Schwarzer Balsam - DER SPIEGEL
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JUNGSOZIALISTEN Schwarzer Balsam

In Moskau führte Juso-Chef Karsten Voigt einen Zwei-Fronten-Kampf: gegen westdeutsche Kommunisten und »Revanchisten«.
• aus DER SPIEGEL 23/1971
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Die Jungsozialisten, so warben der Juso-Vorsitzende Voigt und weitere fünf seiner Spitzengenossen, seien »der größte politische Jugendverband Westdeutschlands« und damit der wichtigste für eine »Belebung der Verträge von Moskau und Warschau« durch Jugendkontakte.

Doch schon am ersten Abend einer 13-Tage-Tournee durch die Sowjet-Union und Polen schien es den Juso-Reisenden, als wollten die Russen dem SPD-Nachwuchs (220 000 Mitglieder) weniger Beachtung schenken als der christdemokratischen Jungen Union (117 000 Mitglieder) und der DKPtreuen Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ, 23 000 Mitglieder).

Zwar hatte Moskaus ranghöchster Jugendfunktionär Gennadij Janajew, Vorsitzender des Komitees der Jugendorganisationen der UdSSR (KJO), die Voigt-Truppe bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Scheremetjewo 2 am vorletzten Mittwoch artig bewillkommnet und sie durch den Ausgang für »Very Important Persons« zu repräsentativen Wolga-Limousinen geleitet; aber als-Janajews Stellvertreter Wladimir Prokopow den Gästen vier Stunden später das Programm für ihren Aufenthalt präsentierte. fühlten sich die westdeutschen Genossen düpiert: Nicht einmal ein Meeting mit den Chefs vom Komsomol. dem wichtigsten sowjetischen Jugendverband, war vorgesehen. Statt dessen sollten die Jusos im lettischen Riga einen Betrieb, eine Berufsschule. ein Sanatorium und ein Orgelkonzert besuchen. In Moskau wollte nur das -- im Vergleich zum Komsomol politisch zweitrangige KJO mit Voigt verhandeln.

Die Jungsozialisten argwöhnten, die protokollbewußten Sowjets wollten den Besuch mit Rücksicht auf die SDAJ herunterspielen. Noch mehr wurmte es die Jusos, daß der Vorsitzende der nach sowjetischer Lesart »revanchistischen« Jungen Union, Jürgen Echternach, zwei Monate zuvor bei einem Moskau-Besuch vom neuen sowjetischen Bonn-Botschafter Walentin Falin empfangen worden war und damit in der Bundesrepublik Schlagzeilen gemacht hatte.

Karsten Voigt wurde deutlich: »Jetzt sprechen wir mal politisch. In der deutschen Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, als wollte die Sowjet-Union eher mit konservativen Gruppen zusammenarbeiten als mit Sozialisten.« Nach zwei Stunden Palaver (Juso-Sprecher Eberhard Schmidt: »Es war wie bei den Bahr-Verhandlungen") versprach Prokopow« über Programmänderungen »nachzudenken«.

Am nächsten Morgen verkündete KlO-Chef Janajew mürrisch: »Die 17 rage wird dem Wesen nach gelöst und nicht der Form nach.« Sein Angebot: ein Treffen mit dem zweiten Sekretär des Komsomol. Boris Pastuchow, zugleich Kandidat des ZK der KPdSU. »Da habt ihr mehr als Echternach«, belehrte ein Gastgeber die Jusos. »denn Falin gehört nicht zum

Nachdem sie Echternach -- wenigstens nach Sowjet-Protokoll -- übertrumpft hatten, sahen sich die Jusos freilich immer noch den gleichfalls abwesenden Rivalen von der SDAJ konfrontiert. Denn die Sowjet-Menschen ließen kaum eine Gelegenheit aus, ihren Gästen die Aktionseinheit von westdeutschen Kommunisten und linken Sozialdemokraten für eine schnelle Ratifizierung der Gewaltverzichtsverträge anzuraten.

Doch die linken SPD-Jungmannen blieben parteitreu. Voigt wehrte ab: »Die Ratifizierung würde durch eine Zusammenarbeit mit den westdeutschen Kommunisten in dieser Frage nur behindert.« Die Sowjets sollten einsehen, daß »in der Bundesrepublik die Sozialdemokratische Partei die Repräsentantin der Arbeiterklasse ist, auch wenn einem manches an dieser Partei nicht gefällt«.

Daß ihnen selbst vieles an der SPD mißfällt, verschwiegen die Jusos nicht. Voigt bekundete Übereinstimmung mit den Komsomolzen. daß »die DDR völkerrechtlich anerkannt werden muß« und das SPD-Verbot aller Kontakte mit westdeutschen Kommunisten falsch sei.

Zugleich aber warb Voigt um Verständnis für die Bonner Regierungspolitik, die das Inkrafttreten der Verträge von einer Berlin-Regelung abhängig macht. Voigt zu Janajew: Eine »realistische Einschätzung« der Bonner Mehrheitsverhältnisse zeige die Notwendigkeit einer »irgendwie befriedigenden« Berlin-Lösung.

Mehr Kritik als an den eigenen Genossen übten die Gäste an der Politik der Sowjet-Union -- vor allem da. wo sie im Vaterland der Werktätigen dieselben Mängel entdeckten, die sie am Kapitalismus verabscheuen.

So hielt Juso-Vorstand Siegmar Geiselberger aus München, dessen OB Hans-Jochen Vogel unter anderem wegen linker Juso-Forderungen zur Kommunalpolitik auf seine Wiederwahl verzichtet hatte, den KJO-Chefs vor, die verstärkte Produktion von Privatwagen werde die sowjetischen Metropolen bald ebenso unbewohnbar machen wie westliche Städte.

Geiselberger: »Es wäre fatal, wenn sich sozialistische Regierungen, die doch ohne Rücksicht auf private Profitinteressen planen können, ebenso von den Problemen überrollen lassen würden wie die kapitalistischen Regierungen.« Janajew pries ein Gegenmittel, das selbst Hans-Jochen Vogel für untauglich hält: Man werde rechtzeitig genug Straßen für die vielen Autos bauen.

Voigt attackierte die ideologiefreie Außenpolitik der Sowjet-Regierung: »Wir verstehen nicht, daß ihr zu den faschistischen Regimen in Griechenland und Spanien politische und wirtschaftliche Beziehungen pflegt, während wir unsere eigene Partei auffordern, die Beziehungen zu diesen Ländern abzubrechen.«

Im Rigaer Radio-Werk VEF, wo die Jusos die Fließband-Produktion von Transistoren beobachteten und den Direktor nach Akkordlöhnen und Arbeitsschutz fragten, konstatierte Juso-Vorstandsmitglied Loke Mernizka, Stahlarbeiter aus Siegen: »Dieselbe Monotonie wie bei uns.«

Soviel Kleingläubigkeit der deutschen Gäste verwirrte die Sowjet-Genossen. KJO-Vize Prokopow beschwerte sich bei Voigt: »Eure Fragen haben gezeigt, daß ihr über die Sowjet-Union so gut wie nichts wißt.«

Einen Tag später freilich bekannte Prokopow beim Essen im »Hotel Riga": »Ich habe von euch etwas dazugelernt.«

Die Westdeutschen hatten sich bei den Jugendfunktionären nicht nur durch offene Kritik, sondern auch durch eifrige Anpassung an die Sitten des Landes Respekt verschafft. In Riga absolvierten sie binnen sechs Stunden drei Bankette mit insgesamt 18 Trinksprüchen. zu denen jeweils ein Glas des lettischen Nationalgetränks -- Rigaer schwarzer Balsam gemischt mit Wodka -- in einem Zug geleert werden mußte.

Am Ende des Zwei-Tage-Ausflugs an die Ostsee meldete Juso-Sprecher Schmidt Tauwetter: »loh glaube, jetzt ist das Eis endgültig gebrochen.« In der Tat zeichneten sich bei den Moskauer Schlußverhandlungen der Voigt-Delegation Chancen für das Juso-Konzept ab, den deutsch-sowjetischen Jugendaustausch zu erweitern, ohne daß solche Kontakte von den Komsomolzen zur Aufwertung der westdeutschen Jungkommunisten benutzt werden.

Janajew auf dem Abschluß-Bankett bei Lachs und rotem Kaviar: »Ich weiß nicht, was der SPIEGEL darüber schreiben wird, aber Komsomolskaja Prawda wird schreiben, daß der Besuch erfolgreich abgeschlossen wurde.«

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