Indochina Schwarzer Tunnel
Durch die menschenleeren Straßen der schon vom Vietcong eingeschlossenen Provinzhauptstadt Pleiku im zentralvietnamesischen Hochland ratterte ein Lastwagen. Über einen Lautsprecher, auf dem Führerhaus montiert, wiederholte eine Stimme immer wieder den gleichen Satz: »Rennt um euer Leben, bevor es zu spät ist!«
Sie rannten um ihr Leben; nicht nur in Pleiku, Kontum oder der alten Kaiserstadt Hué. Über eine Million Südvietnamesen, in der Mehrzahl Frauen, Kinder, Greise, wenige Glückliche auf überladenen Lastwagen oder Ochsenkarren, die meisten zu Fuß, machten sich auf den Weg ins Ungewisse.
Südvietnams Sozialminister Phang Quang Dan glaubt, es werden, bevor der Strom der Verzweifelten wieder zum Stehen kommt, zwei Millionen Flüchtlinge sein, und bat die Welt um rasche Hilfe. Denn Saigon will die Flüchtenden nicht nur vor den »Barbaren aus dem Norden« retten, sondern auch neu ansiedeln; eine Aufgabe, für das bedrängte Regime so unlösbar, daß der Minister ohne Hemmungen darüber reden kann.
So freiwillig, wie es den Anschein hat, haben viele der Flüchtenden ihre Dörfer und Städte nicht verlassen, melden Journalisten aus dem Norden Südvietnams. Zu der von der Propaganda über lange Jahre geschürten Furcht vor den Kommunisten kommt bei vielen aus dem schon mehrfach umkämpften Hochland die leidvolle Erfahrung: Im Bomben- und Granatenhagel der Verteidiger starben bei der Tet-Offensive 1968 mehr Menschen als im Angriffsfeuer des Feindes.
Präsident Thieu hat an der Strategie der leeren Räume festgehalten, die eine amerikanische Urbanisierungs-Studie Ende der sechziger Jahre für den Vietnam-Krieg empfahl: die Menschen aus den schwer zu kontrollierenden Dörfern und Weilern zu vertreiben und sie in städtischen Zentren zu massieren.
Doch die Straßen nach Süden sind nicht nur von flüchtenden Zivilisten verstopft, mit ihnen gibt die südvietnamesische Armee ohne Gegenwehr ein Gelände auf, um das sie noch in den kommunistischen Großoffensiven von 1968 und 1972 verbissen gekämpft hatte.
Der von Thieu befohlene Rückzug, von Thieu-Fans im Ausland eine »radikale Frontbegradigung« genannt ("Die Welt"), von Skeptikern gar als defätistischer Deal mit den Roten -- »Laßt die Menschen ziehen, dann überlasse ich euch das Territorium« -- verdächtigt, überraschte sogar Saigons Generäle und die Verbündeten in den USA.
Der Feind-Einbruch in über 1000 Kilometer Front war unvermeidlich, denn:
* Dem seit Januar ständig wachsenden Druck auf ganzer Länge zwischen Hué und dem Mekong-Delta wäre die Truppe Thieus (1,1 Millionen Mann, aber nur 300 000 Kampf-Soldaten) ohne massive Unterstützung durch die USA nicht gewachsen gewesen; alle Reserven waren zu Beginn der
März-Offensive aufgebraucht.
* Das jetzt geräumte Zentrale Hochland wird überwiegend von Bergstämmen, Montagnards, bewohnt, die von den Vietnamesen traditionell unterdrückt, zumindest
vernachlässigt wurden. Dem Vietcong gelang es, Sympathisanten zu gewinnen; so ist der neue Provinzchef in Ban Me Thuot ein Montagnard.
* Das von Thieu durch die neue Frontlinie begrenzte Rumpf-Vietnam ist mit den Industrie-Zentren um Saigon und der Reiskammer des Deltas das reichste Stück von Vietnam, in dem zudem die Hälfte aller Südvietnamesen lebt.
Dieser Kleinstaat, die alte Region Cochinchina -- so frohlocken inzwischen Beamte der Saigoner US-Botschaft -, »könnte sich als ein zweites Taiwan sehr gut selbst unterhalten
Soweit ist es freilich noch lange nicht. Der Druck der nachstoßenden kommunistischen Verbände -- nach Saigoner Schätzungen 350 000 gut ausgerüstete Soldaten -- lastet bereits auf der begradigten Frontlinie.
Von der Schutzmacht Amerika kann Thieu nicht viel Hilfe erwarten, um seine Delta-Festung zu halten. Der Kongreß hat den unentschiedenen Streit mit der Regierung um weitere Militärhilfe auf den 7. April vertagt. Der Sprecher des Weißen Hauses, Nessen, gab, ungerührt von den fast stündlich veränderten Lagekarten, bekannt, Südvietnam habe noch genug Geld, um 60 Prozent der Munition und des Treibstoffes zu bezahlen, die Thieus Truppen benötigten, um ihre Stellungen bis zum 30. Juni zu halten.
Wie es mit dem Regime in Saigon wirklich steht, und das schon seit drei Jahren, enthüllte zur gleichen Zeit die »New York Times": Die durch Kürzung der Militärhilfe notwendige Rationierung des Treibstoffes habe die Kapazität der Saigoner Luftwaffe auf die Hälfte reduziert, der Munitionsverbrauch wurde um 30 Prozent herabgesetzt.
Die »New York Times« und die »Washington Post«, seit Jahren die schärfsten Kritiker des US-Engagements im Vietnam-Krieg, wechselten angesichts der Flüchtlings-Tragödie und des strategischen Einbruchs überraschend die Fronten; So empfahlen die Tauben ein erneutes, auf drei Jahre begrenztes finanzielles Eingreifen der USA in Vietnam, um die rote Dampfwalze zu stoppen.
Verteidigungsminister Schlesinger wagte jedoch anzudeuten, der Verlust von Vietnam oder auch ganz Indochina an die Kommunisten verändere keineswegs »die globalen militärischen Kräfteverhältnisse«. Im Klartext heißt das nichts anderes, als daß die weltstrategische Frontlinie der Großmacht USA heute nicht mehr durch die Dschungel Südostasiens verläuft. Die Interessen der USA sichern heute mit Poseidon-Raketen bestückte Atom-U-Boote im Pazifik und die Ausgleichspolitik mit Moskau.
So wird dem Saigon-Präsidenten Thieu, wenn er die nächsten Wochen übersteht, wohl nur eine politische Lösung in Form eines Arrangements mit der Provisorischen Regierung des Vietcong übrigbleiben. Die forderte durch ihre Delegation in Paris als Voraussetzung für politische Gespräche den Rücktritt des Thieu-Kabinetts -- als Partner wären dann nur die Neutralisten denkbar.
Wie sehr die Zeit drängt, kann das Thieu-Regime am Schicksal des benachbarten Kambodscha ablesen. Friedensgesten aus PnomPenh, wie die Kabinettsumbildung und das Angebot von Staatschef Lon Nol, zurückzutreten, kommen offenbar zu spät. Prinz Sihanouk, der oft gedemütigte Zwangspensionär in Peking, frohlockte: »Wir haben nun endlich das Ende des langen schwarzen Tunnels erreicht, und nun empfangen uns die ersten Sonnenstrahlen des Sieges.«