BAUERN-UNRUHEN Schwarze Fahnen
Der motorisierte Verkehrspolizist fuhr in Göttingen die Strecke zwischen Rosengarten und Nikolausberger Weg ab und warnte seine Kollegen über Sprechfunk:
»Achtung, die Bauern kommen! Sie wollen zum Nikolausberger Weg zu
einem Professor. Scheiben einschmeißen oder so was.«
Als rund 1000 Bauern am 17. Oktober letzten Jahres vor dem »Institut für landwirtschaftliche Betriebs- und Landarbeitslehre« des Professors Woermann Halt machten, verschaffte sich ein anderer Verkehrshüter über Lautsprecher Gehör: »Achtung, hier spricht die Polizei. Bitte räumen Sie sofort die Straße!«
Das Landvolk aus dem südhannoverschen Raum verließ jedoch Institutshof und Straße erst, nachdem ein Assistent wahrheitsgemäß berichtet hatte, der gesuchte Professor sei abwesend.
Institutsleiter Woermann und sieben andere Professoren hatten im Auftrag der Bundesregierung ein Gutachten ausgearbeitet, das Westdeutschlands Bauern
aufschreckte: Nach dieser Expertise müssen bis 1975 rund 850 000 Kleinbauern und Landarbeiter - ein Drittel aller in der Landwirtschaft Beschäftigten - vom Hof gehen und mehrere hunderttausend Kleinbetriebe durch Zusammenlegung aufgelöst werden, wenn die Ertragslage der deutschen Landwirtschaft in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gesund bleiben soll.
Vor dem Abstecher zu Woermanns Institut hatten 8000 Bauern in dem Göttinger Rosengarten ihren Unmut über die Erkenntnis der Agrarexperten bekundet. Sie waren mit 600 Traktoren und mit Plakaten erschienen, deren Texte sich vornehmlich an das Gelehrten-Team wandten:
- »Jedem Professor hundert Morgen.
- Erfolg: In einem Jahr Pleite.«
- »Schickt gewisse Professoren in die
Wüste!«
- »Die Landwirtschaft läßt sich nicht in Studierstuben dezimieren.«
Die deutschen Bauernführer haben gegenwärtig Mühe, die radikalen Strömungen unter dem meuternden Landvolk einzudämmen, das sich vor und nach dem Göttinger Traktoren-Korso auch an anderen Orten zusammengerottet hat, um sein Los vor der Öffentlichkeit zu beklagen. Gegen die Bonner Agrarpolitik protestierten:
- am 26. August in Pewsum (Ostfriesland)
2000 Bauern;
- am 10. September in Rodenkirchen
(Wesermarsch) 3500 Bauern;
- am 23. September in Bad Godesberg
auf dem Ostdeutschen Bauerntag 8000 Bauern und
- am 29. November in Osnabrück 3000
Bauern.
In Lüneburg demonstrierten nach einem Aufruf des »Landesverbandes des Niedersächsischen Landvolkes« am 7. Dezember mehr als 7000 Bauern mit schwarzen Fahnen und drohten Kampfmaßnahmen für den Fall an, daß die Bundesregierung »der weiteren Ausbeutung des Bauernstandes... tatenlos zusehen werde«.
In München schließlich erntete der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Edmund Rehwinkel, am 10. Dezember lautstarken Beifall von 12 000 Bauern, als er versprach: »Wir wehren uns mit Leidenschaft gegen das Abwürgen lebensfähiger bäuerlicher Familienbetriebe durch die Senkung des deutschen Preisniveaus in der EWG.«
Der geschäftsführende CDU-Vorsitzer Dufhues verwarnte die Bauern: »Dadurch, daß Sie dem Radikalismus verfallen und auf einzelne Schreier hören, wenden Sie nicht Ihr Schicksal.« Auch Bundesernährungsminister Schwarz mahnte sein Landvolk zur Besonnenheit, denn eine Agrarkrise berge schwere Gefahren in sich.
Schon einmal haben sich deutsche Bauern in diesem Jahrhundert revolutionärer Methoden bedient: In den Jahren 1929 und 1930 berannten sie unter Führung des sogenannten Holsteiner Bauerngenerals Claus Heim mit Bomben und schwarzen Fahnen die Finanzämter.
Damals hatten 20 000 erboste Landwirte in Neumünster beim Tiefstand der Getreidepreise ihre Steuerbescheide in Säcke gestopft und dem Reichsfinanzministerium in Berlin zurückgeschickt. Als ihnen daraufhin das Fettvieh von den Marschweiden gepfändet wurde, ließen sie selbstgebastelte Höllenmaschinen in holsteinischen Finanz- und Landratsämtern-hochgehen. Sie kamen dafür ins Gefängnis.
Die Erben der Bomben-Bauern will der Vorsitzende des Schleswig-holsteinischen Bauernverbandes, der CDU -Bundestagsabgeordnete Detlef Struve, vor ähnlichem Ungemach bewahren.
Anfang November gab er in Rendsburg die Parolen aus, mit denen die Bauernführer die sich anbahnende Radikalisierung ihrer Anhänger abwenden zu können glauben:
- Eine Senkung des Getreidepreises wie es die EWG will - darf »auf keinen Fall« vorgenommen werden.
- Die Folgerungen aus dem Professoren-Gutachten müssen »mit aller Schärfe zurückgewiesen werden«.
- Die Bundesregierung soll zu den 770 Millionen Mark für die Subvention von Milch und Düngemitteln noch weitere 550 Millionen Mark bereitstellen.
Struves Forderungen reichte Präsident Rehwinkel Ende November an Bundeskanzler Adenauer weiter.
Rehwinkel: Eine klare Entscheidung sei erforderlich, da sich der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine »besorgniserregende Unruhe und Verbitterung« bemächtigt habe.
So haben sich jetzt auch im Saarland 73 Prozent aller dem Bauernverband angehörenden Landwirte in einer Geheimabstimmung zu Kampfmaßnahmen entschlossen. Noch im Januar wollen sie in Saarbrücken mit schwarzen Fahnen aufmarschieren.
In Schleswig-Holstein freilich, wo die Bauern vor drei Jahrzehnten mit Bomben argumentierten, herrscht auf den Fluren vorläufig noch Ruhe.
Bauerndemonstration in Lüneburg: Die Vater warfen Bomben
Agrar-Experte Woermann
Jeder dritte muß vom Hof