (heiser): Denken selbst, Majestät.

König: so geh Er nach Andernach,

und laß Er sich dort die

Hammelbeine langziehen.

Reineke

(wieder stramm): Jawohl, Majestät ... (Pause)

Wie, Majestät?

(An dieser Stelle Intoniert das Musikkorps des Andernacher Lehrbataillons im Hintergrund die beziehungsreiche »Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«.)

Berlin-Nikolassee ELSE REUSS

Sergeant Mckeon

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