Schwarzer Tee - DER SPIEGEL
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SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOW Schwarzer Tee

• aus DER SPIEGEL 4/1965
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Jeden Morgen um halb neun verläßt Sowjetrußlands prominentester

Staatsrentner, Nikita Chruschtschow,

70, die ihm als vorläufiger Wohnsitz zugewiesene Regierungsdatscha in den winterlich verschneiten Wäldern von Ussowo an der Straße Moskau-Uspenskoje zu einem kurzen Spaziergang.

Chruschtschow hat ein Transistorengerät um den Hals hängen. Aufmerksam verfolgt der einsame Spaziergänger die Neun-Uhr-Nachrichten von Radio Moskau und die daran anschließende Zeitungsschau. Zu Hause stürzt er sich auf die Morgenzeitungen.

Der Mann, dem bis zu seinem Sturz vor drei Monaten die Berichte des verzweigtesten Geheimdienstes der Welt zur Verfügung standen, muß sich jetzt mit denselben spärlichen Informationen begnügen, die dem Sowjetbürger zugestanden werden. Die Welt, die er zwölf Jahre lang in Atem hielt, erfährt nur noch selten etwas von ihm.

Für 226 Millionen Sowjetmenschen ist Nikita Chruschtschow zur geschichtlichen Unperson geworden. Der Kreml versah auch die jüngste Ausgabe der Parteigeschichte mit einem neuen Vorwort, weil Chruschtschow im alten lobend erwähnt worden war. Aus Tischkalendern mußte sein Name nachträglich entfernt werden.

Persönliche Reichtümer habe er nicht ansammeln können, klagte Privatmann Chruschtschow: »Mir gehört kaum mehr als die Kleider auf dem Buckel!« Immerhin genießt er im Vergleich zu anderen gestürzten Sowjetgrößen eine Vorzugsbehandlung. Die Partei wies ihm ein eigenes Haus - die Regierungsdatscha in Ussowo - an und bewilligte ihm eine mehr als doppelt so hohe Pension - 700 Rubel* - wie seinem Amtsvorgänger Bulganin oder dem früheren Außenminister Molotow, die nur 300 Rubel bekommen und beide in einem gewöhnlichen Moskauer Mietshaus, Granowskistraße 3, wohnen müssen.

Die Partei stellte Chruschtschow auch einen Wagen - eine schwarze »Wolga«-Limousine mit Fahrer. Ehefrau Nina, die als ehemalige Lehrerin eine Altersrente von 120 Rubel bezieht, darf in den Sonderläden für höhere Kremlfunktionäre einkaufen.

Weniger weich fiel dagegen der Chruschtschow-Schwiegersohn und »Iswestija«-Chef Alexej Adschubej, 40. Als einfacher Redakteur an der Illustrierten »Sowjet-Union«, die in siebzehn Sprachen - darunter deutsch und chinesisch - erscheint, verdient er knapp ein Drittel seines früheren Gehalts: 300 Rubel.

Jeden Morgen kurz nach neun verläßt Adschubej, im dunklen Wintermantel und mit proletarischer Schiebermütze, sein Haus in der Moskauer Gorkistraße - durch den Hinterausgang. Würde er den Vordereingang benutzen wie seine Hausgenossen, der Schriftsteller Ilja Ehrenburg, Mikojans Sohn Iwan und Molotows Neffe Skrjabin, müßte er befürchten, den vor der Haustür wartenden westlichen Reportern in die Arme zu laufen. Adschubej geht zu Fuß; seinen Dienstwagen, eine schwarze SIS-Limousine, mußte er abgeben.

Ehefrau Rada, 34, und Schwägerin Jelena, 26 - Chruschtschows Töchter -, blieben dagegen auf ihren alten Arbeitsplätzen: Rada als stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift »Nauka i Schisn« (Wissenschaft und Leben); Jelena bei der Nachrichtenagentur »Nowosti« in Moskau.

Im Gegensatz zu früher findet sich Adschubej jetzt stets pünktlich an seinem Arbeitsplatz ein; er sitzt in seinem Arbeitszimmer nicht allein. Seit drei Monaten greift er fleißig in die Tasten seiner Schreibmaschine; stets steht dabei ein Glas schwarzen Tees auf seinem Schreibtisch. Aber sein Chefredakteur Gribatschow, konnte sich bislang nicht entschließen, auch nur einen der namentlich gezeichneten Beiträge des neuen Mitarbeiters zu drucken.

Vor seinen neuen Kollegen erklärte Adschubej, er wisse sehr wohl, daß Kabarettisten über ihn Spottverse, sogenannte Tschastuschki, singen (Adschubej bes drusej - Adschubej ohne Freunde), aber er habe wirklich aus Liebe geheiratet und stehe bedingungslos zur Familie Chruschtschow.

Am leichtesten fand sich die mütterliche Nina Chruschtschowa mit der veränderten Lage ab. Schon wenige Tage nach der Entmachtung ihres Ehemannes bekannte sie im Familienkreis: »Nun was, dann werden wir leben wie alle anderen.«

* Ein Rubel = 4,44 Mark.

Staatsrentner Chruschtschow

Nachrichten aus dem Transistor-Radio

Illustrierten-Redakteur Adschubej*

Dienstwagen abgegeben

* Auf dem Weg zur Arbeit in der Redaktion der Illustrierten »Sowjet-Union«.

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