SOWJET-UNION Schwarz oder weich
Wer im Reich der Russen einen Rubel ausgibt, bekommt dafür mal mehr, mal weniger zu kaufen -- je nachdem, ob es der offizielle Rubel ist, ein schwarzer oder weicher oder aber ein Coupon. Denn im Konsum herrscht strenge Klassenteilung.
Den amtlichen Kurs für den Rubel setzt jeden Monat die Staatsbank fest, zur Zeit liegt er bei 2,80 Mark. Schwarzhändler jedoch verkaufen ihn in der UdSSR schon für eine Mark, und in Wechselstuben im Westen kostet er sogar nur 60 Pfennig, fünfmal weniger als offiziell. Er ist so billig wegen der geringen Nachfrage und des hohen Risikos, die Konterbande mitzunehmen.
Denn Rubel dürfen aus Rußland nicht aus- und auch nicht nach Rußland eingeführt werden. Die Währung der zweiten Weltmacht ist nicht konvertierbar. Westgeschäfte werden in Dollar oder der jeweiligen Währung des Partners abgerechnet. Innerhalb der östlichen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon aber gilt eine besondere Verrechnungseinheit mit beschränktem Kontingent und unterschiedlichen Paritäten: der »Transfer-Rubel«.
Dennoch kommen Rubel reichlich in den Westen: mit Auswanderern und Reisenden, die zu jedem Kurs tauschen, und zuweilen wohl auch in größerem Schub über Filialen sowjetischer Geldinstitute -- nennenswerte Summen gibt es vor allem an Plätzen, wo eine Russenbank vor Ort ist.
Und immer wieder riskieren Touristen wie auch ständig in der Sowjet-Union lebende Ausländer das gefährliche Geschäft mit dem schwarzen Rubel -obwohl darauf bis zu acht Jahre Arbeitslager stehen. Geschäftsmann Francis Crawford, der eine US-Erntemaschinenfabrik in Moskau vertrat, wurde im vorigen Sommer wegen Umtausches von mehr als 8000 Dollar aus dem Auto heraus festgenommen, zu fünf Jahren Haft verurteilt und ausgewiesen.
Viele Firmen verbieten daher ihren Angestellten in den Dienstverträgen ausdrücklich jedes Schwarzgeschäft. Doch per Diplomaten-Gepäck fließen immer noch »weiche« Rubel-Bündel in die UdSSR zurück.
Deshalb fordert der Sowjetstaat ausländischen Touristen bei Ein- und Ausreise umständliche Devisen-Erklärungen ab, in denen auch nach Schecks und goldenem Ehering gefragt wird. Die amtlichen Wechselstuben geben an Ausländer stets nagelneue Scheine aus, meist nur in kleinen Noten bis zehn Rubel, so daß sich verdächtig macht, wer mit großen gebrauchten Scheinen zahlt.
Dabei muß der Tourist ohnehin fast alles in Devisen zahlen: sein Hotel, die Ausflüge, das Auto, Telephongespräche, Miete, Souvenirs und auch Güter des täglichen Bedarfs, die er in speziellen Ausländerläden namens »Berjoska« (Birkehen) bekommt. Davon gibt es allein in Moskau ein Dutzend -- die Sowjet-Union nimmt in ihren am besten ausgestatteten Läden die eigene Währung nicht an und läßt die eigenen Bürger, sogar wenn sie Devisen haben, nicht hinein: Ein Schild weist sie zurück, ein Wächter paßt auf.
Auch der Whisky an der Hotelbar ist nur gegen West-Devisen zu haben, wie auch der Eintritt in Moskaus einzige Nachtbar (außer einem Getränke-Tresen mit ein paar Tischen im Hotel »National«, gegen Westgeld), im Keller des »Intourist«-Hotels an Moskaus Gorki-Straße. Dort tauchen schon mal vergnügungssüchtige Sowjetbürger auf -- den Dollar-Tribut besorgen sie sich illegal oder durch höfliche Bitte an West-Gäste um eine Spende.
Doch wer nur Mark oder Dollar hat, ist damit als Kunde immer noch nicht König. Die wahren »Berjoska«-Paradiese sind jene für die privilegierten Fremden: für Diplomaten sowie akkreditierte Firmenvertreter und Zeitungs-Korrespondenten. Dort gilt nur der »Coupon-Rubel«, der von einem Devisenkonto bei der sowjetischen Außenhandels-Bank einzutauschen ist, zum offiziellen Kurs, aber mit besonderer Kaufkraft.
Das Sondergeld in kleinen numerierten Scheckheften mit Coupons von einer Kopeke bis zehn Rubel öffnet die Türen zu äußerlich ganz unscheinbaren Läden, deren Schaufenster verhängt sind. Auch Tina Onassis-Kausowa mußte vor Betreten ihren Ausweis zeigen (und brach darob in Tränen aus). Drinnen gibt es alles, was der Sowjetbürger entbehrt -- Lederschuhe aus Österreich, Anzüge aus Italien, Mäntel aus Finnland, Original-Jeans aus den USA, und alles zu Vorzugspreisen.
Die Lebensmittel-Coupon-Berjoskas führen vieles, was dem Normalrussen als »Defizitware«, als nicht vorhandene Kostbarkeit gilt: Geflügel aus Ungarn und Polen, Apfelsinen aus Marokko, Kaffeebohnen und Schweizer Schokolade, deutsches Dosenbier und portugiesischer Wein und auch sonst schwer erhältliche Tomaten, Pilze, sogar Fleisch.
Wenn manches auch mehr kostet als im sowjetischen Normalverbraucher-Laden, so ist es doch billiger als auf den freien Kolchos-Märkten: Ein Kilo Filetsteak, das es im freien Handel überhaupt nicht gibt, kostet fünf Rubel (14 Mark), eine Halbliterflasche »Moskowskaja«-Wodka einen Rubel (sonst: über vier Rubel).
Und manches ist viel billiger als im westlichen Heimatland der Privilegierten: schottischer Whisky zu umgerechnet fünf Mark, eine Stange westlicher Zigaretten für neun Mark. Mit Coupon-Rubel läßt sich auch ein Auto kaufen -- ohne die übliche mehrjährige Wartezeit und zu einem Drittel des normalen Rubelpreises.
Allerdings muß dieser Coupon-Rubel die Aufschrift »Serie D« tragen. Andere Coupon-Serien sind für Akkreditierte aus Ostblock- oder Weichwährungs-Ländern vorgesehen, noch andere für Russen, die im Ausland Geld verdienen -- Künstler, Schriftsteller, Schach- oder Sportgrößen. Die Preise in diesen Sonderläden sind höher, das Angebot oft dürftiger -- immer noch besser freilich als für sowjetische Durchschnittsbürger.
Gewöhnliche Reisende aus Bruderländern hingegen gehören zu den Parias unter den Touristen. So erhält zwar ein DDR-Deutscher schon für 2,50 Ostmark einen Rubel, doch im »Berjoska« oder der Devisen-Bar ist die DDR-Mark ohne jeden Wert: Sozialistische Touristen dürfen hinein ins Konsum-Schlaraffenland, aber kaufen können sie dort nichts.