Schwarzer Freitag - DER SPIEGEL
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BERLIN Schwarzer Freitag

• aus DER SPIEGEL 12/1950
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Seit 3,5 Millionen Berliner den Nachweis ihrer Sektorenzugehörigkeit im Portemonnaie mit sich herumtragen, möchten sie sich manchmal selbst zerfleischen - vor den Wechselstuben des Westens und den Staatsläden des Ostens. Dort waren während und nach dem letzten »Schwarzen Freitag« der Ost-Mark die Schlangen am längsten. In Ost-Berlin: Panikstimmung und Flucht in die West-Mark, in West-Berlin: Selbstmörderischer Optimismus. Noch nie war die Ostmark so billig: 1 DM (West) = 9 DM (Ost).

Seit die Doppelwährung über die geteilte Hauptstadt verhängt wurde, hat es solche schwarzen Freitage schon viermal gegeben. Aber noch nie schlug das Pendel der Geldtäuscher-Zentralen so matt für die Ost-Mark aus wie am verflossenen 17. März.

Ein Beweis, daß die Bank- und Wechselstuben-Monopolisten, deren Chef erster Wechselstuben-Lizenzträger Hans Weber ist, diesmal ihre Gerüchte und Parolen besonders attraktiv gewählt hatten:

* »Ein neuer Währungsschnitt in Sicht, um das viele östliche Falschgeld auszumerzen.«

* »Nivellierung der Ostzonen-Währung zum neu entstehenden Rubel-Block.«

* »Die Sowjets sehen ein, daß sie der Ostzonenbevölkerung mit der künstlichen Hochflut von Hennecke-Banknoten nicht die Fiktion eines Wohlstandes suggerieren können. Durch einen neuen Währungsschnitt wollen sie den papierenen Kaufkraft-Ueberhang abschöpfen, um langsam von den hohen Preisen der Privilegierten-Läden (HO) zu einem halbwegs normalen Preisgebilde zu kommen.«

In privaten Unterhaltungen ließ Wechselstuben-Weber jedoch andere Argumente für das letzte Börsenmanöver durchblicken: möglicherweise sei durch eine übergeordnete Klärung der Kursrelation des Dollar zum neuen Rubel eine starre Fixierung der Ost- und West-Mark-Relation zu erwarten. Ein Dollar ist seit dem 1. März vier Goldrubel wert. Auf der Leipziger Messe wurden amtlich für 1 Dollar 3,30 DM (Ost) gezahlt, d. h. eine Ostmark = 1 Rubel und 20 Kopeken. Damit stände die Ostmark höher als der Goldrubel. (4,44 Goldrubel = 1 Gramm Feingold = 3,70 DM Ost). Wenn sich diese Rechnung weiterhin durchsetzt, würde das die Parität von West- und Ostmark bedeuten.

Offensichtlich wittern die Geldtäuscher eine grundsätzliche Revision des Ost-Westmark-Verhältnisses und veranstalteten deshalb noch einmal einen zünftigen schwarzen Freitag, um möglichst viel Ost-Mark an sich zu ziehen. Mit leichtem Gefälle fließen diese Beträge in den nächsten Wochen und Monaten zurück, wenn die Ostmark wieder auf höheren Kurs gesetzt wird. Dieser Börsentrick füllt die Wechselkassen.

Um alle Gewinnchancen auszunutzen, hielten Hans Webers Börsianer während der Paniktage den Daumen auf die Ostgeldeinnahmen. Selbst West-Berliner Arbeitslose, die eilig in den HO-Läden östlich einkaufen wollten, durften höchstens 5 DM (West) in Ostgeld eintauschen. Das war der beste Beweis für den fiktiven Sturz der Ostmark, denn bei einer echten Baisse hätten die Wechsler die kranke Valuta mit beiden Händen abgestoßen.

West-Berlins SPD-Magistrat, obwohl angeblich kapitalistenfeindlich, läßt Hans Weber und seine Geldtäuscher ruhig gewähren. Von dem Umtauschgeschäft partizipiert die ewig im Dalles befindliche Stadtkämmerei. Der schwarze Freitag machte wieder einige Geldreserven zur Unterstützung der 250000 West-Berliner Arbeitslosen flüssig.

Die Handwerker und Geschäftsleute westlich des Brandenburger Tors sind jedoch mit solchen faulen Sanierungsversuchen nicht einverstanden. Denn jede in billige Ost-Währung umgetauschte West-Mark, die über Webers Wechselkassen in die Ost-Läden hinüberwandert, ist ein weiterer Nagel zum Sarge der zusammengebrochenen Berliner Wirtschaft, die nur durch Kampferspritzen der westdeutschen Notstandshilfe künstlich am Leben gehalten wird.

Am meisten verschuldet sind die Westberliner Friseure, deren Monatseinkommen durchschnittlich bei 50 D-Mark-West liegt. Von 2500 Friseuren haben 300 bankrott gemacht bei weiteren 500 sind sogar die Haarwasser-Flakons verpfändet. »Entweder den Strick nehmen oder vergiften«, schrieb Friseur Paul Engel, aus dem französischen Sektor von Berlin-Wittenau, Dahlienweg Nr. 4, seinen letzten Hilferuf an die Innung.

Die Friseur-Innung nimmt die höchste Quote in der Westberliner Selbstmordstatistik ein, seit die Westsektoren-Damenwelt sich für zwölf schäbige Ostmark - das sind knapp 1,50 DM-West - die letzte Kaltwellenneuheit ins Haar zaubern lassen kann. Dafür müssen die Westfriseure schon 8 DM-West verlangen, wenn sie sich über den Dauerwellen der Krise halten wollen.

Tief im Doppelwährungs-Dalles stecken auch die westlichen Schneider, Schuhmacher und Wäscher. Trotz aller Appelle an die anti-östliche Moral der West-Berliner durch Wechselstubenprotektor Oberbürgermeister Reuter lassen sich die meisten Westgeldverdiener ihre Maßanzüge aus westlichen Stoffen in - östlichen Schneiderstuben bauen. Kostenpunkt: 150 DM (Ost) oder knappe 20 DM (West).

Die Möbelhändler melden in wachsender Zahl Konkurs an, seit das HO-Kaufhaus am Alexanderplatz eine komplette Küche für 500 Ostmark, das Schlafzimmer für etwa 2000 Ostmark verkauft. »Gegen diese Konkurrenz können wir nicht ankommen!«, stöhnte ein Möbelhändler im Kudammviertel. Für seine eleganten Verkaufsräume zahlt er 2000 gute Westmark Monatsmiete Monatsumsatz im Februar: ein Kleiderständer für 55 DM (West).

Die Konjunktur der Doppelwährung wird nicht nur von Oberbürgermeister Reuters unmoralischen Sektorensündern ausgenutzt, sondern auch von den westlichen Besatzern. Vor den HO-Kaufhäusern parken Dienstwagen mit CCG-Nummern mitunter dutzendweise. Engländer und Amerikaner kaufen mit Vorliebe echt Meißener Porzellan. Ein Speise-Service für sechs Personen für 1116 Ostmark = 160 Westmark. Auch 45teilige Porzellan-Service (713 DM Ost) werden von den Fahrern in westliche Besatzungswagen getragen.

Der Arbeiter und kleine Angestellte im Ostsektor, dessen Monatseinkommen 250 D-Mark (Ost) kaum überschreitet, kann sich dagegen höchstens zum Wochenende eine 3,50 DM (Ost)-Bockwurst und eine Flasche Starkbier für 2 DM (Ost) leisten. Er blickt deshalb mit scheelen Augen auf alle, die hochwertige Westmark verdienen.

Bei diesem monetären Tauziehen bleibt für den größten Teil der Bevölkerung stets das kürzere Ende, das große Geschäft machen die Wechsler und Spekulanten. Deshalb mehren sich auch in West-Berlin, vor allem in den Kreisen des liberalen Handels, vertreten durch den Chefredakteur des »Berliner Wirtschaftsblattes«. Kurt Zabel, die Stimmen für eine gesunde Stabilisierung des West-Ost-Kurses, etwa auf der Basis 1:3 oder 1:2,5.

Dann würden auch die Westberliner Betriebe wieder mit der Ostzone und dem Ostsektor Handel treiben können und gegenüber den ostzonalen Betrieben markt- und konkurrenzfähig sein. Zehntausende von Arbeitslosen kämen von der Straße.

Ob solche Währungsrevision in nächster Zeit gelingt, das liegt bei den Besatzungsmächten.

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