Schwarzer Nebel - DER SPIEGEL
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JAPAN Schwarzer Nebel

Bestechung gehört zum politischen Alltag in Japan; Korruptions-Affären werden meistens vertuscht.
• aus DER SPIEGEL 10/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Tribunal, das Japans »Ansehen in den Augen der Welt reinigen« sollte (so Premier Miki), geriet zur Posse. Seijiro Arafune, Vorsitzender des Haushaltsausschusses in Tokios Parlament, ereiferte sich: »Ist soviel Dämlichkeit in dieser Weit denn möglich?«

In Japan wohl. Verstört durch weltweite Empörung über die Bestechungsaffäre des amerikanischen Flugzeugbauers Lockheed, in die auch japanische Regierungsmitglieder verwickelt sind, hatte Arafunes Parlamentsausschuß erstmals seit über zehn Jahren wieder Zeugen aus der Wirtschaft vorgeladen, damit sie unter Eid über ihre dunklen Geschäftspraktiken aussagen.

Auskunft heischten die Parlamentarier besonders über den Verbleib der 12,5 Millionen Dollar, die Lockheed zur Ankurbelung seiner Geschäfte in Japan ausgegeben hatte. Soll doch ein Viertel dieser Summe in die Taschen »prominenter Politiker« geflossen sein. Aber das Ergebnis der zweitägigen Befragungen war gleich Null.

Keiner der Zeugen, schon gar nicht Lockheeds japanischer Agent, der Handeisgigant Marubeni. hatte je etwas von Bestechung vernommen. So flüchteten Marubeni-Chef Taiichiro Matsuo und seine Direktoren Hiroshi Itoh (Empfänger von 450 Millionen Yen, das sind 3,8 Millionen Mark) und Toshiharu Okubo (120 Millionen Yen) in eidlich untermauerte Gedächtnislücken oder Naivität: Sie hätten zwar Lockheed-Quittungen unterschrieben, aber weder gewußt, wofür diese seien, noch je selbst auch nur einen Yen erhalten. Ausschuß-Vorsitzender Arafune: »Aber, Herr Okubo, Sie sind doch kein kleines Kind!«

Der »kuroi kiri« (schwarzer Nebel), wie Korruption in Japan schamhaft umschrieben wird, hatte sich nicht gelichtet. Dennoch befand Yasuhiro Nakasone, Generalsekretär der liberal-demokratischen Regierungspartei (LDP): »Es besteht keine Notwendigkeit, weitere Zeugen zu dieser Affäre zu vernehmen.«

Das abrupte Ende des Aufklärungseifers (Miki: »Die ganze Wahrheit muß bekannt werden") konnte kaum überraschen. Denn was in anderen Ländern als Korruption geächtet wird, ist in Japan gang und gäbe -- unter anderem Namen, und ohne großes Aufheben. Denn ohne »schwarzen Nebel« würde die politische Maschinerie Japans nicht laufen; entsprechend gering ist die Neigung in allen Parteien, das Undurchsichtige zu durchleuchten.

Japans politische Parteien sind fast völlig auf laufende »Spenden« von Großunternehmen angewiesen, da sie -- mit Ausnahme der Kommunisten und der buddhistischen Komeito -- nur sehr wenige zahlende Mitglieder haben. Alle zwei Jahre aber finden Wahlen statt, die Unsummen verschlingen. So hatte sich Ex-Regierungschef Kakuei Tanaka, notorisch bester Spendeneintreiber der LDP, seine Wahl zum Partei-Vorsitzenden 1972 mit -- nach vorsichtigen Schätzungen -- etwa 50 Millionen Mark erkauft: Den entscheidenden Abgeordneten wurden die gebündelten Geldscheine diskret in Schuhkartons überreicht. »Wenn man ständig unter diesem Druck steht, Geld anschaffen zu müssen«, befindet ein LDP-Abgeordneter, »achtet man vielleicht manchmal nicht so genau darauf, durch welche Kanäle es kommt.«

Koji Toyoda, Ex-Sekretär eines LDP-Ministers, kennt die Kanäle: »Häufig kommen Firmenmanager zu uns und bieten ein paar Millionen Yen an. Doch zur Vorlage bei der Firma möchten sie dann eine Quittung über eine wesentlich höhere Summe. Den Differenzbetrag stecken sie in die eigene Tasche.«

Doch ausgebuffte japanische Spendenempfänger bemühen ihre Freunde in der Unterwelt, sogar noch den Differenzbetrag einzutreiben. Manchen unteren Polit-Chargen bleibt auch kaum ein anderer Weg: »Viele Assistenten«, verriet eine Betroffene dem SPIEGEL, »bekommen von den Parlamentsbossen kein festes Gehalt, sondern leben von ihren Verbindungen zu organisierten Gangstern.«

Berühmt wurde der Abgeordnete Shoji Tanaka mit seinem Streichholz-Spiel: Er hatte sich auf die Aufdeckung von Wirtschaftsskandalen spezialisiert ("Streichhölzer anzünden"). Für sein Schweigen ließ er sich etliche Millionen Yen zahlen. Das hinderte ihn aber nicht, die Geschichte an Interessierte weiterzuverkaufen.

Zu zweifelhaftem Ruhm brachte es vor zehn Jahren auch der sozialistische Parlamentarier Shigeaki Aizawa: Er kassierte von einer Zuckerraffinerie, die ihre Bilanz frisiert hatte, eine Million Yen Schweigegeld. Gleichzeitig zahlte ihm ein Konkurrenzunternehmen eine halbe Million für sein Versprechen, den Bilanzschwindel im Parlament zur Sprache zu bringen.

* Im Zeugenstand rechts Kenji Osano, Unternehmerfreund des Ex-Premiers Kakuei Tanaka.

Die beiden stehen nicht allein da. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden mehr als 50 Mitglieder des Parlaments in Tokio wegen Mandatsmißbrauchs festgenommen, in den seltensten Fällen jedoch vor Gericht gestellt. Wird wirklich einmal Anklage erhoben, vergehen oft mehr als zehn Jahre, ehe die Verhandlung beginnt. All das tut der persönlichen Karriere selten Abbruch.

1948 stürzte die Regierung, weil der sozialistische Vize-Premier Suehiro Nishio eine Million Yen Bestechungsgelder angenommen hatte. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der sozialistischen Partei ist es seitdem nicht mehr gelungen, an der Regierung teilzuhaben. Doch sein Abgeordnetenmandat behielt Nishio, gründete 1960 gar die Sozialdemokratische Partei Japans und zog sich erst vor vier Jahren, mit 81, aus der aktiven Politik zurück.

Seinen Einstieg in die LDP-Abgeordnetenkarriere ließ sich Eitaro Itoyama, 33, Neffe des milliardenschweren Rechtsradikalen-Mentors Ryoichi Sasakawa, vor zwei Jahren gut zwanzig Millionen Mark kosten. Zwar wurden 132 seiner Wahlkampfhelfer wegen Korruption verhaftet, doch Erfolgsautor Itoyama ("Wie das Monster Geschäfte macht") sitzt immer noch im Tokioter Oberhaus, Mitglied mittlerweile in 15 Parlamentsausschüssen.

Auch der heutige stellvertretende Ministerpräsident, Takeo Fukuda, tauchte nach dem Kriege einmal aus dem »schwarzen Nebel« auf -- ein Gericht sprach ihn vier Jahre später frei. Ex-Regierungschef Kakuei Tanaka, vor 15 Monaten wegen undurchsichtiger Finanzmachenschaften zum Rücktritt gezwungen, mußte während der amerikanischen Besatzungszeit sechs Monate ins Gefängnis: Korruption.

Den langjährigen Ministerpräsidenten und Friedensnobelpreisträger von 1974, Eisaku Sato, bewahrte in den fünfziger Jahren nur die Intervention des Justizministeriums vor Ermittlungen des Staatsanwalts: Er soll Gelder von der Schiffahrtsindustrie angenommen haben. Auch Satos älterer Bruder Nobusuke Kishi, ebenfalls langjähriger Ministerpräsident Japans, geriet immer wieder in Korruptionsverdacht. So auch soll er in den jüngsten Lockheed-Skandal verwickelt sein. Nachzuweisen allerdings war ihm nie etwas.

Die Kleinen werden eher erwischt: Wurden in den sechziger Jahren insgesamt nur 1600 Regierungsbeamte wegen Bestechung vor Gericht gestellt, so mußten 1973 bereits über 1000 Staatsdiener in Korruptionsaffären sich verantworten. Doch wenn jeder Korruptionsfall geahndet würde, so das Massenblatt »Asahi Shimbun«, »wäre das Regierungsviertel Kasumigaseki bald entvölkert«.

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