AUSSENPOLITIK Schuss auf den Kandidaten
Die Amerikaner telefonierten, wie sie sonst Bombenangriffe zu fliegen pflegen - in Wellen. Die erste Attacke übernahm Bill Clinton persönlich.
Am vorvergangenen Samstag, kurz nach 18 Uhr, rief der amerikanische Präsident Bundeskanzler Gerhard Schröder in dessen Privatwohnung im hannoverschen Hindenburgviertel an, um eine harsche Botschaft zu überbringen: Die USA werden den deutschen Kandidaten für den Vorsitz des Internationalen Währungsfonds (IWF), Caio Koch-Weser, nicht unterstützen. Sie halten den Deutschen, sorry Gerd, für »nicht geeignet«.
Ehe der deutsche Kanzler den Affront richtig verarbeiten konnte, meldeten ihm seine engsten Berater, dass Washington eine so aufwendige transatlantische Telefonattacke gestartet hatte, als gelte es, eine Weltkrise einzudämmen.
Aus Jerusalem berichtete erschrocken EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, die US-Regierung habe ihn soeben von der brüskierenden Entscheidung gegen den deutschen IWF-Kandidaten unterrichtet.
Finanzminister Hans Eichel erhielt den amerikanischen Bescheid im heimischen Kassel. Per Rundruf belehrten US-Außenministerin Madeleine Albright und Finanzminister Lawrence Summers nacheinander ihre Kollegen in den führenden Industriestaaten, was sie von Koch-Weser halten: nichts.
Tage später hatten sich die Deutschen von der Wucht der Attacke noch nicht recht erholt. »Fast so wie die Invasion in der Normandie« habe die fernmündliche Operation aus den Vereinigten Staaten gewirkt, fand verdattert ein deutscher Diplomat. Selbst dem sonst nüchternen »Wall Street Journal« fiel diesmal nur Militärisches ein: »Clinton schießt den deutschen Kandidaten nieder.«
Herber können Niederlagen in der internationalen Politik kaum ausfallen: Bill Clinton attestierte dem deutschen Kanzler nicht nur in rüder Form, für einen der bedeutendsten Posten des internationalen Politikmanagements den falschen Mann vorzuschlagen. Er ließ ihm auch keine Chance, öffentlich sein Gesicht zu wahren.
Europa wurde gleichsam nebenbei diskreditiert: Schließlich hatten sich alle 15 EU-Staaten gemeinsam für Koch-Weser ausgesprochen, nachdem sich Schröders Truppen 16 Wochen lang für den jetzigen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium stark gemacht hatten.
Noch sind die Folgen dieser transatlantischen Verwerfung nicht abzusehen. Klar ist nur, dass sich hinter dem Zerwürfnis weit mehr verbirgt als ein Dissens über eine Personalie.
Das Verhältnis zwischen Berlin und Washington ist schwer in Unordnung geraten.
Wo jahrzehntelang meist Einvernehmen zwischen den Nato-Bündnispartnern
herrschte, zuletzt geradezu liturgisch beschworen während des Kosovo-Krieges, blitzen nun Konkurrenz, Eifersüchteleien und Misstrauen auf. Streit wird schnell grundsätzlich, Personalentscheidungen geraten unversehens zum internationalen Prestigekampf um Macht und Unterordnung.
Das politische Europa formiert sich neu, und Schröders rot-grüne Berliner Regierung sucht darin ihren Platz. Weder spricht die Europäische Union bisher mit einer Stimme, noch haben die Mitglieder herausgefunden, wie sie sich zum Traditionspartner USA grundsätzlich einstellen sollen. Washington spielt angesichts der europäischen Formierungsversuche unverhüllt seine Dominanz als einzig verbliebene Supermacht aus.
In Europa hält sich das Mitleid mit den Deutschen allerdings in Grenzen. Gerhard Schröder hatte ja Koch-Weser als Kandidaten auch gegen andere EU-Staaten durchgeboxt. Der Kanzler, ebenso spontan wie international unerfahren, provozierte überdies zuletzt mehrfach gereizte Reaktionen.
Maßgeblich war er daran beteiligt, Österreich politisch unter Quarantäne zu stellen, als Jörg Haiders FPÖ an die Macht kam - eine unverhältnismäßige Aktion, gespeist aus überschießendem Temperament. Als unziemlich ist europäischen Regierungschefs Schröders Intervention in Helsinki im Juli 1999 in Erinnerung, wo der Kanzler nach dem Motto »Wir sind wieder wer« Deutsch als Arbeitssprache in Konferenzen durchdrücken wollte.
Forsch und fordernd hatten die Deutschen im Dezember auch ihren IWF-Kandidaten Koch-Weser präsentiert. Seitdem entwickelte sich der Fall bis zum dramatischen Showdown zu einer Eskalation von Fehlern und Fehleinschätzungen.
Traditionell wird der Posten von einem Europäer besetzt. Als der Franzose Michel Camdessus, der zuvor Präsident der französischen Nationalbank gewesen war, nach 13 Jahren seinen Posten vorzeitig aufgab, schlug er selbst Koch-Weser dem deutschen Finanzminister und auch dem französischen Präsidenten Jacques Chirac als seinen Nachfolger vor. Doch die Kampagne lief von Anfang an schief.
Koch-Wesers Name war in der Öffentlichkeit, noch ehe die wichtigsten europäischen Länder ihre Zustimmung signalisieren konnten. Koch-Weser selbst, einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt, verschwand in der Versenkung und verzichtete darauf, für sich zu trommeln.
Schröder hielt die Besetzung des IWF-Chefpostens, durchaus eine herausgehobene Personalie, für einen Selbstläufer. Warnungen überhörte er. Sein außenpolitischer Berater Michael Steiner blieb taub für alarmierende Signale, die ihm bereits im vergangenen Jahr der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker zukommen ließ: Der französische Präsident Chirac habe ihn gefragt, ob er den Job nicht selbst haben wolle. Koch-Weser sei nicht ihr Mann.
Fahrlässig verzichteten die Deutschen auch darauf, bei den Entwicklungsländern, deren Stimmrecht bei der Entscheidung über den IWF-Chef 30 Prozent beträgt, energisch für ihren Kandidaten zu werben. Offenbar hielten sie dessen Biografie schon für ausreichend: Koch-Weser wuchs in Brasilien auf, besitzt neben dem deutschen auch den brasilianischen Pass und spricht sechs Sprachen.
Zu Jahresbeginn streute Paris zudem den Namen eines eigenen Kandidaten - Ex-Premier Laurent Fabius. Dies sei aber, bekennen französische Diplomaten heute, lediglich als Lehre für Berlin gedacht gewesen. Man sei einfach sauer gewesen, weil die Deutschen sich »aufgeplustert« hätten und Schröder ohne Absprache Koch-Weser präsentiert habe.
Dennoch verkündete das Berliner Finanzministerium Anfang Februar, die einzige noch fehlende Zusage aus Europa, die der Franzosen, sei allenfalls eine Frage von Tagen. Und noch am Tag vor der amerikanischen Telefonoffensive streute das Bundespresseamt zum wiederholten Mal eine Information aus dem November. Danach habe Clinton dem Kanzler zugesichert, die USA würden einen europäischen Kandidaten in jedem Fall unterstützen.
Die Amerikaner machten sich die europäischen Misshelligkeiten zu Nutze. Ruppig formulierte US-Finanzminister Summers seine Abneigung gegen den deutschen Kandidaten. Der künftige IWF-Chef müsse »Statur und Durchsetzungsvermögen besitzen«. Er solle zumindest ein ehemaliger Finanzminister oder zumindest Notenbankchef gewesen sein.
Dass Koch-Weser sich in 23 Jahren zum Managing Director der Weltbank hochgearbeitet und den Ruf eines ehrlichen Maklers für die Entwicklungsländer erworben hatte, erscheint den Amerikanern eher als Makel. Sie haben vor, den IWF künftig zu einem schlagkräftigen Instrument zur akuten Krisenbewältigung umzuwandeln (siehe Kasten). Für diesen harten Job sei Koch-Weser zu weich.
Schröder und sein Berater Steiner taten die lautstarke Kritik von Finanzminister Summers als Einzelmeinung mit Eigeninteresse ab. Mit Stanley Fischer unterstütze Summers seinen ehemaligen Ökonomie-Professor als geeigneten Kandidaten: »Da puscht doch ein Kumpel den anderen«, meinte ein Kanzler-Mitarbeiter.
Ganz falsch. Summers war »his master''s voice«, er formulierte die Position des
Präsidenten. Diese Missverständnisse verschärften sich im direkten Gespräch noch.
In einem Telefonat mit Schröder signalisierte Präsident Clinton Anfang Februar, dass er einen Kandidaten akzeptieren könnte, der von allen europäischen Ländern getragen werde. Schröder bedeutete dem Amerikaner daraufhin, ein Sieg Koch-Wesers sei von großer Wichtigkeit für die europäisch-amerikanischen Beziehungen, berichten amerikanische Zeitungen.
»Es bleibt ein Rest Sprachlosigkeit«, sagt Kanzler-Berater Steiner heute. Die Entscheidung der Amerikaner sei nach wie vor »ein Enigma« - ein Rätsel. Amerika stehe im Wahlkampf, da werde auch »Washington schnell zu einem einzigen Chaos«. Das klingt ziemlich nach Ausrede.
Schon wird die Weigerung, sich dem amerikanischen Willen zu beugen, zum eigentlichen Sinn der Übung erklärt. Entscheidend sei letztlich, so gaben die Berliner Diplomaten vor der ersten Probeabstimmung im IWF über den Kandidaten Koch-Weser am vorigen Donnerstag zu erkennen, dass künftig ein Europäer an der Spitze des IWF stehe - und kein Amerikaner.
Vorsorglich wurde anderswo in Europa schon einmal über Alternativkandidaten nachgedacht. Gehandelt wurden die italienischen Ex-Ministerpräsidenten Azeglio Ciampi und Giuliano Amato sowie Wim Duisenberg, Chef der Europäischen Zentralbank.
Sollten sich die Amerikaner weiter sperren, sinnen europäische Diplomaten auf Rache. Man könne ja eine Verlagerung des IWF-Hauptquartiers aus Washington ins Gespräch bringen. Nach den IWF-Statuten ist der Sitz im Land des größten Anteilseigners - und Euroland übertrifft inzwischen die USA. In jedem Fall sei dieser Konflikt »für Europa bewusstseinsbildend«, meint ein deutscher Diplomat.
WINFRIED DIDZOLEIT, JÜRGEN HOGREFE, CHRISTIAN REIERMANN, ULRICH SCHÄFER, MICHAELA SCHIEßL
* Mitte: Ende Juni 1999 in Bonn; rechts oben: Ende Januar aufdem Flug von Berlin nach Tokio.* Im April 1997 mit dem damaligen US-Botschafter in Bonn, JohnKornblum.