MÄRKTE / ZIGARETTEN Schwarzer Riese
Als sie 18 Jahre alt war, wurde sie zum Wunderkind. »Sie steigt und steigt und steigt«, kommentiert der Hamburger Konzern Reemtsma den unaufhaltsamen Höhenflug seiner Zigarette Reval. Für den Konkurrenten Brinkmann ist der Reval-Rummel ein »seltsames Phänomen, völlig widersinnig«.
Fast eine halbe Milliarde Reval werden schon jeden Monat verkauft; die Marke, die jahrelang im Mittelfeld gelegen hatte, wurde zur sechstgrößten in Westdeutschland. Dabei rechnen sie die Raucher zu den schwarzen Sorten (Fachbezeichnung: braun), und schwarze, zudem filterlose Zigaretten schienen gar nicht zeitgemäß zu sein. Als Erfolgstyp gilt der Branche das Filtermodell mit hellem Tabak, mildem Geschmack und dem Attribut »nikotinarm im Rauch«. So sind fast vier Fünftel aller Zigaretten.
Ganz genau weiß auch Reemtsma nicht, was die Reval zum Rennen bringt. An der Werbung kann es nicht liegen, denn der Etat von etwa fünf Millionen Mark ist nur rund halb so groll wie beispielsweise der von Lord Extra oder Lux Filter, die jeweils Verkaufszahlen von etwas über 500 Millionen Stück im Monat erreichen. Plakate und Anzeigen für Reval zeigen seit fast zehn Jahren auf gelbem Grund Raucherporträts von der Rand immer desselben Graphikers.
Die Reval kommt aus der Fabrik im badischen Lahr, die auch die älteste deutsche Schwarz-Zigarette Roth-Händle herstellt. Sie war anfänglich eine Regionalmarke für baden-württembergische Bauern, Arbeiter und Handwerker, die auch heute noch Reval-Fans sind. Aber eine ganz neue Kundschaft ist hinzugekommen.
Marktforscher, zum Teil von der Konkurrenz angesetzt, registrierten zwei Hauptmerkmale bundesdeutscher Reval-Raucher: Sie sind intellektuell und Männer. Nur wenig mehr als vier Prozent Frauen gehören dazu (Durchschnitt: 15 Prozent); typische Reval-Gruppen sind Journalisten, Graphiker. Architekten und Studenten.
Als Erklärung für den Markterfolg boten Psychologen an: Reval werde von »Individualisten« geraucht, aus »Trotz« gegen die Massengesellschaft. und als »Protest« gegen die übliche Illusions-Werbung der Zigarettenindustrie, die eine schöne, heile Welt vorspiegelt. Wer Reval raucht, will das Establishment ärgern.
Auch ein Irrtum ist mit im Spiel. Dunkle Zigaretten, die oft als »naturrein« angepriesen werden, genießen den Ruf, weniger gesundheitsschädlich zu sein als andere Sorten. Indes, sowenig Filter in jedem Fall einen besseren Schutz gegen Teer und Nikotin garantieren, sowenig schützt der schwarze Tabak vor den vermutlichen Krebs-Erregern.
Das Beiwort naturrein zeigt lediglich an, daß der Tabak kaum oder gar nicht »gesoßt« ist; er wurde nicht mit einer Mixtur aus Fenchelhonig, Lakritzen, Pflaumen- und Feigensaft getränkt wie die meisten anderen Zigarettentabake. Sein Aroma erinnert deshalb an Zigarren, aber sein Gesundheitswert ist nicht besonders hoch. Als die Zeitschrift »DM« 26 Marken auf Teer und Nikotingehalt untersuchte, kam die Reval nur auf Platz 14.
Den Erfolg der Zigarette hielt das nicht auf. In ihrem Kielwasser nahmen auch die schwärzesten der ungefilterten Sorten Fahrt auf. Roth-Händle von Reemtsma, »die lange nicht vom Fleck gekommen war, erreichte einen Umsatz von 200 Millionen Stück im Monat; die Gauloises von BAT erzielten im letzten Jahr Zuwachsraten von fast 40 Prozent und liegen bei elf Millionen Stück monatlich.
»Auf diesen Markt«, so Reemtsma, »starrt die ganze Branche.« Brinkmann läßt bereits von drei Werbeteams Konzeptionen für eine Anti-Reval ausarbeiten.