SÜDAFRIKA Schwarzer Kaiser
Kurz vor Hamburg stehen Kinder mit aufgeblähten Bäuchen mitten auf der Straße und betteln. Heißhungrig zerrt eine Meute abgemagerter Menschen in Frankfurts staubiger Hauptstraße am zuckenden Körper einer soeben totgefahrenen Schlange. Bei Potsdam versammeln sich Mütter mit zerbeulten Konservendosen vor ihren armseligen Hütten, sobald sie die Staubfahne eines Autos am Horizont der gottverlassenen Gegend ausmachen: Auch sie betteln wie die Kinder.
Hamburg, Frankfurt und Potsdam sind Städtchen in der Ciskei, der jüngsten von vier »Homeland«-Republiken, die von Südafrikas Weißen während der letzten sieben Jahre in eine international nicht anerkannte Selbständigkeit geschickt wurden, aber von Südafrika abhängig blieben. Geht es nach den Plänen der weißen Regierung, dann sollen rund 22 Millionen schwarze Südafrikaner - das sind 70 Prozent der Bevölkerung - nach Sprachgruppen getrennt auf insgesamt zehn Heimatländer (14 Prozent des Landes) verteilt werden.
Doch schon jetzt steht fest, daß die Apartheidsrechnung nicht aufgeht -
nicht nur wegen der ungerechten Landesverteilung. Die Schwarzen, denen das weiße Regime bislang zur Homeland-Macht verhalf, entpuppten sich fast ausnahmslos als unfähige Despoten.
Das Thema »Nationalstaaten«, so der offizielle Sprachgebrauch, wird zunehmend peinlich für die weißen Gründerväter. Unter Premier Pieter Botha ist die Republik Südafrika international wieder auf einen besseren Ruf bedacht.
»Die Experimente mit der getrennten Entwicklung (der Rassen) haben Monster geboren«, so eines der letzten liberalen Blätter des Landes, die Johannesburger Oppositionszeitung »Rand Daily Mail«.
Transkei, Bophuthatswana, Venda und Ciskei sind »Schutthalden für Menschen«, sagt die prominente Regierungskritikerin Sheena Duncan, Reservate für Schwarze, die in Weiß-Südafrika (als Arbeitskräfte) nicht gebraucht werden.
Acht Millionen Schwarze haben bereits ihre südafrikanische Staatsangehörigkeit per Regierungsdekret verloren, Millionen auch wurden »in der größten Zwangsumsiedlung dieses Jahrhunderts« (Duncan) entwurzelt. Mit ihren neuen Homeland-Pässen können die Schwarzen höchstens noch nach Israel und in einige mit Südafrika befreundete südamerikanische Staaten reisen. Neuerdings, so heißt es, mache auch Reagans Amerika bei einigen prominenten Homeländern eine Ausnahme.
Die Masse der Homeland-Bewohner hat allerdings ganz andere Sorgen. Nach einer langen, teilweise noch anhaltenden Dürreperiode kämpfen die Menschen in den landschaftlich reizvollen, aber bitterarmen Geisterrepubliken ums Überleben. In der Ciskei zum Beispiel haben mindestens 40 Prozent - offizielle Statistiken gibt es nicht - der arbeitsfähigen und -willigen Bevölkerung keine Jobs.
»In diesem Land wird keiner reich«, versichert Elfriede Winkelmann, die mit ihrer Schwester Gudrun in einem verwunschenen, rosenumrankten Häuschen bei Berlin wohnt. Die Städtchen mit den deutschen Namen sind Gründungen eines versprengten Haufens deutscher Auswanderer im südlichen Zipfel Afrikas, die einst für Höheres auserkoren waren. Englands Königin Viktoria hatte sie im vorigen Jahrhundert als britischdeutsche Legion im Krimkrieg einsetzen wollen. Doch nach dem Friedensschluß 1856 in Paris wurden die deutschen Legionäre mitsamt ihren Familien als Siedler nach »British Kaffraria« verfrachtet.
Die verheißene »freie Scholle« war »in Wahrheit frei von allen Voraussetzungen, die zur Gründung einer Existenz und zum Erwerb auch nur des notwendigsten täglichen Brotes unerläßlich sind«, so ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber.
Für 660 000 Ciskei-Bürger (weitere 1,4 Millionen wohnen in Weiß-Südafrika) gilt dieser Satz bis heute. Seit der von Pretoria verordneten schwarzen »Machtübernahme« haben viele weiße Farmer das Land verlassen. Die einstmals von Weißen bewohnten Dörfer sind verödet, Fenster und Türen wurden aus dem Mauerwerk gerissen.
Mitten in der Ciskei liegt jedoch eine Stadt, in der es alles gibt: In King William's Town florieren Supermärkte, an schattigen Baumalleen liegen gepflegte Wohn- und Geschäftshäuser, ehrwürdige Kirchen laden sonntags zum Gebet. Mit einer Logik, die nur den Apartheidsvätern verständlich ist, blieb King William's Town weißes Gebiet - eine rassistische Enklave. Eine moderne Autobahn verbindet die Stadt mit dem ebenfalls weißen Hafen East London. Eigentlich müßte man bei der Fahrt, die über lange Strecken durch die Ciskei führt, Grenzhäuschen passieren, doch schlimmstenfalls lauern Verkehrspolizisten auf Schnellfahrer.
Grotesk wie die Grenzen der Republik Ciskei sind auch die Maßnahmen ihrer Machthaber. Die unumschränkten Herrscher entstammen allesamt dem Sebe-Klan. Präsident ist der ehemalige Lehrer Lennox Sebe. Sein Bruder Charles, ehemals ein südafrikanischer Geheimpolizist, war bis vor kurzem »General« und Befehlshaber von allen Streitkräften sowie Chef der Staatssicherheits- und Justizbehörden. Der Rest der Sebe-Familie wurde gleichmäßig auf hohe und gutbezahlte Staatsämter verteilt.
Bruder Charles hat der Ciskei den Spottnamen »Uganda by the Sea« eingebracht. Verhaftete Gewerkschafter und Regimegegner wissen Grausiges über den Blutrichter und Folterer zu erzählen. Seine Lektionen hatte er in Pretoria
gelernt, zum Beispiel diese: »Ich weiß, daß die Kommunisten mein Blut sehen wollen, aber Heiden können mich nicht töten. Gott hat zu mir gesprochen. Er wird mich nicht sterben lassen, bis der Kommunismus in Südafrika ausgerottet ist.«
Dennoch verschanzte sich Charles Sebe zu Hause hinter doppeltem Stacheldraht und Sicherheitstoren und schlief mit einer Maschinenpistole im Bett.
Doch schließlich mußte Charles Sebe die maßgeschneiderte Galauniform mit den doppelten Ordensschnüren ablegen. Im letzten Juli, während sein Bruder in Israel weilte, mißlang ihm ein Staatsstreich, und seitdem sitzt er mit fünf weiteren Sebes im Gefängnis. Der Nachfolger des Generals soll - wie sonst - auch wieder Sebe heißen. Lolo, ältester Sohn von Präsident Lennox, »ist der nächste wilde Elefant, der auf uns losgelassen wird«, zitiert die Schwarzen-Illustrierte »Drum« einen Ciskei-Gewerkschafter.
Für Journalisten ist Sebeland gefährlich; auch Diplomaten trauen sich nicht mehr hin, denn die geltenden Sicherheitsgesetze gestatten jede willkürliche Verhaftung. Nebulös blieben die näheren Umstände kürzlicher schwerer Unruhen in der schwarzen Schlafstadt Mdantsane. Die Riesensiedlung vor den Toren von East London - eben noch innerhalb der Ciskei - ist mit schätzungsweise 500 000 Einwohnern die zweitgrößte schwarze Stadt Südafrikas, nach Soweto. Seit Juli bereits werden nach einer Preiserhöhung die »Gompo«-Busse boykottiert, die sonst täglich einige zehntausend schwarze Arbeitskräfte in die weißen »Grenzindustrien« karrten.
Sebe wähnte Drahtzieher von den erstarkten schwarzen Gewerkschaften, besonders der South African Allied Workers' Union (SAAWU), hinter der Verweigerung und ließ den Bus-Boykotteuren zunächst von uniformierten, dann von zivilen Loyalisten aus dem Landesinneren den Weg zum Zugbahnhof versperren. Bei Schießereien und Prügeleien in den letzten Monaten, dann bei Massenverhaftungen starben nach offiziellen Angaben sieben Menschen. Oppositionskreise hingegen und eine Studie der Witwatersrand-Universität in Johannesburg berichten von 90 Toten: Die Verhafteten würden gefoltert und mit Hundefutter ernährt.
Einer, der es sich am wenigsten erlauben kann, »Pretorias hausgemachte Bananenrepublik Ciskei« ("The Star") zu kritisieren, rief am lautesten. Häuptling Kaiser Matanzima, von der Homeland-Republik Transkei, prangerte »die zunehmende Gefühllosigkeit für Wert und Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens« in der Ciskei an - als herrschten in seinem Land nicht schon seit sieben Jahren ähnliche Zustände.
Auch der Transkei-Despot, von seinem Vater aus Bewunderung für Wilhelm II. auf den Vornamen Kaiser getauft, regiert mit einem Familienklan. Bruder George sekundiert dem Präsidenten als Premier.
Kenner vergleichen die Matanzima-Brüder mit der brutalen Familien-Diktatur Haitis. Ähnlich wie in der Ciskei funktioniert auch in der Transkei der Sicherheitsdienst. General Martin Ngceba, früher ein einfacher Polizist im politischen Geheimdienst Pretorias, ist »ein Matanzima-Bewunderer, der keine Fragen stellt«, so zwei südafrikanische Journalisten in ihrem Buch »Ergebt euch dem Kaiser«.
Dieser »Kaiser« ist der höchstbezahlte Politiker in Südafrika. Mitte des Jahres besserte er seine Bezüge von 91 000 Mark auf knapp 170 000 Mark auf - das sind rund 35 000 Mark mehr, als Südafrikas Premier Botha erhält.
Anläßlich der siebten Wiederkehr des Unabhängigkeitstages Ende Oktober hatten sich die Matanzima-Brüder eine besondere Überraschung für ihr leidendes Volk ausgedacht: »Wir können uns jetzt selber ernähren«, verkündete Premier George, so als gebe es nicht 150 000 Arbeitslose unter den gut eine Million arbeitsfähigen Transkeibürgern, von denen viele hungern.
Während sich die Apartheidsplaner mit jedem abgeschobenen Schwarzen ihrem Traum ein Stück näher glauben, eines Tages alle Schwarzen ausgebürgert zu haben, sieht die Zeitung »The Sowetan« die Regierungspolitik »wie ein Kartenhaus zusammenbrechen«. »Die bizarrsten Vorfälle« lasse Pretoria den Homeland-Fürsten durchgehen. Zum Beispiel änderte Transkeis Justizminister kürzlich im Alleingang die Ehegesetze. Künftig haben geschiedene Frauen keinen Anspruch mehr auf Unterhaltszahlung - ein Glücksfall für den Minister, er war gerade zu 1600 Mark monatliche Alimente verurteilt worden.
Für Abenteurer und Betrüger ist immer Platz in den Pseudo-Staaten. Ein weißer südafrikanischer Matrose schaffte es, in der Transkei Oberbefehlshaber des »Marinestützpunkts« in Port St. Johns zu werden. Ein abgetakelter Vizeadmiral aus Ecuador tauchte als »Sonderbeauftragter« seiner Regierung in der Hauptstadt Umtata auf.
»An diesem Tag, unter den Augen der gesamten Menschheit, haben sich die freien und unabhängigen Völker von Ecuador und Transkei gefunden«, verkündete Präsident Matanzima pathetisch seinem Parlament. Ecuador dementierte alsbald heftig: Das Land stehe zu den Beschlüssen der Vereinten Nationen, die die Transkei zu einem Paria-Staat abstempeln.
Wie teuer den südafrikanischen Steuerzahler die Rassenideologie kommt, rechnete der Oppositionspolitiker Alex Boraine am Beispiel Venda dem Parlament in Kapstadt vor. Dieses Homeland im Norden, zwischen den Grenzen von Mosambik und Simbabwe gelegen, sei »ein Land des Hungers, der Korruption und der plötzlichen Todesfälle« - und es koste Südafrika schätzungsweise 300 Millionen Rand (etwa 670 Millionen Mark) im Jahr. »Das sind teure Zauberkunststücke, die vortäuschen sollen, daß es der Unabhängigkeit in den Ländern gutgeht«, so der Oppositionelle über die Homeland-Politik.
Etwa 350 000 von insgesamt 500 000 Untertanen des Häuptlings Patrick Mphephu von Venda leben im Homeland, der Rest lebt und arbeitet in Weiß-Südafrika.
Der Arzt Joe Jivhuho aus Soweto besucht seit sechs Jahren kostenlos die Ärmsten in Venda. Oftmals, sagt er, »leiste ich nur noch Sterbehilfe«. Viele
Erwachsene haben noch nie in ihrem Leben einen Arzt oder eine Krankenschwester gesehen. Von 4000 untersuchten Patienten müßten 85 Prozent sofort in ein Krankenhaus eingeliefert werden, meint der Samariter-Arzt.
Wenn man den Bemühungen der weißen Rassen-Theoretiker einen positiven Aspekt abgewinnen wolle, so schrieb kürzlich die »New York Times«, »stößt man früher oder später auf sieben verstreute Stücke Land, die als Bophuthatswana bekannt sind«.
Tatsächlich läßt sich nur dieses vierte der vermeintlich selbständigen Gebiete weltweit vorzeigen. Bophuthatswana, von Ausländern kurz »Bop« genannt, hat sogar einen Grundrechtskatalog und keinen einzigen politischen Gefangenen. Der weltoffene Präsident Lucas Mangope versteht es wie kein zweiter, bei Industriellen Investitionsmillionen lockerzumachen. Pretoria, so heißt es, brauche nur noch etwa zehn Prozent des Haushalts zuzuschießen, verglichen mit 70 Prozent bei der Unabhängigkeit vor fünf Jahren.
Das bescheidene Auskommen, die zumindest fiskalische Selbständigkeit verdankt Bophuthatswana seinen Bodenschätzen, vor allen Dingen der Welt größter Platinmine. Die zweitwichtigste Einnahmequelle ist ein Geschäft mit verbotenen Früchten: Glücksspiel und Nacktrevuen sind im calvinistischen Burenreich verpönt, Zehntausende strömen deshalb allwöchentlich nach »Sun City« im »Nachbarstaat«.
Der große Vergnügungskomplex mitten im afrikanischen Busch, mit künstlichen Seen, Großwildreservat und Tausenden von Glücksspielmöglichkeiten, heißt im Volksmund »Sin City« (Sündenstadt).
In Bars und Restaurants, auf der Tanzfläche gar, demonstrieren schwarze und weiße Südafrikaner, daß sie ohne Apartheid gut miteinander auskommen könnten - am Wochenende.
[Grafiktext]
300 Kilometer SIMBABWE BOTSWANA VENDA MOSAMBIK NAMIBIA BOPHUTHATSWANA Johannesburg Pretoria Soweto SWASILAND REPUBLIK SÜDAFRIKA LE-SOTHO TRANSKEI Durban Umtata CISKEI King Williams-Town East London Port Elizabeth Kapstadt Homelands: CISKEI VENDA TRANSKEI BOPHUTH-ATSWANA
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