INDONESIEN Schule des Terrors
Wenn Shobbarin Syakur, 42, im Koran blättert, um den Vers vorzuzeigen, der das Töten von Ungläubigen billigt, verbindet der Prediger schon mal religiöse Lehren mit naturwissenschaftlichen Kenntnissen aus seiner früheren Karriere. Der fromme Muslim absolvierte zunächst ein Studium der Nuklearphysik, bevor er vor drei Jahren in der Stadt Yogyakarta auf Zentraljava den Posten eines Generalsekretärs im »Indonesischen Mudschahidin-Rat« (MMI) übernahm. »Wenn wir erst ein Land unter der Scharia sind«, frotzelt er daher, »kann ich die Atombombe für unseren Kampf gegen die Ungläubigen bauen.«
Derartige Bemerkungen findet die indonesische Polizei überhaupt nicht lustig. Der MMI gilt den Behörden als politischer Arm der Terrororganisation Jemaah Islamiah (JI), dem mutmaßlichen al-Qaida-Ableger in Südostasien. Die MMI-Gruppe kämpft für die Abschaffung der Verfassung, die allen Religionen Schutz bietet, und die Einführung der strikten islamischen Rechtsordnung in der mit rund 190 Millionen Gläubigen größten Muslimnation der Erde.
Mindestens 42 Bombenattentate, darunter auch der blutige Anschlag vom 12. Oktober 2002 auf zwei Nachtclubs in Bali (202 Tote) und die Sprengstoffattacke auf das Marriott-Hotel am 5. August in Jakarta (12 Tote), gehen nach Erkenntnissen der Ermittler auf das Konto der JI.
Ihre Ausbildung erhalten die militanten Islamisten in muslimischen Schulen wie dem Internat al-Mukmin, 60 Kilometer nordöstlich von Yogyakarta.
Wo Osama Bin Laden heute den gut 1800 Schülern als »Märtyrer des Islam« gepriesen wird, lernte auch Syakur gemeinsam mit vielen jener Extremisten, denen wegen des Bali-Attentats in der Inselhauptstadt Denpasar nun die Todesstrafe droht.
Ausgerechnet der Gründer der Schule und Führer des MMI, der charismatische Islamprediger Abu Bakar Ba'asyir, 65, gegen den in einem gesonderten Verfahren seit April in Jakarta verhandelt wurde, soll jedoch mit der Welle mörderischer Gewalt nichts zu tun haben. Es könne nicht nachgewiesen werden, dass Ba'asyir Anführer der Terrorgruppe sei, lautete das Urteil eines fünfköpfigen Richterrates am vergangenen Dienstag.
Für die Regierungen von Indonesiens Nachbarländern ist das milde Urteil von nur vier Jahren Gefängnis für Ba'asyir - »wegen versuchten Umsturzes« - ein Skandal und ein Rückschlag im gemeinsamen Kampf gegen den Terror.
Zeugen, die dem Prozess per Videokonferenz aus Singapur und Malaysia zugeschaltet waren, hatten übereinstimmend ausgesagt, dass der weißbärtige Prediger tatsächlich der Führer der auf bis zu 5000 Mitglieder geschätzten JI-Terrororganisation sei.
Auch der indonesische Geheimdienst weiß das genau. Als Ba'asyir Ende der neunziger Jahre in Malaysia Terroristen aus ganz Südostasien versammelte, erläuterte er in einem knapp 25-seitigen Referat den Auftrag der JI und rief zur »Tötung von Ausländern« auf.
Dem Vortrag lauschte damals auch Riduan Isamuddin, genannt Hambali, der im August in Thailand festgenommene mutmaßliche Chefterrorist Südostasiens. Ihn hatte Ba'asyir in den achtziger Jahren als einen der ersten Muslim-Schüler zur Kampfausbildung nach Afghanistan geschickt, wo er Kontakt mit Bin Laden aufnahm. Das gemeinsame Erinnerungsfoto von Bin Laden, Hambali und Ba'asyir liegt seit Anfang 2000 in der Geheimdienstakte des JI-Chefs.
Die Nachsicht der indonesischen Behörden gegenüber der lokalen Prominenz des Qaida-Netzwerks habe politische Gründe, sagt Terrorexperte Rohan Gunaratna vom Singapurer Institut für Verteidigung und Strategische Studien: »Bei den Wahlen im kommenden Jahr sind die Politiker auch auf die Stimmen radikaler Muslime angewiesen.«
Ähnliches Entgegenkommen ließen Indonesiens Behörden auch gegenüber einem Deutsch-Ägypter walten, der vor gut sieben Wochen nach zehnmonatiger Haft das Land verlassen durfte und seither wieder unbehelligt in Deutschland wohnt. Der US-Geheimdienst CIA hatte die indonesischen Kollegen informiert, dass der angebliche Kameramann wohl ein enger Vertrauter von Osama Bin Laden sei. Nach Zeugenaussagen soll er bei seinem Aufenthalt in Saudi-Arabien den Qaida-Chef mehrmals zu Hause zum Tee bewirtet haben.
Die heikle Toleranz im Umgang mit dem Terrornetzwerk im eigenen Land könnte allerdings schwerwiegende Folgen haben. Letzte Woche spähten, so westliche Geheimdienste, zwei Sprengstoffexperten der JI offenbar neue Anschlagsziele in Jakarta aus. Begleitet wurden sie von vier Extremisten, welche die neuen Attentate möglicherweise ausführen sollten.
Einige der Männer hatten ebenfalls in Ba'asyirs Mukmin-Internat die Schulbank gedrückt. JÜRGEN KREMB