KZ-PATER ROTH Schwarzer Winkel
Siebzehn Jahre lang stand der Dominikanerpater Leonhard Roth in dem Ruf, einer der namhaften geistlichen Widerständler gegen Hitler gewesen zu sein. Jetzt - eineinhalb Jahre nach Roths Tod - hielt der Münchner Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler die Zeit für reif, Roths Märtyrer-Geschichte öffentlich zu korrigieren.
Neuhäusler griff in seinen Schrank und holte eine alte NS-Sittenakte hervor, durch die der tote Konfrater posthum zum Kriminellen degradiert wird.
Der disqualifizierte Leonhard Roth war früher Seelsorger im Rheinland und von 1943 bis 1945 Häftling im Konzentrationslager Dachau, wo er durch seine Kompromißlosigkeit auffiel. Schrieb die »Süddeutsche Zeitung« in einem Gedenkartikel: »Als, er ... im KZ Dachau von den SS-Schergen (öffentlich) zur Gotteslästerung aufgefordert wurde, bekannte er sich standhaft zu seinem Glauben.«
Nach dem Zusammenbruch des NSReiches entschloß sich Pater Roth, mit Billigung seiner Oberen, in dem ehemaligen KZ zu verbleiben und hier für die Seelen von über 20 000 internierten SS-Leuten - darunter seine früheren Peiniger - zu sorgen. Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber honorierte Roths Aushalten in Dachau, indem er dem Lager-Pater »höchste Anerkennung für sein Wirken und Schaffen« aussprach.
Nach dem Tode Faulhabers mußte der Pater des obrigkeitlichen Wohlwollens entraten, obwohl er, auch als das ausgediente KZ in ein Wohnlager für Ost-Flüchtlinge umgewandelt wurde, weiterhin an seiner Leidensstätte verblieb, um hier »das Gedenken an die Toten von Dachau wachzuhalten« (Roth).
Der Münchner Weihbischof Dr. Neuhäusler, der den Pater nunmehr unter seine Fittiche nahm, rügte öffentlich, daß sich Roth in der Nachkriegszeit durch »Übereifer und unbeherrschte Kritik an Ämtern und Personen und Verhältnissen« unliebsam bemerkbar gemacht habe.
Tatsächlich hatte Roth Zeitungsreportern gegenüber gewettert: »Es ist eine Schande für die Bundesrepublik wie für das Land Bayern, daß ein Konzentrationslager als Wohnlager für Familien verwendet wird.«
Außerdem hatte der Pater hartnäckig darauf bestanden, daß in Dachau ein Mahnmal - eine Sühnekapelle mit dem Namen »Todesangst Christi« - gebaut werden müsse. Das Mahnmal schien dem Pater notwendig, weil Dachau seiner Meinung nach inzwischen zu einem »Treffpunkt von Touristen« geworden war, in dem »Karnevalstimmung« herrschte.
Pater Roth sollte weder die Abschaffung des Dachauer KZ-Slums noch die Errichtung der von ihm geforderten Sühnekapelle erleben. Er mußte Dachau verlassen und ging von seiner früheren Leidensstätte aus direkt in den Tod.
Eingeleitet wurde Roths letzte Lebensphase durch eine Disziplinarmaßnahme des Münchner Ordinariats: Der unbequeme Eiferer Roth hatte sich zu allem Überfluß auch noch unterstanden, die Dachauer CSU zu attackieren.
Die Strauß-Partei hielt es vor den 1960 er Kommunalwahlen in Bayern für effektvoll, einen alten Propagandaslogan aufzuwärmen. Danach sollen - entgegen den Bezeugungen ehemaliger KZler - nicht die Häftlinge, sondern der CSU-Bürgermeister Zauner, der auch schon zur Hitlerzeit der Gemeinde vorstand, und der Dachauer- Prälat Pfanzelt 1945 die Stadt durch Intervention vor der Zerstörung durch die Amerikaner bewahrt haben.
Der Ex-KZler Roth, darauf bedacht, das Prestige seiner ehemaligen Lagerkameraden hochzuhalten, nannte diese Darstellung »ein Märchen«. CSU-Bürgermeister Zauner legte daraufhin seine Kandidatur nieder, und der renitente Pater wurde von seinen Vorgesetzten, die seinen Ausfall »bedauerlich und schädlich« fanden, abberufen.
Mit dem Aktenzeichen GV Nr. 2682 verordnete das Erzbischöfliche Ordinariat dem Dachauer Seelsorger kurzfristig am 24. März »mit Wirkung vom 25. März Erholungsurlaub bis zum 30. Juni 1960«. Die Abberufung, die Exzellenz Neuhäusler »eine Fürsorgemaßnahme für ihn (Roth) wie auch für die Gemeinde (Dachau)« nannte, führte dazu, daß Roth bereits vor dem 27. März, dem Wahlsonntag, Dachau verließ.
Das Ordinariat legte dem Roth damals eigens auf, »daß (in Dachau) keinerlei Abschiedsgottesdienst oder Abschiedsfeier« stattfinden dürfe, und Roth fuhr in die Tiroler Berge, nicht ohne vorher dem Ordinariat mitzuteilen: »Ich reise morgen für immer ab.«
In der Folgezeit wurde es still um den Pater Roth. Zwar verkündete nunmehr das Bayrische Innenministerium »den ersten Teilabschnitt der Auflösung des Lagers Dachau Ost«, in dem, wie Roth in Predigten beanstandet hatte, damals noch 1200 Personen in den früheren Folterbaracken hausten.
Auch die von Roth geforderte Sühnekapelle wurde errichtet. Als Schirmherr und Initiator dieser Gedenkstätte aber ließ sich Exzellenz Neuhäusler feiern. Bei der Einweihung der Gedenkstätte am 5. August 1960 erwähnte Neuhäusler den Pater Roth mit keinem Wort.
Pater Roth lag zu diesem Zeitpunkt tot in einem abgelegenen Bergwald der Vorarlberger Alpen. Bergsteiger fanden den Geistlichen am 15. August in 1400 Meter Höhe auf der Eh-Alpe bei Braz. Das Todesdatum Roths wurde später rückwirkend auf den 22. Juni festgesetzt.
Am 18. August erfuhr die Öffentlichkeit zum erstenmal offiziell von Roths tragischem Ende. Die Katholische Nachrichten-Agentur verbreitete, er sei »in den Vorarlberger Alpen nach einem Wettersturz tödlich verunglückt'.
Bald nach dieser Todeskunde sah sich Weihbischof Neuhäusler vor einer schweren Aufgabe: Er hatte in Schriftsätzen, Telephonaten und Konferenzen mit bayrischen Gläubigen den unglaublichen Vorwurf vom Münchner erzbischöflichen Stuhl abzuwehren, der Pater Roth sei in den Selbstmord getrieben worden.
Genährt wurden solche Unterstellungen durch die Tatsache, daß Roth im Gebirge auf seinen Mantel gebettet aufgefunden worden war, neben sich ein Notizbuch mit letzten Aufzeichnungen«. Die ärztliche Obduktion der Leiche Roths verstärkte den Verdacht, daß der Pater eine Droge eingenommen hatte.
Der Weihbischof wies alle Verdächtigungen, das Ordinariat habe dem Pater zugesetzt, souverän zurück. Neuhäusler und das Ordinariat
hielten es aber doch für angebracht, nicht an der Beerdigung des Paters Roth in Braz (Tirol) teilzunehmen, weil angeblich zu befürchten war, daß die zahlreichen Anhänger des Paters »sich nicht scheuen würden, ihre ungerechten Vorwürfe auch am Grabe zu erheben und so eine recht peinliche Situation zu schaffen«.
Peinlichkeiten blieben dennoch nicht aus. So begehrten Abordnungen ehemaliger Dachauer Häftlinge im Münchner Ordinariat Aufklärung über das Ende Roths. Der Weihbischof Neuhäusler bat bei dieser Gelegenheit die ehemaligen KZler, ihn nicht zu zwingen, »aufzudecken, was wir als Christen und Priester lieber mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken möchten«.
In diesem Sinne riet der Weihbischof außerdem in einem »streng vertraulichen« Rundschreiben den »geehrten Schriftleitungen der katholischen Ordenszeitungen«, über Roth nichts zu veröffentlichen, sondern zu beten, ihm zu verzeihen und zu schweigen«. Und: »Wir können dem Mitbruder außer dem Fürbittgebet keinen größeren Liebesdienst erweisen, als ihn in Ruhe zu lassen.«
Schuld daran, daß der Weihbischof dem toten Pater diesen letzten Liebesdienst schließlich doch nicht erweisen konnte, ist die linksgestrickte Hamburger »Andere Zeitung«, die sich kürzlich unterfing, auf einer ganzen Zeitungsseite am »Rätsel um den Tod des Paters Roth« herumzuraten.
Neuhäusler bestand daraufhin auf Veröffentlichung einer umfangreichen Gegendarstellung aus seiner Feder, und die »Andere Zeitung« ließ es sich in der vorletzten Woche nicht nehmen, den bischöflichen Report in repräsentativer Aufmachung zu bringen.
In seiner Darstellung gab der Weihbischof zu verstehen, Roth habe sein Schicksal »durch-seinen ständigen Kampf nach allen Seiten« selbst verschuldet. Die Vorhaltungen, die er, Neuhäusler, dem Pater Roth zu Lebzeiten habe machen müssen, seien »die Kritik eines Vaters an den Fehlern seines Sohnes« gewesen.
In seiner väterlichen Art schritt Neuhäusler alsdann zur letzten - nachträglichen - Züchtigung des ihm einst unterstellten Roth: Der Weihbischof offenbarte der »Anderen Zeitung«, er verfüge über die Photokopien einer Akte aus der NS-Zeit, nach der sich die Polizei damals »wegen sittlicher Verfehlungen« für den verblichenen Pater Roth interessiert habe.
Neuhäusler versicherte, dem Roth sei - ausweislich der Sittenakte - eine »objektive Behandlung« durch die NS-Justiz zuteil geworden. Er vergaß zu erwähnen, daß in der Hitlerzeit angebliche sittliche Verfehlungen Geistlicher sehr oft nur Vorwand für deren Verfolgung waren.
Im Falle des verstorbenen Roth kommt noch hinzu, daß der Pater nach Verbüßung einer zweijährigen Gefängnisstrafe wegen dieser angeblichen Sittenvergehen zusätzlich zwei Jahre lang ins KZ gesperrt worden war.
Als Beweis dafür, daß Roth nicht nur im Gefängnis, sondern auch im KZ wegen seiner moralischen Labilität einsitzen mußte, führte jetzt der Weihbischof Neuhäusler - in Dachau zeitweise Roths Lagerkamerad - in seinem Brief an die »Andere Zeitung« an, der tote Pater habe sich selbst verraten.
Roth habe nach dem Krieg unbekümmert geäußert, daß ihm im KZ der »schwarze Winkel« - das Zeichen der Asozialen und Kriminellen - auf die Zebrakleidung gemalt worden sei*.
Diese Äußerung Roths, so bemerkte Exzellenz Neuhäusler, sei eine »große Unklugheit« gewesen.
* Politische Haftlinge trugen in den KZ rote
Winkel.
Dachauer Sühnekapelle: Touristen im KZ
Weihbischof Neuhäusler
Sittenakte im Schrank
KZ-Pater Roth: Tod im Bergwald